Führungsriege mit Krankenschein: Straffreiheit statt Freiheitsstrafe

Es ist schon erstaunlich, wie Diktatoren überall auf der Welt plötzlich schwer erkranken, wenn sie wegen ihrer Taten gerichtlich belangt werden sollen. Die greise DDR-Führungsriege bildete da keine Ausnahme. Staatschef Honecker beispielsweise kam zwar wenige Wochen nach seiner erzwungenen Abdankung in Untersuchungshaft, wurde jedoch bald darauf wegen gesundheitlicher Bedenken wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach der Wiedervereinigung unternahm nunmehr die bundesdeutsche Justiz den Versuch, Honecker zur Rechenschaft zu ziehen. Doch dieser war mittlerweile in die Sowjetunion geflohen. Erst im November 1992, über drei Jahre nach seinem politischen Sturz, konnte Honecker vor Gericht gestellt werden. Indes musste er sich dort nicht lange verantworten, denn bereits im Januar 1993 wurde der Prozess eingestellt, natürlich wegen der schlechten Gesundheit des Angeklagten...

 Auch der mächtige Günter Mittag, verantwortlich für die sozialistische Mangelwirtschaft, wurde noch 1989 verhaftet. Im Sommer 1990 erhielt er aus gesundheitlichen Gründen jedoch Haftverschonung. Der Prozess gegen ihn wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit 1993 endgültig eingestellt. Mittag und Honecker starben beide 1994.

 Einer der wenigen, die wirklich ins Gefängnis mussten, war Stasi-Chef Erich Mielke. Der Mann mit der grausamen Gesinnung wurde allerdings nicht für seine Taten in der DDR verurteilt. Um ihn überhaupt zur Rechenschaft ziehen zu können, musste die bis dato ungesühnte Ermordung zweier Polizisten im Jahr 1931 herhalten. Im Oktober 1993 wurde Mielke dafür zu sechs Jahren Haft verurteilt. Doch der Mann, der für die Verbrechen an unzähligen Menschen verantwortlich war, kam nicht einmal zwei Jahre später auf Bewährung frei. Er starb im Jahr 2000.

 Ministerpräsident Willi Stoph wiederum, theoretischer Regierungschef der DDR, faktisch aber ein gefühlsarmer, trockener Aparatschik, bediente sich schamlos am "Volkseigentum". Sein luxuriöses Jagddomizil beispielsweise befand sich im gleichen Naturschutzgebiet, in dem einst Nazi-Bonze Göring sein Unwesen trieb. Stoph, dessen NS-Vergangenheit nie ganz sicher aufgeklärt werden konnte, hatte in seiner langen Karriere an vielen Schweinereien der Kommunisten mitgewirkt und zahlreiche Ämter bekleidet. Er galt trotz seiner begrenzten Macht als verlässlicher Bonze. Belangt wurde der Genosse Stoph für seine Taten nie. Im Gegenteil: Man stellte ihn zwar vor Gericht. Doch 1993 wurde der Prozess gegen ihn abgebrochen – wegen Verhandlungsunfähigkeit natürlich. Auch jetzt kassierte Stoph noch einmal ab: Für jeden Monat Untersuchungshaft erhielt er 600 DM – das Doppelte von dem, was rehabilitierten SED-Opfern zustand! Weitere 15000 DM kassierte der Genosse Stoph als Ausgleich für angeblich durch die Haft entgangenes Einkommen…

Parole Überleben: Kleine Könige, Bonzen und Handlanger

Während die bekannten Führungspersönlichkeiten im medialen Focus standen, machten sich ihre potenziellen Nachfolger daran, das politische Erbe der Diktatur zu sichern und die Geschichtsschreibung zu beeinflussen. Offiziell distanzierte man sich von den Führungseliten, schloss sie sogar aus der Partei aus. Inoffiziell aber sind die alten Kader (eine sozialistische Vokabel für Personal) nach wie vor aktiv. Auch ihnen bot sich zwar durch die Wende Gelegenheit, über bisherige Irrtümer nachzudenken und ihr Leben neu auszurichten. Stattdessen bestärkten sich viele Genossen jedoch gegenseitig in ihren überholten Ansichten. Gut getarnte Vereinigungen dienen den Ex-Genossen bis heute als Forum, um die DDR zu verherrlichen und Gedenkstätten des kommunistischen Unrechts zu bekämpfen. In diesen Kreisen traten bereits eine gefürchtete Richterin sowie ranghohe Stasi-Offiziere in Erscheinung. Ihre Namen werden an dieser Stelle verschwiegen, denn die Täter von einst sollen angeblich noch immer noch Gegner und Kritiker bedrohen - mit den Mitteln des Rechtsstaates, den sie früher bekämpft haben...

Die "kleinen Könige" der roten Diktatur hingegen halten sich das bedeckter. Lokale Parteisekretäre, politische Lehrkräfte, Juristen, das Wachpersonal der berüchtigten Haftanstalten und andere Helfer des Systems leben weitgehend unauffällig unter uns. Manche haben ihre Gesinnung geändert, andere verstecken sie nur. Die Vergangenheit bleibt allerdings oftmals unaufgearbeitet.

So kommt es im Deutschland des 21. Jahrhunderts zu einer paradoxen Situation: Rund hundertjährige Ex-Nazis müssen weiterhin damit rechnen, vor Gericht gestellt zu werden. Die deutlich jüngeren Nutznießer der roten Diktatur hingegen durften auf satte Renten hoffen, bekleideten politische Ämter oder durchliefen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk erstaunliche Karrieren.

Der Tod war schneller: Die entkommenen Täter

Es erscheint, je nach Sichtweise, als eine Ungerechtigkeit oder auch eine Gnade der Geschichte, dass so mancher Täter diese Welt kurz vor dem Zusammenbruch der DDR verließ. Am 18. April 1989 verstarb beispielsweise Hilde Benjamin. Im Volksmund nannte man sie mit Schaudern die Blutige Hilde oder auch die Rote Guillotine. Als Richterin führte sie in der Frühzeit der DDR politische Schauprozesse, die mit langen Haftstrafen oder Hinrichtungen endeten. Ihr fanatisches Auftreten stand dem eines gewissen Roland Freisler an Hitlers Volksgerichtshof in nichts nach.

Für ihren lupenreinen Stalinismus wurde die blutdürstige Frau reichlich belohnt: Von 1953 bis 1967 war sie Justizministerin der DDR. Anschließend erhielt sie eine Professur und konnte somit ihr menschenverachtendes Denken an die nächste Generation weitergeben...

 Nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnte auch Horst Kretzschmar, der Mann, der für mehrere tausend Jugendliche eine Hölle erschuf. Nach kurzer Stellvertretertätigkeit fungierte er jahrzehntelang als Direktor des Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau.

Sein perfides System aus Angst, Folter und Strafe machte er sogar zum Gegenstand einer "wissenschaftlichen" Arbeit. Horst Kretzschmar verstarb am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls.

Autor seit 8 Jahren
210 Seiten
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