Überraschende Wendung im Templerprozess

Philipps Beweggründe waren vielfältig. Einerseits fühlte er sich aufgrund verschiedener Vorkommnisse in seiner Ehre gekränkt, zum Anderen wollte er die Position von Papst Clemens V. schwächen, dem der Orden nominell unterstand. Das Hauptmotiv des an chronischer Geldknappheit leidenden Königs dürfte jedoch die Gier nach den Reichtümern und Reliquien des Ordens gewesen sein. Doch diese blieben trotz intensiver Suche größtenteils verschollen. Entsprechend hart griff der französische Herrscher durch. Massive Folterungen und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung. Sogar Zeugen, welche zugunsten der Angeklagten aussagten, endeten gelegentlich auf dem Scheiterhaufen.

Nach sieben Jahren neigte sich der "größte Justizmord der Geschichte" - so der Schriftsteller Andreas Beck - dem Ende zu. Viele Ordensmitglieder waren bereits tot, andere hatten die absurdesten Taten zugegeben und dafür ihren Frieden mit den Peinigern gemacht: Geständige Templer wurden begnadigt und in andere Mönchs- oder Ritterorden integriert. Als letzte Angeklagte erwarten nun Jacques de Molay, Gottfried de Charney und die beiden anderen Templer das Urteil. Eigentlich steht es bereits fest: Alle haben unter Folter die ihnen zur Last gelegten Vergehen gestanden und sollen dafür zu lebenslanger Kerkerhaft begnadigt werden. Inwiefern lebenslanges Kerker-Siechtum wirklich gnädiger als die Hinrichtung war, sei einmal dahin gestellt...

Doch plötzlich erheben sich Jacques de Molay und Gottfried de Charney, widerrufen ihre Geständnisse und bezeugen die Reinheit und Schuldlosigkeit des untergegangenen Ordens. Die Konsequenz ihres Handelns muss ihnen klar gewesen sein: Noch am gleichen Tag findet die Hinrichtung statt. Doch eine weitere Sensation bahnt sich an, als der Ordensgroßmeister auf dem Scheiterhaufen das Wort an seine Feinde richtet...

Molays legendärer Fluch

Die Erzählungen um Molays letzte Worte stützen sich vor allem auf mündliche Berichte, welche später aufgeschrieben, ausgeschmückt und schließlich zu einer kompletten Rede erweitert wurden. Herzstück dieser Berichte ist eine angebliche Verfluchung von König und Papst. Allerdings gibt es dabei unübersehbare Parallelen zu anderen angeblichen Flüchen aus der Zeit des Templerprozesses. Molays letzte Worte gelten daher heute als umstritten.

Unstrittige Tatsachen sind hingegen die Auswirkungen der angeblichen Verfluchung. Molay soll sich sehr detailliert dazu geäußert haben. Er forderte Papst und König auf, ihn innerhalb eines Jahres vor dem himmlischen Richterstuhl Gottes zu treffen und verfluchte das Königsgeschlecht der Capetinger bis ins 13. Glied.

Erfüllte sich der Fluch wirklich?

Tatsächlich starb Papst Clemens V. nur einen Monat später. König Philipp erlitt im Dezember des gleichen Jahres einen tödlichen Reitunfall. In der 13. Generation nach Philipp schließlich herrschte Ludwig XVI., jener König, der während der Großen Französischen Revolution enthauptet wurde. Sein letztes Verlies vor der Hinrichtung befand sich übrigens genau dort, wo einst das Hauptquartier der Templer in Paris gestanden hatte...

Auch andere Beteiligte an der Vernichtung des Templerordens ereilte ihr Schicksal. Willhelm von Nogaret, des Königs wichtigster Helfer bei vielen Intrigen, hatte die verleumderische Anklageschrift verfasst. Er starb noch vor Beendigung des Gerichtsprozesses. Angeblich sollen auch viele der Denunzianten und Belastungszeugen ein gewaltsames Ende gefunden haben.

Überlebte der Templerorden im Verborgenen?

Eine Gedenktafel nahe der Pont Neuf in Paris bezeichnet heute die Stelle, an welcher de Molay seine schicksalsschweren Worte auf dem Scheiterhaufen ausgerufen haben soll. Der Überlieferung zufolge habe er anschließend mit erstaunlicher Gelassenheit und frommer Gestik den Feuertod ertragen.

Wie jede gute Legende lebt der Mythos um Jacques de Molays Fluch von dem Umstand, dass er durchaus wahr sein könnte. Vielleicht hat tatsächlich ein Bündnis ehemaliger Mönchsritter beziehungsweise ihrer Nachkommen für die Erfüllung des Fluchs gesorgt. Immerhin konnten sich einige Templer der Verhaftung entziehen. In anderen Gebieten Europas beteiligte man sich zudem kaum an der Verfolgung des Ordens und gab dessen Mitgliedern zumindest einen heimlichen Wink. Ungeklärt ist auch der Verbleib des Templerschatzes sowie gewisser kultischer Gegenstände. Solcherlei Indizien deuten darauf hin, dass die Vernichtung der Tempelritter vielleicht doch nicht vollständig geglückt ist. Unzählige Hobbyforscher haben sich bereits mit dieser Vermutung befasst und spannende Theorien entwickelt. Doch das ist bereits eine andere Geschichte...

Laden ...
Fehler!