Die romantischen Zigeunerklischees

Im jugendlichen Alter von 25 Jahren gelang der Sängerin Alexandra mit ihrem sehnsuchtsvollen Lied Zigeunerjunge 1967 der Durchbruch in der deutschen Schlagerparade. Das Stück handelt von einem hübschen Jungen, der mit seiner Familie und mit zottigen Pferdchen und bunten Wagen durch die Stadt zieht und abends am knisternden Lagerfeuer fröhliche Musik erklingen lässt. So muss Freiheit wohl aussehen.

"Du schwarzer Zigeuner" intonierte der böhmische Musiker und Komponist Karel Vacek bereits im Jahr 1931 einen Tango. Das Stück "Schwarze Augen" soll eines der bekanntesten russischen Lieder sein, der Text von dem ukrainischen Dichtes Jewgeni Grebjonka, die Melodie jedoch dem Hommage Valse Opus 21 des Deutschen Florian Hermann entnommen. Bei uns ist die Version von Günter Wewel oder Iwan Rebroff bekannt.

Wären wir nicht alle gerne frei und ungebunden? Neben der romantischen Seite des Zigeunerlebens gibt es jedoch die realistische Seite, die so gar nicht dem Klischee entsprechen will.

Die andere traurige Seite der Geschichte

Was vielen nicht wirklich bewusst ist, mehr als 500.000 Sinti und Roma fielen dem Holocaust zum Opfer. In Ländern wie Rumänien zum Beispiel wurden sie über rund 500 Jahre lang versklavt. Sie waren in den Fürstentümern nicht nur Leibeigene. Man konnte sie auch verkaufen, vererben, verschenken und verpfänden. Der Besitzer durfte im Grunde mit ihnen machen, was er wollte. Er schreckte auch vor Gewalttaten nicht ab. Kinder wurden von den Eltern getrennt, Frauen vergewaltigt, Familien zerstört. Das Elend, was Generationen von Familien erlebten, führt zu einem posttraumatischen Stresssyndrom, welches auch in die Kinder und Enkel übergeht. Wer die Geschichte versteht, begreift auch eher das heutige Leben.

Bevor wir hier tiefer gehen, möchte ich erst einmal der Herkunft und dem Begriff Zigeuner auf den Grund gehen.

Woher kommen die Zigeuner? Zwei Versionen.

Über die Details streiten sich die Forscher. Bisher nahm man diese Historie an: Sinti und Roma verließen vor mehr als 1000 Jahren ihre Heimat in Nordindien. Die genaue Herkunft und der Grund, warum sie sich auf die Völkerwanderung begaben, ist nicht bekannt. Vielleicht flohen sie vor den muslimischen Invasoren, die grausame Kriege führten, um das Land von den Rajputen zu erobern oder Not und Vertreibung bewog sie, ihre Heimat zu verlassen. In den letzten Jahren haben Genetiker die Entdeckung gemacht, dass der erbliche Grüne Star, der bei europäischen Roma verbreitet ist, auch in Indien häufig vorkommt. Sie identifizierten ein Gen, welches auch bei dem Hirtenvolk der Jat vorkommt. Die Jat wanderten aus ihrem Siedlungsgebiet Rajasthan und Punjab in ihr heutiges Gebiet, die pakistanischen Provinzen Sindh und Punjab.

Laut den Ethnologen wanderten sie zwischen dem 5. und 11. Jahrhundert über Persien. Manche reisten von Persien nach Osteuropa, andere über Byzanz (heutige Türkei), wieder andere über Arabien, Ägypten und Spanien. Sprachforscher rekonstruierten diese Reise aus den Wörtern, die in ihre Sprache eingefügt wurden. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts werden sie in Westeuropa in Schriften erwähnt.

Ihre Sprache Romanes enthält Wörter aus dem Sanskrit. Der Name Sinti könnte auf den Sindh, heute Pakistan zurückzuführen sein.

Eine neue Version der Historiker besagt, dass die Roma im 11. Jahrhundert von den türkischen Seldschuken nach Kleinasien in das Sultanat Rum verschleppt wurden. In diesem Sultanat lebten viele Völker wie Griechen, Perser, Türken und Armenier mit ihren unterschiedlichen Sprachen. Demnach könnte Roma, die Leute aus Rum bedeuten. Die Lehnwörter der fremden Sprachen wären dann durch den Jahrhunderte langen Aufenthalt in dieser Region in ihr Romanes eingegangen. Roma bedeuted in Romanes übersetzt aber auch einfach nur Männer bzw. Ehemänner. Amare Romnija währen "unsere Frauen".

Was bedeutet das Wort Zigeuner?

Das Wort Zigeuner ist in vielen europäischen Sprachen bekannt z.B.

  • Cigány – ungarisch
  • Tsigane – französich
  • Zingaro – italienisch
  • Cingaro – spanisch
  • Cigano – portugiesisch
  • Ţigan – rumänisch
  • Zigenare – schwedisch
  • Цыган (Zygan) –russich
  • Cikáni – tschechisch
  • Cygan – polnisch
  • Циганин (Ziganin) – bulgarisch
  • Cigani – serbisch /kroatisch
  • τσιγγάνος (tsingános) – griechisch
  • Çingene – türkisch

Das Wort soll auf das griechische Wort "Atsinganoi" zurückzuführen sein. Im alten Byzanz wurden die Roma so bezeichnet. Die Bedeutung des Wortes lautet "Menschen, die nicht berührt werden wollen". Die Roma achteten streng auf die rituelle Reinheit. Es ist vorstellbar, dass diese Sitten auf ihre Herkunft aus Indien abzuleiten sind. Wie die Menschen in Indien gibt es für sie reine und unreine Dinge und Tätigkeiten. Roma, die auf diese Reinheit achten, würden nicht mit Menschen essen wollen, die diese Regeln nicht beachten.

Auch die Kasten in Indien achten sehr streng darauf. Die Essensregeln sind von Kaste zu Kaste unterschiedlich. Die obere Kaste der Brahmanen in Indien arbeitet häufig als Koch, da ihre Küche als rein gilt. Jeder darf von ihr essen. Brahmanen würden aber nicht von der Küche der Unberührbaren essen.

Eine andere Deutung geht davon aus, dass das Wort Zigeuner vom persischen Wort "cigauch", d.h. Musiker bzw. Tänzer abgeleitet wurde.

Als die Roma im 15. Jahrhundert auftauchten, dachte man sie wären aus Ägypten. Daher leitet sich der Name Gypsies, französisch Gitans, spanisch Gitanos ab.

Warum möchten Sie nicht als Zigeuner bezeichnet werden?

Sinti und Roma haben in ihrer langen, wechselhaften Geschichte viel Leid und Ausgrenzung erfahren. Sie durften in den Städten des Mittelalters nicht sesshaft werden, da man die eigenen Zünfte schützen wollte. Die Ausübung eines Handwerks war ihnen so unmöglich. Sie waren zum Reisen gezwungen und mussten sich Berufe suchen, die man unterwegs ausüben konnte.. Im Jahre 1500 wurden sie auf dem Reichstag in Augsburg als vogelfrei erklärt. Jeglicher Schutz wurde ihnen so verwehrt. Die Einwanderung aus islamischen Ländern und ihre Hautfarbe machte sie für das christliche Abendland verdächtig. Als fahrendes Volk wurden sie mit Vagabunden und Bettlern gleichgesetzt und man lastete ihnen jegliche Kriminalität zu.

In den folgenden Jahrhunderten nahm die Diskriminierung zu. Obwohl sie im Ersten Weltkrieg der Armee gedient hatten und in Deutschland längst integriert waren, fielen sie dem Holocaust zum Opfer. Sinti und Roma wurden von der NS-Herrschaft entrechtet und in die Vernichtungslager deportiert. Der Völkermord wurde von der Bundesrepublik Jahrzehnte lang geleugnet, Entschädigungen wurden nicht gezahlt.

Im Februar 1982 wurde der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg gegründet, der für die Rechte der in Deutschland lebenden Sinti und Roma kämpft. Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler eine Delegation des Zentralrats und bestätigte zum ersten Mal in der Geschichte die NS-Verbrechen als Völkermord.

Weil der rassistische Begriff "Zigeuner" in der Nazizeit als Vorwand für die Gräueltaten benutzt wurde, wird er heute als diffamierend angesehen. In Deutschland einigte man sich den Begriff Sinti und Roma zu verwenden. Mit Sinti sind die seit Jahrhunderte in Deutschland lebenden Mitbürger gemeint, während Roma, die nach dem 19. Jahrhundert aus Südeuropa nach Deutschland eingewanderten Gruppen bezeichnet. Man ist sich aber auch untereinander über die Begriffe uneins. Was alle vielleicht verbindet, ist der Wunsch nicht in eine vordefinierte Gruppe einsortiert zu werden, sondern als normale Bürger zu leben.

Wer sich mehr mit der Geschichte der Zigeuner beschäftigen möchte, findet weitere Informationen unter:

  • Sinti und Roma von Martha Verdorfer, eine kostenlose Broschüre der Gesellschaft für bedrohte Völker.
  • der Homepage der deutschen Sinti und Roma

 

Reisefieber, am 11.05.2014
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Bildquelle:
Marlies Bhullar (Rezension: Bis bald Sharma! Nach einer wahren Begebenheit)

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