Wenige Kippen in einem Eimer Wasser ...

Wenige Kippen in einem Eimer Wasser würden ausreichen, um diese Forellen zu töten. (Bild: Sebastian Lamm / pixelio.de)

Giftstoffe aus Zigarettenmundstücken sind eine Gefahr für Wasserlebewesen

Die Arbeitsgruppe um Professor Thomas Novotny von der San Diego State University, Kalifornien, beschäftigt sich bereits seit Jahren mit der Erforschung der Umweltbeeinträchtigungen durch Zigarettenkippen. Dass die aus den Zigarettenfiltern stammenden toxischen Substanzen für Wasserinsekten, Krebstiere und andere niedere Wasserlebewesen eine tödliche Gefahr darstellen, war bereits in älteren Studien aufgedeckt worden. Wasserflöhe der Gattung Daphnia sterben bereits ab, wenn sich in einem Volumen von acht Litern Wasser ein einziger Zigarettenstummel befindet. Novotny und seine Mitarbeiter nahmen diese Ergebnisse zum Anlass, ihre Untersuchungen auch auf höher entwickelte Lebewesen auszudehnen. Experimentell gelang der Arbeitsgruppe nun der Nachweis, dass Zigarettenkippen im Wasser auch für Fische gefährlich sind.

 

Zigarettenkippen vergiften selbst größere Fische

Als Versuchstiere wählten die Wissenschaftler einen Meeresfisch aus der Gruppe der Ährenfische und einen Süßwasserfisch aus der Familie der Karpfenartigen. Diese Fische setzten sie in Behälter mit unterschiedlich belastetem Wasser:

  • Pro Liter Wasser einen Zigarettenfilter mit Tabakresten einer gerauchten Zigarette
  • Pro Liter Wasser einen Filter einer gerauchten Zigarette ohne Tabakreste
  • Pro Liter Wasser einen unbenutzten Filter ohne Tabak

Das Ergebnis überrascht und erschreckt zugleich: die Fische verendeten nicht nur in den beiden ersten Versuchsansätzen. Sie starben auch, wenn sich im Wasser nur unbenutzte Zigarettenfilter befanden. Zwar wirkte sich in letzterem Fall erst eine höhere Dosis tödlich aus, doch zeigt der Versuch, dass selbst das reine Filtermaterial für die Tiere giftig ist. Mit anderen Worten: auch wenn die benutzten Filter ihr Gift bereits vollständig an das Wasser abgegeben haben, bleiben sie für die Tierwelt gefährlich.

 

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Welche der in den Filtern steckenden Substanzen letztlich für die Toxizität verantwortlich sind, wollen die Forscher um Professor Novotny als nächstes untersuchen. Sie zu identifizieren dürfte trotz modernster Analysetechnik nicht einfach sein. Nach vorsichtigen Schätzungen enthält Tabakrauch mindestens viertausend Substanzen, darunter solche wie Blausäure, Teer und Schwermetalle, aber auch Spuren von Insektiziden und Herbiziden. Ungefähr fünfzig dieser Chemikalien gehören der Kategorie der krebserregenden Verbindungen an.

Durch die natürlichen Transportwege reißt der Nachschub an Zigarettenfiltern, die in die Gewässer gelangen, nicht ab. Die Frage, welche Organismen besonders stark belastet sind und ob die Giftstoffe bereits in die Nahrungskette gelangt sind, ist im Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit daher von außerordentlichem Interesse. Als langfristiges Ziel geben die Wissenschaftler an, die toxischen Chemikalien aus Zigarettenfiltern mittels geeigneter Indikatoren im Wasser direkt nachzuweisen. Damit ließe sich der Grad der Belastung der Gewässer vor Ort ermitteln.

 

Umweltschützer schlagen Alarm

Wie kann es sein, dass verhältnismäßig kleine Gegenstände wie Zigarettenkippen einen so großen Schaden anrichten? Eine Ursache liegt unbestreitbar in der giftigen Fracht, die im Wasser freigesetzt wird. Hinzu kommt, dass die aus Celluloseacetat hergestellten Zigarettenfilter praktisch nicht verrotten. Sie zerfallen unter dem Einfluss der Witterung lediglich zu Fasern und im Lauf der Jahre zu kleinen und kleinsten Partikeln, die von Wasserlebewesen mit dem Atemwasser aufgenommen werden. Wie im Experiment nachgewiesen wurde, übt jedoch selbst reines Celluloseacetat in ausreichend hoher Dosierung eine toxische Wirkung aus. Wie die Studie von Novotny zeigt, werden von größeren Fischen auch vollständige Zigarettenmundstücke verschluckt.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, weshalb Zigarettenkippen eine enorme Umweltbelastung darstellen: ihre schiere Menge. Thomas Novotny: "Bei Reinigungsaktionen in Städten und an Stränden machen sie ein Drittel des gesamten Mülls aus, den freiwillige Helfer einsammeln." Untermauert wird diese Aussage durch drastische Zahlen im Ocean Conservancy Jahresbericht 2011. Laut dieser Organisation, die sich seit fünfundzwanzig Jahren der Reinhaltung von Meeren und Stränden widmet, werden bei jedem International Coastal Cleanup an einem einzigen Tag weltweit über zwei Millionen Zigarettenkippen allein an den Strandbereichen der Meere aufgesammelt. Die Zahl der bisher im Rahmen der Cleanups aufgelesenen Kippen beläuft sich auf insgesamt rund dreiundfünfzig Millionen Stück.

 

Eine ökologische Zeitbombe

Somit stellt die Hinterlassenschaft der Raucher neben den weggeworfenen Plastiktüten und Kunststoffflaschen eine der gewaltigsten Umweltbelastungen dar. Nach des Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden werden allein in Deutschland Jahr für Jahr über zweihundert Milliarden Zigaretten produziert (aneinandergelegt ergäben die Glimmstängel eine Strecke von 17.360.000 Kilometer; das entspricht der fünfundvierzigfachen Entfernung des Mondes von der Erde). Die wahre Zahl der jährlich auf der ganzen Welt wild entsorgten Zigarettenkippen muss demnach im wahrsten Sinne des Wortes von "astronomischer" Dimension sein. Angesichts der vermutlich unvorstellbar hohen Zahl weggeworfener Zigarettenfilter plädiert Ocean Conservancy deshalb dafür, die Strandbereiche weltweit zu rauchfreien Zonen zu erklären.

 

Quellen:

  • Thomas E. Novotny, Sarah N Hardin, Lynn R. Hovda, Dale J. Novotny, Mary Kay Mclean, Safdar Khan: Tobacco and cigarette butt consumption in humans and animals. Tobacco Control 2011; 20 (Suppl. 1): pp 17-20 
  • Caroline Ring: Von Fischen und Kippen. Deutschlandradio Forschung aktuell 2011
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