Rainer Fetting

Rainer Fetting (Bild: @ Galerie Deschler)

Atavistische Gestalten und skurrile Silikonskulpturen

Im ersten Stock angekommen absolvieren die Besucher einen Durchlauf gemäß dem gewohnten Uhrzeigersinn. Gleich zu Beginn stößt man auf die Berliner Galerie Tammen & Partner, die Jan Thomas und Florian Pelka präsentiert. Bei Pelka werden klaren Konturen der Wirklichkeit konterkariert durch atavistische Gestalten mit derb-komischen, tierähnlichen Fratzen, die ein spukhaftes Element ins farbenfrohe, ver-rückte, chthonische Getriebe hereintragen. In Neros Träume feiert der Zenturio friedlich Urständ: Römische Heerführer bewegen sich in Seifenblasen vor einem säulengetragenen Monument. Wer sich für Kunstwerke mit gleichsam zusammengesetzten Bauteilen interessiert, ist bei den Skulpturen von Menno Fahl (Horst Dietrich, Berlin) genau richtig. Ein Eindruck des bruchstückhaft Aneinandergefügten bleibt haften, als sei nichts organisch gewachsen. Wenn man an der kleinen Bar seine Lippen mit etwas Flüssigkeit benetzt, fällt der Blick beinahe unwillkürlich auf fantastische Meergewächse, die sich bei näherem Hinsehen als Skulpturen aus pigmentiertem Silikon erweisen. Das sind die Arbeiten von Anke Eilergerhard (Art Filicia, Liechtenstein), skurril und erdschwer zugleich.

 

Neue Strukturen erobern den Raum

Alte Bekannte aus den Preview-Zeiten sind auch vertreten, etwa die Galerien Deschler, Gerken und Kleinschmidt. Der Veranstalter Kristian Jarmuschek ist auch mit seiner Galerie präsent, er zeigt insgesamt vier Künstler, die unterschiedliche Stilrichtungen präferieren. Längst zum Kunst-Establishment gehört Rainer Fetting (Deschler, Berlin), der nach seinen eruptiven, exstatischen Anfangswerken anscheinend mehr Gemütsruhe gefunden hat, was seine Sylter Bilderserie veranschaulicht. Nur einmal steigt der alte Furor wieder auf: In einem Bild starrt links ein scharf gezeichneter Tierkopf hervor, die Umrisslinien umgrenzen einen schwammigen, verfließenden Körper, eingebunden in explosive Farbwucht.

 

Andrea Knobloch, Foto: cubus-m

Ganz anders die die Gesetze der Architektur beachtende Andrea Knobloch (cubus-m, Berlin) mit ihrer Skulptur Hanging Structure. Ihr in der Luft hängendes Kunstwerk ergreift vom Raum Besitz, gebiert neue Strukturen und geometrische Formen. Eine Installation von Brian Duggan (balzer art projects, Basel) ist der ukrainischen Stadt Pripyat gewidmet, die damals ein atomverseuchtes Tschernobyl-Opfer wurde. Ein Riesenrad mit Besucherkabinen aus Metall, Glas, Plastik und Papier erinnert an eine stillgelegte Jahrmarktsattraktion.

Amir Fattal

Amir Fattal (Bild: @ Anna Jill Lüpertz Gallery)

Erweiterung des Erfahrungshorizonts

Cristian Rothmann

Abbildung: @CvH16, Berlin

 

Einige Besucher, angesichts der optischen Beflutung offensichtlich nach Erholung ringend, hängen an den Fenstern, beobachten die Flaneure oder schießen Außenaufnahmen. Dabei gibt es noch einiges zu sehen, etwa beim israelischen Konzeptkünstler Amir Fattal (Anna Jill Lüpertz, Berlin), der in seinen Skulpturen stets den historischen Kontext reflektiert und auch die soziale Interaktion involviert. Sein präsentiertes Kunstwerk ruht auf einem rechtwinkligen Plateau, vom dem zwei Holzstelen in die Höhe steigen, mündend in glühende Lampen unter Glas. Vollkommen in der hochtechnisierten, mechanisierten Welt angekommen ist Christian Rothmann mit seinen Roboter-Figuren (@CvH16, Berlin), die an fulminantes Spielzeug gemahnen. Einst Utopien, hat man sich an derartige Konstrukte bereits gewöhnt. Und die Berliner Galerie Gerken wartet mit motorbetriebenen Steinmaschinen auf, die, ausgestattet mit Pumpen und Schläuchen, in Bewegung gesetzt werden können. Jenny Brockmanns Arbeiten eröffnen völlig neue Erfahrungshorizonte. Ein weiterer Künstler der Galerie ist Patrick Luetzelschwab, der seine Anregungen aus Logistikelementen von Industrieruinen bezieht: Ein Baggerarm greift gierig in einen Holstapel und scheint die einzelnen Bretter zu verschlingen (Siebdruck auf Holz). Einige Künstler wie Birgit Borggrebe, Kevin A. Rausch und Wolfgang überzeugen durch eigenwillige Arbeiten und steuern zusätzliche Impulse bei. Falls diese Messe erfolgreich wurde: Auf Widersehen im nächsten Jahr!

Positions Berlin

Kaufhaus Jandorf

Brunnenstraße 19-21

10119 Berlin

18.-21. September 2014

 

Brian Duggan (Bild: @ balzer art pojects)

Autor seit 3 Jahren
308 Seiten
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