Paddeln zu zweit

Beim Paddeln zu zweit ist es so: Wer hinten sitzt, steuert, wer vorne sitzt, sorgt für den Vortrieb und unterstützt den Steuermann hinten. Ist der Fluss ein zahmer, wie Altmühl oder Lahn, kann es bei Anfängern vorkommen, dass die Person vorn im Boot stärker paddelt als die Person hinten. Daraus ergibt sich ein Abweichen von der geraden Reiselinie - und das führt zu Extrakilometern und zahlreichen Erkundungsfahrten in die Ufervegetation.

Obere Isar (Bild: Foto: Tom Weiland)

Paddel-kompatibel?

Bei solchen Jung-Fern-Fahrten lässt sich auch gut ermitteln, ob die zwei im Boot es mit etwas Übung hinkriegen werden oder nicht, synchron zu paddeln oder nicht, und die sich jeweils daraus entstehende Situation mit Humor zu nehmen oder nicht. Sollte ER vorn sitzen, kann SIE schon mal Schlüsse ziehen: Ist er dominant und lässt sich nichts sagen? Ist er ein starker Mann und lässt gern die Muskeln spielen? Oder ist er doch eher ein fauler Sack?

Ein ganz schlechtes Zeichen ist es, wenn die zwei sich schon jetzt anschreien, etwa so: "Wir treiben nach rechts, sag mal, merkst du denn gar nichts? Jetzt tu doch endlich was!"

Härtetest

Klappen erste gemeinsame Paddeltouren, gehen Mutige früher oder später gemeinsam aufs Wildwasser. Das sorgt naturgemäß von alleine für Rasanz und Vortrieb.
Frau trägt nun Schwimmweste, Neoprenanzug und -schuhe und dazu einen Sturzhelm. Wildwasserfahren macht Spass! Es ist ein schneller Sport und ein unvergleichliches Natur-Erlebnis: Mittendrin zu sein in ungezähmten Elementen und spektakulärer Landschaft bedeutet, weit weg vom Alltag, ganz im Hier und Jetzt mit Konzentration, Ausdauer und Teamwork ein echtes Abenteuer zu bestehen. Das schweißt zusammen und stärkt das gegenseitige Vertrauen. 

Doch wenn Verständigungsschreie und Kommandos im Rauschen des Flusses untergehen, der Steuermann, durch sein Hintensitzen bedingt, einen Stein vorn übersieht, oder mitten in einer Viererstelle ein Kehrwasser ansteuert, das außer ihm niemand sieht, weil es möglicherweise gar nicht da ist, kentert das Zweierboot, und frau (die ja vorne sitzt) geht ebenso plötzlich wie schuldlos kopfüber baden. Hätte sie mal fleißiger bei den Kenterübungen der Jungspunde mitgemacht – vielleicht wäre sie dann souveräner ab- und schneller wieder aufgetaucht? Zu spät für Reue! Nach einer Runde Vollwaschgang mit Schleudern im Wildwasser und verzweifelten Schwimmbewegungen kriecht frau an Land und sieht dem Steuer-Mann beim Bergen seiner kostbaren Ausrüstung zu. Hat er alles wieder beisammen, kommt er auch ans Ufer und fragt "Schatz, bist du in Ordnung?"

 

Krisenbewältigung

Die damenhafte Paddlerbraut mit Sportsgeist begnügt sich damit, heimlich auf den Wurfsack zu dreschen und restauriert ihre Nerven hinter der nächsten Flussbiegung mit einem trockenen Handtuch und einer Brotzeit in der Sonne. Der Vorderrhein bietet allerhand schöne Picknickplätze, beispielsweise, dito der Lech. Achten Sie immer darauf, besagte Brotzeit vor dem Start wasserdicht zu verpacken. Fällt frau in der Imster Schlucht in den Inn, wird sie erfahrungsgemäß doch einige Kilometer weiter abgetrieben - auch hier kommt die gediegene Ausrüstung zum Tragen, allem voran eine gute Schwimmweste. Mann ist hinterher auf alle Fälle froh, wenn er sie überhaupt wiederfindet. Ersparen sollte er ihr dann klugerweise taktvolle Ansagen wie "Ich verstehe deine Ängstlichkeit jetzt nicht" oder "Das war doch aber nicht so schlimm" und verkneift sich hoffentlich das absolut beziehungstötende Jetztstelldichnichtsoan.

Kontrollverlust

Den Kontrollverlust, der entsteht, wenn frau vorne sitzt und nicht nachvollziehen kann, weshalb sie grade eben mit einem Schwupp gekentert wurde, den verdauen Frauen allerdings nicht so schnell. Selber kentern wegen eines Paddel-Fehlers, einer falschen oder zu langsamen Reaktion – das ist eine ganz andere Kiste!
Möglicherweise wird sie von jetzt an für eine Weile intuitiv versuchen, trotz Vornesitzens das Steuerruder, sprich die Kontrolle, an sich zu reißen. Das lässt auf einen leichten Schwund an Vertrauen gegenüber dem Steuermann schließen. Neben dieser stillen Kränkung muss der nun ihre verzweifelten Paddelschläge zur Umfahrung echter oder imaginärer Strudel und Walzen zusätzlich kompensieren. Unter Umständen verflucht er jetzt die zuvor ungeahnten, entfesselten Kräfte seiner Paddelfrau.

Genau wie beim Reiten gilt auch hier: Wieder Auf- beziehungsweise Einsteigen, Weitermachen, Lächeln. Auch wenn sie gerade 4 Liter schlammgesättigtes Flusswasser geschluckt hat, immer noch leicht hyperventiliert und allmählich feststellt, dass ihr ein böser Unterwasserschrat während des Tauchganges in den Tiefen das Knie verdreht hat, das jetzt muckt: Eine Paddlerbraut kennt keinen Schmerz, oder wenn doch, zeigt sie ihn nicht.

Autor seit 4 Jahren
2 Seiten
Laden ...
Fehler!