1. "Teen spirit": Das Deo, das die Musikwelt veränderte

Die späten 1980er Jahre ähnelten musikalisch betrachtet dem zerbröselnden Ostblock: Einerseits hofften Musikfans auf das Ende des Schreckens, andererseits warfen die 1990er Jahre ihren dunklen Schatten mit "Winds of Change" von den mit putziger Infantilität Rockmusiker imitierenden "Scorpions" (huh, was für ein martialischer Name!) voraus. Dabei ahnten wir älteren Semester gar nicht, was uns noch bevorstehen sollte. Stichworte: Scooter, Oli P. (nicht googlen! Glaubt mir, ihr wollt das gar nicht wissen …), Blümchen.

Und dennoch: Anfang der 1990er brach Grundge wie ein Blitz über die Musikwelt herein: Aufregend, neu, grell und anders – und kurz darauf wieder weg. "Nirvana" hieß jene Band aus dem plötzlichen Hotspot Seattle, die unzähligen Nachahmern den Weg bahnte. Vermutlich gab es damals keinen einzigen erwachsenen Einwohner von Seattle, der nicht in irgendeiner Form für eine Grundge-Band gespielt hatte, und sei es nur die Triangel gewesen.

Wie das so ist, musste erst ein Hit das Interesse wecken, in diesem Fall der "Nirvana"-Song schlechthin, "Smells Like Teen Spirit". Die Entstehungsgeschichte liest sich wie ein Witz: Seine damalige Freundin hatte an die Wand von Cobains Schlafzimmer "Kurt Smells Like Teen Spirit" gesprayt. Allerdings verstand Cobain den Witz lange Zeit nicht, denn was er für einen gelungenen, revolutionären Spruch hielt, war in Wahrheit der Markenname eines Deos. Im Ernst, überprüft es selbst: Hier geht es zur Website von "Teen Spirit"!

Cobain, scheiß-drauf-Typ, wie er war, schrieb dazu einen Songtext, der möglichst bedeutungsvoll klingen sollte. Angeblich erfuhr er erst Monate später von der Existenz des gleichnamigen Deos. Jedenfalls lief das ebenso berühmte Video zu "Smells Like Teen Spirit" in heavy rotation auf dem damaligen Musiksender MTV und machte den Song zum Millionenseller. Cobain selbst begann den Song zu hassen und sich darüber lustig zu machen. Legendär ist "Nirvanas" Auftritt in der 42 (!) Jahre laufenden BBC-Sendung "Top of the Pops":

Und ja, ihr seht und hört richtig: Cobain spielt Gitarre wie ein Teenie-Sternchen, das vorgibt, Gitarre spielen zu können, obwohl es noch nie ein Instrument in Händen gehalten hat. Und ja, er singt tatsächlich: "Load up on drugs and kill your friends", anstatt "Load up on guns and bring your friends". Passend zum absurden Treiben ist das Mitklatschen und Mitheadbangen der Rotzlöffel im Publikum. Und jetzt versucht mal, diesen Song noch einmal völlig wertfrei als geniale Komposition zu hören.

2. "Yesterday" handelte von Rühreiern

Das Guiness-Buch der Rekorde listet McCartneys "Yesterday" als den am häufigsten auf Tonträgern gecoverten Song, noch vor dem Superhit "Ich hatte eine schlechte Kindheit und die Gesellschaft ist schuld". Wie er sich später entsann, fiel McCartney die Melodie ein, als er bei seiner damaligen Freundin übernachtete. Es muss eine heiße Nacht gewesen sein, nachdem der ursprüngliche Titel "Scrambled Eggs" lautete. Oh, und die zweite Strophe hieß: "Oh, my baby how I love your legs". Na schön, vielleicht war's doch eine heiße Nacht.

Egal, wie sehr ich mich bemühe: Mir ...

Egal, wie sehr ich mich bemühe: Mir fällt weder eine Melodie, noch ein Songtext dazu ein (Bild: https://pixabay.com/)

Jedenfalls wäre die Melodie zwar trotzdem zum Evergreen geworden, aber mit Rühreiern ist keine Hitparade zu gewinnen. Folglich grübelte der spätere Ex-Beatle dermaßen gründlich über den Text nach, dass es weit über ein Jahr bis zu den Aufnahmen dauerte. Auf dem Album "Help!" erschienen, kletterte "Yesterday" an die Spitze der US-Charts und hielt sich dort länger als Rührei, nämlich einen Monat lang. Von den Einnahmen konnten sich die Beatles bestimmt eine Menge Rühreier leisten. Apropos ...

3. Was war zuerst da, Huhn oder Ei? Beides! "Mother and Child Reunion"

Nachdem er sich 1970 von Art Garfunkel getrennt hatte, legte Paul Simon eine Pause von der Musikkarriere ein und lehrte an einer Universität Songwriting. 1972 erschien dann aber endlich sein erstes Solo-Album, ganz bescheiden nach sich selbst betitelt, und mit dem ersten Song des Albums als Single-Auskoppelung. "Mother and Child Reunion" stieg bis auf Platz 4 der US-Charts und stellt einen seiner bekanntesten Songs dar.

Angeblich soll er zu dem Titel in einem China-Restaurant inspiriert worden sein, als er in einem Glückskeks die Botschaft: "Du Musiksong geschrieben heißen Mutter and Schild Brauunion". Dieser leider verunglückte, da leicht rassistisch angehauchte Witz stimmt natürlich nicht. Tatsächlich fand Paul Simon den Songtitel auf der Speisekarte: Bei "Mother and Child Reunion" handelte es sich um ein gebratenes Huhn mit Ei. Was sogar ich als Horrorfan ungebührlich makaber finde. Aber auch rühreiend, irgendwie.

4. Zum Welthit in einer Viertelstunde: "Wipe Out"

Wie, "Wipe Out"? Nie gehört? Doch, das Stück habt ihr schon unzählige Male gehört!

Unbestreitbar haben die "Surfaris" 1962 mit "Wipe Out" einen der bekanntesten Instrumentaltitel überhaupt geschrieben. Bemerkenswerterweise waren die "Surfaris" nicht nur eine blutjunge Band, sondern hatten den Song als B-Seite einer Single geschrieben, mit der sie – Schockschwerenot! – einfach nur ein bisschen Geld verdienen wollten. Mit Unterstützung eines Studiobesitzers war das Stück in knapp einer Viertelstunde geschrieben, die Aufnahme selbst soll der Legende nach auch nicht viel länger gedauert haben. Und trotzdem war ein Welthit geboren, der bis auf Platz 2 der US-Charts führte.

Und zu einem kuriosen Rechtsstreit. Eine Band namens "The Impacts" beanspruchte die Urheberrechte an "Wipe Out". Nach verlorenem Prozess benannten sich "The Impacts" kurzerhand in "The Original Surfaris" um, was aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen rechtlich offenbar kein Problem darstellte. Doch während die "Surfaris", also die echten, nicht Original-Surfaris, noch zwei kleinere Hits hatten, kam die Karriere der Original-Surfaris, also nicht die echten, nie so ganz in die Gänge. 1965 lösten sich die Original-Surfaris auf, während die Nicht-Original-Surfaris, also die echten, noch Jahrzehnte später auf der Bühne standen.

Die Erstellung dieses Artikels dauerte übrigens erheblich länger als das Schreiben des Welthits "Wipe Out". Euer heutige fun fact fürs Poesiealbum.

5. "Money for nothing", oder: Ironie für Fortgeschrittene

1985 waren die "Dire Straits" bereits Stars. Der Karrierehöhepunkt sollte aber in diesem Jahr mit dem Album "Brothers in Arms" folgen, insbesondere mit der Single "Money for Nothing", die es in den USA bis an die Spitze schaffte. Das Video zum Millionenseller war das erste computergenerierte Musikvideo der Geschichte, das zudem das erste auf MTV Europe gespielte Video war. Die Textzeile "I want my MTV" dürfte dabei ebenso wenig geschadet haben wie der Umstand, dass sie vom damals noch aktiven Sting gesungen wurde. Quasi zum Drüberstreuen gab es auch noch einen Grammy (nicht zu verwechseln mit dem Granny für die langweiligste "als ich noch ein Kind war"-Geschichte).

Und wie kam Band-Chef Mark Knopfler auf die politisch höchst unkorrekten Textzeilen wie: "See the little faggot with the earring and the makeup"? Ihm zufolge stand er in einem Elektronikladen herum, als zwei Arbeiter in der Fernseherabteilung über die ausgestrahlten MTV-Videos zu lästern begannen. Angeblich holte er sich an der Kassa Papier und Bleistift, um die Lästereien der beiden mitzuschreiben. Der Rest ist Musikgeschichte und die beiden unbekannten Arbeiter dürften sich später gegenseitig in die Ärsche gebissen haben, ironischerweise die Vorlage für einen Welthit geliefert zu haben. Was lernen wir daraus? Wenn plötzlich Musikstars neben uns stehen, lieber übers Wetter reden oder die Klappe halten.

6. "Smoke on the Water": Mit Frank Zappa brennt was an ...

"Smoke on the Water" ist nicht nur der bekannteste Song von "Deep Purple" und eine der meistverkauften Singles der Geschichte, sondern auch der Sonderfall eines Liedes, das seine Entstehungsgeschichte direkt mit dem Song verwoben hat. Ende 1971 befanden sich "Deep Purple" für Albumaufnahmen in Montreux und wohnten im "gambling house", einem Casino-Hotel. Eines Abends spielten Frank Zappa und seine "Mothers of Invention" im Casino, als ein Feuer ausbrach, angeblich durch eine Signalpistole ausgelöst.

Zwar konnten sich alle Anwesenden retten, aber das Gebäude brannte bis zu den Mauern nieder, wobei der Rauch des gewaltigen Feuers über dem Genfersee schwebte – eben "Smoke on the Water". Der Rest ist, wie man so schön und meist abgedroschen sagt, Geschichte: Der Gitarrenriff zählt zu den bekanntesten der Rockgeschichte, der Song ist untrennbar mit "Deep Purple" verbunden, und das kleine Schweizer Städtchen Montreux erhielt kostenlose Werbung. Bloß sollte man sich bei Hotelaufenthalten über die Notausgänge informieren.

Wenn man genau hinsieht, kann man ...

Wenn man genau hinsieht, kann man oben links noch ein Stückchen vom Originalrauch sehen (Bild: https://pixabay.com)

7. ...bei Eric Clapton nicht

Warum wohl trägt das ehemalige Model Pattie Boyd die Nachnamen Harrison und Clapton? 1966 heiratete sie George Harrison, den sie bei den Dreharbeiten zu "A Hard Day's Night" kennen- und offenbar lieben gelernt hatte. Eric Clapton widmete ihr 1972 die Rock-Ballade "Layla". "Layla" basierte auf der persischen Geschichte über Layla und Majnun, einer unerwiderten Romanze, genauso wie es bei Clapton, damals noch enger Freund von Harrison, der Fall war.

Offenbar war Pattie Boyd undsoweiter gerührt von der Ballade, denn 1979 heiratete sie Eric Clapton und lebte mit ihm glücklich bis ans Ende ihrer … nein, nicht ganz. 1985 trennten sich die beiden. Das Ex-Model war zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 41 Jahre alt, womit ich Eric Clapton natürlich keinerlei Oberflächlichkeiten unterstellen möchte. Dass er seit 2002 mit einer knackige 31 Jahre jüngeren Frau verheiratet ist, ergab sich einfach so. Frauen mögen es, wenn der Mann ein paar Jahrzehnte älter ist. Und berühmt. Und reich. Womit ich seiner Ehefrau natürlich nichts unterstellen möchte!

8. Katzen sollten um "Maniac" einen weiten Bogen machen

Von allen Musikern auf dieser Liste verstünde ich mich vermutlich mit Michael Sembello am besten. Der Vollblutmusiker ist Horrorfilmfan und schrieb den Song "Maniac" in der Hoffnung, dass er im Soundtrack eines Horrorfilms aufscheinen würde. Wie alle guten Künstler ist Sembello ein bisschen verwirrt, und als er Songs für einen Tanzfilm namens "Flashdance" einschicken sollte, reichte seine Ehefrau aus Versehen "Maniac" ein. Zwar passte der Rhythmus hervorragend als Soundtrack zu einem Tanzfilm, bloß den Text musste Sembello ein bisschen umschreiben. Und mit "ein bisschen" meine ich Zeilen wie: "He will kill your cat and nail it to the door".

Aber: Ende gut, alles gut! Sembellos "Maniac" schaffte es in den Soundtrack von "Flashdance" und auf Platz 1 der US-Charts. Weitere Welthits hatte er nicht, was er jedoch offenbar auch nicht anstrebte. Vielmehr verlegte sich Sembello auf eher radiountaugliche spirituelle Musik. Der Oscar blieb ihm zwar versagt, da "Maniac" nicht exklusiv für den Soundtrack geschrieben worden war, mit dem Nr.1-Hit dürfte er trotzdem zufrieden und seiner Gattin für das Versehen dankbar sein. Und auch unsere gefellten Freunden, die Katzen, dürfen beruhigt schlafen und müssen sich nicht fürchten, von irren Musikfans an die Tür getackert zu werden.

"War nur Spaß, Felix! Ich schreibe ...

"War nur Spaß, Felix! Ich schreibe den Text um, versprochen" (Bild: https://pixabay.com)

9. Die heimliche Nationahymne der USA: "Born in the USA"

Welcher Titel von Bruce Springsteen fällt praktisch jedem sofort auf Anhieb ein? "Born in the USA", klar. Noch klarer ist, dass es sich um die inoffizielle Hymne der Vereinigten Staaten handelt, eine Liebeserklärung an God's Own Country, richtig?

Nicht ganz, auch wenn dies der damalige US-Präsident Ronald Reagan so sah und den Titel für seine Wahlkampfkampagne benutzen wollte. Der politisch doch eher deutlich links stehende Springsteen verbat sich und Reagan das freilich. Ob der Song für den Wahlkampf geeignet gewesen wäre, steht ohnehin in den Sternen des Sternenbanners, kritisierte er doch den Umgang der Regierung mit den Vietnam-Veteranen.

Doch schlussendlich siegte die Gerechtigkeit und Ronald Reagan wurde erneut zum Präsidenten gewählt! Nein, Moment, ich distanziere mich vom vorangegangenen Satz …

"Wir beginnen mit der Bombardierung ...

"Wir beginnen mit der Bombardierung des Planeten der Affen in fünf Minuten! Hahaha! Ach komm, Charlton, ist doch lustig, oder?" (Bild: https://pixabay.com)

10. Ein geiles Artikel-Ende

Ende gut, alles gut? Nicht unbedingt. Nennen wir es das unrühmliche, traurige Ende. Der in den USA völlig unbekannte und bei Frauen zu recht unbeliebte Internetverschmutzer Rainer I. (vollständiger Name der NSA bekannt) setzte "Geil" auf seine hinreißend dümmliche Liste der schlechtesten Songs aller Zeiten. Weshalb taucht der Song dann trotzdem auf dieser wohlfeilen Auflistung guter Songs auf?

Abseits der subterranen musikalischen Qualität des Hits von "Bruce & Bongo" ist die Entstehungsgeschichte durchaus interessant. Mitte der 1980er Jahre hängten zwei britische Soldaten in Deutschland ab, was 40 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen doch ein klein wenig absurd anmuten musste. Um sich als Angehörige einer den Deutschen völlig fremden Kultur und Sprache zu integrieren, begannen sie Deutsch zu lernen. Dabei stießen sie ständig auf das im Jugendjargon ungeheuer populäre Wörtchen "geil". O glückliche 1980er Jahre, als man noch mit einem Wort für Aufregung sorgen konnte. Heute genügt es ja, als Mann einer Frau ein Kompliment zu machen, um einen Shitstorm zu ernten.

Nun kann man den beiden Hobbymusikern den typisch britischen Humor keinesfalls absprechen. Mit einem billigen Stampfrhythmus unterlegt, fanden die beiden einfach alles geil: Affen, DJs, Boris Becker. Und natürlich sich selbst. Ältere Semester erinnern sich bestimmt noch an ihre Konzerte in ausverkauften Hallen, wo sie von hysterischen Mädels auf Bühnen mit BHs und feuchten Slips überhäuft wurden. Geile Zeiten eben, aber leider vorbei. Immerhin: Nummer 1 in den deutschen und österreichischen Charts muss man auch erst mal werden. Das schafft man nicht einfach so nebenher mit auf langweiligen WC-Sitzungen hingeschissenen Texten für Mitklatsch-Autisten. Wir Europäer haben im Gegensatz zu den vertrottelten Amerikanern Kultur und Niveau. Und jetzt alle: Polonaaaaaaise!

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