Mähnenschaf, Mähnenziege, Mähnenspringer

Durch die neuesten mikrobiologischen und genetischen Forschungen ergeben sich bei der Einteilung der Tiere immer wieder Überraschungen und Änderungen in der Systematik.

Ein Beispiel dafür ist der Mähnenspringer (Ammotragus lervia), der früher Mähnenschaf, später Mähnenziege, aber auch Berberschaf (Aoudad) genannt wurde.

 

Eine kleine historische Schaf-Ziegen-Rückschau

Wen oder was bezeichnen wir als die Vorgänger von Ziege und Schaf?

Die beiden Gattungen Ziege (Capra) und Schaf (Ovis) gehören zur Unterfamilie der Ziegenartigen und der Familie der Hornträger (Bovidae).

  • Fossile Belege gibt es bereits aus dem frühen Pleistozän vor etwa 4 Millionen Jahren. Zu dieser Zeit kamen Ziegenartige Tiere in zahlreichen Lebensräumen vor. Sie besiedelten sowohl alpines Hochland, Wüsten, Steppen, Ödland bis hin zu tropischen Lebensräumen, wo man ihren Ursprung vermutet.

Der vom östlichen Mittelmeer bis Pakistan vorkommende Bezoar (Capra aegagrus) gilt aufgrund von Hornvergleichen als Stammvater der heutigen Hausziege (Capra aegagrus f. hircus). Die Domestizierung der Wildziegen wird auf etwa das 10. Jahrtausend vor unserer Zeit gerechnet.

 

Wie sahen die Urschafe und Urziegen aus?

Die frühen Vorfahren von Schaf und Ziege waren kleine, stämmige Paarhufer mit kurzen Hörnern, kurzem Schwanz und struppigem Fell. Diese kleinwüchsigen Paarhufer passten sich in den Vorzeiten ideal an ihre Lebensräume an.

Felsiges, steiles Gelände, karger Bewuchs, sogar Wüstengebiete waren dabei. Im Verlauf dieser Anpassungsprozesse erfolgte auch die Spaltung in Schafe (Gattung Ovis) und Ziegen (Gattung Capra).

Nur machte nicht jede Art mit, manche konnten sich für keine Seite der Entwicklung entscheiden. Solche Außenseiter gibt es in der Natur immer wieder. Im Tier- und im Pflanzenreich. Da beschließt eine Art quasi ein lebendes Fossil zu bleiben; die andere Art wiederum kann sich für keine der sich spaltenden Gattungen entscheiden und braut sich sein eigenes Süppchen. Still, heimlich, leise und Jahrhunderte unbemerkt, wie der besagte Mähnenspringer.

Schafe, Ziegen

Schafe auf der Alm im Frühjahr (Bild: a.sansone)

Die Besonderheit des Mähnenspringers

Bist du nun Ziege oder doch Schaf? Diese Frage stellte sich bereits seit Langem.

Schon einmal zweifelte man an seiner Bezeichnung "Mähnenschaf", weil er sowohl schaf-, aber auch ziegenähnliche Merkmale besitzt. Also wurde er von Professor Bernhard Grzimek in "Mähnenspringer" oder Mähnenziege umbenannt. Bestimmte Parameter des Serumproteins (Protein = Eiweiß) des Mähnenschafs sind dem der Schafe sehr viel ähnlicher als dem des Serumeiweißes der Ziegen.

Auch das Verhalten deutet mehr in Richtung Gattung Ovis. Aber genauso ausgeprägte ziegenartige Merkmale, wie Schädel- und Skelettbau, zeigen in Richtung Capra.

Ist er also eine Halbziege, ein Hemitragus?

Ammotragus

Heute besteht unter Zoologen die einhellige Ansicht, ihn einer eigenen Gattung "Ammotragus" (aus dem griechischen: Sandziege) zuzuordnen.

"Halb Ziege, halb Schaf, - der Mähnenspringer gilt heute als lebende Version jenes längst ausgestorbenen Hornträgers, aus dem sowohl die «echten» Schafe als auch die «echten» Ziegen hervorgegangen sind." (Markus Kappeler, Schweizer Zoologe, in der WWF Conservation Stamp Collection).

Ein näherer Blick auf Aoudad, den Mähnenspringer

Wie sehen Mähnenspringer aus?

  • Der Mähnenspringer ist ziegenartig von sandbrauner Farbe (Ammotragus=Sandziege) und mit der namensgebenden auffälligen langen Mähne ausgestattet. Sie reicht vom Kinn halsabwärts bis zu den Vorderbeinen. Die kräftigen Hörner stoßen am Scheitel zusammen. Die Männchen können bis zu 100 Zentimeter hoch werden, bis zu 140 Kilogramm schwer.
Mähnenspringer im Tiergarten Schönbrunn

(Bild: Norbert Potensky)

Wo leben Mähnenspringer?

  • Der Lebensraum der Mähnenspringer liegt im nördlichen Afrika, wo sie bis zur Höhe von 3.800 Meter aufsteigen. Aber auch in den nahen Wüstengebieten und Hügelketten leben sie. Ihre Rückzugsgebiete sind der Adrar in Mauretanien, der Hoggar in Algerien, das Tassili-Djado-Gebirge zwischen Algerien und Niger, das Aïr-Gebirge in Niger, der Adrar-des-Iforhas in Mali, das Tibesti-Ennedi-Massiv im Tschad und der Meibob im Sudan.
Wohngemeinschaft Aoudad, Berber-Affen im Tiergarten Schönbrunn

(Bild: a.sansone)

Mähnenspringer in den Felswüsten Nordafrikas

Ihr Herdenverhalten ist schafähnlich. Sie leben in kleinen bis mittelgroßen Gruppen, bestehend aus entweder einem Männchen samt mehreren Weibchen oder reinen Weibchenherden mit ihren Kitzen. Die Böcke leben nur bis zur eigenen Fortpflanzungsfähigkeit in ihrem zweiten Lebensjahr mit der Herde, dann bleiben sie entweder in Junggesellengruppen oder einzeln.

Morgens und abends, wenn die Temperaturen erträglicher sind, sind die Tiere auf Nahrungssuche unterwegs. Tagsüber suchen sie Schattenplätze auf. Gräser, Kräuter, Blätter, Zweige zählen zu ihrer Nahrung, Wasser nehmen sie über die Grünnahrung auf und durch Taulecken. Finden sie Wasserstellen, dann suhlen sie sich auch gerne im feuchten Sand. Mit ihren Hörnern scharren sie dann liegend den Sand auf und werfen ihn auf den eigenen Rücken.

Ihre sandfarbene Tönung dient als Tarnung. Bei Gefahr bleiben sie regungslos stehen, um nicht entdeckt zu werden. Natürliche Feinde des Mähnenspringers sind Leoparden, Wüstenluchs und Schakale und die Bejagung durch den Menschen.

Die Paarungszeit der Mähnenspringer ist im Oktober/November. Heftige Kämpfe der rivalisierenden Böcke gehen voraus. Nach einer Tragzeit von etwa 160 Tagen kommen zwischen März und Mai ein bis maximal drei Junge auf die Welt. Bereits nach einer Woche nehmen sie neben der Muttermilch auch bereits Gras zu sich.

  • Bereits wenige Stunden nach der Geburt ist der Nachwuchs trittsicher und folgt seinen Müttern über Stock und Stein. Kein Wunder, die Heimat dieser bedrohten Tierart sind die Felswüsten Nordafrikas, erklärt Tiergartendirektorin Dagmar Schratter (Zoo Schönbrunn). Dort ist auch eine schöne Herde von Mähnenspringern zu beobachten. Weitere entzückende Fotos vom Mähnenspringernachwuchs https://www.zoovienna.at/news/nachwuchs-bei-den-mahnenspringern/
Ich glaub', mich laust der Affe!

(Bild: N.Potensky)

Bedrohte Art oder Bedrohnung von heimischen Arten?

Eine Kuriosität des Mähnenspringers – in Afrika, seiner angestammten Heimat ist er vom Aussterben bedroht – in Nordamerika wiederum ist er als "Neo-Zoon" eine Bedrohung der dort heimischen Dickhornschafe. Dem Menschen und seiner Unvernunft sei Dank!

In ihren angestammten nordafrikanischen Gebieten wurden sie durch Überjagung stark dezimiert, außerdem gefährden Schaf- und Ziegenherden ihre Lebensräume und verwüsten sie. Deshalb ist man auch in Zoos dazu übergegegangen, gemeinsam mit dem WWF (World Wide Fund for Nature) und der IUCN (Internationalen Union für Naturschutz) nachzuzüchten oder ihre letzten Lebensräume unter Schutz zu stellen. Die Aïr-Ténéré-Region in Niger und die Tibesti-Ennedi-Region im Tschad etwa stehen heute unter Naturschutz.

Wenn aus Artenschutz durch Dummheit Bedrohung wird:

Mit der Beliebtheit des Mähnenspringers in Zoos wurde er auch nach Nordamerika verbracht. Aus einem der Zoobestände im Südwesten der USA sind vor vielen Jahren Tiere entkommen oder wurden ausgesetzt. (Auch in Zoos sollen früher so merkwürdige Aktionen vorgekommen sein, wie zur Urlaubszeit bei uns an den Landstraßen. Überflüssige Tiere einfach aussetzen ist nie eine gute Idee!)

Nachdem aber sowohl Klima als auch Nahrungsangebot optimal waren, entwickelte sich ein großer Bestand an frei lebenden Herden, die heute in Texas, Kalifornien und Neu-Mexiko zu finden sind. Diese drohen nun ihrerseits, das einheimische Dickhornschaf (Ovis canadensis) aus seinen Lebensräumen zu verdrängen. Eine absurde Situation.

Systematische Einornung vom Mähnenspringer

  • Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
  • Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
  • Familie: Hornträger oder Rinderartige (Bovidae)
  • Unterfamilie: Ziegenartige (Caprinae)
  • Gattung: Ammotragus
  • Art: Mähnenspringer (Ammotragus lervia)

Bilder aus Tiergarten Schönbrunn Mähnenspringer mit freundlicher Überlassung von Zoovienna/N.Potensky

... natürlich möchte man sagen; ein eher seltenes Tier, da muss doch auch sicherlich die Jagd danach um teures Geld angeboten werden.

Ein paar Menschen, denen weder Geld noch Leben etwas bedeutet, aber Jagdtrophäen die Augen leuchten lassen, finden auch für die Jagd nach dem Mähnenspringer das passende Portal.

Adele_Sansone, am 16.08.2015
0 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Bildquelle:
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Warum haben Rosen keine Dornen?)
https://pagewizz.com/welche-pflanzen-sind-giftig-fur-katz... (Welche Pflanzen sind giftig für Katzen?)

Autor seit 5 Jahren
270 Seiten
Laden ...
Fehler!