Was ist an diesem Reiseführer anders?

"Berlin zum Mitmachen – Hands on Berlin" aus dem Del Medio Verlag ist ein Reiseführer ganz eigener Art. Der Titel ist unbedingt wörtlich zu nehmen. Wer auch nur ein paar der Vorschläge in die Tat umsetzt, wird selbst als regelmäßiger Berlin-Tourist bekannte Berliner Wahrzeichen und Spezialitäten wie Speisen oder Verkehrsmittel neu erleben. Das Buch lädt seinen Besitzer ein, darin herumzumalen, zu kritzeln und zu schreiben. Gleich zu Beginn erscheint ein leerer Bilderrahmen mit der Frage: "Wäre dies kein Buch... wie sähe er, sie, es wohl aus?" Die Gestalt soll in den Rahmen gemalt werden und einen Namen bekommen. Weiter geht es mit einer Liste der Ziele und ihren Bus- und U-Bahn-Stationen: Hier gleich ausfüllen! Mit Malen nach Zahlen entstehen die Umrisse der Stadt und nach einmal Umblättern kommt eine Karte mit den einzelnen Stadtteilen zum Eintragen, wo man schon überall war … als Beispiel ein Pfeil für das Brandenburger Tor in der Mitte. In diesem Stil geht es nun nicht etwa einfach weiter, sondern das Buch wird persönlicher. Ein aufgeklappter Koffer steht nach der Ankunft in Berlin in einem Zimmer. Im Fenster ist der Funkturm zu sehen. Eine von der Decke baumelnde nackte Glühbirne wartet auf Verschönerung. Der Rest – also praktisch alles – soll nun mit Stiften vervollständigt werden, einschließlich Kofferinhalt. Ein leerer U-Bahnsteig ist zeichnerisch zu bevölkern, danach ein leeres Zugabteil. Triste Hochhausfassaden bitten um bunte Farbe. Immer wieder tauchen in "Berlin zum Mitmachen" unvollständig dargestellte Personen auf zum freien Vollenden ganz nach Fantasie. Mal handelt es sich um verschiedene Typen von Berlinern oder die Badegäste im Wannseebad.

 

 

  

 

Im Stil von "Wer wird Millionär?" erscheint das Quiz "Wer wird Berlinär?" und ein Berliner Vokabeltest fehlt ebenso wenig. Später ertönt auf der Museumsinsel die Aufforderung: "Die braucht mal ein frisches Make-up" - und gleich darf sich der Museumsbesucher an die Verschönerung Nofretetes machen – sicherheitshalber nur im Buch.

Wem das Herummalen in einem guten Buch noch zu brav ist, darf gern zur Schere greifen. Einige der abgebildeten Leute lassen sich brutal mit der Schere dreiteilen in Kopf-, Rumpf- und Beinpartien und zu neuen Figuren mixen. Aus zwei Buchblättern lässt sich mit nach Anleitung und aufgedrucktem Schnittmuster eine papierene Reisetasche basteln, später noch getoppt von einer Kulturtasche aus ebenfalls zwei Buchblättern beziehungsweise vier Seiten. Was hinein soll, steht schon drauf: Eintrittskarten, Flyer und so weiter. Auf der Rückseite ist Platz für Notizen der besuchten Kulturstätten beziehungsweise Einrichtungen. 

Vom Malen und Basteln ordentlich Hunger bekommen? Eine leere Pappschale wartet schon auf die hineingemalte Lieblingscurrywurst. Oder soll es doch lieber ein Döner sein? Sogar einen eigenen vorskizzierten Imbisstand darf der Bucheigentümer ganz nach Belieben ausstatten. Der erste Stammkunde ist auch schon schemenhaft zu sehen und ja, hier kann sich der Imbissbetreiber seine Kundschaft wirklich ganz nach Wunsch erschaffen. Besser wäre nur, wenn bis dahin die Ratte unter dem Imbisswagen verschwunden ist. 

Ein Offline-Blog und ein vorbereitetes Tagebuch zum Eintragen der Erlebnisse und Beurteilungen nach Sternen beschließen das Buch, gefolgt von einer wiederum aus zwei Buchblättern bastelbaren Reisetasche Nr. 2 zur Aufbewahrung der fertigen und herausgetrennten Tagebuchseiten. 

Was "Berlin zum Mitmachen – Hands on Berlin" sonst noch alles auf seinen 165 kurzweiligen und amüsanten Seiten an Überraschungen bereithält, sei hier nicht komplett verraten. Wer es beim Titel vielleicht schon ahnt – und das dazu bei einem Buch als Reiseführer durch eine bei internationalem Publikum beliebte Stadt: Jawohl, dieses Werk ist zweisprachig auf Deutsch und Englisch verfasst. So können auch des Deutschen nicht so mächtige Berlin-Touristen ihren Spaß mit Berlins neuen Seiten haben.

 

Welche Zielgruppe spricht dieser Reiseführer an?

Besonderen Spaß machen wird "Berlin zum Mitmachen – Hands on Berlin" Kindern im Schulalter, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Von den Älteren wird jeder selbst wissen, ob ihm so ein Buch etwas geben wird. Der Band bietet schon einige brauchbare Informationen, sieht aber Schabernack, Entdeckerlust und einen leichten Hang zur Anarchie als seine Hauptaufgabe an. Einen traditionellen Reiseführer kann und will das Buch nicht ersetzen. Erwachsenen, die sich Humor und einen Sinn für kindliche Ausgelassenheiten bewahrt haben, könnte diese Lektüre als ungewöhnliche Ergänzung ihrer Städte-Info-Lektüre gefallen.

Vokabeltest

Niemand ist außerdem gezwungen, allen Vorschlägen im Buch zu folgen. Es handelt sich um Vorschläge mit Lerneffekt: für die Fantasie, die Geschicklichkeit und natürlich lauter unterschiedliche und wissenswerte Fakten über Berlin. Längst ist ja erwiesen, dass das, was unter Einsatz gleich mehrerer Sinne verinnerlicht und erlebt wurde, besonders gut im Gedächtnis bleibt. Hiervon profitieren dürften auch die Englischkenntnisse. Ganz nebenbei, ohne dass es als Lernen empfunden wird, schleichen sich neue englische Vokabeln und Redewendungen in den Kopf.

 

Wer denkt sich denn überhaupt so etwas aus?

Es handelt sich um eine Autorin. Der zunächst seltsam erscheinende Autorenname "High K" verrät zumindest den Vornamen der Verfasserin, sofern er auf Englisch ausgesprochen wird. Schon als Kind hat sie gern gemalt und machte dabei vor fremdem Eigentum nicht halt, was gelegentlich Ärger gab. Ihre früh geübte Leidenschaft mündete später in ihre berufliche Laufbahn als selbstständige Illustratorin und Grafikerin. Sie lebt seit vielen Jahren in Berlin – und da war eines Tages ein Buch wie dieses einfach fällig.

 

Wie toll ist das Buch nun wirklich?

Ist dieser mal so völlig andere Berlin-Reiseführer wirklich einen Kauf wert? Oder ist es eines dieser Gewollt-witzig-sein-wollen-Bücher, die nach ein paar Lachern schnell zu nerven anfangen?

Im Schwimmbad

 

  

Für jeden ist dieses Buch sicher nichts. Bei Kindern und Jugendlichen kommt "Hands on Berlin..." am ehesten gut an. Die Berlin-Infos sind informativ, in kleinen Häppchen und nicht überfrachtend, obwohl gelegentlich etwas mehr in die Tiefe gehende Details nicht geschadet hätten. Ja, und dann ist dies also ein Buch, in dem man malen und herumschneiden darf.

Wobei, wenn etwas Derartiges ausdrücklich erlaubt ist, macht es da nicht nur halb so viel Vergnügen? Der Reiz liegt doch im Verbotenen – und hier ist das nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht! – Hallo? Das hier ist ein Mitmachbuch! Bei Malbüchern ziert sich schließlich auch niemand, und dieses Buch hat eindeutig gewaltig mehr zu bieten. 

Was leider fehlt, aber gut gepasst hätte: Ein paar extra "Gimmicks" wie bunte Stifte, Radiergummi oder Kreativitätspillen in Form von Drops.

 

In der U-Bahn

Bleibt noch die Frage, ob ein Buch zum Kaufpreis von immerhin 12,90 Euro nicht zu schade ist, um darin hemmungslos herumzumalen und zu -schreiben, Seiten zu zerschneiden und gar herauszureißen? Das Erlebnis sollte diesen Betrag im Erziehungs- oder Vergnügungsbudget wert sein. Statt 12,90 Euro in diesem Fall mit einem gewöhnlichen Buch zu verbinden, das "gut behandelt" werden muss: Hier handelt es sich um echtes Begreifen. Noch eins draufgesetzt: "Berlin zum Mitmachen – Hans on Berlin" ist pädagogisch wertvoll! Es mag auch gedanklich helfen, diesen Posten unter Reisespesen zu verbuchen.

 

Als Wertung vergebe ich dem Buch insgesamt drei Sterne von fünf möglichen. Diese drei Sterne setzen sich aus zwei Bewertungen zusammen: Vier Sterne für die tollen Mitmachideen, drei – schwache – Sterne für die doch recht oberflächlichen touristischen Informationen zu Berlin.

 

Blogg dein Buch – Bücher gratis erhalten zum Lesen und Besprechen im Blog

 

 

 

Blogger können sich bei Bloggdeinbuch.de für Bücher zum Rezensieren bewerben. Auch das Autorenportal Pagewizz ist als Blog hierfür anerkannt. Der Autor muss dort nur regelmäßig Artikel veröffentlichen und wenigstens drei seiner Artikel müssen einen "Editor's Choice" erhalten haben. 

Vielen Dank dem Del Medio Verlag, der mir mein Rezensionsexemplar für "Blogg dein Buch" zur Verfügung gestellt hat.

 

Textdompteuse, am 10.05.2013
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Bildquelle:
a.sansone (Lechweg - Wie es ist an einem Wildfluss zu wandern)
Heidelberger (Was macht die Speicherstadt Hamburg zum Weltkulturerbe?)

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