Was sind eigentlich Gene?

Gregor Johann MendelEs war Gregor Johann Mendel der im 19. Jahrhundert mit seinen Experimenten die Grundlagen für das Feld der Vererbungslehre - oder Genetik - geschaffen hat. 

Mendel experimentierte mit Kreuzungen von Erbsen. Nach ungefähr 28000 Erbsenkreuzungen konnte er nachweisen, dass viele Eigenschaften einer Pflanze weitervererbt wurden. Zum Beispiel die Form und Farbe von Samen, die Farbe der Blume und so weiter.

Nun gibt es zwei Dinge, denen man sich bewusst sein sollte: 1. Mendel hat seine Ergebnisse - wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen - ein bisschen "verschönert" und an seine Theorie angepasst, durch die Art und Weise wie er sein Experiment geführt hat.

2. Mendel hat seine Erbsen in sehr gleichförmiger, kontrollierter Umgebung gezüchtet.

Menschen sind deutlich komplexer als Erbsen, und noch dazu wachsen keine zwei Menschen in einer so gleichförmigen, kontrollierten und identischen Umgebung auf.

Das heißt keineswegs, dass Mendel nicht ein brillianter Geist war, und einen großen wissenschaftlichen Beitrag geleistet hat.

Das Bild, was sich daraus ergeben hat, war dass Gene so etwas wie "Baupläne" oder "Blaupausen" sind, die vorbestimmen wie Lebewesen sich entwickeln werden.

Und viele Jahrzehnte lang glaubten Forscher, dass jeder Mensch solche Baupläne in sich trägt. Sie glaubten, dass es Gene gibt, die Deinen Intelligenzquotient bestimmen. Die Deine Gesundheit bestimmen. Die festlegen wie aggressiv Du bist. Und so weiter.

Ein neues Verständnis von Genetik - Gene sind im 21. Jahrhundert nicht mehr das, was sie im 19. Jahrhundert waren

Genauer gesagt: das Verständnis, das Wissenschaftler heute von Genen haben ist nicht mehr das, was sie im 19. Jahrhundert von Genen hatten.

Genetiker wissen heute bereits, dass Gene nicht einfach "Baupläne" sind, die vorbestimmen wie wir uns entwickeln werden. Es ist ihnen einfach noch nicht gelungen, dieses neue Bild von Genen zu vermitteln.

Weshalb nicht? Nun, zum einen ist es nicht ungewöhnlich, dass eine neue Theorie viele Jahre braucht, bis sie ein bereits bestehende Theorie in der breiten Öffentlichkeit "ersetzt". Und zum anderen ist das neue Verständnis von Genen sehr differenziert, sehr komplex, sehr kompliziert - und es ist bis jetzt noch nicht wirklich jemandem gelungen das einprägsam rüberzubringen. Nicht wirklich das Material aus dem Schlagzeilen gemacht sind.

Depressions-Gen, Gewalt-Gen, Intelligenz-Gen - all das ist leicht verdaulich und steigert Einschaltquoten. Und es hat etwas Beruhigendes: wenn ich das Rauchen nicht sein lassen kann, liegt das vielleicht daran, dass ich ein Abhängigkeitsgen habe. Wenn ich übergewichtig bin, liegt das vielleicht daran, dass ich ein Übergewichtigkeitsgen habe. Es ist also nicht mein Fehler - ich kann nichts dafür. Und ich brauche auch nicht weiter versuchen etwas dagegen zu tun.

Jon Beckwith war der erste Wissenschaftler dem es 1969 gelungen ist ein Gen zu isolieren. In einem Interview mit dem Spiegel ging auch er näher darauf ein weshalb es so viele Missverständnisse im Bereich der Genetik gibt. (Siehe Interview mit Gen-Pionier, Spiegel November 2010)

Aber zurück zum neuen Verständnis von Genen:

Wenn Gene nicht Baupläne sind, was sind sie dann? Das vielleicht beste Bild für Gene sind: Knöpfe, Schalter und Regler. Ob ein Knopf gedrückt wird - das hängt von Umwelteinflüssen, und anderen Genen, und Umwelteinflüsse auf andere Gene ab. Ob und wie weit ein Regler aufgedreht wird - auch das ist abhängig von Umwelteinflüssen und der Interaktion von anderen Genen mit Umwelteinflüssen und anderen Genen.

MischpultStell Dir ein Mischpult vor. Mit vielen Reglern und Knöpfen und Schaltern. In jeder Zelle Deines Körpers befindet sich so ein Mischpult.

Und jeder Knopf, jeder Schalter, jeder Regler kann zu jedem Zeitpunkt anders eingestellt werden - durch einen bestimmten Umwelteinfluss, durch andere Gene.

Und tatsächlich werden beständig Regler geschoben, Schalter umgelegt, Knöpfe gedrückt. Rund um die Uhr, jeden einzelnen Tag Deines Lebens.

Zu den Umwelteinflüssen zählen nicht nur solche Dinge wie Umweltgifte und Ernährung, sondern auch Gedanken und Gefühle.

Das ist mit einer der Gründe, warum Du und ich - als Menschen im 21. Jahrhundert - so unterschiedlich von Neanderthalern sind, obwohl wir vom genetischen Standpunkt aus fast identisch mit Neanderthalern sind (Deine Gene gleichen zu etwa 99,5% bis 99,9% denen eines Neanderthalers).

"Hallo, ich bin ein Gen"

"Hallo, ich bin ein Gen. Man hat mich mal das Depression-Gen genannt. Und man dachte, ich könnte nur sagen: Ich bin so traurig. Ich fühle mich so schlecht. Ich hab zu nix mehr Lust. Ist doch eh alles sinnlos."

"Dabei kann ich noch ganz viele andere Dinge sagen. Zum Beispiel: Das Leben ist schön! Ich fühl mich gut."

"Was ich sage hängt davon ab mit wem ich rede und was mir wiederfahren ist. Insofern unterscheide ich mich vielleicht garnicht so sehr von Dir. Du redest mit Deiner Mutter wahrscheinlich auch anders als mit Deinem Chef. Und Du redest wahrscheinlich auch anders mit Deiner Mutter wenn Du richtig gut gelaunt und glücklich bist als wenn Du wütend und ärgerlich bist."

"Es gibt keinen genetischen Faktor der unabhängig von Umwelteinflüssen untersucht werden kann. Und es gibt keinen Umweltfaktor der unabhängig vom Genom wirken kann. Eine Charaktereigenschaft entwickelt sich aus der wechselseitigen Beeinflussung von Genen und Umwelteinflüssen."

- Michael Meaney, McGill Universität. (Einer der angesehendsten Experten für Genexpression).

Schwarzwälder Gentorte

Du kannst Dir Deine Gene auch ein bisschen wie ein Kuchenrezept vorstellen.

1 Eigelb, 100 Gramm Mehl, 50 Gramm Butter, 25 Gramm Puderzucker, 1 Esslöffel Kirschwasser...

Die gleichen Zutaten, die gleichen Zubereitungshinweise - und trotzdem kommen wenn zehn Leute in ihrer Küche so einen Mürbeteig machen zehn verschiedene Mürbeteigs dabei heraus.

Dabei gibt es viele Faktoren die eine Rolle spielen: welcher Ofen benutzt wird; die Temperatur die der Ofen hat, wenn man den Mürbeteig in den Ofen schiebt; wie lange der Mürbeteig draußen war bevor man ihn in den Ofen geschoben hat, wie man den Teig verrührt hat, die Luftfeuchtigkeit, wie groß das Eigelb ist; welche Art von Mehl man verwendet, und, und, und. Manches davon lässt sich leicht kontrollieren (z.B. Weizenmehl Typenangabe), manches davon nicht so sehr - und wir wissen einfach nicht, welche Faktoren in welcher Kombination den Mürbeteig wie beeinflussen. (Aber wir wissen, dass bestimmte Kombinationen von kleine Veränderungen manchmal große Unterschiede bewirken können).

Nun steckt in einem Gen viel mehr Information als in einem Kuchenrezept. Aber ein Mensch ist auch ungemein komplexer als eine Schwarzwälder Kirschtorte.

Schweizer Genmesser - Ein Gen kann auf unterschiedliche Arten wirken

Nach den vielen Metaphern und Fabeln, lohnt es sich doch nochmal konkret zu werden. Gene haben nämlich eine ganz konkrete Aufgabe: Proteine machen.

Und es gibt eine ganze Reihe von Genen, die eben nicht nur ein bestimmtes Protein produzieren können - sondern verschiedene Proteine, abhängig davon wann und wie sie aktiviert werden.

Manche Gene sind also ein bisschen wie ein Schweizer Taschenmesser - sie können auf verschiedene Weise eingesetzt werden, zu verschiedenen Zwecken, situationsabhängig.

Manche Eigenschaften sind mehr genetisch festgelegt als andere

Es gibt einige Dinge, die eher genetisch bestimmt sind als andere, vor allem simple, einfache, klar definierbare, konkrete Eigenschaften. Körpergröße oder Augenfarbe ist zum Beispiel viel einfacher "programmierbar" als ein Gen für komplexe Eigenschaften wie Intelligenz, Mut, Fleiß, emotionale Stabilität oder Ehrlichkeit.

Große Eltern haben in der Regel große Kinder, kleine Eltern haben in der Regel kleine Kinder.

Doch selbst hier spielen Umwelteinflüsse eine große Rolle. Beispielsweise gibt es eine Studie, die die Größe von Japanern verglichen hat. Gleicher Jahrgang, gleiche Zeitspanne - aber die einen sind nach USA ausgewandert, die anderen blieben in Japan. Gleiche genetische Grundlagen, aber unterschiedliche Körpergröße - die nach Amerika ausgewanderten Kinder waren deutlich größer. Der Grund? Andere Ernährungsgewohnheiten, die sich anders auf das Körperwachstum auswirken.

Das mag banal klingen - doch rufe Dir in Erinnerung: Körpergröße gilt als eine besonders stark genetisch beeinflusste Eigenschaft. Wenn selbst solch eine stark genetisch beeinflusste Eigenschaft durch Ernährungsgewohnheiten stark variabel ist, um wie viel variabler sind dann mittelmäßig oder gering genetisch bedingte Eigenschaften?

Also, was jetzt? Gen oder Umwelt?

Ein Grund, weshalb sich diese Frage so schwer beantworten lässt ist, dass sie in sich schon eine falsche Grundannahme hat. Nämlich dass sich Gene und Umwelteinflüsse voneinander trennen lassen. Dem ist jedoch nicht so - zumindest nicht, wenn es darum geht herauszufinden, wie sie wirken.

Das ist etwa so, wie zu fragen: Was macht Wasser mehr zu Wasser? Sauerstoff oder Wasserstoff?

Die Frage lässt sich nicht beantworten, denn keines kann unabhängig vom anderen zu Wasser werden, und zu versuchen beides voneinander zu trennen und es trotzdem Wasser sein zu lassen funktioniert nicht.

Unsere Umwelt beeinflusst, was unsere Gene tun, und unsere Gene beeinflussen, wie wir auf unsere Umwelt reagieren.

Also kommt es vielleicht auf eine andere Frage zurück, die mit Genen garnicht so viel zu tun hat:

Kommen wir mit unserer Persönlichkeit und unserem Charakter auf die Welt, werden wir damit geboren und können es nicht (oder nur minimal) ändern, oder haben wir es in der Hand unseren Charakter und unsere Persönlichkeit selbst zu formen?

Und bislang ist es selbst den expertigsten Experten noch nicht gelungen (egal ob es Experten auf dem Gebiet der Genetik, der Entwicklungspsychologie, der Neurologie oder Weißgottwasogie sind) sich auf eine Antwort zu einigen.

Verfechter beider Glaubensrichtungen haben gute Argumente.

Du hast die Wahl - Welcher Glaube ist nützlicher für Dein Leben?

In diesem Artikel hast Du viele Argumente kennengelernt, die darauf hinweisen: Gene bestimmen Deinen Charakter nicht so sehr wie Erlebnisse und Entscheidungen in Deinem Leben.

Tatsache ist, dass Wissenschaftler sich nicht einig sind - und beide Seiten können auf Fakten und Studien verweisen, die Ihre Theorie bekräftigen.

Doch abgesehen von den wissenschaftlichen Theorien - was ist für Dich in Deinem Leben nützlicher?

Stell Dir vor Deine Persönlichkeit sei genetisch bestimmt. Wenn Du bestimmte Eigenschaften hast, die Du nicht magst, musst Du Dich halt damit abfinden.

Stell Dir vor, jeder Mensch hätte seinen Charakter ab einem gewissen Alter selbst in der Hand. Ist selbst für seine Persönlichkeit verantwortlich. Stell Dir vor, jeder Mensch könne positive Charkterzüge kultivieren, und negative ablegen.

Sicher - es ist nicht einfach - und es kostet sicherlich oft mehr Mühe und Kraft, als viele Leute bereit sind zu investieren. Doch kannst Du Dir vorstellen, dass das, was Du über Dich selbst glaubst Dir Kraft verleihen - oder entziehen - kann?

Wäge Beides gegeneinander ab. Stell Dir vor Willi Wütend ist ein Vater mit cholerischem Charakter. Wenn das seit der Empfängnis bestimmte Genetik wäre, müsste man ihm dann nicht sagen: "Du bist halt so. Schrei weiter Frau, Kinder, Freunde und Kollegen an jedes mal wenn Dir der Kragen platzt"? Glaubst Du nicht, dass Willi Wütend gezielt Dinge tun können, die ihm helfen würden ein ruhigeres Gemüt zu entwickeln?

Mir selbst fällt nur ein guter Grund ein, weshalb ich glauben würde, dass ich meinen Charakter und meine Persönlichkeit nicht selbst beeinflussen kann. Und das wäre: um mir vergebene Liebesmüh und Enttäuschungen zu ersparen. Um nicht Jahre meines Lebens damit zu verbringen gegen Windmühlen zu kämpfen - Jahre, die ich damit hätte verbringen können etwas Sinnvolleres zu tun, etwas Realistisches tatsächlich zu erreichen.

Aber dieser Grund ist nicht Grund genug. Denn meistens machen wir uns kleiner als wir sind (und das gilt auch - und oftmals gerade - für die Menschen, mit einem aufgeblähten Ego).

"Die größte Gefahr für die meisten von uns liegt nicht darin, dass wir unser Ziel zu hoch setzen und es verfehlen, sondern dass wir unser Ziel zu niedrig ansetzen und es erreichen."

- Michelangelo.

Es gibt viele Menschen die ihren Charakter im Laufe ihres Lebens geändert haben. Energievolle, optimistische, positiv eingestellte Menschen die aufgrund einer traumatischen Erfahrung ihre Lebensfreude verloren haben - und einst antriebslose, depressive Menschen die ihr Leben jetzt mit Begeisterung und Freude leben.

Und wenn Du Dir Dein eigenes Leben anschaust, und das Leben von anderen wirst Du feststellen: oftmals bleibt unser Charakter gleich im Verlaufe der Jahre. Es ist einfach einfacher so zu bleiben wir man ist. Doch Du wirst bestimmt auch Beispiele finden, wo Du - oder ein Mensch den Du kennst - eine Charakterwandlung durchlaufen hat. Manchmal ist solch eine Wandlung durch zufällige Ereignisse in die Wege geleitet worden - und manchmal durch willentliche Anstrengung.

Wahrscheinlich sind willentliche Charakterwandlungen die seltensten - weil sie am meisten Energie kosten, und wir Menschen die Tendenz zur Gemütlichkeit haben. Doch möglich ist es allemal :-)

Autor seit 5 Jahren
7 Seiten
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