Zum ersten Buch

Tobias Hürter und Max Rauner zeigen zunächst, dass die Idee des Multiversums das letzte in einer Reihe von wissenschaftlichen Weltbildern ist, das mit dem von Aristoteles begründeten, später von Ptolemäus ergänzten, geozentrischen Weltbild begann, wobei es schier unglaublich erscheint, dass dieses Weltbild sich fast zwei Tausend Jahre behaupten konnte, bis es durch das von Kopernikus entworfene heliozentrische Weltbild abgelöst wurde. Dieses prägte – mit unterschiedlichen Nuancen - die Wissenschaft fast 500 Jahre, aber mit der Idee des Multiversums steht nun anscheinend erneut eine wissenschaftliche Revolution bevor. Für die Vorstellung einer Vielzahl von Parallelwelten sprechen in der Tat – so die Autoren – einige gewichtige Argumente.

Pro-Argumente

  • Grundsätzlich könnte die Theorie des Multiversums eines der größten Rätsel der Menschheit lösen: unsere Existenz. Das heißt: Die uralte Grundfrage – Warum ist die Welt so, wie sie ist? – erhält durch die Theorie des Multiversum eine ganz einfache Antwort: Unsere Welt ist nur eine von unzählig vielen anderen Welten, die zum Teil ganz anders beschaffen sind, zum Teil unserer ähneln. Die Welt ist also so, wie sie ist, weil sie so sein muss, damit wir in ihr leben und über sie nachdenken können, und die Welt ist gleichzeitig anders, auf jede nur erdenkliche Art und Weise. Und zwar wird der Umstand, dass ein Universum, das intelligentes Leben hervorbringt, den Beobachtern zwangsläufig wie maßgeschneidert erscheint, als anthropisches Prinzip bezeichnet.
  • Das nächste Pro-Argument ist die Antwort auf einen Einwand der Gegner der Theorie des Multiversums. So argumentieren diese, dass, wer die Theorie des Multiversums akzeptiere, hehre Ideale der Wissenschaft opfere, vor allem die Forderung nach Überprüfbarkeit in Experimenten. Denn die Paralleluniversen können natürlich nicht direkt beobachtet werden. Ein Lichtstrahl kann niemals von einem Universum in das nächste gelangen. Und die Gegner halten es für vermessen, über etwas zu theoretisieren, was wir nicht sehen können. Die Multiversionstheoretiker finden es vermessener, zu sagen, etwas existiere nicht, nur weil wir es nicht sehen können. Sie sind deshalb davon überzeugt, dass es jenseits des kosmologischen Horizonts irgendwie weitergeht, und sie setzen in diesem Zusammenhang auf einen Indizienprozess. Ihr Argument lautet: Wenn eine Multiversumstheorie in unserem eigenen Universum gut mit den Beobachtungen übereinstimmt und darüber hinaus andere Universen vorhersagt, warum sollen wir diese Aussagen über andere Universen nicht ernst nehmen?
  • Hilfreich bei diesem Indizienprozess ist das oben genannte anthropische Prinzip. Das heißt: Es wird versucht, mit Hilfe dieses Prinzips aus der Vielzahl der Universen, die die Stringtheorie beschreibt, diejenigen herauszufiltern, in denen die Naturgesetze und Naturkonstanten Leben ermöglichen, und damit aus der Multiversumstheorie eine Theorie zu machen, die überprüfbare Vorhersagen macht, wie Physiker das von ihren Theorien gewohnt sind.
  • Die Multiversionstheoretiker können sich auch auf eine interessante Entdeckung berufen. So verkündeten im Jahr 2008 Forscher der NASA, sie hätten beobachtet, dass an einer bestimmten Stelle des Universums Hunderte Galaxienhaufen gemeinsam in eine Richtung fliegen statt wild durcheinander. Manche Forscher vermuten, dass ein Nachbaruniversum die Galaxien mit großer Kraft anzieht.
  • Die Idee des Multiversums gibt es trotz der Dominanz des geozentrischen und später des heliozentrischen Weltbildes seit dem Beginn der abendländischen Kultur, also seit 2500 Jahren, und zwar bei Denkern jeglicher Couleur, seien es Kosmologen, Naturforscher, Philosophen, Theologen oder Schriftsteller.

Zum zweiten Buch

Brian Greene zufolge hat eine ganze Reihe von wichtigen Entwicklungen in der theoretischen Physik dazu geführt, dass Physiker über diese oder jene Form von Paralleluniversen nachdenken. Die Vorstellung von einem Multiversum ist für Greene also die Konsequenz zahlreicher neuer Denkansätze in der Physik, vor allem der Stringtheorie. Ferner lassen sich – so Greene - einige der tiefgründigsten Fragen, mit denen Naturwissenschaftler sich seit Jahrzehnten herumschlagen, mithilfe der Multiversums-Theorie neu formulieren. Er stellt neun verschiedene Konzepte von Paralleluniversen vor, wobei er jeweils die theoretischen Grundlagen beschreibt, auf denen diese beruhen, aber auch die dramatischen und konfliktreichen Kommunikationsprozesse innerhalb der "wissenschaftlichen Community", die das Gewinnen neuer Erkenntnisse oftmals begleitet haben.

Neun Modelle des Multiversums

  • Im ersten Modell, dem Patchwork-Multiversum, wird davon ausgegangen, dass sich der Raum unendlich weit erstreckt, so dass zwangsläufig immer wieder Raumregionen vorkommen, in denen Bedingungen für Leben wie auf der Erde herrschen.
  • Das zweite Modell, das inflationäre Multiversum, basiert auf einem Denkansatz, der für die allerersten Augenblicke des Universums eine superschnelle Wachstumsphase der kosmischen Expansion postuliert, wobei – so Greene – die Vorstellung naheliegt, dass diese inflationäre Expansion sich ständig wiederholt, so dass ein riesiges Netzwerk von Blasenuniversen entsteht.Green vergleicht das inflationäre Multiversum in diesem Zusammenhang auch mit einem riesigen Stück Schweizer Käse, bei dem die Löcher Regionen wie die unsere sind, wo sich der Übergang von der superschnellen zur eher gemächlichen Expansion, also der Phase, in der sich Galaxien, Sterne und Planeten bilden, bereits vollzogen hat, während in den Raumregionen der "Käsemasse" noch die inflationäre Expansion abläuft.
  • Wie Greene betont, scheint jedes Blasenuniversum eine endliche räumliche Ausdehnung zu haben, wenn man es von außen betrachtet, während bei Betrachtung von innen, also aus der Perspektive seiner Bewohner, seine räumliche Ausdehnung unendlich zu sein scheint, wie es auch beim Patchwork-Multiversum der Fall ist. Das heißt: Wenn das inflationäre Multiversum Wirklichkeit ist, sind die Bewohner einer Blase – also wir – nicht nur Bewohner eines inflationären Multiversums, sondern auch eines Patchwork-Multiversums. Inflationäre Paralleluniversen bringen Patchwork-Paralleluniversen hervor. Green folgert daraus, dass wir in einem riesigen inflationären System eines von vielen Paralleluniversen bewohnen, von denen jedes seine eigene riesige Ansammlung von Patchwork-Paralleluniversen enthält.
  • Die weiteren Modelle des Multiversums beruhen direkt auf der Stringtheorie, die der Autor zunächst in ihren Grundzügen vorstellt. So legt die Stringtheorie die Vermutung nahe, dass die Elementarteilchen keine Punkte sind, sondern winzige, fadenähnliche, schwingende Filamente, eben Strings. Die Stringtheorie postuliert ferner wesentlich mehr als drei Raumdimensionen. Mit der Stringtheorie wird die Hoffnung verbunden, dass sie die lange gesuchte Theorie zur Erklärung sämtlicher Naturkräfte sein könnte. Die Stringtheorie scheint mit anderen Worten eine erfolgreiche Verschmelzung von Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik darzustellen, weil sie auch die Gravitation, an der bis dahin alle Bemühungen um eine Vereinheitlichung gescheitert waren, einbezieht. Die Stringtheorie beinhaltet zudem, wie es bei einer erfolgreichen neuen Theorie üblich ist, die entscheidenden Erkenntnisse aus älteren, erfolgreichen physikalischen Systemen.
  • Die erste Form des Multiversums, das die Stringtheorie nahelegt, ist das sogenannte Branen-Multiversum. Branen kann man sich als riesige kosmische Brotscheiben vorstellen, die zusammen einen gigantischen kosmischen Brotlaib bilden. Danach befindet sich unser Universum auf einer dreidimensionalen Bran, die in einer höherdimensionalen räumlichen Weite treibt. In der Nähe befindet sich, so wird hier angenommen, eine Partner-Bran, mit der es in regelmäßigen Abständen zu einem Zusammenstoß kommt, durch die die Strukturen der Branen vernichtet werden, bis es zu einer kosmischen Wiedergeburt kommt. Kollisionen zwischen Branwelten können also zu urknall-ähnlichen Anfängen führen, so dass zeitlich getrennte Paralleluniversen entstehen. Man spricht deshalb auch vom zyklischen Multiversum. Für Greene ist aber auch ein sanfteres Zusammenprallen zwischen Branen vorstellbar, das Spuren hinterlässt, die man feststellen könnte.
  • Das dritte auf der Stringtheorie (und auf der These der immerwährenden Inflation) beruhende Modell, das Greene präsentiert, ist das Landschafts-Multiversum. Darunter kann man sich eine Landschaft mit zahlreichen Gipfeln und Tälern vorstellen, die unterschiedlichen Werten der kosmologischen Konstanten, d.h., der Menge an dunkler Energie, die den Raum erfüllt, entsprechen sowie allen möglichen Formen der zusätzlichen Dimensionen, die der Stringtheorie zufolge existieren. Resultat ist eine riesige Abfolge verschachtelter, expandierender Blasenuniversen, in denen die zusätzlichen Dimensionen jeweils eine andere Form haben. Wie Greene betont, dürfte unser Universum irgendwo in dieser Landschaft beheimatet sein.
  • Das sechste Modell ist das Quanten-Multiversum. Es beruht auf der mit der Quantenmechanik einhergehenden Vorstellung, dass jede in ihren Wahrscheinlichkeitswellen verkörperte Möglichkeit in einem aus einer Riesenzahl von Paralleluniversen realisiert ist.
  • Das siebte Modell ist das holographische Multiversum, das auf der – ebenfalls aus der Stringtheorie gewonnenen - Erkenntnis beruht, dass Informationen, wie Greene betont, auf der Oberfläche eines Schwarzen Lochs gespeichert werden. Daraus kann nämlich gefolgert werden, dass das, was in einer Raumregion geschieht, eine Spiegelung von Gesetzen und Prozessen ist, die sich auf ihrer Oberfläche befinden. Unsere vertraute dreidimensionale Wirklichkeit wäre also so etwas wie die holographische Projektion dieser Prozesse. Demnach gäbe es hier stark miteinander verflochtene Paralleluniversen.
  • Nachdem er sich mit Paralleluniversums-Theorien beschäftigt hat, die das Produkt mathematischer Gesetze waren, wendet sich Greene der Frage zu, ob der Mensch selbst künstliche Universen erschaffen könnte, und zwar zum einen durch Erzeugung eines Urknalls und zum anderen durch Computer-Simulation, wobei Letzteres für Greene zu der Frage führt, ob wir mit Sicherheit behaupten können, dass wir nicht selbst in einem solchen virtuellen, im Computer erzeugten Universum leben, das selbst nur ein Teil eines riesigen simulierten Multiversums wäre. – Diese Möglichkeit wird auch von Hürter und Rauner in Erwägung gezogen.
  • Sozusagen als Fazit seiner Überlegungen gelangt Greene zu der Vorstellung von einem letztmöglichen Multiversum, in dem alle Universen existieren, die möglich sind. Man könnte hier auch von einem Multiversum sprechen, in dem alle möglichen mathematischen Gleichungen physikalisch verwirklicht sind. In letzter Konsequenz würde dies für Greene bedeuten, dass Mathematik nicht nur die Beschreibung der Wirklichkeit ist, sondern die Wirklichkeit selbst, wobei sich jedoch die Frage stellt, warum manche Gleichungen zum Leben erweckt werden und andere nicht. Daraus ergibt sich eine Überschneidung mit dem simulierten Multiversum. Das heißt: "Wirklich" ist das Universum, das sich an der Basis des verzweigten Baums der simulierten Welten befindet und die Computer beherbergt, die die anderen Universen erzeugen.
  • Auch Greene sieht die Wissenschaft vor die Herausforderung gestellt, mit Experimenten oder Beobachtungen etwas über den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Multiversums-Theorien in Erfahrung zu bringen.

Bewertung

Beide Bücher, die ich hier vorgestellt habe, sind ersichtlich in dem Bemühen geschrieben worden, "schwere wissenschaftliche Kost" in eine "leichtverdauliche Form" zu bringen. Dabei gibt es jedoch zwischen den Büchern einige bemerkenswerte Unterschiede. So findet man auf der Rückseite des von Hürter und Rauner verfassten Buchs, wohl um dem Leser einen ersten Eindruck von der Theorie des Multiversums zu vermitteln, einige Meinungsäußerungen zu dieser Thematik, die in der provokanten, sicherlich nicht ganz ernst gemeinten, Frage gipfeln: "Leben wir wirklich im Paralleluniversum oder haben die Physiker nicht mehr alle Tassen im Schrank?" Die Autoren streuen in den Text auch immer wieder Anekdoten ein und akzentuieren besonders wichtige Aussagen durch das Einfügen treffender Karikaturen. Das beginnt schon beim Titelbild des Buchs, das Doppelgänger unserer selbst in den Paralleluniversen zeigt. Sinnigerweise ist das Buch auch unseren Doppelgängern gewidmet.

Brian Greene möchte die Leser seines Buchs ebenfalls auf unterhaltsame Weise informieren, und er ist auch bekannt dafür, dass er "Fachchinesisch" in eine allgemeinverständliche Sprache übersetzen kann. Aber er steigt in seinem Buch tiefer in die wissenschaftliche Materie ein als Hürter und Rauner, und infolgedessen stößt der Versuch, sehr komplexe Theorien wie die Stringtheorie oder die Theorie Schwarzer Löcher so zu vereinfachen, dass sie Jeder verstehen kann, irgendwann an Grenzen. Man muss deshalb, wenn man dieses Buch liest, wirklich dazu bereit sein, sich intensiv mit theoretischer Physik zu beschäftigen, und sich auch von anfänglichen Verständnisproblemen nicht entmutigen lassen. Meines Erachtens lohnt sich aber das Durchhalten, denn man erhält hier wirklich einen Einblick in Wissensgebiete, die normalerweise den Experten vorbehalten sind, und weiß deshalb genau, wo die Physik heute steht und welche faszinierenden Weiterentwicklungen vermutlich noch zu erwarten sind.

Insgesamt gesehen, würde ich sagen, dass das Buch von Hürter und Rauner unterhaltsamer und verständlicher ist als das Buch von Greene, dass das Buch von Greene aber noch mehr wichtige Informationen enthält. Insofern ergänzen sich die beiden Bücher in idealer Weise.

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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