Zur Physik der Doppelgänger-These

Theoretische Grundlage für die Vorstellung, dass in der Weite des Multiversums Doppelgänger unserer selbst leben, sind die Wahrscheinlichkeitstheorie und die Quantenphysik. In diesem Zusammenhang wird argumentiert, dass das Multiversum so gewaltig ist, dass alles, was eine Wahrscheinlichkeit größer null hat, irgendwo passieren muss, also auch die Geburt unserer Doppelgänger. Das heißt: Ein Ereignis mit noch so kleiner Wahrscheinlichkeit tritt in einer unendlichen Welt tatsächlich ein. Aber gleichzeitig sind Wiederholungen unvermeidlich, entstehen also Zwillingsuniversen, weil es der Quantenphysik zufolge in jedem Ausschnitt des unendlichen Raums nur eine endliche Menge von Elementarteilchen gibt und auch nur eine endliche Anzahl von Möglichkeiten, die Elementarteilchen im Raum anzuordnen. Man würde also, wenn man durch das Multiversum reist, schon aus statistischen Gründen irgendwann ein Universum erreichen, das genauso aussieht wie unseres, Doppelgänger der Erde und der Menschen inklusive.

Die Frage der persönlichen Identität

Hier stellt sich die Frage, ob wir und unsere Doppelgänger, auch wenn wir und sie physikalisch identische Wesen sind, auch gleich denken, glauben und empfinden, also auch die gleichen Gehirnzustände haben. Es ist also zu fragen, ob physikalisch identische Wesen immer das gleiche Bewusstsein haben und damit die gleiche Identität ausbilden. Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. So behaupten diejenigen Naturwissenschaftler, die Bewusstsein auf ein Muster von Neuronenaktivität, also auf materielle Zustände, reduzieren, es gäbe keinen Unterschied, während diejenigen Experten, die dem Menschen eine von der Hirnphysiologie unabhängige Seele zuschreiben, glauben, dass sich auch physikalisch identische Wesen in ihrem subjektiven Erleben, bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken, stark unterscheiden können. Hinzu kommt, dass auch Menschen, die sich in exakt dem gleichen physikalischen Zustand befinden, völlig unterschiedliche Biographien und einen unterschiedlichen Erfahrungshorizont haben können und dadurch jeweils individuell geprägt werden. Physikalische Doppelgänger sind somit nicht notwendigerweise "psychisch gleichgeschaltet", sondern können total verschiedene Identitäten besitzen. Jede Kopie ist mit andreren Worten ein separates, eigenständiges Individuum, das über seine eigene Zukunft nachdenken kann.

Entscheidungsfreiheit und Ethik im Multiversum

Nachdem geklärt ist, dass die Doppelgänger im Multiversum unterschiedliche Identitäten ausbilden können, zeigt sich ein neues Dilemma, das das Dasein im Multiversum scheinbar mit sich bringt, nämlich die Tatsache, dass alle Handlungsoptionen, die wir haben, auch verwirklicht werden, so dass es eigentlich überflüssig wird, über "richtig oder falsch", "gut oder böse" nachzudenken. Dies scheint das Ende unserer Handlungsfreiheit zu bedeuten, aber auch das Ende jeder Debatte über Ethik und Moral. Der Ausweg aus diesem Dilemma besteht in der Vorstellung, dass zwar im Multiversum alles möglich ist, dass aber nicht alle Möglichkeiten gleich wichtig sind. Das heißt: Wir können zwar nicht gezielt in den Ablauf der Ereignisse eingreifen, aber wir können den Möglichkeiten, die für uns wichtig sind, mehr Gewicht verleihen, also ihren Stellenwert erhöhen. Auch wenn jede Möglichkeit Wirklichkeit wird, ist folglich noch nicht festgelegt, wie viel Platz sie im Multiversum einnimmt. Das bestimmen wir und unsere Doppelgänger. Wenn wir mit anderen Worten Entscheidungen treffen, die wir für gut und richtig halten und wenn wir damit Erfolg haben, sind auch unsere Kopien, die die gleichen Entscheidungen treffen, erfolgreich. Gerade im Multiversum haben wir also die Freiheit, uns zwischen "gut und böse" zu entscheiden, und wir und unsere Doppelgänger vergrößern durch gute Taten den Anteil des Multiversums, in dem das Gute das Böse überwiegt. Man kann auch sagen: Wir können zwar nicht verhindern, dass im Multiversum Böses geschieht, aber wir können gemeinsam mit unseren Doppelgängern dessen Macht begrenzen.

An der Grenze zum Unvorstellbaren

Ich möchte noch einige Phänomene beschreiben, die für das Dasein im Multiversum charakteristisch sein könnten, die aber die menschliche Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellen. So können wir zwar unsere Doppelgänger wegen der gewaltigen Entfernungen, die zwischen uns liegen, nicht besuchen, aber da wir vermutlich auf einer geistigen Ebene mit ihnen in Verbindung stehen, könnten sie uns in unseren Träumen erscheinen. Vielleicht ist dies die Erklärung für die mitunter bizarren Szenen, die sich, während wir schlafen, vor unserem "inneren Auge" abspielen. Ferner wäre es denkbar, dass, während wir uns in diesem Universum unseres Lebens erfreuen, es Universen gibt, in denen unsere Doppelgänger bereits verstorben sind, und dass umgekehrt die Doppelgänger unserer Verstorbenen in anderen Universen weiterleben. Daraus könnte man folgern, dass Universen, in denen menschliches Leben möglich ist, wechselseitig füreinander Diesseits und Jenseits sein könnten, vielleicht aber auch "Himmel und Hölle". Man könnte den Faden noch weiterspinnen und an ein bestimmtes Erlebnis erinnern, über das Betroffene nach Nahtoderfahrungen häufig berichten, nämlich das rasche Hindurchgleiten durch einen dunklen Tunnel. Vielleicht, so könnte man mutmaßen, fliegt die Seele eines Verstorbenen durch ein Wurmloch, das sich ja im Inneren eines Schwarzen Lochs befinden soll, in ein anderes Universum, um dort in einem neuen Körper wiedergeboren zu werden.

Die Frage nach Gott

Bleibt die Frage, ob die Theorie des Multiversums noch in irgendeiner Weise vereinbar ist mit der Vorstellung von einem Gott, der dieses kosmische Wunderwerk geschaffen hat. Die Frage nach einem Schöpfergott hat ursprünglich Religion und Naturwissenschaft entzweit. Heute geht der Riss durch die Naturwissenschaft, insbesondere die moderne Physik, selbst. Hier stehen sich Deisten, also Gottgläubige, und Atheisten unversöhnlich gegenüber. Grundlage des Glaubens der Deisten an einen Schöpfergott ist die Erkenntnis, dass unser Universum exakt so beschaffen ist, wie es sein muss, um Leben hervorzubringen. Das heißt: Unser Universum scheint voller glücklicher Fügungen zu sein, so als habe eine unsichtbare Hand das Universum perfekt justiert. Die Annahme, dass es nicht nur ein Universum gibt, sondern viele, scheint nun Wasser auf die Mühlen der Atheisten zu sein, denn diese können nun argumentieren, dass, wenn es eine Vielzahl von Universen gibt und damit alle nur erdenklichen Lebensformen möglich sind, es zumindest ein Universum geben wird, das für menschliches Leben ideal ist. Ihrer Meinung nach haben sich das Multiversum und folglich auch unser Universum aufgrund des Wirkens bestimmter physikalischer Gesetzmäßigkeiten wie der Schwerkraft selbst erschaffen. Der prominenteste Vertreter dieser Position ist der Astrophysiker Stephen Hawking. Nach Ansicht des Mathematikprofessors und Wissenschaftsphilosophen John Lennox von der Universität Oxford, der die Gegenseite vertritt, fordert Hawking fälschlicherweise dazu auf, sich zwischen Gott und den Gesetzen der Physik zu entscheiden. Lennox zufolge muss man, wenn man die Entstehung des Universums auf das Wirken der Schwerkraft zurückführt, auch die Fragen beantworten, wie es überhaupt zur Schwerkraft gekommen ist, welche schöpferische Kraft hinter ihrer Existenz steckt, wer sie eingesetzt hat mit all ihren Eigenschaften und ihrem Potenzial, mathematisch beschrieben zu werden. Deshalb schließe auch der Gedanke des Multiversums an sich Gott nicht aus.

Gott als Schöpfer des Multiversums?

Den Atheisten unter den Physikern könnte man also entgegenhalten, dass Vieles dafür spricht, dass ein höheres, göttliches Wesen die Gesetze der Physik geschaffen und damit die Entstehung des Multiversums erst ermöglicht hat, dass also Gott der Urheber des ganzen Systems war. Nach Ansicht der Deisten wollte sich Gott nämlich nicht mit einem einzelnen Universum zufriedengeben. In dieser Richtung argumentierte bereits im 17. Jahrhundert der Physiker und Chemiker Robert Boyle, indem er Gott als einen Experimentalphysiker beschrieb, der außerhalb unseres Universums verschiedene Naturgesetze ausprobiert habe. Eine ähnliche Position vertritt gegenwärtig der Physiker Don Page. Sehr interessant ist auch die Auslegung der Schöpfungsgeschichte durch jüdische Kabbalisten. Ihrer Meinung nach war Gott die Erschaffung des Multiversums erst nach einigen Fehlversuchen gelungen. In die hinduistische Lehre ist die Vorstellung vom Multiversum von vornherein eingebaut.

Gott als Repräsentant einer superintelligenten Zivilisation

Wenn man davon ausgeht, dass das Multiversum sich nicht selbst erschaffen hat, sondern das Werk eines Schöpfers ist, der seine Absichten in die Tat umgesetzt hat, liegt es nahe, das abstrakte Bild von einem Schöpfergott aufzugeben und, wie oben bereits angedeutet worden ist, durch etwas Konkreteres zu ersetzen, beispielsweise durch die Vorstellung von Gott als Repräsentant einer superintelligenten Zivilisation. Entsprechend hat der Philosoph Nick Bostrom die Idee entwickelt, dass unsere Welt eine Computersimulation ist, die auf dem Rechner einer hochentwickelten, superintelligenten Zivilisation läuft. Man könnte sich in diesem Zusammenhang aber auch vorstellen, dass die superintelligente Zivilisation im Labor die Urknälle erzeugt und dadurch die Entwicklung der Universen in Gang gesetzt hat. Oder beides existiert nebeneinander bzw. ist nacheinander entstanden. So könnte es auch sein, dass zunächst Universen durch das Zünden von Urknällen erschaffen worden sind und dass die hochintelligente Zivilisation zusätzlich damit begonnen hat, Welten am Computer zu simulieren. Vielleicht war ja beim Zünden von Urknällen auch mal "etwas schiefgegangen", so dass "lebensfeindliche" Universen oder Universen entstanden sind, die sofort kollabiert sind. Oder die neu erschaffenen Universen sind zusammengestoßen und haben sich gegenseitig vernichtet. Vielleicht wollte man deshalb mal die Computersimulation ausprobieren. Denkbar wäre aber auch, dass es mehrere superintelligente Zivilisationen gibt, die sich auf unterschiedliche Weise als Schöpfer betätigt haben und noch betätigen.

Gott als rein geistige Kraft - als kosmisches Bewusstsein

Einige Deisten unter den Quantenphysikern versuchen den Atheisten ein Stück weit entgegenzukommen, indem sie, wenn es um die Kraft geht, die die Entstehung des Universums bzw. des Multiversums bewirkt hat, zwar noch von Gott sprechen, aber diesen wiederum entpersonalisieren und ihn mit einer geistigen Kraft, einem kosmischen Bewusstsein oder auch Informationsmuster gleichsetzen. Das heißt: Entsprechend der Vorstellung der Quantenphysik vom Primat des Geistes vor der Materie ist nach Meinung der Deisten der Urknall - das gilt natürlich auch für eine Mehrzahl von Urknällen - durch einen "göttlichen Funken" und damit eine rein geistige Kraft gezündet worden, die seitdem in Form von Quantenphänomenen, die die Materie produzieren, kontinuierlich fortwirkt. Anders formuliert, hat das kosmische Bewusstsein bzw. Informationsmuster – der Gedanke Gottes - erst durch seine Beobachtung dem Universum bzw. Multiversum Realität verliehen und damit einen Evolutionsprozess in Gang gesetzt, der letztlich den menschlichen Geist hervorgebracht hat, der sich seinerseits durch Beobachtung seine Realität erschafft. - Vielleicht könnte man beide Gottesbilder, nämlich die Vorstellung von Gott als Superexperimentalphysiker bzw. Superprogrammierer und als unpersönliche rein geistige Kraft, durch folgende Spekulation "unter einen Hut bringen". Man könnte sich nämlich vorstellen, dass das Multiversum tatsächlich durch das Wirken einer rein geistigen Kraft, d.h. durch Quantenfluktuationen in einem Vakuum, wie die Atheisten dies beschreiben, entstanden ist, dass aber dieses Multiversum superintelligente Zivilisationen hervorgebracht hat, die dann "das Heft in die Hand genommen" und den Schöpfungsprozess weiter vorangetrieben haben.Diese sind die Götter, auf denen die Religionen beruhen.

Fazit

Ich habe in diesem Artikel einige Fragestellungen angesprochen, auf die man zwangsläufig stößt, wenn man sich mit der Theorie des Multiversums beschäftigt. Und zwar gibt es in diesem Kontext, wie ich gezeigt habe, ziemlich waghalsige Spekulationen, die etliche Experten für unseriös halten, für pure Science Fiction und schädlich für die Physik. Aber mittlerweile gewinnt die Theorie des Multiversums auch in der sogenannten seriösen Wissenschaft immer mehr Anhänger, weil insbesondere Quantenphysiker und Stringtheoretiker dazu übergegangen sind, nichts mehr für unmöglich zu halten.

Bildnachweis

Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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