Technokratie ist nicht Wissenschaft und schon gar nicht Philosophie

Heutzutage in der technisierten und sich informiert glaubenden Welt, ist immer noch der fatale Satz zu hören: "Es wurde wissenschaftlich bewiesen." Wissenschaft beweist nichts, sondern beschreibt, analysiert, erklärt bestenfalls und sieht – mit etwas Glück – richtig vorher. Nicht nur das Alltagsverständnis der meisten Menschen irrt hier, sondern auch die Attitüde technokratisch-orientierter Wissenschaftler.

Wie schwierig es ist, vom Denken in den traditionellen Kategorien Isaac Newtons zu aktuelleren Sichtweisen des Mikro-und Makrokosmos zu kommen, kann man bei zahlreichen populären Vorträgen an Volkshochschulen erleben.

Studie über Instabilität als Merkmal von Natur und damit ihrer Potenz

StudieJan Cornelius Schmidt legt mit seinem Buch "Das Andere der Natur – neue Wege der Naturphilosophie" eine Studie vor, die den Bedarf an naturphilosophischem Denken in einer technokratisierten Gesellschaft aufzeigt.

Professor Dr. rer. nat., phil. habil. Dipl.-Physiker M. A. Jan C. Schmidt sitzt nicht in einem Elfenbeinturm, wenn er die Instabilität der Natur in den Mittelpunkt eines neuen Weges zur Naturphilosophie stellt. Die Lektüre seines Buches ist flüssig möglich, verlangt aber auch Offenheit dem traditionellen Stabilitätsparadigma zu entsagen.

Kernthese des Buches ist: "Natur ist Natur, insofern sie zu Instabilität fähig ist."

Kapitel der Naturphilosophie

In elf Kapiteln führt der Autor den Leser durch das Thema. Der Weg beginnt einleitend zu dem Ziel einer Naturphilosophie der Instabilität. Der Wandel der Wissenschaft als Entwicklung der Erkenntnis vom Anderen der Natur wird beschrieben. Kosmische und evolutionäre Selbstorganisation ist nur möglich durch Instabilität. Zeit, Zufall und Kausalität sind weitere Themen der Instabilität. Kosmologische Fragen stehen weiterhin im Raum – wobei Raum hier bewusst janusköpfig gemeint ist. Wo Reduktionismus seine Grenzen hat zeigt das Kapitel Gehirn und Geist. Ein Kapitel über Technik darf nicht fehlen, fehlt auch nicht. Ein Kapitel über Ästhetik mag zunächst überraschen, bildet aber infolge mit ethischen, insbesondere umweltethischen Themen eine notwendige Betrachtung. Einen prognostischen Versuch stellen die Seiten über die Folgen von Wissenschaft und Technik dar.

Natur ist nicht einfach. Natur ist ein normativer Begriff. Naturphilosophie umfasst zentrale Fragen der Wissenschaftsphilosophie. Die schmidtsche Einladung "zum Natur philosophieren" ist heutzutage notwendiger denn je. Der Mensch gebraucht Technik als ein Ergebnis der Naturwissenschaft entgrenzt. Der Mensch orientiert sich in seiner maßlosen Art fundamentalistisch. Er verliert damit seine humane Seite, wenn er denn je eine hatte. Anthropozentrisch, logozentrisch und eurozentrisch erkennt er auch seine instabile Natur nicht.

Dieses Buch über das umgreifend andere, instabile von Natur sollte man immer wieder zur Hand. Wer erkennt, dass er sich so nach und nach naturwissenschaftlicher Detailkenntnis verliert, wird es mit Gewinn lesen. Ebenso derjenige, der sich sozialwissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen hingibt. Vielen fortschrittlichen Wissenschaftlern und Philosophen ist vieles längst klar. Es gehört aber nicht unbedingt zum Mainstream, dies auszusprechen.

Bibliografische Angaben

Jan Cornelius Schmidt: Das Andere der Natur. Neue Wege zur Naturphilosophie. – S. Hirzel Verlag Stuttgart 2015. Hardcover mit Schutzumschlag. 360 Seiten. ISBN 978-3-7776-24105 (Print) ISBN 978-3-7776-2459-4 (E-Book, PDF). € 29,40

Autor seit 3 Jahren
22 Seiten
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