Deepak Chopra wurde 1946 in Indien geboren und studierte Medizin. Sein Vater war ein berühmter Kardiologe und somit ist Chopra auch der Oberschicht zuzuordnen - im indischen Hindu-System wohl der obersten "Kaste". Mit seinen Büchern über Spiritualität, Ayurveda und Meditation erzielte er Millionen-Auflagen. Im kalifornischen Carlsbad hat er ein Wellnesszentrum aufgebaut und darf sich heute über ein Milliarden-Imperium freuen, das alternative Heilmittel, Wellness-Anwendungen und vieles mehr anbietet. Für seine Vorträge verlangt er bei gut betuchter Klientel locker mal ein paar tausend Dollar. Für ärmere Menschen bietet er kostenlose Mediations-Kurse an.Er nimmt - er gibt.

Neben Schauspielern und Sängern ließen sich vor allem die New-Economy-Gurus aus dem Silicon Valley von ihm inspirieren. Ein wichtiges Buch trägt den Titel: "Das Tor zu vollkommenem Glück – Ihr Zugang zum Energiefeld der unendlichen Möglichkeiten". Darin macht er sich auf die Spurensuche nach dem Sinn des Lebens, nach der Realität. Immer wieder kommt er dabei auf die Erkenntnisse der modernen Quantenphysik zu sprechen. Der Mensch, so Chopra, sei nicht einfach das Ego – die Persönlichkeit - als die er sich wahrnimmt. Er sei ein geistiges Wesen, verbunden mit allem und jedem anderen Sein. Diese Lehren sind nicht neu. Denn im Grunde genommen lehren dies alle spirituellen Traditionen. Dass es eben noch etwas jenseits der physischen Realität gebe. Aber wie kommen wir da hin? Typisch für hinduistische und auch buddhistische Lehre, ist das Anstreben der "Erleuchtung" in der Überwindung des Ego.

Meditation

Als Weg kann die Mediation dafür dienen. Das trommelt Chopra sicher hunderte Male in seinen Büchern. Gut, dann eben Meditation. Eine Freundin von mir hat das über mehrere Jahre praktiziert. Chopra schlägt am Ende seines Buches die Arbeit mit Sutren (ein Sutra ist eine Art Mantra – aber mit tieferer spiritueller Bedeutung, als der reine Klang eines Mantras) vor. Es sind sieben Prinzipen, sieben Sutren, die er lehrt. Es begintt mit dem wunderschön klingenden:

  • Aham Brachman Asmi (Der Kern meines Seins ist die ultimative Wirklichkeit, die Wurzel und der Urgrund des Universums, die Quelle all dessen, was existiert)

Und das letzte, also siebte Prinzip lautet:

  • Ritam (Ich bin hellwach, achte aufmerksam auf zufällige, glückliche Fügungen und weiß, dass sie Botschaften Gottes an mich sind. Ich bin im Fluss mit dem kosmischen Tanz).

Diese sieben Sutren begleiten einen über die Woche, dann beginnt man wieder von vorne.

Praktische Erfahrungen

Zurück zu meiner Freundin. Nennen wir sie einfach Nina. Sie arbeitete damit Woche um Woche. Und sie begann zu strahlen. In ihrer Nähe fühlten sich viele Menschen immer wohler. Leider auch immer häufiger Menschen mit Problemen, die ungefragt Sorgen oder "Alltagsmüll" bei ihr abluden. Lange Zeit "strahlte" sie dennoch weiter. Soweit so gut. Womit Nina aber nicht gerechnet hatte war "der Neid". So interpretierte sie die Reaktionen auf ihre Veränderung, dem gefühlsmäßigen "Flow" in dem sie sich anfänglich befand. Die eigene Familie distanzierte sich, konnte mit der glücklichen Nena und ihrem "Meditations-Wahn" nichts mehr anfangen. Der positiven Phase folgten Höhen und echte Tiefen. Ihren Job als Marketing-Frau in einem Konzern gab sie später ebenfalls auf: "Ich konnte es nicht mehr ertragen, mich ständig verbiegen zu müssen". Inzwischen lebt sie am Land, kam beruflich wieder auf die Beine und engagiert sich in einem Sozialzentrum. Über ihre spirituelle Praxis spricht sie mit niemandem dort. - "Das war mir eine Lehre", so ihr schlichter Kommentar über die schwierige Zeit davor.

Macht der spirituelle Weg einsam?

Eine andere Freundin von mir, die ihren spirituellen Weg als Kind in katholischen Kirchen, als junge Erwachsene dann in einem Kibuz in Israel und mehreren Indien-Aufenthalten fand, hatte ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihre Meinung dazu klingt hart: "Wenn du innerlich frei bist, bist du in unserer Gesellschaft vogelfrei." - Spiritualität und unser westliches kommerzielles System scheinen sich doch manchmal zu spießen. Beide Freundinnen möchte ich in meinem Leben aber nicht missen. Sie sind ausgesprochen sensibel und hilfsbereit. Und beide haben einen guten Lebensweg für sich gefunden. Ohne Zweifel. Auch Deepak Chopra berichtet in seinen Büchern immer wieder über solche "negativen Reaktionen" der Umwelt und rät davon ab, all zuviel über den spirituellen Weg zu plaudern.

Angeregt von Nina, habe ich das System auch eine Zeit lang ausprobiert. Und die Sutren wirkten auf mich tatsächlich beruhigend. Auch eine zunehmende Gelassenheit und Leichtigkeit konnte ich wahrnehmen. Mein Ziel war allerdings nicht unbedingt "die Erleuchtung" und die Überwindung des Ego. Das sogenannte "Ego" bietet uns schließlich auch die Kraft zum "Überleben" in unserer westlichen von Konkurrenz-Denkem geprägten Welt, wenngleich es sicher hilfreich ist sich nicht allzu sehr mit Prägungen (familiär und gesellschaftlich) zu identifizieren. Ein Punkt, den ich weniger an den Sutren als an Chopras Erklärungen, problematisch fand, ist diese unterschwellige Botschaft, dass man irgendwie nicht ganz, nicht heil – letztlich schuldig ist. Im östlichen System nennt man das "Karma". Im westlichen System hat uns die katholische und evangelische Amtskirche ständig mit Schuldgefühlen zugedröhnt. Und viele sogenannte Gurus arbeiten mit solchen Schuldgefühlen und der permanenten Suche nach einem Heilsbringer. (Siehe beispielsweise den aufschlussreichen Artikel meiner lieben Kollegin Reisefieber: "Wie werde ich Guru").

Glück mit oder ohne Ego?

Chopra geht es sicherlich um eine Art Befreiung und er hat es nicht nötig, einzelne Menschen in Abhängigkeit zu bringen. Aber braucht man die Erleuchtung wirklich, um glücklich zu werden? Im Wortsinn heißt Meditation einfach "in seiner Mitte sein". Das finde ich wesentlich neutraler. Denn oft sind es einfach die Widersprüche unserer Welt und Gedanken, die uns zu schaffen machen. In seiner Mitte zu sein, heißt einfach von den Gegebenheiten nicht zerrissen zu werden. Es gibt Berichte von berühmten Menschen, die über das Wort "Cola" oder "gelb" meditierten und sich somit in ihre Mitte brachten – ganz ohne Ego-Zusammenbruch oder Erleuchtung. Sie verloren damit ihr Ziel nicht aus den Augen. Und das waren auch durchaus weltliche Ziele. Chopra spricht davon, dass man über Meditiation durchaus auch materielle Wünsche verwirklichen kann, dass man dann aber automatisch nach dem inneren Sein oder der inneren Wahrheit suchen wird. Darin deckt er sich mit fast allen spirituellen Lehren, die es jemals gegeben hat: Es gibt etwas, das größer und bedeutender ist, als die materielle Wirklichkeit. Ein Glück hinter dem Schleier. Wie man dieses Glück findet, kann nur jeder für sich entscheiden.

Erleuchtet in die Barbarei?

Was mir persönlich auch ein wenig zu kurz kommt bei all den boomenden esoterischen oder auch rein psychologischen Angeboten, die zum Glück führen sollen, sind die gesellschaftspolitischen Aspekte. Wir können nicht umhin festzustellen, dass bereits seit Ende der 1980er-Jahre in der westlichen Industriegesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich weiter aufgeht. Es ist ja gut und schön, wenn man persönlich mittels Glauben oder Meditation sich in diesem Umfeld besser zurecht findet und nicht ständig hadert. Wie gerecht aber ist das System? Und wird man da nicht wieder einmal eingelullt nach Marx: "Religion ist Opium fürs Volk"? Man kann seinen materiellen Zielen über Meditation näher kommen, sagt Chopra. Fein, wie aber ist es dann zu erklären, dass Menschen aus unteren Schichten sehr selten in höhere Positionen kommen? Wie ist es dann zu erklären, dass Frauen immer noch finanziell benachteiligt werden oder bei de Besetzung von Führungspositionen an der berühmten "gläsernen Decke" anstoßen?

Jutta von Ditfurth, die messerscharfe Links-Intellektuelle, hat bereits vor über zehn Jahren die "Eso-Szene" und den "Öko-Faschismus" kritisiert. Das Buch "Entspannt in die Barberei" zeigt auch die Schattenseiten dieser Bewegungen. 

 

 

Leiden überwinden: Einsam und gemeinsam?

Eines ist Chopra und Ditfurth allerdings gemeinsam: Beide fordern dazu auf, Leiden zu überwinden, nicht darin stecken zu bleiben.

Chopra erzählt an einer Stelle in seinem Buch: "Das Tor zu vollkomenem Glück", dass er als junger Medizin-Absolvent bei einem berühmten, aber offensichtlich narzisstischen und egomanischen Wissenschaftler zu arbeiten begonnen hätte. Es war damals sein Wunschjob. Doch die Realität war ernüchternd. Er hatte es mit Tierversuchen zu tun und musste Ratten für Testzwecke ständig irgendwelche Substanzen spritzen. Als ihn der Top-Mediziner dann auch noch einmal demütigte, kündigte er den Job. Das ist mutig und auch eine Jutta Ditfurth würde wohl dazu raten. Wer aber keine akademische Ausbildung, Schulden und obendrein noch vielleicht noch drei Kinder zu versorgen hat, tut sich nicht so leicht damit, einfach zu kündigen. - Kann unter solchen Bedingungen Meditation tatsächlich helfen? Vielleicht liegt die Weisheit auch hier in der Mitte. Glaube und Meditation haben Menschen in scheinbar ausweglosen Situationen immer wieder den Mut zu Veränderungen gegeben. Letztlich müssen aber auch die Strukturen verändert (und bitte auf demokratischem Wege und nicht über sinnlose, zerstörerische Kriege …) werden, um das Leben der Menschen wieder lebenswerter zu machen.

Autor seit 3 Jahren
49 Seiten
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