Optisch bleibt der Roller nostalgisch angehaucht

Immer, wenn die Firma Piaggio in Pontedera ein neues Roller-Modell kreiert hat, konnte sie sich höchster Aufmerksamkeit sicher sein. Die GTS 300 war und ist allerdings auch eines der Sonderklasse. Optisch setzt die Firma auf eine nostalgisch angehauchte Karosse – sie weiß, wovon Italiener schwärmen. Aber darunter steckt moderne Technik. Der Einzylinder ist auf Drehmomente im unteren Tourenbereich abgestimmt, eine gute Beschleunigung zeichnet das neue Modell aus. Die 22 PS geben genug Kraft, um auch auf der Stadtautobahn mithalten zu können. Der Preis liegt bei knapp unter 5000 Euro. Dafür hat man "Flügel unter den Füßen", wie die Werkswerbung in Anlehnung an einen alten Song der Gruppe "Luna Pop" aus Bologna sagt: "Ma quant'è bello andare in giro con le ali sotto i piedi" (Wie schön es ist, mit Flügeln unter den Füßen los zu ziehen) hatte die Gruppe gesungen – dabei aber ein Vorläufer-Modell, die Vespa 50 special, gemeint.

Ein Flugzeugwerk baute nun ein Zweirad

Mehr als 17 Millionen Vespa-Roller sind seit 1946 produziert worden, und das Interesse hat nie nachgelassen. Dabei verdankt der Roller seine Entstehung der wirtschaftlichen Not nach dem Ende des 2. Weltkriegs. So suchte man im Flugzeugwerk Piaggio Air nach einem Konzept, ein preiswertes Fortbewegungsmittel zu entwickeln, das mit den vorhandenen - sparsamen - Ressourcen herstellbar war. So erhielt der Flugzeugtechniker Corradino D'Ascano vom Firmeninhaber Enrico Piaggio den Auftrag, ein motorisiertes Zweirad zu bauen.

So entstand im Land eine neue Mobilität

Dieser Techniker konnte nicht ahnen, dass er mit seiner Entwicklung im Nachkriegsitalien eine gesellschaftspolitische Entwicklung größeren Ausmaßes bewirken würde. Eine neue Mobilität nämlich entstand. Und die war besonders wichtig in den Jahren des mühsamen Wiederaufbaus nach den elenden Kriegsjahren. D'Ascano hätte sich lieber der neuen Hubschrauber-Technik verschrieben, aber er erfand ein Zweirad ohne ölige Kette, mit freiem Durchstieg, was die damals noch berockte Damenwelt besonders goutierte, genauso wie die bequeme Handschaltung. Bei der Konzeption, beispielsweise bei der Aufhängung der Räder, stand die Flugzeugtechnik Pate. Der Roller ist in seinem Grundkonzept so geblieben, wie er seinerzeit war. Allerdings kommt er inzwischen eleganter daher, und aus Gründen des Umweltschutzes ist aus dem Zweitakter ein Viertakter geworden.

Man findet fast überall einen Parkplatz

Heute hat die Vespa einen unbezahlbaren Vorteil, der in den Gründerjahren noch keine besondere Rolle spielte: Der Roller findet fast überall einen Parkplatz und kann sich durch römische, Mailänder oder neapolitanische Innenstädte lavieren, wenn andere in ihren vierrädrigen Karossen elend lange im Stau stehen.

Wenn die Vespa zum Taxi wird

So erzählt der Schriftsteller Luciano de Crescenzo die Geschichte aus Neapel, die wahr sein kann: Ein gelangweilter Mensch steht wartend an der Bushaltstelle in der Via Depretis und betrachtet die Autoschlange auf der Fahrbahn, die längst hupend zum Stillstand gekommen ist. Da fällt sein Blick auf den Fahrer eines vor ihm in der Schlange eingekeilten Fiat Uno. Dessen Blick geht zurück, und sie erkennen einander als alte Schulkameraden. Durch das geöffnete Autofenster entspinnt sich ein lebhafter Dialog. Und als sich nach einer halben Stunde im Stau noch immer nichts gerührt hat, fragt der verhinderte Autofahrer den verhinderten Busbenutzer: "Wohin willst Du eigentlich?" Die Antwort: "Nach Pozzuoli". – "Dahin fahre ich auch, komm, steig ein". Die beiden kommen zwar nicht voran, können jetzt aber im Sitzen weiter schwätzen.

Mit dem Roller-Vermieter auf dem Rücksitz

Diesen Zustand in den italienischen Innenstädten, verursacht von den "grandi intasatori" – den großen Verstopfern – hat sich vor Jahren schon ein findiger Neapolitaner, Gennaro Ruscetta, zunutze gemacht mit dem Ergebnis, dass auch andere schlaue Köpfe in anderen Großstädten ähnliches betreiben. Es geht um Taxi-Services auf Motorrollern. Diese Unternehmungen bieten Roller mit Fahrer, mit Sturzhelm und Versicherungsschutz an; und wenn der Kunde sich selbst durch die Autoschlangen schlängeln will, steigt der Rollertaxi-Vermieter eben auf den Rücksitz.

Schneckentempo in den Innenstädten

Zwar fahren auf den italienischen Strassen weltweit die meisten Menschen Roller, aber nicht mehr als sechs Prozent nutzen täglich auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkauf oder zum Vergnügen Motorroller oder Mofa. Dagegen benutzen 55 Prozent tagtäglich das Auto. Demzufolge erreichen die Autos in den Großstädten lediglich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von acht bis zwölf Kilometern in der Stunde, und in den historischen Zentren (centro storico) sinkt sie sogar bis unter vier Stundenkilometer. Der europäische Durchschnitt liegt in den großen Zentren bei 18 Kilometern. Von "Stoßzeiten" ist in Italiens Großstädten längst nicht mehr die Rede. Zu den vielen, die das Auto zur Fahrt zum oder vom Arbeitsplatz nutzen, kommen die vielen anderen, die offenbar ohne eine feste Zeitplanung täglich eine Art Auto-Corso veranstalten und, wie es die Italiener blumig ausdrücken, "in den brodelnden Sümpfen der Stadt umherwimmeln". Und das bei Benzinpreisen, die im Sommer mit durchschnittlich 1,85 Euro europäische Spitze erreichen. Und: Die Mailänder, ist ausgerechnet worden, verlieren pro Tag allein bei der Parkplatz-Suche bis zu 20.000 Stunden.

Der Verein "Zwei Räder – sichere Fahrt"

Vor Jahren schon hatte sich ein Verein "Due ruote – guida sicura" (Zwei Räder – sichere Fahrt) gegründet, der dafür warb und wirbt, verstärkt Mofa und Roller zu nutzen. Man könnte meinen, dies sei ein Versuch, Eulen nach Athen zu tragen, denn die Italiener lieben ihre Vespa. Aber das Vergnügen ist ziemlich teuer geworden. Die Versicherungspolicen haben beachtliche Höhen erreicht, sie steigen – entsprechend dem Unfallaufkommen – von Mailand über Rom bis ins unfallträchtige, also teuere Neapel. Die Statistik sagt, dass Rollerfans am preiswertesten im Aostatal, in Perugia, Potenza oder in Campobasso herumkurven können.

 

Autor seit 1 Jahr
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