Der Videobeweis wird eingeführt

Die FIFA beschloss am 16.03.2018, erstmals bei einer WM den Videobeweis einzusetzen. Nach der Einführung der Torlinientechnik bei der WM 2014 war dies die zweite Einführung technischer Mittel zur Unterstützung der Schiedsrichter bei wichtigen Entscheidungen.

Beim Confederations-Cup 2017 wurde er Videobeweis erstmals eingesetzt, wobei es aber trotzdem zu Fehlentscheidungen kam. Es gab nicht nur deswegen viel Skepsis, und es wurde die Frage in den Raum gestellt, ob die Einführung des Videobeweises bei dieser WM nicht zu früh käme. Eine längere Testphase wäre sinnvoller. 

In der Bundesliga war der Videobeweis zur Saison 2016/2017 eingeführt worden, wobei es bei der Anwendung des Videobeweises teilweise zu unerfreulichen Begleiterscheinungen kam. Vor allem die vergleichsweise lange Zeitverzögerung bis zur Entscheidung per Video wurde kritisiert.

Bei der WM waren diese negativen Umstände deutlich weniger zu registrieren. Außerdem führte laut einer FIFA-Untersuchung nach dem Turnier der Videobeweis dazu, dass sich die Anzahl der Fehlentscheidungen durch den Einsatz des Videobeweises verringerte.

Unabhängig davon, ob diese Untersuchung durch die FIFA tatsächlich gestimmt hat (schließlich hat die FIFA ja auch für die Einführung des Videobeweises gesorgt), war die Zahl der Skeptiker nach dem Turnier (zum Beispiel im deutschen Profifußball) deutlich geringer geworden. Es wurden aber stattdessen Forderungen zur Verfahrensweise bei der konkreten Anwendung des Videobeweises gefordert, da bei der WM die mit dem Videobeweis getroffenen Entscheidungen wesentlich schneller als in der Bundesliga gefällt wurden.

Die Qualifikation - viele Arrivierte müssen zuhause bleiben

Die Qualifikationsrunden der jeweiligen Kontinentalverbände brachten eine ganze Reihe von Überraschungen.

In der Afrika-Qualifikation scheiterte die Elfenbeinküste an Marokko, Ghana musste in seiner Gruppe Ägypten und Uganda den Vortritt lassen. Nigeria und Kameruntrafen in einer Gruppe aufeinander, so dass eine dieser beiden Mannschaften ausscheiden musste. Es erwischte Kamerun, das in dieser Gruppe nur Dritter hinter Nigeria und Sambia wurde.

Australien musste in die Play-off-Spiele gegen Honduras, nachdem es in seiner Gruppe hinter Japan und Saudi-Arabien nur Dritter geworden war.

In der Südamerika-Qualifikation blieb Chile als Sechster hängen; Peru kam als Fünfter in die Kontinental-Play-offs und kam dort gegen Neuseeland weiter.

Die größten Sensationen gab es in Europa. Zum einen schied die Niederlande (Dritter bei der WM 2014) gegen Frankreich und Schweden als Gruppendritter aus, Italien wurde in den Play-offs der Gruppenzweiten von Schweden besiegt. Sensationell auch, dass Island seine Qualifikationsgruppe gewann und dabei die Ukraine und die Türkei hinter sich ließ.

 

Die Gruppenspiele mit einer ungewöhnlichen Entscheidung - und mehrere Favoriten scheitern

In der Gruppe A herrschten von Anfang an klare Verhältnisse: Uruguay wurde nach drei Siegen ohne Gegentor Erster vor Gastgeber Russland. Saudi-Arabien und Ägypten waren chancenlos.

In der Gruppe B wurde Spanien vor Portugal Erster. Beide Mannschaften waren punktgleich. Eines der besten Spiele des Turniers, das Aufeinandertreffen der beiden, endete 3:3; damit war auch der direkte Vergleich unentschieden. Bei ebenfalls gleicher Tordifferenz gewann Spanien die Gruppe, weil es ein Tor mehr erzielt hatte. Marokko unterlag dem Iran und wurde Gruppenletzter.

Die Gruppe C gewann Frankreich vor Dänemark und Peru. Australien wurde nach zwei Niederlagen und einem Unentschieden Vierter.

Turbulent wurde es in Gruppe D: Im allerersten Gruppenspiel trotzte Island dem Vizeweltmeister Argentinien eine 1:1 ab. Argentinien verlor auch gegen Kroatien mit 0:3, wurde aber noch Gruppenzweiter vor Nigeria. Island blieb trotz des Achtungserfolges gegen den Vizeweltmeister nur Platz vier in der Gruppe. Kroatien zog mit drei Siegen als Gruppenerster in das Achtelfinale ein.

Sieger der Gruppe E wurde Brasilien vor der Schweiz, Beide Mannschaften bleiben ungeschlagen; das direkte Duell endete 1:1, aber Brasilien hatte die bessere Tordifferenz. Serbien und die Überraschungsmannschaft der WM 2014, Costa Rica beendeten die Gruppenphase auf Platz drei und vier.

Die größte Sensation der Vorrunde war der Ausgang der Gruppe F: Schweden wurde Gruppenerster vor Mexiko und Südkorea. Gruppenletzter wurde Titelverteidiger Deutschland, das im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea Platz zwei verspielte - selbst der Gruppensieg wäre noch möglich gewesen. Doch die 0:2 - Niederlage gegen die Asiaten bedeutete das Aus.

Wie erwartet, setzten sich in der Gruppe G Belgien und England vor Tunesien und Panama durch. Dabei wurde Belgien Gruppenerster durch ein 1:0 gegen England.

In der Gruppe H kam es zu einem Novum: Kolumbien wurde mit sechs Punkten Gruppensieger vor Japan und Senegal. Beide Mannschaften hatten 4 Punkte, das direkte Duell endete 2:2 und beide Mannschaften hatten 4:4 Tore. So musste erstmals die "Fair-Play-Wertung" über das Erreichen des Achtelfinals entscheiden.

In einem solchen Fall kommt diejenige Mannschaft weiter, die weniger gelbe oder rote Karten hat. Japan hatte nur vier gelbe Karten bekommen, Senegal deren sechs. Für die Afrikaner doppelt bitter: Polen, das bereits ausgeschieden war, lieferte den Afrikanern durch einen Sieg gegen Japan die nötige Schützenhilfe, so das dem Senegal ein Unentschieden gegen Kolumbien gereicht hätte. Die Südamerikaner gewannen jedoch mit 1:0.

Das Achtelfinale - und das "Favoritensterben" geht weiter

Im ersten Spiel der K.o.-Runde kam es gleich zum Aufeinandertreffen zweier Titelkandidaten: Frankreich traf auf Argentinien. In einem dramatischen Spiel gingen die Franzosen zunächst in Führung. Doch Argentinien drehte das Spiel und lag mit 2:1 vorn, bevor die Stunde von Kylian Mbappé schlug. Nachdem der Abwehrspieler Pavard den Ausgleich für die Franzosen erzielt hatte, erzielte der Jungstar innerhalb von vier Minuten zwei Tore zum 4:2 und entschied damit das Spiel. Agüeros Treffer zum 4:3 in der Nachspielzeit kam für die Argentinier zu spät.

Auch Spanien schied im Achtelfinale aus. Gegen den Gastgeber reichte es zunächst nur zu einem 1:1 nach 120 Minuten. Im anschließenden Elfmeterschießen setzte sich Russland mit 4:3 durch, nachdem Keeper Akinfejew zwei Elfmeter abgewehrt hatte

Kroatien erreichte ebenfalls erst im Elfmeterschießen gegen Dänemark das Viertelfinale. der dänische Torwart hielt zwar zwei Elfmeter der Kroaten, aber da Subašić sogar drei Elfmeter abwehren konnte, schied Dänemark aus.

Der amtierende Vizeweltmeister Brasilien besiegte Mexiko mit 2:0 und Schweden siegte über die Schweiz mit 1:0. Uruguay warf Portugal dank zweier Tore von Endison Cavani aus dem Turnier.

Dramatisch wurde es auch im Spiel zwischen Belgien und Japan. Bis zur 69. Minute führten die Asiaten 2:0, ehe Vertongen und Fellaini innerhalb von fünf Minuten für das 2:2 sorgten. In der vierten Minute der Nachspielzeit erzielte Chadlli das 3:2 für Belgien.

Etwas Neues gab es im Spiel zwischen England und Kolumbien: Erstmals bei einer WM gewannen die Engländer ein Elfmeterschießen, nachdem sie vorher alle drei Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften verloren hatten. 

In der regulären Spielzeit waren die Engländer schon so gut wie weiter; sie mussten erst in der Nachspielzeit den Ausgleich zum 1:1 hinnehmen. bei diesem Ergebnis war es auch nach der Verlängerung gelben. Im Elfmeterschießen behielt dann England mit 4:3 die Oberhand.

Das Viertelfinale - der nächste Titelkandidat scheidet aus.

Das Viertelfinalspiel zwischen Schweden und England endete mit 2:0 - Sieg der Skandinavier; mit dem gleichen Ergebnis schaltete Frankreich Uruguay aus. Beide Spiele waren nach einer Stunde entschieden.

Gastgeber Russland verlor gegen Kroatien, wobei auch in diesem Spiel erst im Elfmeterschießen die Entscheidung fiel. Nach der regulären Spielzeit hatte es 1:1 gestanden, bevor die Kroaten in der 111. Minute in Führung gingen. Russland glich vier Minuten später aus. Nach zwei Fehlschüssen der Russen erreichten die Kroaten die Vorschlussrunde.

Die große Sensation des Viertelfinales aber war der 2:1 - Sieg der Belgier gegen Brasilien. Ein frühes Eigentor hatte Belgien zur 1:0 - Führung verholfen, die Kevin de Bruyne in der 31. Minute zum 2:0 ausbaute. Der Anschlusstreffer durch Renato in der 76. Minute sorgte noch einmal für Spannung, doch die Belgier brachten das Ergebnis über die Zeit.

Die Halbfinalspiele und das Spiel um Platz drei - Europa unter sich

Das Halbfinale

Nach 1982 und 2006 standen zum dritten Mal nur europäische Mannschaften im Halbfinale.

Die beiden Spiele verliefen vergleichsweise unspektakulär auch wenn es wieder einmal bei einem Spiel in der Verlängerung ging.

Frankreich siegte über Belgien mit 1:0 durch ein Tor vom Umtiti in der 51. Minute.

Kroatien benötigte die Verlängerung, um gegen England mit 2:1 zu gewinnen. Perišić hatte die frühe Führung der Engländer in der 68. Minute ausgeglichen; Mandžukić entscheid mit seinem Tor in der 109. das Spiel.

 

Spiel um Platz drei

England traf hier auf Belgien; einen der Geheimfavoriten des Turniers. Die Belgier gingen früh in Führung und in der 82. Minute entschied Axel Witsel das Spiel.

Das Finale - die spektakulärste Entscheidung per Videobeweis

Im Finale traf einer der Titelfavoriten auf den krassen Außenseiter Kroatien, dessen Finalteilnahme vor dem Turnier kaum jemand erwartet hatte.

Kurios dabei: Bei der WM 1998 im eigenen Land holte Frankreich seinen ersten WM-Titel. auf dem Weg dorthin war Frankreich in Halbfinale auch auf Kroatien getroffen und als Sieger vom Platz gegangen. Während Frankreich danach seinen ersten Titel holte, war der Sieg im Spiel um Platz drei der bis dahin größte Erfolg der Kroaten gewesen.

Die 1:0 - Führung des Favoriten Frankreich fiel durch eine Eigentor von Mandžukić. Perišić glich in der 38. Minute aus. Weitere zehn Minuten später sorgte Griezmann durch einen verwandelten Handelfmeter für Frankreichs Halbzeitführung.

Dieser Handelfmeter war der große Aufreger des Spiels. Viele Experten hielten diese Entscheidung, die per Videobeweis getroffen wurde, für falsch. Doch die Mehrheit verwies auf die Regeln der FIFA, nach denen bei strenger Auslegung die Entscheidung zumindest vertretbar war. Manche Schiedsrichter waren sogar der Meinung, dass diese Entscheidung nicht nur eine Ermessenssache gewesen sei, sondern der Elfmeter zwingend gegeben werden musste. Ex-Schiedsrichter Urs Meier meinte nach dem Spiel: "Man kann den Elfmeter geben. Ohne Videobeweis wäre er nicht gegeben worden".

In der zweiten Halbzeit fiel die Entscheidung: Durch Tore von Paul Pogba und Kylian Mbappé erhöhten die Franzosen innerhalb von sechs Minuten auf 4:1. Der Treffer zum 4:2 von Mario Mandžukić war letztlich nur noch Kosmetik.

Seit 1958 wurden in keinem Finale mehr Tore in de regulären Spielzeit erzielt.

Für Frankreich war es der zweite Titel nach 1998. Trainer Didier Deschamps hatte damals als Spieler im Finale gestanden und ist nach Mario Zagalo und Franz Beckenbauer der Dritte, der sowohl als Spieler als auch Trainer Weltmeister geworden ist.

Taktische Entwicklungen

Insgesamt wurde wieder mehr Wert auf die Defensive gesetzt. Das vergleichsweise offensiven Umschaltspiel, wie es in den letzten Jahren oft zu beobachten war, wurde durch zunehmende Absicherung gegen Konter des Gegners ergänzt.

Außerdem zeigte sich, dass taktische Variabilität immer wichtiger wird - schon auf dem Platz müssen die Mannschaften zunehmend besser in der Lage sein, die taktischen Grundordnungen ändern zu können. Dies bedeutet auch, dass die einzelnen Spieler zunehmend in der Lage sein müssen, mehrere Positionen gleich gut besetzen zu können.

Nicht zuletzt zeigte sich, dass es keine absolut vergleichbaren Anforderungsprofile mehr gibt. Ein rechter Außenverteidiger muss meistens ein anderer Spielertyp sein, als der linke Außenverteidiger - es reicht nicht mehr "das gleiche mit dem anderen Fuß" zu spielen.

Kettenhund, vor 6 Tagen
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Bildquelle:
Bild: freestockgallery.de (Wendepunkte der Geschichte – was wäre gewesen, wenn?)

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