Kulturapfel

Kulturapfel (Bild: adele sansone)

Dem Ursprung der Äpfel auf der Spur

Wie die reinsten Detektive heften sich die Biologen an die Apfel-Spur. Wo kommt der Ur-Apfel wirklich her? Schnuppern links, schnuppern rechts; manchmal gehen sie Irrwege. Müssen sich neu orientieren. Doch mit der Zeit wird die Spur immer heißer, bis sie in Asien endlich ans Ziel gelangen.

 

Apfelwälder im Tian Shan Gebirge in Kasachstan

In Kasachstan, einem von der Außenwelt auch heute noch weitgehend abgeschotteten Land in Zentralasien, gedeihen seit Urzeiten Wildäpfel. Schon der alte Name der Hauptstadt "Alma Ata",was auf kasachisch so viel wie "Vater der Äpfel" heißt (Alma=Apfel), weist darauf hin.

(Heute heißt die Hauptstadt Almaty)

Im Tian Shan Gebirge (Satellitenbild) an der Grenze zu China gibt es heute noch richtiggehende Apfelbaum-Urwälder. Wahre Baumriesen von bis zu 30 Metern Höhe, einem Durchmesser von zwei Metern und einem Alter bis zu 300 Jahren sorgen für Erstaunen. Die Widerstandsfähigkeit dieser Bäume ist gewaltig. So überstehen sie Temperaturen im Bereich von minus 40° bis plus 40°. Trotzen Eis und Schnee. Schädlinge und Krankheiten, wie Apfelschorf, beißen sich an ihnen die Zähne aus. Malus sieversii, auch asiatischer, kasachischer oder Altai-Apfel nennt sich diese Art. Ist dies der Urvater unserer Kulturäpfel?

Malus sieversii: der Vater aller Äpfel

Haben Sie schon einmal einen unserer Wildäpfel, nämlich den Holzapfel (Malus sylvestris), gekostet? Schon? Dann verstehen Sie, wovon ich rede. Herb, um nicht zu sagen - sauer und der pelzige Geschmack, den er hinterlässt. Nein, danke. Als Apfelbrand okay, aber als Speiseapfel?

Und schon sind wir bei der wichtigsten Tatsache gelandet: dem süßsauren Geschmack

  • Der Altai-Apfel, Malus sieversii, der wild wachsende Apfel aus Kasachstan, ist nicht ungenießbar. Er wächst mit einer erstaunlichen Vielfalt an Größe, Süße und Geschmack.
  • Jeder Berg und jeder Hang besitzt praktisch seine eigene Varietät.
  • Die äpfelchen sind groß, klein, gelb oder rot und aromatisch.

Entdecker dieses Apfelgebietes war der russische Botaniker Nikola Iwanowitch Wawilow (1887-1943), der in einem der Lager des Gulag erbärmlich verhungerte.

Schon immer war man in Kasachstan der Meinung, dass die kasachischen Äpfel der Urform des Speise-Apfels nahe kommen. Recht haben sie. Die Wissenschaft musste es nur noch bestätigen.

Der Garten Eden von Heute liegt im Botanischen Garten in Almaty

Über 50 Jahre betreute und hegte Professor Djangaliev (Aimak Djangaliev: Prof.of BioSci, Academy of Sciences, Almaty) im Botanischen Garten von Almaty (früher Alma Ata) sämtliche Apfel-Varietäten aus allen Regionen des Tian Shan Gebirges um die genetische Vielfalt zu erhalten. Die kasachische Biologin Dr. Raya Toulekhanova von der Universität Almaty, lange Mitarbeiterin von Djangaliev, führt heute seine Arbeit fort.

Wenn Kasachstan so clever reagiert wie China, das seinen Teil des Tian Shan Gebirges als Weltnaturerbe bereits angemeldet hat, dann werden diese Wälder auch noch über viele Generationen erhalten bleiben.

Wie kam nun der asiatische Apfel zu uns?

Wollte man es ganz derb ausdrücken, so müsste man sagen: "Es ist eine Scheißgeschichte". Denn der Apfel geht, wird er einmal verspeist, den Weg alles Irdischen.

Oder man könnte meinen, da will uns jemand einen Bären aufbinden, dabei hat die Apfelgeschichte wirklich mit Bären zu tun.

Die Vermutung der kasachischen Biologen, dass die Verbreitung vor allem der wohlschmeckenden süßen Varietäten mit der Vorliebe der kasachischen Bären zu tun habe, ist nicht von der Hand zu weisen. Die vorwiegend vegetarisch lebenden Bären lieben die süßen Apfel-Sorten. Menschlich verständlich.

Im Kot (also doch Sch....) von Bären lassen sich viele unverdaute Kerne finden. Diese überleben nicht nur in diesen Kothaufen, sondern finden darin gleich wertvollen Dünger, damit sich neue Bäume entwickeln können. So sorgen vorwiegend die Bären für die Verbreitung der süßeren Sorten, denn die sauren oder herben Äpfel verschmähen sie. Frei nach Shakespeare kann man sagen: "Es war der Bär und nicht die Lerche."

Beruf: Apfelforscher - Dr. Barrie Juniper (Oxford) und Dr. Riccardo Velasco (Trento)

Forscher der Universität Oxford machten sich daran, das Genom des Apfels zu entschlüsseln. Die Forschergruppe um Dr. Barrie Juniper und David Mabberley analysierte und verglich alle Wildapfelsorten, auch die des Malus sieversii, dem asiatischen Wildapfel, mit dem Malus domestica, dem Kulturapfel. Das Erbgut des asiatischen Wildapfels Malus sieversii erwies sich mit dem des Kulturapfels nahezu ident. (2006).

Das wurde auch von Dr. Riccardo Velasco und Andrey Zharkikh (Trento) einige Jahre später bestätigt, die dabei die typische Südtiroler Apfelsorte "Golden Delicious" untersuchten und sie mit dem kasachischen Wildapfel abglichen.

"Now the entire genome had been sequenced, it was possible for our team to compare 23 different genes, and so prove conclusively that the Kazakh apple had the closest genetic profile to the domestic apples." (2010)

Die Konsequenz daraus ist, dass man nun versucht die besonderen Fähigkeiten des Urapfels, was die Widerstandsfähigkeit angeht, wieder in den domestizierten Apfel einzukreuzen. Es kann der Sorten-Vielfalt nur guttun.

Die menschlichen Verbreiter des Apfels

Natürlich überließ man die Arbeit nicht nur den Bären. Der Mensch tat bei der Verbreitung so das Seine dazu. Keine Frage. Nomaden, Sammler, später Karawanen von Händlern oder Reisenden an der Seidenstraße sorgten für die weitere Verbreitung des Apfels. 

Auch Jungpflanzen wurden gehandelt, getauscht. Vom Tian Shan Gebirge aus wanderte der kasachische Apfel nach Europa, wurde dort weiter veredelt und gelangte hinaus in die ganze Welt.

Durch den regen Austausch wurde die Sortenentwicklung des Apfels gefördert. Heute sind mehr als 20.000 Apfelsorten bekannt, wobei allerdings nur 20 wirklich wirtschaftliche Bedeutung haben.

Wer auf neue Apfelzüchtungen allergisch reagiert, kann aufatmnen. Man bemüht sich sehr, wieder auf alte Sorten zurückzugehen. 

 

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Glossar zur Apfelgeschichte

  • Rosaceae = Familie Rosengewächse
  • Maloideae = Unterfamilie Apfelähnliche
  • Malus sylvestris (Pyrus malus) = Holzapfel
  • Malus domestica = Kulturapfel
  • Malus sieversii (Pyrus sieversii) = asiatischer Wildapfel.

Der Malus sieversii wurde erstmals 1833 von Carl Friedrich von Ledebour, einem deutsch-estnischen Naturforscher, beschrieben. Der asiatische Wildapfel oder Altai-Apfel, wie er auch genannt wird, ist ein Wildapfel, der vor allem in Kasachstan, im Osten von Usbekistan, Kirgisistan, Nord-Afghanistan und in Xinjiang in China vorkommt.

Lesetipp: Woher kommen botanische Begriffe und was bedeuten sie?

Wer Interesse hat, wie Bäume auf uns Menschen wirken, der liest hier weiter.

Quellen und weitere Informationen

Ein Film dazu:

Quellen:

Wer Lust bekommen hat, Apfelbäume, allerdings Kulturäpfel, in all ihrer Schönheit zu besuchen, dem ist dieser Wanderweg "Marlinger Waalweg" in Südtirol zu empfehlen.

Der Wildapfel oder Holzapfel wiederum wurde zum Baum des Jahres 2013 gewählt.

Apfelblüte

Apfelblüte (Bild: adele sansone)

Adele_Sansone, am 23.03.2014
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Bildquelle:
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Der Marlinger und Maiser Waalweg in Südtirol)
Wikipedia (Apfelwein, der leckere Hesse mit der langen, internationalen Tradition)

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