Der Michel (im Hintergrund)

Ohne den Nordlichtern auf die Füße treten zu wollen: wenn es um Urlaub geht, bin ich eher nach Süden orientiert und wäre nie darauf gekommen, ein paar Tage im Hamburg zu verplanen, wenn dort nicht ein Konzert stattgefunden hätte, das ich unbedingt besuchen wollte. In meiner süddeutsch geprägten Vorstellung sind die Norddeutschen kühl, distanziert und lassen sich stets eine st-eife Brise um die Nase wehen. Kurz, sie sind beinahe fremdländische Sonderlinge. Mit dieser Voreingenommenheit bin ich stundenlang mit meiner Freundin im Bordrestaurant des ICE von Mannheim nach Hamburg gesessen, habe den Reiseführer gepaukt, in denen mir die Reeperbahn in warnenden Worten madig gemacht wurde, und mich gefragt, wie verrückt man sein muss, um einen Trip in eine Stadt auf sich zu nehmen, die nicht unbedingt an erster Stelle auf der "To-do"-Liste steht.

Das Wetter war die erste positive Überraschung. Sonne satt, während ich den heimischen Himmel grau und regnerisch verlassen hatte. Ideal, um die Stadt sofort auf eigene Faust zu erkunden und sich ein wenig zu akklimatisieren. Der fast dörfliche Charakter der Stadt hat mich tatsächlich an München erinnert, und die Leute - von der Kellnerin zum Verkäufer - ließen nordische Distanziertheit komplett vermissen. Aufmerksam, höflich und zuvorkommend wurden wir behandelt, und die gefürchteten Sprachbarrieren bezüglich des Dialektes blieben aus. Lediglich der Kassierer des Beatles-Museums konnte sich eine entsprechende, gutmütige Bemerkung nicht verkneifen. Dafür durften wir jedoch zu ermäßigten Eintrittspreisen Ringos Postkarten an seine Oma lesen und erfahren, dass Paul Mc Cartney angeblich eine uneheliche Tochter in Deutschland hat. Von dem ersten Bassist der Band, Stuart Sutcliffe, und seinem frühen tagischen Tod, hörte ich dort zum ersten Mal. Leider waren wir nicht mutig genug, um einen Beatles-Song als Souvenir im Karaoke-Studio aufzunehmen.

Langeweile kam in den drei Tagen nie auf. Ein Streifzug durch die Speicherstadt und das Hafenviertel stand auf dem Programm, und für mich war das wirklich etwas Besonderes. Historische Schiffe wie das Rickmer Rickmers üben einen ganz eigenen Reiz aus auf Landpomeranzen. Attraktionen wie den Dungeon, der die Greuel in der Geschichte der Stadt erzählt und dabei auf Nervenkitzel setzt, haben wir uns wegen der langen Menschentraube vor dem düsteren Gebäude erspart. Es gab soviel zu sehen, dass wir uns den 90 Minuten langen Rundgang vermutlich für den nächsten Besuch aufheben. Allerdings - ich lasse mich nicht gern von mit Totenköpfen ausgestatteten Schaustellern erschrecken, und so war ich auch nicht allzu enttäuscht, Klaus Störtebeker & Co links liegen zu lassen.

Spaßig dagegen war das Panoptikum neben dem Operettenhaus. Es gilt als ältestes und größtes Wachsfigurenkabinett Deutschlands. Man darf nach Herzenslust fotografieren, mit Herbert Grönemeyer ins Mikro grölen, Robbie Williams und Charlie Chaplin bezirzen, einem gewichtigen Gespräch zwischen Angela Merkel und Ex-Kanzler Gerhard Schröder lauschen und historische Persönlichkeiten in Farbe sehen, die man nur aus Geschichtsbüchern und Stichen kennt. Der alte Fritz sitzt sogar auf dem hohen Ross. Der Hamburger Jung Hans Albers in fescher Seemannsuniform fehlte freilich auch nicht. Ein bisschen mulmig wurde mir bei Hitler und Goebels, vor denen ich mich nicht lange aufgehalten habe.

Auch anatomisch skurrile Merkwürdigkeiten sind dort zu bewundern, u.a. der zweigesichtige Mensch, die mit 2,17 m größte Frau, die das Panoptikum (damals noch eine Art Freakshow) Anfang des 20. Jahrhunderts persönlich besuchte, und eine Abteilung für den medizinisch Interessieren, wo Krankheiten und Anormalitäten in Wachs naturgetreu am menschlichen Körper nachgebildet wurden. Nichts für schwache Nerven!

Die Reeperbahn und St. Pauli sind zumindest tagsüber übrigens nicht so anrüchig wie ihr Ruf. Natürlich säumen einschlägige Etablissements und Sex-Shops die Straße, aber wenn man kein Interesse zeigt und die Schaufensterauslagen tapfer ignoriert, wird man in der Regel in Ruhe gelassen. Ein wenig irritierend für Fremde sind jedoch die vielen Obdachlosen und Betrunkenen, die ihren Rausch ausschlafen und mit verdrehten Gliedern das Straßenbild "zieren".

Ein Klischee, das sich bewahrheitet hat, ist die allgegenwärtige Kartoffel, die man in allen erdenklichen Variationen in Restaurants und Lokalen serviert bekam. Bratkartoffeln mit Zwiebeln und einer Essiggurke würde man im Süden kaum als komplette Mahlzeit bezeichen. Aber es war reichlich und superlecker!

Alles in allem muss ich sagen, dass Hamburg trotz der zurzeit bestehenden Baustellen allerorten eine sehr schöne und einigermaßen überschaubare Stadt ist und die Norddeutschen keineswegs herablassend, wie sich die Mehrheit der Süddeutschen das vorstellt.

 

Autor seit 7 Jahren
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