Wer war Elizabeth Gaskell?

Elizabeth Cleghorn Gaskell, geborene Stevenson: Pfarrerstochter, Pfarrersgattin, Mutter von sieben Kindern, viktorianische Schriftstellerin, meist nur "Mrs Gaskell" genannt – eine Bezeichnung, die sie selbst gewählt hat.

Zugegeben, diese Beschreibung klingt nicht nach einer Romanautorin, die auch modernen Lesern noch viel zu sagen hätte.

Doch der Schein trügt: Denn Elizabeth Gaskell war eine lebhafte, interessierte und auch interessante Persönlichkeit.

Porträt der Autorin: Elizabeth Gaskell

Elizabeth Cleghorn Gaskell Writer in 1851 (Bild: George Richmond / AllPosters)

Elizabeth Gaskell und ihre Themen

Tatsächlich sind die Themen ihrer Bücher überraschend zeitlos und modern. Elizabeth Gaskell verarbeitet in ihren Romanen vieles von dem, was sie selbst erlebt hat.

Es geht um alleinerziehende Mütter und starke Frauen. Um Väter, die zwar da sind, aber nicht wirklich präsent. Um "Patchwork"-Familien, Stiefeltern und Stiefgeschwister. Um Verluste und Veränderung. Um Familien, die auseinander brechen. Um Menschen, die trotz scheinbar unüberwindbarer Gegensätze zusammenfinden.

Elizabeth Gaskell als Autorin

Elizabeth Gaskells Schreibstil wird oft mit dem von Jane Austen verglichen. Anders als die berühmte "Kollegin" wagt sich Elizabeth Gaskell aber auch an problematische Themen. Bei manchen Zeitgenossen macht sie sich damit ziemlich unbeliebt. Ihr Roman "Mary Barton" gilt als erster echter Sozialroman überhaupt und erzählt von den schwierigen Lebensbedingungen der Industriearbeiter im industriellen Manchester:

"Ich empfand tiefes Mitgefühl mit diesen sorgenvollen Männern, die aussahen als ob sie zu einem Leben endlosen Kampfes zwischen Arbeit und Entbehrung verdammt seien." (Quelle: Wikipedia)

Viel Kritik handelt sich Elizabeth Gaskell ein. Die Slums von Manchester als Romankulisse?! Dass eine Frau überhaupt von solchen Dingen schreibt! Viele finden das unschicklich, unangenehm und unangemessen. Was noch schlimmer ist: Die Autorin stellt die etablierte Gesellschaftsordnung in Frage.

Mit ihren Industrieromanen gelang es Elizabeth Gaskell, ihre Zeitgenossen weitaus eindringlicher auf die sozialen Probleme der Zeit aufmerksam zu machen als [Premierminister] Benjamin Disraeli mit seinen Schriften zu diesem Thema, weil sie glaubhafte Personen und nicht nur Abstraktionen schilderte. (Quelle: Wikipedia)

Was hat Elizabeth Gaskell geschrieben?

Viele Leser kennen Elizabeth Gaskell vor allem als Biografin Charlotte Brontës, die beiden Frauen waren gut befreundet. Neben der Biografie "The Life of Charlotte Brontë" (1857) hat Elizabeth Gaskell mehrere Kurzgeschichten und Novellen verfasst, bekannt ist sie inzwischen jedoch vor allem für ihre Romane:

 • Mary Barton (1848)

• Cranford (1851–3)

• Ruth (1853)

• North and South (1854–5)

• Sylvia's Lovers (1863)

• Wives and Daughters: An Everyday Story (1865)

 

Was macht Elizabeth Gaskells Bücher lesenswert?

"Wenn ich schreibe, dann stelle ich mir vor, ich würde mit einem guten Freund an einem Winterabend am Kamin sitzen und ihm eine Geschichte erzählen." (Elizabeth Gaskell)

Schon als junges Mädchen wird Elizabeth Gaskell von Bekannten geneckt: "Du möchtest immer alles ganz genau wissen, dich interessiert ja jedes noch so winzige Detail!"

Tatsächlich ist Elizabeth Gaskell eine unermüdliche Beobachterin und an allem interessiert, was um sie herum vorgeht: Am Weltgeschehen ebenso wie am Alltagsleben oder an den Erlebnissen und Gedanken ihrer Mitmenschen.

Sorgfältig, bildhaft und mit einem Blick für Details schreibt sie ihre Geschichten. Dabei beibt sie zurückhaltend. Sie kommentiert nicht und ergreift auch keine Partei. Der Leser kann sich selbst eine Meinung bilden.

Besonders gelungen sind ihre Haupt- und Nebenfiguren: Bei Elizabeth Gaskell gibt es kein "Schwarz und Weiß". Alle Charaktere haben ihre Stärken und Schwächen, dadurch wirken sie echt und glaubwürdig.

"Sie ist für mich wahrscheinlich die aufregendste viktorianische Romanschriftstellerin. Anders als den anderen gelingt es ihr, in den männlichen Verstand einzudringen. Der Mann ist gewöhnlich nur eine Fantasiefigur. Die Vorstellung, daß dieser männliche Verstand von einer Frau beschrieben wurde, war brillant." (Richard Armitage, Darsteller von John Thornton in der Verfilmung von "North and South")

Als Schriftstellerin ist Elizabeth Gaskell unermüdlich. Es wird berichtet, dass sie immer und überall einen Ort und eine Möglichkeit zum Schreiben finden konnte und sei es bloß eine Ecke, die sie sich am Esstisch freigeräumt hatte. Als vielbeschäftigte Pfarrersgattin, Mutter, Gastgeberin, Sozialreformerin und Auftragsschreiberin (u.a. für Charles Dickens) musste die Autorin diese kleinen Freiräume auch gut zu nutzen wissen.

Ihre Arbeit zahlt sich aus: 1865 erfüllt sie sich einen Traum und kauft vom eigenen Geld ein Haus in Hampshire – für den heutigen Preis von rund 220 000 Euro. Das Haus soll ihr Rückzugsort im Alter werden und eine Überraschung für Ehemann William sein.

Leider bleibt dieser Wunsch unerfüllt: Elizabeth Gaskell stirbt 1865 ganz plötzlich an Herzversagen – dass sie ihren Mann mit dem neuen Haus überraschen kann, das erlebt sie nicht mehr. Auch ihr letztes Werk, der Roman "Wives and Daughters", bleibt unvollendet.

Mehr als nur ein "industrielles Pride and Prejudice": Elizabeth Gaskells "North and South"

Mit Jane Austens berühmtem Roman "Stolz und Vorurteil" (Pride and Prejudice) wird Elizabeth Gaskells Industrieroman "North and South" oft verglichen.

Tatsächlich erinnert die Beziehung zwischen Pfarrerstochter Margaret Hale und Industrieunternehmer John Thornton ein bisschen an die Romanze zwischen Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy aus Jane Austens Romanklassiker. Auch Margaret und Thornton müssen Vorurteile überwinden, falschen Stolz ablegen, den Partner mit neuen Augen sehen.

Aber in "North and South" steckt noch viel mehr: Es ist vor allem die Geschichte von Margaret, die vom geliebten Land in die ungeliebte Stadt kommt. Die sich mit Verlust und Veränderung, Elend und Armut auseinandersetzen muss. Die versucht, ihre Familie zusammenzuhalten und dabei einen Schicksalsschlag nach dem anderen bewältigt.

Viele sehen Margaret Hale als Elizabeth Gaskells stärkste Heldin und "North and South" als ihren überzeugendsten Roman.

Elizabeth Gaskell: Ihre Bücher in deutscher Sprache

In deutscher Sprache sind bisher nur Elizabeth Gaskells Romane "Cranford" und "Frauen und Töchter" (Wives and Daughters) erschienen.

Wer kann, sollte die Bücher in englischer Originalsprache lesen – es lohnt sich.

Elizabeth Gaskell: Roman-Verfilmungen und Fernseh-Serien

Ganz wunderbar gelungen und unbedingt empfehlenswert ist die BBC-Verfilmung von Elizabeth Gaskells "North and South". Von Kritikern hochgelobt und von Fans geliebt gehört diese Verfilmung sicher zum Besten, was die BBC-Klassiker-Reihe zu bieten hat.

Auch sehr sehenswert und mit viel Flair und Charme umgesetzt: Die BBC-Serien "Cranford" und "Wives and Daughters". Cranford - leicht skurril, humorvoll und nostalgisch - erzählt die Geschichte eines kleinen Dorfes auf dem Land, in dem es vor allem die Frauen sind, die den Alltag bestimmen.

In "Wives and Daughters" geht es wie der Titel verrät um "Ehefrauen und Töchter". Es geht um Stiefmütter und Stiefschwestern, um nachlässige Väter und um die erste Liebe. Es ist die Geschichte von Molly, einer der sympathischsten Heldinnen, die Elizabeth Gaskell zu Papier gebracht hat.

Alle drei BBC-Verfilmungen von Elizabeth Gaskells Büchern sind inzwischen auch in deutscher Sprache erhältlich: Anschauen lohnt sich!

Roman-Verfilmung: Elizabeth Gaskells "North and South" (2004)

Vorschaubild / Grafik oben: © Open Clipart Library

Michaela, am 03.09.2012
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Bildquelle:
© openclipart.com ("Phänomen" Jane Austen: Bücher und Filme)
Bild: openclipart.com ("Stolz und Vorurteil" (1813): Warum Jane Austens beliebtester Roman...)
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