Wüste Flüche im Kreißsaal

Balsam für die Seele – und eine gute Möglichkeit, Schmerzen zu übertönen, zu überlisten, (fast) vergessen zu machen. Dazu gibt es das Beispiel einer jungen Frau, bei der die Wehen einsetzen. Der Ehemann ist bei der Geburt dabei. Als es soweit ist, überschreit sie ihre Schmerzen mit einer Flut wüster Flüche. Der Ehemann ist entsetzt – über den Vorgang an sich, aber auch über das breite Schimpfwort-Reservoir seiner Gattin. Die Hebamme winkt ab; das sei man im Kreißsaal gewöhnt. Was die Kreißende tat, machen nach Untersuchungen kanadischer Mediziner chronische Schmerzpatienten: Sie schreien ihre Wut, ihren Schmerz heraus; sie zetern, schimpfen und verwünschen. Damit entspannen sie sich – mindern zumindest ihre andauernde Anspannung.

Ein reinigendes Wörterausscheiden

Auch wenn es puritanische Sittenwächter lange Zeit nicht wahrhaben wollten: In Stress-Situationen hilft es, selbst gesetzte Verbaltabus zu brechen. Fluchen nämlich befreit und baut Stress ab. Es ist ein reinigendes Wörterausscheiden, das seine befreiende Wirkung in vielerlei Situationen entfalten kann. Dazu gibt es Studien – wiederum aus der Klinik. In Operationssälen ist im Durchschnitt alle 51,4 Minuten mit einem Kraftausdruck aus dem Mund des Chirurgen zu rechnen. Und hat ein Orthopäde eine besonders komplizierte Gelenkoperation zu machen, steigt die Fluchfrequenz; nämlich auf einen Verbalausfall alle 29 Minuten.

Demenzkranke vergessen Schimpfwörter nicht

So sagt die Wissenschaft, das Bedürfnis des Menschen zu fluchen, sei so tief in der Architektur des Hirns verankert, dass sie zur sprachlichen Fähigkeit geworden ist, die am längsten erhalten bleibt. Alzheimerpatienten und Demenzkranke beispielsweise können auch dann noch mit Schimpfwörtern um sich werfen, wenn sie schon lange die Namen ihrer Nächsten vergessen haben und ihr Vokabular längst massiv eingeschränkt ist.

Sollte man vielleicht doch Fluchen unterdrücken?

Gerade Eltern versuchen sich vor ihren Kindern zusammenzureißen und nicht zu fluchen. "Ich würde nicht dazu raten, es zu unterdrücken", sagt die Wissenschaft. "Unter Umständen kann das zu einer Tätlichkeit führen." Ärger und die Hilflosigkeit müssen sich irgendwie entladen: Einige schlagen mit der Hand an den Kopf, gegen den Computer – oder eben gegen andere. Ein "Verdammt noch mal!" ist da allemal besser. Zudem merken Kinder rasch, wie Eltern auf Schimpfworte reagieren. Eltern, die sich zu sehr zusammenreißen, erreichen damit unter Umständen genau das Gegenteil, und die Kleinen fluchen umso mehr.

Einen Freibrief aber gibt es nicht

Einen Freibrief, seinem Ärger stets freien Lauf zu lassen, stellt Psychologie-Experte Steffgen aber nicht aus: "Wer immer sofort aus der Haut fährt, schädigt langfristig seine Gesundheit", warnt er. Die Stressbelastung und der Blutdruck können dauerhaft ansteigen, erklärt er. "Das passiert aber auch, wenn man seinen Ärger ständig herunterschluckt", so Steffgen. Zu viel Fluchen oder den Ärger zu oft hinunterschlucken – beides sei nicht empfehlenswert. Aber natürlich muss das Schimpfen und Fluchen seine Grenzen haben: andere beleidigen geht gar nicht – und das muss auch der Nachwuchs lernen. Also heißt die Lehre: Fluchen ja, aber mit Maß und Ziel.

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