Michael Haydn: Der vorenthaltene Ruhm

Ein geradezu klassisches Beispiel dafür ist Michael Haydn (1737-1806), ein Bruder des bekannten Wiener Komponisten Joseph Haydn. Letzterer soll sogar beim Hinsetzen einmal erklärt haben: "Wenn ich irgendwo stehe, dann einzig und allein im Konversationslexikon!" Angesichts eines solch selbstbewussten Bruders und weiterer neun Geschwister war es für Michael Haydn sicherlich nicht leicht, sich im wahrsten Wortsinn Gehör zu verschaffen. Doch der künstlerische Ruhm wird dem Komponisten zu Unrecht vorenthalten.

Er schuf immerhin Werke, die denen seines fünf Jahre älteren Bruders durchaus ebenbürtig waren, so dass es in späterer Zeit sogar zu Verwechslungen kam. Michael Haydn gilt als Erfinder des Männerquartetts, unterrichtete spätere Musikgrößen wie Diabelli oder Carl Maria von Weber und wurde ehrenhalber in die Königlich Schwedische Musikakademie aufgenommen. Während seiner beruflichen Laufbahn war er unter anderem Kapellmeister eines Bischofs und diente schließlich mehrere Jahrzehnte lang am Fürstenhof der Salzburger Erzbischöfe. Zu seinen dortigen Kollegen zählten Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart. Deren heutige Bekanntheitsgrade verhalten sich zueinander recht ähnlich wie die der Haydn-Brüder.

Leopold Mozart: Bieder und talentiert, doch nicht genial

Wenn heute jemand von Mozart schwärmt, ist in der Regel klar, um wen es sich handelt: Wolfgang Amadeus Mozart, leichtlebiger, aber genialer Komponist bis heute faszinierender Werke. Sein Vater Leopold (1719-1787) hingegen, ehrgeizig und bieder zugleich, blieb eher eine Randfigur der Musikgeschichte. Dennoch gebührt ihm die Anerkennung dafür, das Talent seines Sprösslings frühzeitig erkannt und gefördert zu haben. Anderenfalls wäre der Name Wolfgang Amadeus Mozart wohl kaum so berühmt und die klassische Musik um einiges ärmer.

Obwohl Leopold Mozart vermutlich nicht das Genie seines Sohnes besaß, wird ihm die heute eher mäßige Beachtung seines Schaffens nicht gerecht. Als Salzburger Hofkomponist und Vizekapellmeister hatte er immerhin eine solide Stellung inne, ohne dabei extrem unterwürfig zu sein. Ihm wird vielmehr eine kritische Sicht auf die Obrigkeit nachgesagt. Leopold Mozart wirkte nicht nur als Komponist, Musiklehrer und Violinist, sondern befasste sich auch mit Literatur und Wissenschaft. 1756 veröffentlichte er die "Gründliche Violinschule", ein über Jahrzehnte gültiges Standardwerk des Violinunterrichts. Das Andenken des Komponisten wird heute unter anderem durch die Internationale Leopold Mozart Gesellschaft gepflegt.

Carl Philipp Emanuel Bach: Bekannter als der Vater?

Auch der berühmte Johann Sebastian Bach hätte beinahe das Schicksal Leopold Mozarts geteilt und drohte ins musikalische Abseits zu geraten. Fünf seiner Söhne wurden Musiker, vier davon brachten es zu großem Ansehen. Sie waren zeitweise berühmter als der Vater, dessen polyphone Barockmusik ab Mitte des 18. Jahrhunderts rasch von den deutlich leichteren Rokoko-Klängen verdrängt wurde.

Der erfolgreichste dieser sogenannten Bach-Söhne hieß Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788). Er wurde vom preußischen König Friedrich II. als Hofmusiker engagiert und entwickelte sich in Berlin zum gefragten Klavierlehrer und Komponisten. Als 1767 in Hamburg Georg Philipp Telemann starb, einer der angesehensten Musiker seiner Zeit, trat Carl Philipp Emanuel Bach dessen Nachfolge an.

Heute allerdings haben sich die Verhältnisse wieder umgekehrt. Inzwischen beschränkt sich die Bekanntheit des zweitältesten Bach-Sohns vor allem auf den Kreis der Musikliebhaber, während Vater Bach auch absoluten Kultur-Muffeln ein Begriff sein dürfte.

Quellen:

Das große Lexikon in Farbe, Quelle International, 1992

Konzertbuch Klaviermusik, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig, 3. Auflage 1988

Anekdoten um berühmte Menschen, Neuer Kaiser Verlag GmbH, Klagenfurt, 2003

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