Schülerin bei Tag, Stripperin bei Nacht?

Cover "Ich weiß, wer mich getötet" mit Lindsay LohanFür die junge Aubrey (Lindsay Lohan) scheint das Leben nur Sonnenseiten bereitzuhalten: In der Schule bekommt sie nur beste Noten, nebenher schreibt sie einfühlsame Gedichte, sie ist eine höchstbegabte Pianistin und ihre wohlhabenden Eltern Susan (Julia Ormond) und Daniel (Neal McDonough) Fleming platzen fast vor Stolz. Das Idyll wird auf einen Schlag zerstört, als Aubrey von einem Psychopathen, der bereits eine andere junge Frau auf dem Gewissen hat, entführt wird. Wie durch ein Wunder gelingt ihr aber die Flucht in ein Waldstück, wo sie aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht wird.

Das Erwachen im Krankenhausbett ist bitter: Nicht genug damit, dass ihr ein Arm und ein Bein fehlen, erkennt sie offenbar ihre eigenen Eltern nicht mehr. Aubrey behauptet plötzlich, sie heiße Dakota und sei Stripperin. Zunächst glauben ihre Eltern und die Ärzte, sie leide in Folge des Schocks an Gedächtnisverlust. Aber FBI-Agentin Julie Bascome (Garcelle Beauvais) findet heraus, dass in einer von Aubreys Geschichten die Figur einer Stripperin namens Dakota vorkommt...

Trailer "Ich weiß, wer mich getötet hat"

Psychothriller, Splatterstreifen und Gurke in Einem!

Gar nicht lecker: Goldene Himbeeren

So schnell kann's gehen! Noch Anfang 2006 galt Lindsay Lohan als eine der größten Nachwuchshoffnungen Hollywoods: Mehrere Blockbuster, der Charthit "I Live for the Day" und ein Nebenjob als Aushängeschild für eine bekannte Modemarke pflasterten ihren Erfolgsweg. 2007 kam es aber knüppeldick: Gleich zweimal wurde sie wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet, anstatt eines gültigen Führerscheins fand die Polizei Drogen in ihrem Auto, und der Umstand, dass sie trotz zahlreicher Vergehen relativ ungeschoren davonkam, heimste ihr nicht gerade besonders viele Sympathiepunkte ein.

Dafür räumte sie nicht weniger als drei "Goldene Himbeeren" für ihre Performance in "Ich weiß, wer mich getötet hat" ein, der sich als einer der größten Flops des Jahres entpuppte. Da half selbst ihr pseudo-verruchter Körpereinsatz als Stripperin wenig, zumal sie die Promotion des Filmes auf Grund anderweitiger Verpflichtungen - siehe den vorangegangenen Absatz - vernachlässigen musste. Aber ist der von Chris Sivertson inszenierte Psychothriller tatsächlich dermaßen mies? Oder nutzten Filmkritiker und die Presse eine günstige Gelegenheit, auf einen gefallenen Ex-Star genüsslich zu treten?

 

Blaue Phase nicht nur bei Lindsay Lohan...

Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Im Fahrwasser ebenso umstrittener, wie erfolgreicher Horrorfilme der Marke "Hostel" und "Saw", versuchte es Sivertson mit einem Crossover aus Psychothriller und Splattermovie, der von einem Mysterytouch veredelt werden sollte. Das Ergebnis ist einer jener Filme, die enormes Potenzial leichtfertig verschenken und bei denen sich spannende Szenen mit unglaublich dämlichen Sequenzen abwechseln. Positiv stechen zunächst die souveräne Kameraführung und die ungewöhnliche Farbgebung heraus. Nur: Irgendwann hat man sich an den Blau- und Rottönen sattgesehen. Der Regisseur offenbar nicht, denn unverhohlen zieht er seine "blaue Phase" bis zum Ende durch.

Selbigen Qualitätsschwankungen unterliegt das Drehbuch. Verheißungsvoll beginnt der Film mit typischen Elementen eines Psychothrillers: Steht Aubrey nach ihrer Entführung lediglich unter Schock, weshalb sich die Musterschülerin für eine Stripperin hält? Oder steckt mehr dahinter, wie die ermittelnde Polizistin vermutet? Wer ist der Killer und was ist sein Motiv für die grausamen Verstümmelungen?

 

Besser als "Untraceable"

Die aufgeworfenen Fragen werden leider nicht ansatzweise zufrieden stellend beantwortet. Im Gegenteil: Dermaßen an den Haaren herbeigezogen präsentiert sich die Plotauflösung eines relativ teuren Hollywoodstreifens nur selten - und das will angesichts von Gurken wie "Captivity" oder "Untraceable" etwas heißen. Ganz offensichtlich wusste der Drehbuchautor vom Dienst selbst nicht so recht, wie er das spannende Anfangsszenario halbwegs logisch zu Ende führen sollte. Die hingeschluderte Auflösung ist folglich an Absurdität nur schwer zu überbieten.

Ebenso wie Lindsay Lohans Performance. Nun bekleckert sich keiner der Darsteller mit Ruhm, wobei Julia Ormond als besorgter Mutter kaum Gelegenheit zum Ausspielen ihrer meist soliden Schauspielkünste gegeben wird. Lohan, die mit Rollen in leichten Teenie-Komödien berühmt wurde, ist aber eine grandiose Fehlbesetzung. Auf dem Papier mag sich die Idee, Lindsay Lohan strippen zu lassen, ungemein clever gelesen haben: Kostenlose Promotion in Schmuddelblättern und im Web garantiert! Doch der Schuss ging letztendlich nach hinten los, was an Lohans gänzlich unerotischer Darbietung lag, die weniger für feuchte Hände - und was sonst noch so alles feucht werden kann -, sondern vielmehr für Gelächter und beißenden Spott sorgte. Insbesondere, da entweder Lohan oder Sivertson offenbar eine Striptease-Performance mit Poledancing verwechselten. Denn als Striptease kann man die mittlerweile berüchtigten "verruchten" Szenen nicht bezeichnen.

Ringel, Ringel, Reihe ...

Genauso wenig, wie man Lohan als halbwegs überzeugende Schauspielerin bezeichnen könnte. Die brave Musterschülerin nimmt man ihr gleichfalls nicht ab.Fairerweise sollte man erwähnen, dass ihre Charakterzeichnungen stereotyp erfolgen. Auf der einen Seite das hyperintelligente Allroundtalent Aubrey, das bei liebevollen, erfolgreichen Eltern aufwächst. Ihr Gegenstück bildet die ungehobelte, von ihrer Familie misshandelte Stripperin ohne jegliche Chance im Leben. Billigere Melodramatik und schmierigere Pseudo-Sozialkritik findet man für gewöhnlich nur auf deutschen Privatsendern. Dass sich der Film um die Aufgabe, eine amputierte Protagonistin auf Mörderjagd zu zeigen drückt, indem ihr unrealistisch perfekte Arm- und Beinprothesen verpasst werden, stellt noch das geringste Problem dar.

Fazit: "Ich weiß, wer mich getötet hat" ist zwar nicht so schlecht wie sein verheerender Ruf, Verwechslungsgefahr mit einem richtig guten, spannenden Psychothriller besteht aber bestimmt nicht. Genrefans können ruhig einen Blick riskieren, sollten aber nicht enttäuscht sein, wenn Lindsay Lohan im Verlaufe des Filmes mehr Gliedmaßen als Kleidungsstücke ablegt.

Originaltitel: I Know Who Killed Me

Regie: Chris Sivertson

Produktionsland und -jahr: USA, 2007

Filmlänge: ca. 103 Minuten

Verleih: Sony Pictures Home Entertainment

Deutscher Kinostart: 3. Januar 2008

FSK: Freigegeben ab 18 Jahren

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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