"Aiyaari" Trailer

Auch in seinen anderen Filmen erzählt Pandey seine Geschichten mit unterkühlter, unprätentiöser und konzentrierter Präzision, ohne dabei auf die sonst sehr typischen künstlichen Spannungsmomente oder einen ausladenden visuellen Stil zurückzugreifen. Seine Arbeiten sind trotz des Tempos von großer Übersichtlichkeit und Klarheit. Der Regisseur weiß, was er will und hat einen Standpunkt. Also weiß er auch, wo er die Kamera hinstellen soll. Spannung, Logik und Tempo verbinden sich bei ihm auf sehr geglückte Weise. So war es auch bei "Baby" (2015).

Hauptdarsteller in "Baby" ist Akshay Kumar, der beim ersten Auftritt im Film, der für Bollywood-Superstars ja immer besonders ikonisch und aussagekräftig ist, bloß ganz still und konzentriert auf einem Stuhl sitzt und zuhört. Er wartet in einem Überwachungswagen des türkischen Geheimdiensts in Istanbul darauf, dass es losgehen kann. Die folgende Geschichte dann handelt wie "Aiyaary" von einer geheimen staatlichen Einheit, einer Anti-Terroreinheit, die allerdings noch in der Erprobung ist und daher "Baby" heißt. Es ist eine Story über dem Kampf gegen die Feinde von innen und außen, die, wie in einem Dialog betont wird, auch Hindu-Nationalisten sein können, die eine moslemische Familie töten wollen. Doch in diesem Film ist der Hauptfeind ein moslemisch-pakistanischer Prediger mit Hass und Feuer in den Augen. Allerdings sind die Menschen, die plötzlich meinen, Indien wäre nicht mehr ihr Land, ein besonderes Problem. Junge indische Männer etwa, die in Nepal ihre terroristische Ausbildung bekommen. "Baby" verbindet also die Realität mit den Regeln des Genre-Films. Daher findet man die Zutaten, die Spionage- und Actionthriller haben, seit es sie gibt. Jemand muss aus dem Land geschmuggelt werden. Das passiert etwa in Kalte-Kriegs-Filmen haufenweise. Da muss man also nicht auf bestimmte Filme verweisen, bei denen Pandey sich handlungstechnisch bedient haben soll. Und die Ursache für Ähnlichkeiten mit anderen Filmen über Terrorismus findet sich ganz einfach in der zugrunde liegenden Wirklichkeit. Probleme mit dem Zeigen dieser Wirklichkeit hatte man allerdings in Pakistan, wo der Film nicht gezeigt werden darf, da zu viele Moslems in negativem Licht gezeigt würden, eine Begründung deren Logik impliziert, dass man zu dem Thema gar keine Filme drehen sollte oder die islamischen Terroristen in positivem Licht zeigen sollte.

"Baby" Trailer

Die Figuren zeichnet eine aufs Ziel versessene Konzentriertheit aus. "Baby" wirkt dabei sehr brutal, was er im Vergleich mit anderen Filmen aber genau genommen gar nicht ist. Es ist eher die unversöhnliche Härte, die auf den Zuschauer wirkt und die besteht nicht nur aus physischer Gewalt. In einer Szene will ein Terrorist beispielsweise nicht die präzise Uhrzeit eines Anschlags auf eine große Einkaufspassage verraten. Auf die harten Schläge reagiert er nicht. Kumar als Agent droht dann damit, die ganze Familie dort hinbringen zulassen. Und nicht nur der Gefangene spürt, dass das absolut kein Bluff ist. Außerdem wird die Action nicht durch Zeitlupe oder cartoonhafte Bildeffekte abgeschwächt oder ins überlebensgroß Irreale stilisiert, wie es im Bollywood-Kino sonst oft üblich ist. Solche Mittel erlauben dem Zuschauer oft eine Distanzierung von der Gewalt. Unsentimental bekommt ein zu stark verletzter Mann aus den eigenen Reihen im Notfall einen tödlichen Schuss. "Baby" ist absolut ironiefrei und präsentiert bis ins Letzte konsequente Professionelle, die in ihrem Patriotismus ungerührt den eigenen Tod in Kauf nehmen.

Der Film handelt von der ständig im Untergrund schwelenden Bedrohung, von der man ja meist nur etwas mitbekommt, wenn die Gefahr nicht im Vorfeld gebannt werden konnte. Ein Privatleben hat der Agent trotz Ehefrau und zwei Kindern nicht, da ist nur der eine kurze Besuch zu Hause, den er sofort wieder abbrechen muss. Der Agent lügt mit vollem Wissen der Frau über seine Arbeit, erfindet Anekdoten, einfach, um etwas zu erzählen zu haben und damit sie eine Erinnerung hat, wenn ihm etwas passiert. Während der Anti-Terroraktionen gibt es kurze Anrufe von zu Hause, die ihn nicht sentimental werden lassen, was die Härte zu sich selbst zeigt. Seltsamerweise ist es die scheinbar normale und so heile Welt der Ehefrau mit den Kindern, die mit der Zeit etwas Irreales kommt. Die ständige Bedrohung ist die eigentliche Wirklichkeit, nicht die heile Welt mit lachenden Kindern.

"A Wednesday" Trailer

Pandey, dessen Kinoauge vor allem an westlichem Kino von Billy Wilder über Orson Welles bis Steven Spielberg geschult wurde, hatte sich mit der Großproduktion "Baby" endgültig etabliert. Und mithilfe des großen Budgets konnte er zeigen, wie sehr er nicht nur ein Gespür für Spannung, sondern auch für die Schauplätze hat, deren Architektur und Atmosphäre bei ihm mehr als pittoresker Hintergrund sind. Sein erster Film "A Wednesday" (2008) handelte schon vom Terrorismus, aber mehr aus der Sicht der Gesellschaft, der Betroffenen. Es geht um das, was die Terrorgefahr in der Psyche des einzelnen Bürgers auslöst. Da meldet sich ein "einfacher Mann, der sein Haus säubern will" zu Wort und besiegt seine Angst vor Terror mit einer spektakulären Aktion, die dem Staat die eigene Hilflosigkeit und Erpressbarkeit in Notlagen vorführt. "Baby" wirkt in dem Zusammenhang wie eine Reaktion auf die Klagen, wie der Wirklichkeit gewordene Traum dieses einfachen Mannes, der vorgibt, Terrorist zu sein, um Terroristen töten zu können. Er will einfach keine Angst mehr haben. Der Stil des Films war noch ganz vom geringen Budget eines Erstlingsfilms geprägt. Viele Dialoge und vor allem in den temporeichen Sequenzen schnelle Schnitte, Detail- und Großaufnahmen fügten aber alles zu einem stilvollen und mitreißenden Ganzen zusammen. Und schließlich hatte Pandey durch sein dichtes Drehbuch gleich legendäre Veteranen wie Naseeruddin Shah und Anupam Kher für die Hauptrollen gewinnen können. Beide haben übrigens kleine, aber schöne Rollen in "Aiyaary". Vor allem ohne Anupam Kher kann Pandey einfach keinen Film machen!

"Special 26" (2013) war sein zweiter Film, eine satirisch-dramatische Gaunerkomödie. Hier geben sich Kriminelle als Beamte des CBI (Central Bureau of Investigation), der Anti-Korruptions-Polizei, aus und plündern Politiker, Beamte oder Geschäftsleute aus, die Geld aus Steuerhinterziehung oder Korruption in ihren Häusern gebunkert haben. Die Zeit ist 1987, wo offensichtlich jeder mit etwas Macht und Geld zu Hause und im Büro äußerst erfindungsreiche Verstecke für sein Schwarzgeld hat. Die Story ist spannend und vergnüglich gleichzeitig, und nach den Regeln des Heist-Films endet es überraschend mit einem großen Plan, der in einem noch größeren versteckt ist. Komödiantischer Höhepunkt sind übrigens Bewerbungsgespräche, bei dem man auch den familiären Hintergrund der Job-Aspiranten zu sehen bekommt.

"Special 26" Trailer

Wie so oft bei Pandey verschwimmen hier die Begriffe legal und illegal. Es ist eben ein großer Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Und interessanterweise gibt es immer wieder einen scharfsinnigen Polizisten, dessen Herz am Ende aufseiten des Gesetzesbrechers ist und es mag, dass dieser davonkommt. Pandeys Filme handeln alle von Profis, die wissen, was sie tun und wirklich gut sind, in dem, was sie tun. Von daher war es auch ganz passend, dass er 2016 "M.S. Dhoni: The Untold Story" drehte, seinen gelungenen Film über die indische Cricket-Legende Mahendra Singh Dhoni. Und im Grunde ist auch das ein persönlicher Film, denn Kino war gar nicht Pandeys Jugendtraum. Cricket und Fußball interessierten ihn da mehr, nur das Talent spielte nicht mit. Das lag eben woanders. Außer der eigenen Regietätigkeit schreibt er auch Drehbücher für andere Regisseure und produziert, so den soliden, aber nicht außergewöhnlichen Ableger des "Baby"-Universums "Naam Shabana" (2017), der erzählt, wie das von Taapsee Panu gespielte weibliche Mitglied der Einheit dazustieß. Außerdem hat er 2013 mit "Ghalib Danger" ein Buch herausgebracht, dessen Inhalt sich in den Kreisen der Mumbaier Unterwelt abspielt. Dennoch wollte er sich nie auf das Thriller-Genre festlegen lassen. Unter seinen ersten nicht verfilmten Drehbuchversuchen waren auch Komödie und Liebesgeschichte. Als bekannte nächste Produktionen gibt es allerdings momentan nur weitere Ableger von "Baby".

"M.S. Dhoni: The Untold Story" Trailer
Autor seit 5 Jahren
38 Seiten
Laden ...
Fehler!