Die Appassionata: Geboren im Krieg

Die Entstehungszeit der Sonate wird auf die Jahre 1804/05 datiert. Anlass für die Komposition könnte Beethovens Enttäuschung über die politische Entwicklung in Europa gewesen sein. Der Meister hatte, wie viele Bürgerliche in Deutschland und Österreich, seine Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Erneuerung durch Napoleon I. gesetzt. Doch der französische Politiker wandelte sich bald zum Imperator, Kaiser und Feldherr einer Aggressionsarmee. Sein Sieg bei Austerlitz über den Habsburger Doppelkaiser Franz im Jahr 1805 beendete das Deutsche Kaiserreich und brachte die Österreicher in Bedrängnis. Für Beethoven hatte Napoleon zu dieser Zeit bereits längst seinen Erlöser-Nimbus verloren. (Bereits 1802 hatte der Komponist eine Widmung an den Franzosen auf seiner "Eroica" wütend ausradiert, so dass deren Manuskript ein Loch aufwies.)

Anekdotisches rund um die Appassionata

Eine bezeichnende Episode um die Appassionata zeigt Beethovens ganze Verbitterung: Im Jahr 1806 weilte er auf Schloss Grätz bei seinem Gönner und Freund, Fürst Lichnowsky. Bei sich trug der Komponist auch das Manuskript der Appassionata. Der Fürst bat ihn, am Abend vor einigen Gästen zu spielen. Als Beethoven jedoch den Saal betrat, stellte sich heraus, dass diese Gäste französische Offiziere waren. Wütend kehrte der Meister um, überwarf sich (allerdings nicht dauerhaft) mit Lichnowsky und verließ das Schloss. Bei strömendem Regen lief Beethoven nun durch die Nacht bis in das Städtchen Troppau. Das Manuskript der Appassionata wurde dabei gründlich eingeweicht...

Wenig später soll es der Pianistin Marie Bigot in Wien jedoch gelungen sein, aus den nahezu unleserlich gewordenen Notenblättern dennoch die Appassionata zu spielen. Beethoven überließ ihr daraufhin das Manuskript. Gewidmet wurde die Sonate ein Jahr später allerdings einer anderen Person.

Die Familie Brunsvik

Offizieller Adressat der Appassionata war Graf Franz von Brunsvik, zu dessen Familie Beethoven freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Es darf jedoch vermutet werden, dass sich hinter der Widmung eigentlich die Zuneigung zu einem weiblichen Familienmitglied verbarg. Es handelte sich um die verwitwete Gräfin Josephine Deym, eine Schwester des Franz von Brunsvik. Beethovens Liebeswerben wurde jedoch nicht gern gesehen. Der Kontakt musste 1807, im Jahr der Widmung, auf Drängen der Familie gänzlich abgebrochen werden. Wie bereits bei der Mondscheinsonate, inspirierte möglicherweise also die unerfüllte Liebe zu einer Frau aus der Familie Brunsvik (vielleicht sogar zu der mysteriösen "unsterblichen Geliebten") den Komponisten zur Schaffung großartiger Klänge.

Die Appassionata heute

Darüber zu streiten, ob nun gesellschaftspolitische oder private Rückschläge die Geburtshelfer der Appassionata waren, lohnt sich eigentlich nicht. Klar ist auf jeden Fall: Der Schicksalsgedanke spielte ganz sicher eine Rolle. Beim genauen Hinhören entdeckt man sogar das bekannte "Klopfmotiv" aus der später fertiggestellten 5. Sinfonie, der sogenannten Schicksalssinfonie, an welcher Beethoven im gleichen Zeitraum arbeitete.

Bis heute gilt die Appassionata aufgrund solcher interpretatorischen Anforderungen als Reifeprüfung für aufstrebende Pianisten. Interessant ist auch die Tatsache, dass diese Sonate auf Konzertprogrammen und Tonträgern vergleichsweise häufig den Abschluss bildet. Es scheint, als fürchte man, Dramatik und Ausdrucksstärke des Werkes würden anderenfalls alle nachfolgenden Kompositionen ungerechtfertigt in den Schatten stellen...

 

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