In allen Gründungsversionen wird als Grund der Stiftung angegeben:

Die Jungen der Gräfin des Schlosses Altenburg gingen an die Lauchert zum baden. Nach dem Spiel legten sie sich in einem Heuschober zum schlafen. Die Bauern schichteten, bei der Heuernte, ohne die Knaben zu bemerken Heu auf sie, so dass diese erstickten. Die besorgten Eltern gelobten, wenn die Kinder, tot oder lebendig gefunden würden, zur Ehre Gottes und der Jungfrau Maria, ein Kloster zu stiften. Im Frühling wurden die Buben tot geborgen.

Die Ruine der "Altenburg" gibt Auskunft

Später fanden Forscher, an der Stelle die als "Altenburg" bezeichnet wird, Reste einer mittelalterlichen Burganlage. Burg und Dorf trugen den Namen "Berg", das später zu Mariaberg erweitert wurde. Bei der Stiftung des Klosters wurde diesem das Adelsgut übergeben, die Dorfbewohner umgesiedelt, sodass die Dorfkirche zur Klosterkirche wurde. Das war zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich und wurde, auch bei der Gründung des Klosters Zwiefalten, so praktiziert. Die Tatsache, dass dem Kloster das gesamte Gut und die Burg übergeben wurden legen nahe, dass der Tod der beiden Kinder zum Aussterben der Stifterfamilie führte.

Die Geschichte des ersten Klosters

Was zum Niedergang des ersten Klosters führte, ist ungewiss. Einige Quellen sprechen von Misswirtschaft, andere von feindlichen Überfällen Es kam dazu, dass das Kloster 1299, zu Gunsten von Graf Heinrich von Veringen, auf Wiesen, Äcker und einen Fischweiher in Gammertingen verzichtete.

Auf den alten Klosteranlagen wurde im 17. Jahrhundert, von den Baumeistern Franz Beer und Michael Thumb. ein barocker Neubau erstellt und von dem Konstanzer Maler Franz Carl Stauder und den Ulmer Künstlern Michael Erhart und Melchior Binder gestaltet.

In einem Stiftungsbrief, dessen Original verloren ging, wird berichtet, dass Graf Hugo von Monfort dessen Stifter sei. Da die Grafen von Monfort erst später durch Einheirat, in den Besitz von Berg kamen, können sie die ursprünglichen Stifter nicht sein. Sie wurden, der Einfachheit halber, im 16. Jahrhundert als letzte noch lebende Eigentümer, eingesetzt.

Die Geschichte der Einrichtung für behinderte Menschen

Die Erziehung geistig behinderter Kinder in Internatsschulen war, in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, etwas Neues. Pfarrer, Ärzte, Richter und Lehrer, kamen in ihren Berufen mit geistigen oder körperlich behinderten Kindern in Berührung, konnten sich aber einen sinnvollen Unterricht mit ihnen nicht vorstellen. Erste Erfolge erzielte Edouard Seguin (1812-1889). Die Gründung einer Heilanstalt erfolgte 1847 durch Dr.med. Karl Heinrich Rösch. Dieser besuchte die 1841 von Dr. Johann Jakob Guggenbühl (186-1863), auf dem Abendberg bei Interlaken gegründete Anstalt. Nach diesem Vorbild entstand die Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg, die im Spannungsfeld zwischen heilen und erziehen stand. Viele Einrichtungen dieser Art lagen in den Händen von Lehrern und Pfarrern. Die Heilerziehung in Mariaberg ging auf Dr. Schüßler(1847-1848), Dr.Krais (1848-1850) und Dr. Zimmer 1850-1869) zurück. Von 1869-1898 wirkte dort der Lehrers Kraft Philipp Rall. Mariaberg wurde, auf Grund zahlreicher Veröffentlichungen von Rösch, in ganz Europa bekannt.

Mariaberg zwischen Rassenhygiene und "Euthanasie" Morden

 Am 1. Oktober 1940 erfolgte, durch das damalige NS-Regime, der erste Todestransport von 40 behinderten Schutzbefohlene von Mariaberg nach Grafeneck, dem am 13.Dezember weitere folgten. Erst im Jahr 1990 haben die Mariaberger Heime auf das unsagbare Geschehen angemessen, mit einer Errichtung eines Mahnmals, reagiert. Auf einer Tafel ist zu lesen:" Wenn die Menschen schweigen, so werden die Steine schreien."

Straßentheaterprojekt 2021 "Hierbleiben… Spuren nach Grafeneck"

Am Montag, 14. Juni 2021, um 11.00 Uhr, präsentiert das Straßentheaterprojekt des Reutlinger Theater in der Tonne e.V. ab 11.00 Uhr in Sigmaringen auf dem Rathausplatz das Projekt: "Hierbleiben… Spuren nach Grafeneck", unter der Regie von Theaterintendant Enrico Urbanek. Das Ensemble nimmt ein historisch bedeutendes Ereignis der "Euthanasie"-Verbrechen zum Anlass. Durch die Begegnung mit den Darsteller*innen mit Behinderung wird ihre heutige Situation aufgezeigt.

Wie es damals, 1940, war...

Die berüchtigten "Grauen Busse" kamen, wie in weiteren Städten, in das damalige Fürst-Carl-Landeskrankenhaus in Sigmaringen und deportierten Menschen mit Einschränkungen nach Grafeneck, die dort am Tag der Ankunft ermordet wurden. Insgesamt wurden im Jahr 1940 in der Zeit des Nationalsozialismus 10.654 Menschen mit Behinderungen oder geistigen Erkrankungen in Grafeneck ermordet, weil Sie den Nationalsozialisten als "lebensunwert" galten.

In Anspielung an die "Grauen Busse", die damals zur Deportation dienten, wurden 25 Herkunftsorte der Menschen mit Einschränkungen in Baden-Württemberg für das Straßentheaterprojekt ausgewählt. Grafeneck selbst ist Teil dieser 25 Orte. Der Theaterbus fährt mit dem inklusiven Ensemble, Requisiten, Bühnenbild, Kunstobjekten, direkt vor Ort, um die performative Aufführung umzusetzen.

Alles unter Coronabedingungen

Der Bus verweilt circa zwei Stunden auf dem Sigmaringer Rathausplatz und bietet Begegnungen mit dem Ensemble an.

Um die nötigen Abstände zwischen den Zuschauer*innen während der Corona-Pandemie einzuhalten, wird, bei freiem Eintritt, auf dem Rathausplatz eine Theatersituation aufgebaut, sodass Sitzplätze in einem abgesperrten Bereich vor der Bühne vorhanden sind.

Es ist geplant, dass die Zuschauer jederzeit teilnehmen oder weiter gehen können.

Am Einlass muss ein Nachweis über einen tagesaktuellen negativen Schnelltest, die Genesung oder über den vollständigen Impfschutz vorgezeigt werden.

Mordfabrik Grafeneck [1/3]

Das moderne Mariaberg heute

In Mariaberg werden heute Menschen mit einer Behinderung, unabhängig von der Schwere ihrer Erkrankung, von der Diakonie, vom Kindes bis zum Seniorenalter aufgenommen und gefördert. Es wird ein Rundum Angebot, vom Wohnen, über den Schulunterricht bis zur Beschäftigung in verschiedenen Werkstätten angeboten. Die Einrichtung ist Bildungsträger für berufsbegleitende Maßnahmen. Es arbeiten rund 1.250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mariaberg in Gammertingen und der näheren Region.

  • Im Fachkrankenhaus für Kinder und Jugendpsychiatrie
  • den Fachkliniken
  • der Behindertenhilfe nach Maß
  • dem Textilservice
  • in der Ausbildung & dem Service
  • in der Bildung

Sie betreuen über 2.500 Menschen, mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, mit denen sie 2008 gemeinschaftlich einen Jahresumsatz von rund 60 Millionen Euro erwirtschaften.

Infoquelle:

Mariaberg, Beiträge zur Geschichte eines ehemaligen Frauenklosters, Herausgeber Karl Rudolf Eder.

150 Jahre Mariaberg, Beiträge zur Geschichte behinderter Menschen.

GerlindeAhrend, vor 15 Tagen
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Bildquelle:
Monika Hermeling (Geschichte der Drogerie Arnaud, in Sigmaringen)
Foto:Monika Hermeling (Einmal Schwäbische Fasnet in Sigmaringen mit machen)
Monika Hermeling (Informationen zu St. Fidelis -dem Schutzpatron von Sigmaringen)

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