Von Palästen und Gefängnissen

Die Abkürzung DDR stand unter frustrierten Ausreisewilligen nicht für Deutsche Demokratische Republik, sondern wurde spöttisch als Der Doofe Rest uminterpretiert. Bei Erichs Lampenladen und dem Palazzo Prozzo handelte es sich um den Palast der Republik, einem für Regierungsaufgaben und Kulturveranstaltungen gleichermaßen genutzten Berliner Gebäude, dessen Beleuchtung leicht überdimensioniert war. Als Gelbes Elend wiederum wurde eine berüchtigte Haftanstalt in Bautzen bezeichnet, abgeleitet von der Fassadenfarbe. Bedeutendster "Lieferant" für ein weiteres Gefängnis in Bautzen, dessen Insassen gelb gestreifte Kleidung trugen, war die Stasi, kurzerhand "Horch und Guck" oder einfach nur "die Firma" genannt.

Sankt Walter – der etwas andere "Kirchturm" von Berlin

Zu den höchsten frei stehenden Bauwerken Europas zählt der Berliner Fernsehturm, den die DDR am 3. Oktober 1969 in Betrieb nahm. Neben der fernsehtechnischen und der touristischen Funktion sollte dieses riesige Bauwerk noch etwas anderes bezwecken: Auch im Westen Berlins als Symbol sozialistischer Leistungsfähigkeit sichtbar zu sein. Sogar der Standort des Turms lieferte einen subtilen Hinweis auf die angebliche Überlegenheit des Sozialismus, denn eine benachbarte Kirche nahm sich gegen den 368 Meter hohen Turm geradezu winzig aus. Doch Staatschef Walter Ulbricht hatte offenbar ohne den Himmel kalkuliert, denn bei entsprechender Wetterlage erzeugte die Reflexion der Sonne an der Turmkugel ausgerechnet ein Kreuz. Im Volksmund bürgerte sich daraufhin der Begriff "Sankt Walter" ein. Auf diese Weise kam der stramm antikirchlich eingestellte Walter Ulbricht eben zu seiner ganz eigenen "Kirche".

Sudel-Ede, Marx und der lila Drache

Doch nicht nur auf protzige Bauwerke bezog sich der Spott der einfachen Leute. Auch Prominente des Arbeiter- und Bauernstaates waren davon betroffen. Beispielsweise ein gescheiterter West-Journalist mit ostdeutschen Wurzeln. Ausgerechnet diesen Mann von adliger Herkunft erkor die DDR-Führung aus, um ihren Untertanen die böse Welt jenseits von Mauer, Stacheldraht und Minenfeld zu erklären. Die Sendung nannte sich "Der Schwarze Kanal", und ihr Moderator hieß Karl-Eduard von Schnitzler. Jener schickte sich in schöner Regelmäßigkeit an, das offiziell verpönte BRD-Fernsehen zu kommentieren. Seinem Namen machte er dabei alle Ehre, denn er schnitzte mitsamt seinen Helfern Bild und Ton entsprechend der sozialistischen Propaganda zurecht. Diese Vorgehensweise brachte ihm im Volksmund den Namen Sudel-Ede ein.

Nicht minder unbeliebt war die mächtigste Frau der Republik. Volksbildungsministerin Margot Honecker, Ehefrau des letzten Staatschefs der DDR, soll allein durch ihr Auftreten ein unterschwelliges Gefühl der Bedrohung ausgelöst haben. Nicht zu Unrecht, wie nach dem Ende der SED-Herrschaft offenbar wurde. Vielleicht hatte die eiskalt wirkende Aura der guten Dame aber ja auch mit ihrer eigenwilligen Haartönung, einem blassen Violett, zu tun. Beides, Machtbewusstsein und Frisur, führte dazu, dass Margot Honecker hinter vorgehaltener Hand als "Lila Drache" verrufen war.

Karl Marx, auf dessen Ideen der DDR-Sozialismus fußte, wurde ebenfalls zur Zielscheibe des Spottes, zumindest indirekt. Überall in der Republik trugen Straßen, Plätze und Einrichtungen seinen Namen. Statuen und Monumente stellten ihn dar, modernen Götzenbildern gleich. Das wahrscheinlich beeindruckendste Bauwerk dieser Art befindet sich in Chemnitz, welches in der DDR die meiste Zeit über Karl-Marx-Stadt hieß. Es zeigt den überdimensionalen Kopf des großen Denkers, der ernst auf das geschäftige Treiben unter ihm blickt. Die Karl-Marx-Städter schreckte das nicht. Sie nannten den Koloss schlichtweg "Nischel", was eine mundartlich-respektlose Bezeichnung für "Kopf" ist.

Der despektierliche Umgang mit sozialistischen Produkten

Über die Qualitätspolitik eines einheimischen Uhrenherstellers dichtete ein Spaßvogel folgenden Vers: "...-Uhren sind wasserdicht. Rein kommt's Wasser, raus kommt's nicht!" * Das stimmte zwar nicht unbedingt, zeigt aber, dass DDR-Bürger manche Produkte des eigenen Landes nicht gerade hoch schätzten. Auch das mittlerweile zum Kultobjekt geadelte Auto Trabant gehörte in diese Kategorie. Der kleine Stinker mit den Kulleraugen aus dem sächsischen Zwickau musste sich Namen wie Asphaltblase, Leukoplastbomber, Zwickauer Flüchtlingskoffer, Kugel-Porsche oder einfach nur Pappe (aufgrund der verarbeiteten Materialien) gefallen lassen. Allerdings befand der Trabi sich damit in guter sozialistischer Gesellschaft. Andere Fahrzeuge des Ostblocks trugen beispielsweise inoffizielle Namen wie Rostquietsch, Stalins Rache, Taiga-Ziege oder Böhmisch-Mährisches Schnellrostmobil. Auch die Währung, in der all diese Fahrzeuge nach jahrelanger Wartezeit bezahlt wurden, hatte ihren eigenen Spitznamen. Die DDR-Mark, selbst in sozialistischen Bruderstaaten nur ungern akzeptiert, war so minderwertig gefertigt, dass ihr die abfällige Bezeichnung "Alu-Chips" anhing...

* Der Firmenname wird hier aus rechtlichen Gründen nicht genannt.

Autor seit 7 Jahren
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