Die Beute

Schaun wir doch mal, was Ihr da so an Beute erwirtschaftet, wenn Ihr einen Rucksack mitgehen lasst, den irgendjemand unachtsam und unbeaufsichtigt hat stehen lassen. Da hätten wir zum Beispiel

  • eine verbeulte Thermosflasche mit lauwarmem Tee. Habt Ihr ihn mal probiert? Igitt, was ist das denn für ein Zeug? Weg damit! Völlig ohne Alkohol …
  • zwei Plastikbecher, einer in lila, einer durchsichtig, aber verschrammt, mit Resten von Kaffee. Irgendwie unappetitlich. Mit dem lila Becher ist auch nicht viel Staat zu machen, daraus hat der Besitzer des Rucksacks wohl seinen grauenhaften Tee getrunken, jedenfalls ist der Becher am Boden verfärbt. Daraus trinke ich doch nicht mehr, weg damit!
  • eine blaue Plastikbrotdose mit zwei noch extra in Plastikfolie eingepackten Broten. Belag Käse, sonst nichts. Außerdem ist es Vollkornbrot, mag ich nicht. Weg damit!
  • ein blauer Regenschirm, sogar mit Hülle. Der sieht noch ganz ordentlich aus, aber bei Ebay bringt der auch nicht viel.
  • ein Federmäppchen aus hellem Wildleder. War vielleicht mal ganz hübsch, aber jetzt ist es ziemlich schmutzig und mit Tintenflecken verunstaltet. Inhalt: zwei Bleistifte, ein Radiergummirest, ein Spitzer. Na ja, ein Montblanc-Füller wäre besser gewesen.
  • zwei leere gebrauchte Briefumschläge im DIN-A-4-Format. Warum um alles in der Welt schleppt jemand gebrauchte Briefumschläge mit sich rum?
  • zwei laminierte Fragebögen und ein paar Listen in Plastikhüllen. Was ist das denn für ein Zeug, das lese ich mir doch nicht durch, weg damit!

Gucken wir doch mal in die Nebenfächer, vielleicht ist da ja das teure Handy versteckt. Aber zunächst finden wir da mal

  • eine Wanderkarte im Maßstab 1:25.000 von Homburg und Umgebung. Was soll ich denn damit, ich will nicht nach Homburg, sondern zum Fußballspiel nach Kaiserslautern. Also weg damit!
  • zwei Müsliriegel, sehen leider ziemlich mitgenommen aus, aber die Verpackung scheint noch intakt zu sein. Na ja, wenn mich mal der Hunger plagt …
  • ein paar Plastiklöffel und ein ganz komisches Ding, sieht auf einer Seite aus wie ein Löffel, auf der anderen wie eine Gabel und ist an der Seite irgendwie aufgeraut oder gezackt. Keine Ahnung, was das sein soll.
  • oh, ein kleines blaues Täschchen mit einem Lippenstift, einer Puderdose, einem Deo-Zerstäuber und noch ein paar anderen undefinierbaren Dingen. Scheint also eine Frau zu sein, der der Rucksack gehört. Aber der Kosmetikkram ist angebrochen, sind auch keine Markensachen dabei, also weg damit!
  • zwei Päckchen Papiertaschentücher, keine Tempos, sondern irgendeine Billigmarke, außerdem noch ein Packen Papierhandtücher, wie sie in öffentlichen Toiletten rumfliegen. Scheint viel unterwegs zu sein, die Dame, hoffentlich war sie nicht erkältet. Ich will mich doch nicht noch anstecken an dem Zeug!
  • eine angebrochene Packung Hustenbonbons und eine ziemlich zerknautschte Packung mit Isländisch-Moos-Tabletten. Gegen Erkältung und Halsbeschwerden, steht drauf. Sind nur noch ein paar drin. Die scheint ja wirklich erkältet gewesen zu sein!

Also Leute, ich muss sagen, die Ausbeute lässt zu wünschen übrig. Ach, das Prunkstück hätte ich ja fast vergessen:

  • eine Jacke, noch gut in Schuss, hellbeige, mit Kapuze, Reißverschluss intakt, alle Knöpfe vorhanden und auch gar nicht verdreckt. Aber ehrlich, modisch ist anders. Irgend so ein Ökostoff, Baumwolle ungefärbt oder so. Eigentlich nicht zu gebrauchen. Vielleicht krieg ich bei Ebay dafür noch fünf Euro, gibt ja Leute, die auf so was stehen.

Nichts von Wert

So, das war's. Kein Handy, kein Notebook, kein Geldbeutel, keine Kreditkarten, rein gar nichts. Eine Visitenkarte mit ihrer Adresse und Telefonnummer hat die Tussi in ihrem Rucksack (übrigens auch eine Billigmarke) hinterlegt. Wahrscheinlich, damit der ehrliche Finder sie gleich anrufen kann. Ehrlicher Finder, ha ha! Da isse aber zu spät aufgestanden heute, da kann se lange drauf warten. Wer schleppt denn so ‘n Müll mit sich rum, erwürgen könnt ich se, alles umsonst, das ganze Risiko, die ganze Action für'n Arsch.

Und was sagt die Geschädigte dazu?

Tja, tut mir leid, mein Lieber, es ist ja nicht der erste Rucksack, der mir in der Bahn geklaut wurde. Aus Schaden wird man klug, ich schleppe nur noch Billigzeug mit mir rum, und Handys oder so was sucht Ihr in meinem Rucksack vergebens.

Aber ärgerlich ist das Ganze trotzdem. Die Wanderkarte war zwar nicht teuer, aber es gibt sie nicht normal im Laden zu kaufen, sondern nur im Internet zu bestellen, und zwar im Set mit sechs anderen. Soll ich mir jetzt den ganzen Stress mit dem Bestellen noch mal antun, weil die wichtigste Karte aus dem Set fehlt?

Thermosflasche, Brotdose, Plastikbecher und -besteck, Kosmetiktäschchen, Lippenpflegestift, alles muss ich neu kaufen. Kleinvieh macht auch Mist. Für Euch ist das nichts wert, aber mich kostet es Geld.

Die komischen Listen und Fragebögen brauche ich für meine Arbeit. Die sind zwar leicht wiederzubeschaffen, aber dafür muss ich meine Zeit, von der ich wenig übrig habe, am PC und Drucker verschwenden.

Und die Jacke … Dafür könnte ich Euch auch erwürgen. Die war ganz neu, ungefähr dreimal angehabt. Was glaubt Ihr, wie lange ich gesucht habe, bis ich die gefunden hab! Schließlich zieh ich nicht jede Jacke an. Die war ohne Synthetik, reine Baumwolle, gerade richtig für die Übergangszeit oder für frühmorgens, wenn es noch frisch ist. Und billig war sie auch nicht.

Liebe Diebe, lohnt sich das wirklich?

Ihr habt nichts gewonnen mit Eurer Aktion, aber mir habt Ihr Schaden zugefügt, nicht nur im materiellen Sinne. Wenn einem so etwas passiert, fühlt man sich plötzlich verunsichert und verletzlich. Sicher, viele Leute gehen einfach leichtsinnig mit ihrem Gepäck um, lassen teure Wertgegenstände unbeaufsichtigt herumliegen oder stellen ihre Reichtümer protzig zur Schau. Da sagt man dann leicht, die sind selbst schuld, wenn sie beklaut werden. Aber zu denen gehöre ich ja nicht. Ich habe mein Gepäck so gut im Auge gehabt, wie es eben geht. (Nur geht es halt nicht immer.) Wenn es jemand drauf anlegt, einen zu beklauen, findet er die Gelegenheit. Er braucht nur zu warten, bis derjenige abgelenkt ist, und dann schnell zuzugreifen. Soll ich jetzt jeden fremden Menschen mit Misstrauen betrachten, in jedem einen potenziellen Dieb sehen?

Bekommt Ihr langsam eine kleine Ahnung davon, was Ihr eigentlich anrichtet? Es ist viel mehr als der materielle Verlust, den Ihr verursacht. Ihr schädigt das Miteinander der Menschen im Ganzen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Umgang mit Fremden. Ich möchte doch nicht ständig nur mit dem Gedanken herumlaufen, dass ich auf meine Sachen aufpassen und allen Leuten gegenüber misstrauisch sein muss. Es gibt so viel Schöneres und Interessanteres, womit ich mich beschäftigen könnte, gerade auch beim Reisen. Versucht doch einfach mal, Eure Taten in einem größeren Zusammenhang zu sehen und zu überlegen, ob es nicht doch eine andere Lösung für Euch gibt.

Federspiel, am 23.05.2017
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Bildquelle:
Kerstin Schuster (Tatort Weihnachtsmarkt - die fiesen Tricks der Kleinkriminellen)

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