Kürzlich diskutierte ich lange mit einer befreundeten Psychologin und einer Ärztin über ein Buch. Es wurde von der Amerikanerin Louise Hay verfasst und ist unter dem Titel "Das Leben lieben" auf Deutsch erschienen. Inzwischen kenne ich viele Menschen, die damit arbeiten und davon schwärmen. Dem Text am Buchumschlag folgend findet man darin "Heilende Gedanken für Körper und Seele". Weiters heißt es: "Louise L. Hay entwickelte in den achtziger Jahren das erste psychologische Programm zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte."

Meine persönlichen Erfahrungen mit "positivem Denken" - einer Bewegung, die aus den USA kommt – sind allerdings gemischt. Die eingangs erwähnte Ärztin ist hingegen ein erklärter Fan. Das Buch hätte sie vor vielen Jahren aus einer tiefen Krise befreit. Die Psychologin wiederum war mehr als skeptisch. Sie räumte allerdings ein, dass auch etliche Kollegen inzwischen mit ähnlichen Konzepten in der Therapie arbeiten würden: "Positives Denken hat positive Seiten und kann Gutes bewirken. Es kann aber auch sehr stressig werden. Ich persönlich glaube, viele Autoren solcher Bücher reflektieren zu wenig darüber was sie tatsächlich schreiben", lautete ihre Einschätzung.

 

So ähnlich sehe ich das auch. - Hier ein Beispiel: "Ich befreie mich von allen Ängsten und Zweifeln", ist ein heilender Gedanke nach Louise Hay, der sich in der Taschenbuchausgabe von "Heilende Gedanken für Körper und Seele" auf Seite 193 findet. "Ich befreie mich jetzt bewusst von allen destruktiven Ängsten und Zweifeln ich akzeptiere mich so wie ich bin und konzentriere mich ganz auf den inneren Frieden. Ich werde immer geliebt und mir kann nichts geschehen." Im Grunde genommen finde ich diese Affirmation schön und beruhigend. Wenn man zu Ängstlichkeit oder Zweifeln neigt, tut Beruhigung sicher erstmals gut. Doch bereits in der mitgelieferten Erklärung finden wir bereits einen Aspekt, den man sich genauer ansehen sollte.

Die Autorin erklärt: "Ihre Ängste und Zweifel halten sie nur davon ab das Gute zu beanspruchen dass sie herbeisehnen. Befreien Sie sich also davon." Nun, gut oder doch nicht? Ängste ziehen der Logik der Autorin folgend also Schlechtes an und Zweifel ziehen auch Schlechtes an. Das scheint mir doch eine sehr einfache Darstellung des Lebens zu sein. Wenn man sich durchringt und sich in seinem Leben oder auch im Leben anderer Menschen genauer umsieht, so wird man schnell feststellen, dass man auch ohne Ängste und Zweifel durchaus Misserfolge erlebt. Und selbst Menschen ohne auffällige Ängste und Zweifel kann Schlechtes passieren. Umgekehrt verhält es sich ebenso: Wer voller Angst ist vor einer Prüfung und Zweifel hat, kann sie trotzdem mit Bravour bestehen.

Stop!

Tatsächlich kann es meiner Meinung nach sogar gefährlich werden, wenn man der Ideologie des "Positiven Denkens" blind folgt: Ein dramatisches Beispiel, kann das gut vor Augen führen. Stellen Sie sich eine Frau vor, die vergewaltigt wurde. Sie greift zu einem Buch über positives Denken und liest ständig darin, dass man sich mit "seinen Gedanken die Realität und seine Erfahrungen erschafft". --- Hallo, geht es noch? Da sollten doch alle Alarmglocken läuten und ein großes Stoppschild vor dem geistigen Auge auftauchen. Diese Erkenntnis tat sich bei mir auf, nachdem ich mir die Frage bewusst gestellt hatte, warum sich viele dieser New Age und think positive Bücher nie lange gut für mich anfühlen.

Leben zeigt sich uns anders: Es gibt einfach Menschen, die anderen schreckliche Dinge antun, es gibt politische und ideologische System, die Menschen böswillig unterdrücken und es gibt katastrophale Umstände, für die wir alle nichts können. Und dann sollte man sich mit der Vorstellung quälen, dass man quasi selber Schuld trägt an seinem eigenen Unheil? Solche Gedanken will sicher keiner der einschlägigen Bücher absichtlich verbreiten. Doch die Leserinnen und Leser sollten sich bitte auch bewusst werden, welche Geisteshaltungen sie Einlass gewähren wollen.

Wann und wie können Affirmation helfen?

Ich selbst habe allerdings auch schon gute Erfahrungen mit Affirmationen und positiven Gedanken gemacht. Meiner Meinung nach hilft diese Methode durchaus, wenn man sich in schlechter Stimmung befindet. Die richtigen Affirmationen können Stimmung und Selbstwertgefühl durchaus heben. Auch finde ich positive Gedanken sinnvoll, wenn man sich bewusst aus einer negativen Gedankenschleife befreien möchte. Ein Beispiel: Sie haben ihren Job plötzlich verloren und wissen eigentlich nicht warum. Sie schwanken zwischen Hassgefühlen auf den Ex-Chef und extremen Selbstzweifeln. Eine Freundin von mir schrieb in einer solchen Situation einmal einige positive Affirmationen auf. Wann immer leidvolle Emotionen und Gedanken bezüglich des Jobverlustes hoch kamen, nahm sie bewusst den Zettel zur Hand und sprach - mal laut, mal leise – diese Sätze nach. "Damit habe ich die Hassgefühle und mein Selbstmitleid ausgebremst", erklärte sie mir einmal später. Ich selbst wandte diese Methode inzwischen auch schon öfters an, um destruktive Gedanken- und Gefühlskarusselle zu durchbrechen.

 

Affirmationen für echten Selbstwert

Bei allen Rückschlägen im Leben, ist es wichtig, sein Selbstwertgefühl wieder auf Vordermann (oder Verderfrau) zu bringen. Erkenntnisse zu gewinnen ist gut, Selbstwertgefühl zu stabilisieren erscheint mir noch viel wichtiger. Dafür sind Affirmationen sicher hilfreich. Um beim Beispiel Jobverlust zu bleiben: Wenn sie nicht eben etwas gestohlen haben, was zurecht zu einer Kündigung führte, könnte es zahlreiche Gründe gegeben haben, warum der Job weg ist. In unserer schnelllebigen Zeit passiert das immer häufiger. Bevor Sie sich verrückt machen mit der Ursachensuche oder mit Selbstzweifeln, ist es sicher besser schnell mit guten Affirmationen zu arbeiten. Listen Sie zum Beispiel all ihre Talente auf und loben Sie sich einfach fünf Minuten dafür. Stellen Sie sich vor den Spiegel und sagen Sie sich wie schön Sie sind und wie liebenswert, auch wenn Sie das im Moment gar nicht glauben. Einfach mal aus Spaß oder Trotz. Das ist nämlich tatsächlich eine tiefe spirituelle Weisheit: Jeder Mensch ist im Grunde genommen liebenswert. Würde das jedem bewusst sein, würde unsere Welt vielleicht friedlicher sein.

Selbstreflexion und Durchleuchten von Glaubensmustern

Die verschiedenen Konzepte des "Positiven Denkens" sind sicher auch gut, um generell einmal die eigenen Gedanken zu beobachten und Glaubensvorstellungen, welche uns durch Eltern und durch die Gesellschaft vermittelt wurden, somit bewusst wahrzunehmen. Wie oft wurde man als Kind kritisiert und schleppt dieses Bild ewig lange mit sich herum? Das Beobachten der Gedanken über sich selbst kann einen heilsamen Reflexionsprozess einläuten.

 

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Alarmglocken bei Schuldgefühlen

Wann immer aber Schuldgefühle auftauchen beim Arbeiten mit Affirmationen sollte man aus Selbstschutz und Selbstliebe einen kurzen Stopp einlegen und genau hinsehen, was einem denn so vermittelt wurde. Es gibt viele Gründe warum man nicht reich wird, es gibt viele Gründe, warum man keinen Job findet: Positives Denken allein wird einem politischen Gefangenen in einer Diktatur kaum die Freiheit schenken. 

Wir in der westlichen Welt haben das Privileg einiges durch unsere Einstellungen und bewusstes Handeln positiv gestalten zu könne. Aber lange nicht alles. Ich persönlich denke, dass schon sehr viel gewonnen ist, wenn wir selbst mit uns Frieden schließen und dazu können Affirmationen beitragen. Wunderpillen für eine bessere Welt sind sie aber nicht.

Und wenn bestimmte Affirmationen einen in Unfrieden bringen, sollte man wohl auch Vorsicht walten lassen. - Wie ich oben bereits geschrieben habe: Wer vergewaltigt wurde, ist ein Opfer, niemand hat sich eine derartige "Realität" durch "seine Gedanken selbst erschaffen".

brigitte77, am 02.01.2016
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Bildquelle:
Amazon/Knaur - Buchcover - Chopra (Deepak Chopra: Wegweiser ins Glück?)
Pixaby/tpsdave (Was ist ein Plastik-Schamane?)

Autor seit 3 Jahren
49 Seiten
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