Im und nach dem 30jährigen Krieg war an heiraten nicht zu denken. Die Bevölkerung in ganz Deutschland litt große Not. Wer am Ort heiraten wollte, musste in Sigmaringen einen Besitz von 57 Gulden, eine damals schier unerschwingliche Summe, nachweisen. Die Handwerkerzünfte unterstützten ihre Heiratswilligen. Dem ersten, der sich damals getraute eine Familie zu gründen, wurde von Freunden und Zunftkameraden, versprochen, ihn drei Mal auf einer Stange um den Brunnen am Marktplatz zu tragen. Das Laizer Kirchenbuch belegt, dass dies in Laiz, 1659, zum ersten Mal geschah.
"Die Freude war groß, es haben wieder ein paar geheiratet, deshalb hat man sie auf eine Stange gesetzt und um den Narrenbrunnen herum getragen.". In Sigmaringen erfolgte dies am 9. Februar 1723. Um der Tradition gerecht zu werden, wird darum in Laiz am Fasnetmontag und in Sigmaringen am Fasnetdienstag gebräutelt. In den Sigmaringer Stadtteilen Schmeien und Jungnau, den Orten Inzigkofen und Sigmaringendorf und der Stadt Scheer, wird ebenfalls gebräutelt. Einige Orte erheben den Anspruch den Brauch zuerst gepflegt zu haben, andere belebten ihn neu.

Der ehemalige Bürgermeister von ...

Der ehemalige Bürgermeister von Sigmaringen, Wolfgang Gerstner und der ehemalige Ortsvorsteher Lothar Scheit, sind von den Narren gefangen worden (Bild: Monika Hermeling)

Wie wird in Sigmaringen gebräutelt?

Heute werden alle Männer die jung verheiratet sind, ein Ehejubiläum feiern oder neu in die Gemeinde gezogen sind, von Zunftangehörigen gefragt, ob sie gebräutelt werden wollen. "Nauf auf d' Stang"(Rauf auf die Stange, eine Ermunterung zum Heiraten) ist der oft gehörte Fasnetruf der Narrenzunft "Vetter Guser" in Sigmaringen. Zu dieser gehören die älteste Sigmaringer Fasnetsmasken, die Traditionsfledermaus, die bis ins Spätmittelalter zurück reichende Figur der Bräutlingsgesellen und die Tiermaske der braunen Fledermaus. Nach historischen Vorbildern wurde die Figur des Schlossnarro wieder belebt. Als moderne Maske zählen die Spüallumbaschlecker (Spüllumpenschlecker, ganz arme Leute) und die "Hanfertaler Eulen". Wer gebräutelt werden soll wird als "Bräutling", von den Bräutlingsgesellen am Festtag zu Hause mit musikalischer Unterstützung des Spielmanns- und Fanfarenzug der Narrenzunft abgeholt und zum Brunnen auf dem Marktplatz, vor dem Rathaus, geleitet. Gleichzeitig wurden in der Zwischenzeit mit närrischer Musik Kinder, Lehrer, Arbeiter und Angestellte von ihrer Schule und Arbeit "befreiten" und versammelten sich m Marktbrunnen. Im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum wird die beginnende Fasnet mit dem 'Ruf 's goht dagega!" begrüßt. In Sigmaringen frohlocken die Narren zusätzlich:mit dem Gesang "Jetzt ischt d'Fasnet wieder komma" und bekräftigen dies mit dem Rundtanz der Bräutlingsgesellen. Schließlich erfolgt die Übergabe der schwarz-weiß geringelten Bräutlingsstange mit dem Schlüssel der Stadt, vom Bürgermeister an die Bräutlingsgesellen. Neue Zunftmitglieder bekommen eine genaue Weisung, wie sie sich in der Öffentlichkeit närrisch und trotzdem gesittet, zu benehmen haben.

Bräuteln am Brunnen in Sigmaringen
Bräuteln am Brunnen in Sigmaringen

Bräuteln am Brunnen in Sigmaringen (Bild: Monika Hermeling)

Ein traditionelles schwäbisches Fasnetlied

Jetzt ischt d'Fasnet wieder komma

Voller Luscht und Narretei

D'Stang und d'Fahn han mr gnomma

Wia des Brauch von alters sei!

Wia vor viela hundert Johra

Wo der Brauch entstande ischt

Gschiehts au heut, wo's Fasnet wora

Dass der Brauch jo it verlischt.

Bräutlingsgesellen tragen eine mögliche Braut

Bräutlingsgesellen tragen eine mögliche Braut (Bild: Monika Hermeling)

Die Balkenstrecker Zunft, Sigmaringen-Laiz

Die Balkenstrecker Zunft, Sigmaringen-Laiz (Bild: Monika Hermeling)

Backhausweible, Sigmaringen-Laiz

Backhausweible, Sigmaringen-Laiz (Bild: Monika Hermeling)

Bräutlinge haben einen mit Seelen (ein baguetteartiges Weißbrot aus Dinkelmehl) Brezeln Wurst, Süßigkeiten und/oder Obst gefüllten Korb erstanden und verteilen den Inhalt während des dreimaligen Ritts auf der von den Bräutlingsgesellen geschulterten Stange um den Brunnen. Sie kaufen sich damit vom Brunnenwurf (werfen der Person in den Marktbrunnen) frei. Es ist denkbar, dass Burschen von Außerhalb früher verstärkt mit dem Wasser in Berührung kamen, weil die einheimischen Junggesellen ihnen die Frau neideten. Da es zu Unfällen und/oder ernsthaften Erkrankungen kam, wurde der Brunnenwurf in Sigmaringen, vom fürstlich hohenzollerischen Fürstenhaus untersagt.

Der Elferrat in Jungnau stellt den ...

Der Elferrat in Jungnau stellt den Narrenbaum auf (Bild: Monika Hermeling)

Die Sigmaringer Fasnethymne

"Freut euch des Lebens - Semmerenger Mädla hand Peterla a,

älles ischt vergäbens, koine kriagt koin Ma.

Ond wenn se dia Mädla mit Spitza garnieret,

ond wenn se dia Preißa am Arm romfiehret,

älles ischt vergäbens, koine kriagt koin Ma!

Ond wenn se oin kriagat, noch hand se koi Bett,

no müßet se schlofa auf Herdäpfelsäck -

älles ischt vergebens - koine kriagt koin Ma."

 

Es wird im Lied auf die Zeit um1849 angespielt, als das Fürstentum die Herrschaft an die Preußenabgetreten hatte und die preußischen Beamten und Soldaten, in die Stadt kamen. Diese hatten keine eigene Wohnung, nächtigten, dem Lied zufolge, auf Kartoffelsäcken und "bändelten" trotzdem, zum Leid der einheimischen jungen Männer, mit Sigmaringer Mädchen an.

Die Züchtigkeit der jungen Damen sollte durch das anziehen von "Peterla", langen, weißen, mit Spitzen verzierten Unterhosen, gewährleistet werden. Bei Stadtführungen erfahren Besucher, aus unbestätigten Quellen, dass früher auch mit Pailletten bestickte Laibchen (Oberteile die über Blusen getragen wurden) "Peterla" hießen.

Weitere Fotos von der Fasnet: Balkenstreckerzunft Laiz
Quelle. Dr, Werner Mezger, Professor für Volkskunde und Fasnetforscher Jürgen Hohl.

 

MonikaHermeling, am 09.02.2015
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Bildquelle:
Foto:Monika Hermeling (Einmal Schwäbische Fasnet in Sigmaringen mit machen)
Schlossnarro, Monika Hermeling (So sind Masken der schwäbisch-alemannischen Fasnet)

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