Gar nicht so Heiter!

Der kleinwüchsige, glubschäugige Martin (Laurence R. Harvey) lebt noch bei seiner Mutter, die ihn für alles Schlechte in ihrem Leben verantwortlich macht. Trost findet er alleine im Angucken des Films "The Human Centipede". Schließlich fasst er den Entschluss, es Dr. Heiter nachzumachen und seinen eigenen Tausendfüßler zu erschaffen.

Hierbei entwickelt er ungeahnten Ehrgeiz und rekrutiert ein Dutzend Unfreiwilliger, darunter Ashlynn Yennie, die Darstellerin der Jenny aus "The Human Centipede". Alsbald beginnt er in einer verlassenen Lagerhalle mit der Erschaffung seines eigenen Tausendfüßlers...

Trailer "The Human Centipede II" (2011)

"The Human Centipede 2": Geschmacklos oder lächerlich?

Man muss lange zurückblicken, um einen ähnlich umstrittenen Film wie "The Human Centipede" vom niederländischen Regisseur Tom Six zu finden. 2009 schlug sein Streifen wie eine Stinkbombe ein, mit entsprechenden Reaktionen. Kaum ein Kritiker ließ auch nur ein gutes Haar an dem Werk, das mit Attributen wie "abscheulich" oder "menschenverachtend" tituliert wurde. Freilich: Hinter all den Kontroversen geriet das kritisierte Produkt selbst zur Nebensache. Viele haben sich öffentlich über das "perverse Werk" erregt, wenige haben es aber tatsächlich angesehen und ihre Kritik auf der Basis des Filmposters oder eines Trailers errichtet. Kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Films widmete sogar die Animationsserie "South Park" dem Film eine ganze Episode. Verstörenderweise wies die "South Park"-Episode "The Human. CentiPad" einen schlüssigeren Handlungsbogen als Six' Film auf.

In England verboten... beinahe

Extrovertieres Haustier: "The Human Centipede"Zwei Jahre später legt der Niederländer mit "The Human Centipede 2 (Full Sequence)" nach und muss sich erneut keine Sorgen über mangelndes Medienecho machen. Im Gegenteil: Das britische Pendant zur FSK, das British Board of Film Classification (BBFC), verweigerte dem Streifen im Vorfeld die Freigabe und hätte somit zum Verbot der Veröffentlichung in England geführt. Wenige Monate später erhielt der Film doch noch eine Freigabe, wenngleich hierfür mehrere Minuten des Films herausgeschnitten werden mussten.

Aber ist die Aufregung tatsächlich begründet? Bereits Teil 1 bestach lediglich durch eine absurde Prämisse und vor allem die sensationelle Performance von Dieter Laser als verrücktem Dr. Heiter. Mit einem "menschlichen Tausendfüßler" hatte das zusammengeflickte Menschentrio ohnehin wenig gemeinsam. Allenfalls mochte der Betrachter darüber nachgrübeln, wie die Jobbeschreibung für die Hauptdarsteller lauten mochte: "Suche Akteure, denen es nichts ausmacht, den halben Film über am Anus des Vordermanns zu schnüffeln"?

 

Selbstreferenzieller "The Human Centipede 2"

Nun: Jedem sei der filmische, wie auch darstellerische Geschmack unbenommen, womit sich auch die Frage erübrigt, ob die Produzenten der "Human Centipede"- Filme geisteskranker als die Zuschauer derselben seien. Betrachtet man die beiden Teile der angeblich auf eine Trilogie ausgelegten Filmreihe nüchtern und unaufgeregt, verbleibt keinerlei inhaltliche oder künstlerische Substanz. Dabei bemüht sich Regisseur und Drehbuchautor Tom Six redlich, seinem Sequel "The Human Centipede 2 (Full Sequence)" künstlerisches Ambiente zu verleihen. Der in Farbe gedrehte Film wurde in Schwarzweiß veröffentlicht (eine eventuell später erscheinende "Special Edition" in der Originalversion sollte nicht verwundern), das Stilmittel des Hyperrealismus (schmutzstarrende Räume, Großaufnahmen von Köpfen) angewendet und eine Metaebene mit allerlei Referenzen an Teil 1 aufgezogen.

Eben jene Metaebene dominiert den Film und möchte insbesondere als ironisch gebrochene Medienkritik verstanden werden. Allerdings zählt Subtilität augenscheinlich nicht zu Tom Six' Stärken, weshalb die Ironie mit der Zärtlichkeit eines Dampfhammers auf den Zuschauer prasselt. Wieder und immer wieder betrachtet Protagonist Martin Szenen des ersten Teils, dem er völlig verfallen ist. Mitunter wichst er, unter Zuhilfenahme von Schmirgelpapier, zu eben jenen Szenen, und wäre der Autor dieser Rezension zynisch, würde er selbiges dem Regisseur unterstellen. Denn es mutet doch höchst selbstbewusst an, den eigenen Film als Wichsvorlage für davon besessene Fans in einen äußerst gewagten Kontext zu setzen.

Traue keinem bärtigen Psychologen!

Originell möchte auch die Idee anmuten, eine der Hauptdarstellerinnen des ersten Teils, Ashlynn Yennie, erneut einzubringen. Immerhin rückt Yennie diesmal ganz nach vorne und bildet das "Mundstück" des Tausendfüßlers. Andererseits spricht Six ihrer Rolle erneut jegliche Form von Intelligenz ab, indem er sie als Schauspielerin präsentiert, die für einen Quentin-Tarantino-Film vorsprechen möchte. Dass sie von einem stummen Typen mit seltsamem Verhalten in einer Schrottkiste vom Flughafen abgeholt und zu einer abgelegenen Lagerhalle gekarrt wird, erscheint ihr in keiner Weise merkwürdig.

Ein echter TausendfüßlerSelbst die versuchten psychologischen Untertöne funktionieren in keiner Weise. Die Beziehung Martins zu seiner Mutter und die einseitigen Gespräche mit einem Psychologen, dessen Bart jeden Taliban neidisch werden ließen, sind von geradezu rührender Naivität, die an Comics erinnert. Es versteht sich wohl von selbst, dass der Psychologe in weiterer Folge als Perversling entlarvt wird.

Vermag wenigstens das Fleisch des Films, die rohe Gewalt und Abartigkeit, zu überzeugen? Leider nein. "The Human Centipede 2 (Full Sequence)" ist purer Torture Porn. Wies der Vorgänger zumindest noch Ansätze einer Story auf, so gleitet der zweite Teil komplett in Slapstick-Horror ab. Zwei Drittel des Films schildern die Beschaffung der einzelnen Tausendfüßler-Crew, was exakt so aufregend ist, wie es klingt. Erst im letzten Drittel geht es dann richtig zur Sache, ohne aber für Spannung oder Nervenkitzel zu sorgen. Quälend lange schnippelt Martin an den Opfern herum, ehe er sie buchstäblich an den jeweiligen Vordermann antackert. Offenbar hat Martin die entscheidenden Stellen des Films mit den Schilderungen der chirurgischen Eingriffe doch verabsäumt. Selbst ein tollpatschig inszenierter Subplot rund um eine Schwangere, die auf der Flucht ihr Baby gebiert, was zu einer lachhaft auf "Kontroverse" gebürsteten Szene führt, reißt das Ruder nicht herum.

Kurzum: "The Human Centipede 2 (Full Sequence)" befindet sich rund eineinhalb Stunden lang im Trockendock, da der Film schlichtweg nicht funktioniert und den Anforderungen an einen Horrorstreifen in keiner Weise genügt.

 

Grandioser Laurence R. Harvey

Was man Tom Six attestieren muss, ist ein grandioses Händchen für seine Antagonisten. Obwohl Laurence R. Harvey kein einziges Wort spricht, vermag er seine Rolle mit eleganter Scheußlichkeit auszufüllen, womit er Dieter Laser fast ebenbürtig ist.

Davon abgesehen rührt auch der zweite Teil der "Human Centipede"-Trilogie nicht einmal ein laues Windchen im Glas. Sein einziges Gimmick ist die "Geschmacklosigkeit" des kaum vorhandenen Plots, was für andere junge Filmemacher ein deutliches Zeichen setzen sollte: Provokation genügt mittlerweile, um für Schlagzeilen und kostenloses Marketing zu sorgen. Als Filmfan kann man sich über derart billig inszenierte "Provokation" freilich nicht freuen, gelüstet es einen doch nach intelligenten Genrewerken à la "Martyrs", die zwar gleichfalls für Aufregung sorgen, diese aber zumindest filmisch untermauern können und Diskussionen erregen. Worüber hingegen sollte man im Falle von "The Human Centipede 2 (Full Sequence)" diskutieren? Abseits der Frage, ob der Streifen geschmacklos ist oder nicht, verbleibt rein gar nichts an der für Diskussionen nötigen Substanz. Allenfalls - Achtung, Spoiler! - könnte man noch darüber debattieren, ob der gesamte Film nicht als Martins phantasieloses Hirngespinst aufgefasst werden sollte.

Mit diesen Worten zieht sich der Rezensent für die Durchführung eines gewagten Experiments im Keller zurück...

Originaltitel: The Human Centipede 2 (Full Sequence)

Regie: Tom Six

Produktionsland und -jahr: NL/UK/USA, 2011

Filmlänge: ca. 84 Minuten

Verleih: Six Entertainment Company

Deutscher Kinostart: -

DVD-Veröffentlichung: ?

FSK:?

 

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Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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