Bist du idealistisch oder skrupellos?

Auf Joel und Ellie muss der Spieler zwar verzichten, doch das Setting wie auch die Ausrüstung ist jedem Fan von "The Last of Us" sofort vertraut. Auf Experimente hat "Naughty Dog" verzichtet – und das ist auch gut so, findet man sich doch auf Anhieb in dieser schaurig-schönen Welt zurecht. Nach der Entscheidung für eine der beiden Fraktionen – entweder die straff organisierten Fireflies, die an einem Wiederaufbau der Zivilisation arbeiten, oder die skrupellosen, nur auf ihren eigenen Vorteil bedachten Hunter – folgt eine kurze Einführung in die Hintergrundgeschichte.

Die wesentliche Aufgabe besteht darin, möglichst viele Vorräte zu sichern, um den eigenen Clan zu vergrößern bzw. am Leben zu erhalten. Schlägt ein Vorratsfeldzug fehl, drohen den Clanmitgliedern Krankheit, Hunger und schlussendlich der Tod. Ebenso wie im Hauptspiel "The Last of Us" stehen diese Vorräte nicht frei zur Verfügung, sondern müssen durch Kampf verdient werden. Und "Kampf" heißt hier: Rücksichtlos vorgehen, tarnen und täuschen, aus dem Hinterhalt agieren, und töten, immer wieder töten.

Dass hinter den Computerfiguren jeweils Spieler aus vielen Teilen der Welt, birgt einen besonderen Reiz in sich, etwa wenn man von ein und demselben Spieler immer wieder erledigt wird oder man andererseits vielleicht sogar Mitleid für einen Anfänger empfindet, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht.

Voraussetzung Nr.1 für den Multiplayer: Installiertes Hauptspiel "The Last of Us"
The Last of Us Remastered - [PlayStation 4]
EUR 69,99  EUR 28,99

Hoher Schwierigkeitsgrad für Anfänger

Für Einsteiger ist der Anspruchsgrad des Multiplayers von "The Last of Us" extrem hoch, gerade wenn sie gegen erfahrene Spieler antreten müssen. Im populären "Factions"-Modus spielen jeweils vier Fireflies gegen vier Hunter. Hierbei kommt es zwangsläufig zu höchst ungleichen Kämpfen, da Anfänger, Fortgeschrittene und Profis bunt zusammengewürfelt werden. Auf Grund der Spielmechanik kann buchstäblich jeder Schritt der letzte sein. Weder die Rambo-Taktik des wild Herumballerns, noch das Verkriechen in den hintersten Winkel, um vielleicht übersehen und verschont zu werden, erweisen sich als zielführend. Nur eine kluge Taktik aus Geduld, raschem Ergreifen einer gebotenen Chance sowie jeweils der Situation angepasster Aggressivität/Passivität führen zum Erfolg.

Das herausragende Plus des Multiplayers ist die Spielmechanik. Anfangs werden die gegnerischen Fraktionen an jeweils entgegengesetzten Orten auf einer der vielen unterschiedlichen Karten verteilt, sodass kein unmittelbarer Sichtkontakt besteht. Ein Radar zeigt die eigenen Kameraden, Fundorte von Vorräten sowie gegnerische Spieler an, wenn diese sich im Eiltempo vorwärtsbewegen oder schießen. Das heißt im Klartext: Fortgeschrittene Spieler sprinten nicht quer über die Karte (was ohnehin kontraproduktiv ist, da die Computerfigur Erholungspausen benötigt) oder ballern durch die Gegend, sondern nutzen geschickte allerlei Verstecke wie Gebäude, Mauern oder Autos, um sich vor rascher Entdeckung zu schützen und den Gegner aus dem Hinterhalt zu überfallen.

Gerade für Anfänger erscheint es anfangs befremdlich, immer wieder hinterrücks abgemurkst oder gnadenlos in die Enge getrieben und getötet zu werden. Mit wachsender Anzahl an Versuchen steigt jedoch das Verständnis dafür, was man "falsch" gemacht hat und künftig vermeiden muss. Besagte Rambo- bzw. Angsthasen-Taktik zählen zu den typischen Fehlern von Anfängern, ebenso wie groteske Selbstüberschätzung der Marke: "Ich kann es mit dem gesamten gegnerischen Team alleine aufnehmen!"

Will gut überlegt sein: Die Waffenwahl in "The Last of Us"

Der Multiplayer von "The Last of Us" verdient seinen Namen auch deshalb, da ohne Zusammenarbeit mit den Teammitgliedern Erfolg kaum möglich ist. Von der Gruppe getrennt wird man nahezu unweigerlich in die Enge getrieben und gestellt, gefolgt vom visuell brutal inszenierten Ableben. Jedem Team stehen 20 Verstärkungen zur Verfügung, das heißt, solange diese 20 "Leben" nicht verbraucht sind, kann ein gemeuchelter Spieler erneut ins Game einsteigen. Der typische Ablauf eines Spieles ähnelt dem Hauptspiel: Es gibt Phasen extremer Gewaltausbrüche, aber auch solche, in denen kein einziger Schuss fällt, Vorräte sind knapp und jeder Schuss will genau überlegt werden. Aus gefundenen Teilen können überlebensnotwendige Gegenstände wie Medi-Kits oder Molotow-Cocktails hergestellt werden.

Anders als im Hauptspiel werden die Waffen und Fähigkeiten nicht fix vorgegeben, sondern können ausgewählt werden. Hier empfiehlt es sich, alle Waffengattungen durchzuprobieren um festzustellen, ob man eher der aus dem Hinterhalt attackierende Typ "Scharfschütze" ist und Verstecke nutzt, oder einem das Voranpreschen mit MG und Machete mehr liegt.

Neben "Factions" gibt es den Modus "Survivors". Dieser funktioniert ähnlich den "Factions", nur mit dem Unterschied, dass der Spieler nach dem Ableben seiner Figur auf die nächste Runde warten muss, bis er wieder teilnehmen darf, und jenes Team gewinnt, das als Erstes vier Siege geschafft hat.

Was den Multiplayer so packend macht, ist das taktische Element, bei dem es letztendlich nicht darum geht, den Gegner mittels roher Feuerkraft zu besiegen, sondern ihn auszutricksen, indem Fallen gelegt und mitunter auch mal Teamkameraden geopfert werden, um sich selbst zu retten oder den Feind in trügerische Siegesgewissheit zu wiegen.

Keine echten Macken, aber ...

Falls man Kritikpunkte finden will, muss man schon tief wühlen. Was dem Artikelautor immer wieder unterlief, waren kleinere "Macken" des Spiels, wenn er vermeintlich sicher hinter einem Versteck harrend von einem offenbar um mehrere Ecken kurvenden Pfeil ausgeschaltet wurde, oder wenn ein Gegner ohne Schutzrüstung, die im Verlaufe eines Spiels erworben werden kann, Körpertreffer einsteckte, ohne mit der Wimper zu zucken. In einer besonders krassen Szene schlich sich sein Avatar hinter die feindlichen Linien und schoss einen Gegner zweimal mit einer Schrotflinte in den Rücken, ohne irgendwelche Schäden wie einen durchlöcherten Körper zu hinterlassen. Stattdessen drehte sich der Gegner seelenruhig um und erledigte ihn wiederum mit einem einzigen Schuss. Gerüchteweise soll Cheating beim Multiplayer von "The Last of Us" nicht gänzlich unbekannt sein …

Mitunter kann es vorkommen, dass man aus dem Netzwerk ausgeloggt wird, was üblicherweise natürlich mit der eigenen Internetverbindung zu tun hat, wiewohl Sonys PSN-Netzwerk ab und an Verbindungsprobleme hat. Allerdings fällt auf, dass schwächere Spieler gerne vorzeitig das Spiel verlassen, vermutlich weniger auf Grund von Verbindungsproblemen, sondern wohl eher auf Grund niedriger Frustrationsgrenzen.

Apropos PSN: Um den Multiplayer zocken zu können, muss jeder Spieler sowohl das Hauptspiel "The Last of Us" installiert haben, als auch über ein Abo fürs PSN-Netzwerk (Wichtige Anmerkung beim Kauf von Guthaben-Karten: Deutsche Guthaben-Karten gelten nur für deutsche PSN-Konten, österreichische nur für österreichische PSN-Konten!). Auch wenn der Preis hierfür nicht allzu hoch ist, dürfte ein Abo viele potenzielle Spieler abschrecken. Schade, denn der Multiplayer macht trotz der düsteren Atmosphäre Spaß und bietet mit jedem Spiel eine gänzlich neue Erfahrung. Es dauert eine Weile, bis man den Bogen halbwegs heraus hat. Kennt man aber zumindest die Basics der wichtigsten Regeln – zusammenbleiben, nur dann laufen, wenn es sich nicht vermeiden lässt, Munition sparen, aus dem Hinterhalt attackieren -, kann der Multiplayer in Punkto Intensität locker mit dem Hauptspiel "The Last of Us" mithalten.

rainerinnreiter, am 02.08.2015
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Bildquelle:
http://www.amazon.de/ (Alien: Isolation - Im Wandschrank hört dich niemand schreien)
schreibspass bei Pagewizz (Destiny und Avatar – SchauSpiele des Lebens?)

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