Nur Politiker fürchten sich vor fliegenden Tomaten. Menschen mit Humor dagegen pilgern gezielt nach Buñol und stürzen sich dann ungehemmt mitten ins Getümmel: Jedes Jahr im August lockt dort die legendäre Tomatenschlacht La Tomatina.

In den letzten Jahren kamen jeweils rund 45000 Touristen ins 10000-Einwohner-Städtchen in der Region Valencia, um sich den Spaß zu machen und bei dem groß angelegten Festival Tomaten durch die Gegend zu schmeißen. Tonnenweise werden die Paradiesäpfel für das einmalige Event angekarrt, im Jahr 2004 schafften es die roten Geschosse ins Guinessbuch der Rekorde: 125 Tonnen wurden verballert!

100 Prozent Spaß bei der Tomateschlacht

Was Ursprung der Tomatina ist, muss wohl ungeklärt bleiben. Weder religiös noch politisch motiviert sei die Schlacht von Bunol, die seit den 40er-Jahren zelebriert wird.

Legenden ranken sich freilich einige um das Festival, die mit "stichhaltigen" Ideen den Auslöser für die Tomatina zu ergründen suchen. Man habe einem richtig schlechten Straßenmusiker den Garaus gemacht, behaupten die einen. Andere meinen zu wissen, dass ein Nachbarschaftsstreit mit fliegenden Tomaten Ursache der ersten Tomatina war.

Der Termin der Tomatina gibt keinen Hinweis auf ihre Entstehung. Das Festival findet immer am Mittwoch in der letzten Woche im August statt. Immerhin: Dann sind die Tomaten überreif. Schön warm ist's auch, was für die kleine Schweinerei von Vorteil ist.

Vorneweg gibt's noch eine kleine Mutprobe: Beim "Schinkenwettbewerb" können Mutige einen eingewachsten Baumstamm hochklettern, um in rund sieben Metern Höhe ein saftiges Schinkenstück zu ergattern. Das Spektakel beginnt gegen 10 Uhr an der zentralen Plaza del Pueblo.

Welche Regeln gibt's?

Bei der Tomatina scheinen die Teilnehmer außer Rand und Band. Schließlich sieht es auch alsbald ziemlich verboten aus, wenn sich Menschen wie Straßen filmblut-rot einfärben. Dennoch versinkt die Tomatina nicht im Chaos, denn für die Teilnehmer gibt es einige klare Regeln, die zu beachten sind.

Gesprochen wird meist von einem Ehrenkodex.

Wer also mitmacht, sollte sich auch tunlichst daran halten. Denn wenn die Tomatina aus dem Ruder läuft, könnte sie abgeschafft werden. Und es wäre wirklich schade darum - schließlich ist Tomatina seit rund 70 Jahren ein Garant für einen Sommerspaß.

Hier die drei wichtigsten Grundregeln:

Tomätchen feste drücken

Das Wichtigste: Eine Tomate wird nie als ganzes geworfen. Es soll ja kein Geschoss sein, sondern ein weiches, triefendes Etwas. Bevor man die Tomate abschießt, soll sie deshalb in der Hand zerquetsch werden. Diese einfache Regel soll verhindern, dass Teilnehmer durch die fliegenden Tomaten ernsthafter verletzt werden.

Zugleich hat diese Regel zur Folge, dass jeder Teilnehmer recht schnell eingesabbert ist - egal, ob er getroffen wird oder nicht.

Nur reife Früchten sind dabei

Bei der Tomatina kommen ausschließlich überreife Früchtchen zum Einsatz. Die Lieferanten sind strengstens angehalten, nur ganz weiche Tomaten abzuliefen. Auch für "Selbstversorger" gilt: Nur überreife Früchte spielen mit.

Nach einer Stunde ist Schluss

Die Tomatenschlacht dauert genau eine Stunde. Von 11 Uhr bis 12 Uhr mittags fliegen die Tomaten durch die Luft. Keine Minute länger! Um 12 Uhr wird das Werfen eingestellt. Und danach sollten die Teilnehmer es auch tunlichst lassen, nochmal einen Wurf zu wagen!

Noch besser geht's mit Musik

Und wer macht sauber?

Ehrensache: Wer seinen Spaß bei der Straßenschlacht mit den reifen Früchtchen hatte, der ist auch hinterher gefordert - beim Saubermachen. Es gehört sich, dass die Teilnehmer nach der Tomatina gemeinsam anpacken und die Straßen wieder von den Tomaten säubern.

Die Anwohner, die das Spektakel in ihren Straßen dulden, engagieren sich gewöhnlich ebenfalls beim Reinemachen - schließlich will niemand dauerhaft knietief in matschigen Tomaten versinken...

Weil auch die Teilnehmer ganz ordentlich kleben und rot geworden sind, helfen die Bewohner von Bunos auch ihnen, wieder "alltagstauglich" zu werden: Sie spritzen die Tomatina-Teilnehmer mit dem Gartenschlauch ab.

Wer keinen hilfreichen Geist auf der Straße gefunden hat, kann auch zum Bahnhof pilgern: Dort stehen extra für das Event zahlreiche öffentliche Duschen bereit. In den mobilen Nasszellen können sich die Touristen wieder vom "Ketchup" befreien.

Orangen, Farben, Köttel: Was sonst noch durch die Luft fliegt

Natürlich hat La Tomatina längst kein Monopol als spaßigstes Festival: Es wurde von Sutamarchán, Kolumbien, kopiert.

Weltweit gibt es noch einige andere schräge Events, bei denen Dinge durch die Luft geschmissen werden.

Hier sind drei weitere Reiseziele, bei denen es bei einer witzigen Schlacht so richtig rund geht:

Schlacht der Orangen

Wenn die Spanier Tomaten werfen, nun ja, dann greifen die Italiener eben zur Orange. Tropft und klebt genauso - und auch auf ein bisschen Säuere braucht nicht verzichtet zu werden.

Allerdings: Hier ist der Anlass historisch. In Ivrea bei Turin erinnert man mit der "Schlacht der Orangen" an eine kriegerische Auseinandersetzung im Mittelalter, bei der die Schlachtenbummler angeblich wohl ausschließlich mit Orangen bewaffnet waren.

Entsprechend gewanden sich die Teilnehmer an der Orangenschlacht im Nordwesten Italiens: In prächtigen Mittelalterkostümen treten die Käpmfer gegeneinander an. Jedes Lager rückt mit 3000 Mitstreitern an; insgesamt treten neun Gruppen gegeneinander an.

Ach so: Alle Kämpen werden kostenlos durchgefüttert - mit Bohnen.

Festival der Farben

Was den Deutschen ein Häs mit gruseliger Maske, ist den Indern ein Beutel mit buntem Pulver oder farbigem Wasser: Das vertreibt den Winter. Deshalb feiern die Hinduisten immer im März beim ersten Frühjahrsvollmond das Frühlingsfest "Holi". Damit markieren sie den Frühlingsbeginn und die länger werdenden Tage.

In Vorgriff auf die farbenfrohe Jahreszeit kommt jede Menge Farbe zum Einsatz: Farbiges Pulver wird ebenso zerstäubt wie buntes Wasser. Es gibt kaum ein Entkommen beim kollektien Fest, und die Farbe hält oft tagelang.

Zur ausgelassenen Farbenschlacht, die je nach Region bis zu zehn Tagen dauert, gehört in vielen Städten mit dem Verbrennen einer Strohpuppe. Und ein bisschen Cannabis im Yoghurt-Lassi.

Nummerierte Elchköttel

Talkeetna? Nie gehört? Da man sich überflüssige Sachen aber meist am leichtesten merken kann, wird der Name des Städtchen in Alaska künftig ein Begriff sein: Dort findet nämlich das weltweit einzige Elch-Pups-Festival statt.

Talkeetna lädt also jährlich am zweiten Juli-Wochenende zum Elch-Pups-Festival, bei dem Elchköttel aus einem Ballon zur Erde prasseln. Tatsächlich geht's um einen Treffer: Der Köttel, der einer markierten Fläche am nächsten kommt, gewinnt. Wie beim Dart der Treffer ins Schwarze... Damit man auch weiß, welcher Köttel der Glückliche ist, werden die Geschosse vor ihrem Wettbewerbseinsatz fein säuberlich nummeriert.

Aber das ist für die rund 700 Bewohner vonTalkeetna eine Kleinigkeit. Sie können die Köttel ihres Wappentieres nicht nur nummerieren - sie fertigen auch Schmuck daraus und versorgen beim dreitägigen Festival rund 8000 Touristen.

Vorne rein...
Myrtis, am 12.02.2013
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