Amerika, das ist aber auch ein kleiner, unscheinbarer Weiler im sächsischen Muldental, umgeben von viel Wald. Lediglich eine gut ausgebaute Zufahrtsstraße weist darauf hin, dass es am Fluss zwischen den Bäumen noch Spuren menschlicher Existenz gibt. Still und abseits liegt die Ortschaft, in der ungefähr 80 Menschen leben.

Wie Amerika entstand

Gegründet wurde die Ansiedlung, welche übrigens nie verwaltungstechnisch eigenständig war, im Jahr 1836. Der Fabrikant Heinrich Börner erbaute am Ufer der Mulde eine Baumwollspinnerei. Im Volksmund hieß sie schnell "Amerika", angeblich, weil manche Arbeiter eben erst über das große Wasser (die Mulde) übersetzen mussten, um Geld zu verdienen. Börner ging zwar bereits nach vier Jahren pleite, die Fabrik jedoch blieb und erlebte mehrere Besitzerwechsel. Später wurde sogar ein Kutschverkehr bis zum Muldenufer eingerichtet, wo man dann auf eine Fähre umstieg. Bei Hochwasser war dies allerdings nicht möglich, worauf im Volksmund das spöttische Liedchen entstand: "Ri, ra, rutsch, wir fahren mit der Kutsch‘. Wir fahren nach Amerika, und wenn das große Wasser kommt, so kehr'n wir wieder um…" Zwischen 1870 und 1910 wurde entlang des Flusses die so genannte Muldentalbahn eingerichtet, eine der romantischsten Eisenbahnlinien Sachsens. In diesem Zusammenhang erhielt die Industriesiedlung im Mai 1876 ganz offiziell die Bezeichnung "Amerika". Damit ist sie allerdings nicht allein. In Deutschland soll es noch mindestens vier weitere Ortschaften dieses Namens geben.

Aufstieg und Niedergang Amerikas

Seine Hochphase erlebte der Ort zwischen 1933 und 1990, als die Textilindustrie entsprechend viel Arbeitskräfte benötigte. Bis zu 1800 Menschen sollen in Amerika gearbeitet haben. 1991 brach diese für den Ort existenziell wichtige Branche, der sie ja schließlich ihre Gründung verdankte, komplett ein. Es wurde sehr ruhig in Amerika.

Den Fährbetrieb aus der Gründungszeit gab es längst nicht mehr. Die Bahnlinie blieb 2002 nach dem Jahrhunderthochwasser außer Betrieb. Allerdings sorgt seitdem ein Förderverein für gelegentliche Touristenfahrten. Amerika war nun nur noch über Wanderwege, eine Zufahrtsstraße sowie eine Brücke erreichbar. Heute besteht Amerikas Wirtschaft aus ein paar Gewerbetreibenden, einem Biergarten sowie einem Museum. Touristen kommen gelegentlich vorbei, sogar solche aus dem großen Amerika.

Filmstars aus und in Amerika

Doch wie in den USA auch, gibt es bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten eine Devise: The Show must go on! Als die Industrie aus dem Ort weitgehend verschwand, hielt das Showbiz Einzug – entsprechend der Ortsgröße im bescheidenen Maßstab natürlich. Den Anfang machte ein Fernsehfilm mit dem einfallsreichen Titel "Amerika". Wie im Showgeschäft üblich, gab es dabei allerdings viel Täuschung: Die meisten Dreharbeiten fanden gar nicht in der Siedlung statt.

Der eigentliche Fernsehstar des Ortes aber hieß bald darauf für einige Jahre Hermann Richter. Der Wirt des örtlichen Biergartens wurde für die MDR-Sendung "exakt" unter Vertrag genommen. Am Ende jeder Sendung meldete er sich mit dem Satz "Ich heiße Hermann Richter und wohne in Amerika" zu Wort. Vor regionaler Kulisse oder auch einfach vom Traktor aus, kommentierte er die aktuelle politische Lage. Er tat dies unverblümt mit Herz und Schnauze. Vermutlich gefiel dies nicht jedem Politiker, den Fernsehzuschauern hingegen schon. Manche riefen sogar bei Hermann Richter an.

Autor seit 6 Jahren
163 Seiten
Laden ...
Fehler!