Was ist die morphologische Analyse?

Die morphologische Analyse, bzw. der morphologische Kasten, zählt zu den diskursiven Methoden. Hier wird systematisch und bewusst in einzelnen, logisch ablaufenden Schritten gearbeitet. Ein Problem wird vollständig beschrieben, da man es analytisch in kleinste Einzelheiten aufspaltet.

Den Grundstein für die morphologische Analyse legte der Schweizer Astrophysiker Prof. Fritz Zwicky, mit seinem Buch »Entdecken, Erfinden, Forschen im morphologischen Weltbild«. Sie wird heute auch als strukturierte Forschung bezeichnet.

Der Kern dieser Methode ist der »morphologische Kasten«, auch Matrix genannt. Diese besteht aus einem Koordinatensystem, in dem die wichtigsten Parameter eines Produktes, einer Tätigkeit oder einer Leistung geordnet werden. So können die Beziehungen der einzelnen Variablen systematisch untersucht und rasch neue Ideen entstehen.

Ein morphologischer Kasten besteht aus zwei Achsen – eine für die Parameter und die Zweite für deren Varianten. Das Ergebnis ist eine große Auswahl verschiedener Lösungsmöglichkeiten.

leere Matrix (blau = Parameter, rot ...

leere Matrix (blau = Parameter, rot = Ausprägungen) (Bild: Donnaya)

Wie wird die morphologische Matrix angewandt?

Bevor man mit der Matrix beginnt, erarbeitet man zunächst eine Zielformulierung, die als Überschrift genutzt wird.

Beispiel:
Zu einer besonderen, limitierten literarischen Veröffentlichung soll ein außergewöhnliches Cover erstellt werden, welches sich von üblichen Büchern hervorhebt. Das zu formulierende Ziel könnte bspw. »Einzigartiges Buchcover« lauten. Es ist also sinnvoll, das Problem / die Fragestellung zunächst einmal nüchtern und unvoreingenommen zu betrachten.
Anschließend wird die Matrix mittels zweier Fragen angefertigt.

Parameter und Ausprägungen

Für die Problematik werden die wichtigsten Parameter (auch Merkmale, Faktoren, Attribute) festgelegt. Diese voneinander unabhängigen Parameter listet man untereinander auf. Damit ist die erste Achse der Matrix bereits erstellt.

Im folgenden Beispiel sind es die Parameter: Material, Form, Hintergrundfarbe, Schriftart, Schriftfarbe.

Matrix mit den gefundenen Parametern

Matrix mit den gefundenen Parametern (Bild: Donnaya)

Rechts daneben folgen alle erdenklichen Ausprägungen - das »WIE?« oder auch »WOMIT?« - der jeweiligen Faktoren. Die Kombination der Variablen aller Attribute ergibt eine theoretisch mögliche Lösung.

vollständig ausgefüllte Matrix

vollständig ausgefüllte Matrix (Bild: Donnaya)

Nun werden die Ausprägungen der Parameter untereinander kombiniert. Dies kann zu außergewöhnlichen Ideen führen. Hierbei ist es irrelevant, ob es sich um umsetzbare Lösungen handelt. Die hier erlangten Kombinationen sind keine endgültigen Ergebnisse, sondern nützliche Anregungen.

Das Beispiel mit dem einzigartigen Buchcover könnte bspw. zu folgenden Kombinationen führen:

Material: Glas
Form: Kreis
Hintergrund: gescheckt
Schriftart: Endor
Schriftfarbe: orange

Material: Kautschuk
Form: Raute
Hintergrund: fünffarbig
Schriftart: Dragonmaster
Schriftfarbe: blau

Eine vollständige Auflistung bedingt nicht automatisch auch eine komplett ausgefüllte Matrix. Bis hierhin sind es Einfälle zum WAS und WIE. Erst hieraus ergeben sich die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten, die wiederum als Wegweiser zu verstehen sind. Darüber hinaus können bei der Kombinationsfindung auch Varianten herauskommen, bei denen nicht zu jedem Parameter ein entsprechendes Merkmal ausgewählt wurde.

Beispiel einer morphologischen Matrix incl. Lösungsmöglichkeit

Für eine Bühne, die für unterschiedlichste Events genutzt wird, soll ein neuer, dauerhafter und möglichst für alle Veranstaltungen nutzbarer Hintergrund geschaffen werden.

Wie in der folgenden Grafik zu sehen, habe ich hier Material, Farbe, Form, Größe, Motiv/Muster und die Art der Befestigung in die Parameter-Achse gesetzt und mich hierbei auf das WAS bezogen.
Die Attribute rechts daneben beziehen sich auf das WIE.

Die mit einem Kreuz versehenen Felder stellen die Kombination einer Lösungsmöglichkeit dar. Bei den Parametern Material, Form und Befestigung befinden sich auf der Seite der Ausprägungen einzelne leere Flächen.

morphologische Matrix zum Beispiel ...

morphologische Matrix zum Beispiel Bühnen-Hintergrund (Bild: Donnaya)

Ideenbewertung und Ideenweiterentwicklung

Die gefundenen Kombinationen werden als Anregung für die eigentlichen Ideen genutzt. Man lässt sich also von ihnen inspirieren und gegebenenfalls in völlig neue Ideenfelder führen. Mit der Sammlung an Rohideen lassen sich die bisherigen Lösungsansätze in Form von Scribbles weiterentwickeln. Erst jetzt zeigt sich, was machbar ist. Dies erleichtert die schlussendliche Bewertung und die letztendliche Auswahl der besten Idee. So könnte man bspw. einen neuen Tisch nicht wie üblich auf vier Beinen stellen, sondern ihn im Raum schweben lassen, indem man ihn von der Decke abhängt. Diese Version ist zwar unkonventionell, aber machbar und keineswegs unmöglich.

Um die Lösungsvielfalt zu fördern, ist es bei komplexen Problemen zweckmäßig, in einer Gruppe zu arbeiten. Bei der Suche nach Ausprägungen zu den erarbeiteten Merkmalen kann oft der Einsatz von einer anderen Gruppe vorteilhaft sein, welche die ursprüngliche Aufgabenstellung noch nicht kennt. Dies kann Denkbarrieren vermeiden und originelle Lösungen hervorbringen.

Bei der Auswahlentscheidung kann es hingegen passieren, dass zu große Gruppen ineffizient sind, vor allem, wenn man zu einer Vielzahl Lösungsmöglichkeiten gelangt ist. Daher kann die schlussendliche Auswahl auch von einer Person oder einer Zweiergruppe ausgeführt werden.

Die morphologische Matrix lässt sich jedoch auch von Einzelpersonen anwenden. Die Vorgehensweise ist dabei identisch, wie bei der Gruppenarbeit. Eine Ideenfindung mit verschiedenen Personen ergibt allerdings auch mehrere unterschiedliche Lösungsansätze.

Wer im Umgang mit der morphologischen Analyse noch nicht geübt ist, könnte die Methode eventuell als umständlich und kompliziert empfinden und zunächst Probleme bei der Umsetzung haben, welche aber in einem gut zusammenarbeitenden Team sicherlich zu kompensieren sind.

Der "Erfinder" der morphologischen Analyse

Fritz Zwicky kam am 14. Februar 1898 in Warna, Bulgarien zur Welt und verstarb am 08. Februar 1974 in Pasadena, Kalifornien. Er war ein Schweizer Physiker und Astronom.

Er studierte von 1916 bis 1925 an der ETH Zürich.

Zusammen mit Walter Baade begründete er die Theorie, dass Supernovae Neutronensterne erzeugen könnten. Zudem wandte Fritz Zwicky als erster das Virialtheorem an, um auf dunkle Materie zu schließen.

1972 wurde Zwicky mit der Glod Medal der Royal Astronomical Society ausgezeichnet.

Außerdem verfasste er ein paar Bücher, u.a. das bereits erwähnte Buch »Entdecken, Erfinden, Forschen im morphologischen Weltbild«, welches 1966 im Droemer/Knaur Verlag erschien.

Begriffserklärungen

Morphologisch: (Kommt aus dem Griechischen) die äußere Gestalt betreffend, der Form nach

Morphologie:
(Philosophie) Wissenschaft, Lehre von Gestalten und Formen
(Medizin) Wissenschaft, Lehre von der äußeren Gestalt der Lebewesen und ihrer Teile
(sprachwissenschaftlich) Wissenschaft von der Struktur, den Bausteinen, der Wörter, Sprache und ihrer Zusammensetzung

Matrix: (spät Latein) stellt eine Anordnung von Elementen in mehreren Richtungen dar.

Donnaya, am 29.01.2014
2 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Bildquelle:
johannes flörsch (Wie finde ich die Sternschnuppen der Perseiden 2016?)
Karin Scherbart (Wie macht man einen Regenbogen selbst?)

Laden ...
Fehler!