Klar: Beim Stichwort "Zeitreisen" fällt jedem zunächst die "Zurück in die Zukunft"-Trilogie ein, vielleicht auch H. G. Wells "Die Zeitmaschine", oder Ray Bradburys Kurzgeschichte "A Sound of Thunder", die – obwohl der Begriff erst viel später erfunden werden sollte - den so genannten Schmetterlingseffekt populär machen sollte, wonach eine winzige Änderung in einem geschlossenen System unvorstellbare Auswirkungen auf das Gesamte haben kann. Der französische Gameentwickler Dontnod (cleveres Palindrom) nahm sich dieser Thematik an und erschuf eines der berührendsten Computerspiele der letzten Jahre, das ganz nebenher ein großartiges Coming-of-Age-Drama mit hörenswertem Indie-Soundtrack ist.

Wer hat an der Uhr gedreht? Max!

Die 18-jährige Maxine, von allen nur "Max" gerufen, kehrt nach fünf Jahren Abwesenheit in ihren Heimatort Arcadia Bay zurück, um an der angesehenen Blackwell Academy Fotografie zu studieren. Als eher schüchterne junge Frau gelingt es ihr noch so richtig, freundschaftliche Banden zu schließen. Nur mit der introvertierten Kate und dem hoffnungslos in sie verliebten Nerd Warren hält Max engeren Kontakt. Eine entscheidende Wendung erfährt ihr Leben während einer Schulstunde, als sie feststellt, dass sie die Zeit manipulieren kann. Eine Fähigkeit, die sie schon bald einsetzen muss, nachdem sie Zeuge wurde, wie auf der Toilette ein Kommilitone ein ihr anfangs unbekanntes Mädchen erschießt. Max spult die Zeit einfach zurück und eilt der jungen Frau zu Hilfe.

Erst später findet sie heraus, wem sie das Leben gerettet hat: Ihrer einstmals besten Freundin Chloe, mit der sie fünf Jahre lang keinen Kontakt mehr hatte. Schuldbewusst versucht Max alles, die zerbrochene Freundschaft zu kitten – einfacher gesagt, als selbst mit übernatürlichen Kräften ausgestattet getan, zumal das Verschwinden der ebenso hübschen, wie intelligenten Studentin Amber für Unruhe sorgt. Im Laufe der nächsten Tage greift Max immer wieder aus allerbesten Motiven auf ihre unerklärliche Fähigkeit zurück.

Doch sollte man die Zeit überhaupt manipulieren? Die junge Frau beginnt mit jeder neuen unvorhersehbaren Konsequenz selbst daran zu zweifeln. Das Schicksal lässt sich offenbar nicht gerne in die Karten schauen und sorgt deshalb mit dem Schmetterlingseffekt für allerlei unangenehme plot twists …

Erfunden wurde der Begriff "Schmetterlingseffekt" 1972 vom US-Meteorologen Edward N. Lorenz, als er die inzwischen ikonische Redewendung: "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas erzeugen?" formte. Der Begriff "Schmetterlingseffekt" wird meist mit dem "Schneeballeffekt" verwechselt, bei welchem in Folge einer Kettenreaktion kleine Effekte immer größer und bedeutender werden. Beim "Schmetterlingseffekt" hingegen bewirken kleine Abweichungen in einem komplexen System wie dem Wetter langfristig große Veränderungen. Seit dem Erfolg von "Jurassic Park" wird der "Schmetterlingseffekt" meist mit dem Begriff "Chaostheorie" ersetzt.

Life Is Strange ... und spannend!

Kann's das wirklich schon gewesen sein? Ja, kann es, wenn nach ca. 15 Stunden Spielzeit die Credits über den Bildschirm rollen, obwohl man noch ein bisschen länger mit Max die Zeit manipulieren wollte. Dabei lässt "Life Is Strange" zumindest auf den ersten Blick nicht eines der spannendsten, emotional bewegendsten Computerspiele im Adventure-Bereich vermuten. Mit zig Millionen teuren Großproduktionen kann das Episodenspiel grafisch nicht ansatzweise mithalten, Werbung für das Spiel musste man mit der Lupe suchen, und so manchem Zocker mag die Vorstellung, in die Computerspielfigur einer etwas schüchternen 18-Jährigen zu schlüpfen grenzenlos albern erscheinen.

Schmetterlingseffekt

Schmetterlingseffekt (Bild: https://pixabay.com)

Auf den zweiten Blick macht "Life Is Strange" hingegen fast alles richtig und erweist sich als ungleich weniger aufwendig gestaltete Schwester im Geiste von "The Last Of Us". Hier wie dort ist die Story, sind die Charaktere die Hauptattraktion, nicht die Grafik oder die Kampfsequenzen, die in "Life Is Strange" komplett obsolet sind. Natürlich ist die Idee ähnlich neu wie die ungefähr dreihundertste Selbstneuerfindung Madonnas: Ein ganz normaler Durchschnittsmensch vermag plötzlich die Zeit zu manipulieren und stellt fest, dass diese Fähigkeit nicht ohne ihren Preis kommt.

Bestechend ist aber die geniale Umsetzung, bei der aus augenscheinlichen Gründen auf komplexe Grafiken verzichtet wurde, um dem Spieler eine packende Story zu liefern. Obwohl es dauert, bis die Spannung auf den Höhepunkt zusteuert, langweilt das Game keine Sekunde lang: Zu verführerisch ist es, jeden Schauplatz gründlich abzuklappern und mitzuverfolgen, wie Protagonistin Max mal mehr, mal weniger geschickt mit der Zeit spielt. Anfangs muss man freilich auch ein gutes Stück Geduld mitbringen.

Viele Charaktere erscheinen sehr grob geschnitzt und wie sattsam bekannte Klischeefiguren: Das unsympathische Millionärssöhnchen, der Nerd, die arrogante Intrigantin, das Mauerblümchen. Im Laufe der fünf Episoden zeigt sich jedoch ein ums andere Mal, dass der erste Eindruck eben doch täuschen kann. Nun soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden, deshalb nur so viel: Die eine oder andere Figur sieht man am Ende des Spiels mit völlig anderen Augen.

"With great power comes great bullshit" - Max Caulfield

Wie etwa in Telltales Serie "The Walking Dead" muss der Spieler immer wieder Entscheidungen treffen, die sich auf den weiteren Spielverlauf auswirken. Das Gimmick des Zurückspulens der Zeit ermöglicht es zwar, manche Entscheidungen gleich wieder zurückzunehmen, allerdings nicht sämtliche, schon gar nicht schwerwiegende oder länger zurückliegende. Zudem ist meist gar nicht absehbar, welche Entscheidung zu welchen Konsequenzen führen wird. Dadurch baut das Spiel eine Spannung auf, die der Fähigkeit der Protagonistin nur scheinbar widerspricht.

Erstaunlicherweise fasziniert aber weniger die Zeitmanipulation, als vielmehr die labile Beziehung zwischen Max und ihrer einst besten Freundin Chloe. Max‘ Nachname Caulfield erinnert wohl nicht zufälligerweise an jenen von Holden Caulfield, heranwachsender Ich-Erzähler aus J. D. Salingers Kultroman "Der Fänger im Roggen". Man kann "Life Is Strange" durchaus als Coming-of-Age-Drama bezeichnen, das durch eine ungewöhnliche Komponente verkompliziert wird: Wie soll eine junge, unsichere Frau mit einer solchen Macht verantwortungsvoll umgehen? So gut es Max (meistens) auch meint: Immer das Richtige zu tun ist verdammt schwer.

Fast erscheint der Subplot um eine spurlos verschwundene Studentin überflüssig und wie ein Zugeständnis an die Erwartungen der Mainstream-Gamer. Wie der Erfolg des Spaziergang-Simulators "Everybody's Gone To The Rapture" bewies, existiert jedoch eine beträchtliche Zielgruppe an Spielern, die gerne unkonventionelle Wege gehen. Alleine die schwierige Freundschaft zwischen Max und Chloe, die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens, die sozialen und persönlichen Nöte der Studenten und Stadtbewohner, heben "Life Is Strange" in lichte Höhen. So paradox es auch klingen mag: Die spannendsten Momente sind oftmals die subtileren Episoden aus Max‘ Leben.

Kein Spoiler: Ein Leuchtturm bringt ...

Kein Spoiler: Ein Leuchtturm bringt Licht in "Life Is Strange" (Bild: https://pixabay.com)

Flatterhafter Schmetterlingseffekt

Freilich: Die Konsequenzen des "Schmetterlingseffekts" können sich mehr als nur sehen lassen. Meist setzt man die Zeitmanipulation nur fürs Einheimsen eines bestimmten Gegenstands oder für Informationsbeschaffung ein. Mehrere Male jedoch sind die Auswirkungen und Implikationen drastisch, insbesondere in der wohl berührendsten Episode des Spiels, wenn Chloe … aber halt, hier wird nicht gespoilert! Überhaupt sollten Spielefans einen weiten Bogen um detailliertere Beschreibungen des Spiels machen, da oft leider zu viel verraten wird, und das wäre bei diesem Spiel jammerschade.

Falls man unbedingt mäkeln möchte, kann man sich an den eher wie Wachsfiguren aussehenden, mimisch an Steven Seagal erinnernden Figuren abarbeiten. So großartig die offenbar handgezeichneten Hintergründe auch sind: Der starre Blick der Spielfiguren passt so gar nicht zu ihren Sprechern, die durch die Bank einen erstklassigen Job erledigen, allen voran Chloes Stimme Ashly Burch. All diese großartigen Sprach-Performances hätten sich eine grafisch aufwändigere Gestaltung verdient gehabt, gerade eingedenk der meist unpassenden, in einer Szene sogar gänzlich fehlenden Lippenbewegungen.

Unbedingt vor den Vorhang muss auch der Score geholt werden. Nun zählt Alternative nicht gerade zu den bevorzugten Musikgenres des Rezipienten. Doch der Soundtrack passt jeweils perfekt zu den Spielszenen. Pluspunkt: Ein Wiederhören mit "Dresden Dolls"-Sängerin Amanda Fucking Palmer (Anmerkung: Amanda nennt sich tatsächlich so!).

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Pflichtkauf für anspruchsvolle Spieler: "Life Is Strange"

Schlussendlich gipfelt "Life Is Strange" in zwei dramatische Enden, je nach Spielart, darunter ein wahrhaft genialer twist, von dem M. Night Shyamalan nicht einmal träumen kann. Was der Rezipient für unmöglich gehalten hätte, schaffte Dontnod: Dieses Adventure reicht in Punkto Dramatik und emotionaler Tiefe an "The Last Of Us" heran. Gar nicht auszudenken, hätte dem Team ein üppiges Millionenbudget zur Verfügung gestanden. Andererseits: Hätte man dann nicht doch die sichere Route gewählt, anstatt ein gewagt gegen den Mainstream gebügeltes Game zu fabrizieren? Immerhin zog Dontnod noch die vielleicht bizarrste Spielepisode aus dem Hut, die der Profi-Körbesammler und Hobby-Rezipient jemals auf dem Bildschirm präsentiert bekam, der mehr als nur ein Hauch M. C. Escher innewohnt.

Gerade für Horror- und Science-Fiction-Fans hält "Life Is Strange" jede Menge Genrereferenzen bereit. Angefangen von Ray Bradbury und Edgar Allen Poe, über Ridley Scotts "Blade Runner" bis hin zu Max‘ trockener Bemerkung angesichts der verstörenden Zeichnung einer Studentin: "Sie ist wohl gerade in ihrer H.-R.-Giger-Phase". Zitat aus dem Englischen von einem ehemaligen Hauptschüler übersetzt. Es sollte wohl noch angemerkt werden, dass "Life Is Strange" keine deutsche Synchronisation enthält. Deutsche Untertitel sind auswählbar, auch wenn sie angesichts der klar verständlichen, englischen Aussprache für die meisten Spieler verzichtbar sein dürfte.

Fazit: Das Adventure "Life Is Strange" spielt locker in einer Liga mit "The Last Of Us" mit. Spannend, mit vielen unerwarteten Wendungen versehen, berührende Dialoge, trockener Witz – all diese Elemente machen das Game zum Pflichtkauf für anspruchsvolle Spieler.

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