Alles begann mit "Anno 1602"

Wohl kaum jemand aus dem Entwicklerteam von "Max Design" und "Sunflowers" hätte 1998 zu träumen gewagt, dass sich das Strategiespiel "Anno 1602" zum erfolgreichsten deutschen Computerspiel aller Zeiten entwickeln würde. Doch mehrere Millionen (!) verkaufte Exemplare später hat die "Anno"-Serie nicht nur Kultstatus erlangt, sondern längst die gleichfalls erfolgreichen "Siedler" in den Schatten gestellt. Ironischerweise steckt mit der Softwareschmiede "Blue Byte" ausgerechnet der Entwickler von "Die Siedler" hinter "Anno 1404".

Im 2009 veröffentlichen vierten Teil der "Anno"-Reihe wurden Grafik und Gameplay noch einmal kräftig aufpoliert und verbessert. Der Lohn der Mühen: Ein weiterer Millionenseller für "Blue Byte" und das bis dato prachtvollste "Anno" für die Käufer! Bereits der kinoreife Trailer lässt die Fingerchen des Strategiespielers vor Aufregung zucken.

Trailer "Anno 1404" in HD-Qualität

Salam aleikum!

Eines vorneweg: Wer eines der drei Vorgängerspiele - "Anno 1602", "Anno 1503", "Anno 1701" - gezockt hat, wird sich im vierten Teil rasch eingewöhnen. Spezielle Vorkenntnisse werden trotzdem nicht vorausgesetzt, sodass auch Quereinsteiger in die "Anno"-Reihe oder gar ins Genre der Strategiespiele überhaupt keinerlei Probleme haben werden, sich zurecht zu finden. Es sei auf jeden Fall angeraten, zunächst den einfachsten Schwierigkeitsgrad auszuwählen und sich jede Menge Zeit zu nehmen. Denn "Anno 1404" ist kein Spiel für Zwischendurch oder zur Zerstreuung, sondern fordert die volle Aufmerksamkeit des Spielers.

Das stimmige, wunderschön animierte Intro zeigt, wohin die Reise diesmal geht: "Salam aleikum", tönt es freundlich aus den Lautsprechern. Das Morgenland wartet auf Besiedlung und Begegnungen mit abendländischen Händlern. Natürlich erweisen sich die orientalischen, von Wüstenlandschaften geprägten Inseln nicht einfach als hübscher Aufputz, sondern sind für den Spieler von entscheidender Bedeutung. Zunächst erfolgt die Besiedlung einer neuen Welt auf traditionelle Weise: Um Häuser bauen zu können, benötigt der künftige Weltherrscher Holz, das er dank fleißiger Holzfäller erhält. Fischer sorgen für die Ernährung der Pioniere und auf den Mosthöfen wird unschuldiges Obst mit Füßen getreten, um den Durst zu stillen.

 

Aber schon bald stößt der Spieler bei den vorhandenen Ressourcen an die Grenzen. Denn sein Volk fordert plötzlich Gewürze, die in der nördlichen Hemisphäre freilich nicht gedeihen. Folglich muss eine für den Gewürzanbau geeignete südliche Insel besiedelt werden. Hierfür benötigt man aber entsprechende Kenntnisse, die ein freundlich gesinnter Scheich bereithält. Schließlich muss der Wüstenboden erst mit Wasser getränkt werden, das man mittels einer Noria, einem Wasserschöpfrad, gewinnt. Im weiteren Verlauf von "Anno 1404" muss die orientalische Baukunst immer wieder erforscht werden, was durch den Aufstieg von Nomaden geschieht, die man zu sesshaften Siedlern "bekehren" kann, aber auch durch großzügige Unterstützung rauschebärtiger Weiser aus dem Morgenland.

 

Anspruchsvolles Volk

Der Wirtschaftskreislauf von "Anno 1404" zeigt sich gewohnt komplex. Neue Technologien und höhere Steuereinnahmen sind nur durch den sozialen Aufstieg des Volkes möglich. Anfangs begnügen sich die ersten Pionieren mit Fisch, Most und einer schlichten Kapelle für den Seelenfrieden. Diese Wünsche lassen sich noch recht einfach und günstig erfüllen. Der Aufstieg zu höheren Zivilisationsstufen lässt den Spieler aber rasch ins Schwitzen geraten, da die Ansprüche stetig steigen und befriedigt werden wollen. Simples Gewand genügt bald nicht mehr - Pelze müssen her! Hierfür werden Jäger, Pelzvieh und Kürschner benötigt. Da es sich nur um einen von dutzenden Wirtschaftskreisläufen handelt, hat der Spieler alle Mausfinger zu tun, das Volk bei Laune zu halten.

Der Spielspaß kommt natürlich trotz aller Komplexität nicht zu kurz. Je nach Schwierigkeitsgrad greifen beispielsweise ruchlose Korsaren in das Geschehen ein und fordern Tribute. Werden diese nicht entrichtet, gibt es Ärger auf hoher See. Immer wieder kommentieren die Computergegner das Spielgeschehen und sparen mitunter nicht mit feinem Spott. Mit öden Wirtschaftsplanspielen, wie sie gewiss der eine oder andere Spieler noch aus der Schule kennt, hat "Anno 1404" nichts gemeinsam. Im Gegenteil: Auf unterhaltsame Weise werden komplexe Zusammenhänge vermittelt und das Entwerfen wirtschaftlicher Strategien gefördert, sodass das Spiel auch für jüngere Altersstufen geeignet und zu empfehlen ist.

Bettelverbot: Pro oder contra?

Nicht nur im realen Leben, auch in "Anno 1404" wird man zwangsläufig mit Bettlern konfrontiert. Sobald der Spieler ein hübsches, florierendes Städtchen geschaffen hat, landet ein Schiff voll mit Bettlern im Hafen, die um Aufnahme bitten. Gewährt man diese, sinkt das Ansehen im Volk, das sich von den Habenichtsen gestört und bedroht fühlt. Weist man sie ab, bedankt sich das Volk zwar mit Goldstücken, aber irgendwann kehren die Bettler zurück. Diesmal freilich nicht als Bittsteller, sondern als Wegelagerer, die Teile der Wirtschaft zum Erliegen bringen können.

Für Abwechslung können zudem, je nach Einstellung des Schwierigkeitsgrades, Unwetter, die Pest, Vulkanausbrüche oder Sandstürme sorgen. Obwohl Waffen hergestellt und Heereslager ausgehoben werden können, überwiegt der ökonomische Aspekt bei weitem. Sowohl die enorm hohen Kriegskosten, als auch die unvermeidlichen Kollateralschäden sprechen eindeutig für friedvolle Handelsbeziehungen anstatt Säbelrasseln.

 

Prachtvolle Grafik

Wiewohl zwischen "Anno 1602" und "Anno 1404" nur rund ein Jahrzehnt liegt, trennen die beiden Spiele insbesondere in grafischer Hinsicht Welten. Der vierte Teil präsentiert sich in ungemein prachtvoller Grafik, die zum genaueren Hinsehen einlädt. Viele liebevoll herausgearbeitete Details wollen entdeckt und bewundert werden. Durch den dreifachen Zoom gewinnt der Spieler Einblicke in das Leben seines Volkes und der idealerweise stetig wachsenden Stadt oder kann Karawanen auf ihrem Weg zum Basar bestaunen. Hübsch herausgeputzt, aber oft mit zerstörerischen Konsequenzen verbunden sind die Wirbel- und Sandstürme, die ganze Produktionsketten lahmlegen können.

Limitierte Edition von "Anno 1404""Anno 1404" kann vollständig via Maus gespielt werden und verwirrt nicht wie so manche Konkurrenzprodukte mit zahlreichen Menüs oder versteckten Befehlen. Nach kurzer Eingewöhnungsphase geht das Navigieren, Bauen oder Anlegen automatischer Schiffsrouten leicht von der Hand und gibt dem Spieler Gelegenheit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Das Optimieren von Produktionsketten, den Aufbau einer prächtigen Handelsmetropole und dem Genießen des bislang schönsten "Anno"-Teils.

Mit "Anno 2070" verließen Blue Byte und Related Designs 2011 erstmals die bewährten Pfade und verlegten die Serie in die Zukunft. Die Spielergemeinde ist darüber gespaltener Meinung. Kaum einen Zweifel kann es aber daran geben, dass "Anno 1404" zu den besten Strategiespielen zählt, dessen hoher Suchtfaktor ("nur noch ein paar Häuschen bauen... und eine Farm anlegen... und die Noria wiederbefüllen...") viele Stunden lang vor den Bildschirm fesselt. Mit anderen Worten: Hat man dieses Spiel auf dem PC installiert und gestartet, sollte man besser keine Termine in nächster Zeit vereinbaren.

rainerinnreiter, am 07.12.2011
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Bildquelle:
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schreibspass bei Pagewizz (Destiny und Avatar – SchauSpiele des Lebens?)

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