Ernährung im Kaiserreich

Im Jahr 1900 gibt der durchschnittliche private Haushalt 57 Prozent seiner Einkünfte für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren aus. In den folgenden 13 Jahren verteuern sich wegen der Schutzzölle für agrarische Importe und des starken Bevölkerungsanstieges die Lebensmittel um rund 30 Prozent.

Seine Grundnahrungsmittel und sonstigen Bedarf deckt der Deutsche in Stadt und Land in den "Tante-Emma-Läden". In einigen Großstädten entstehen die ersten Delikatessenläden. Sie werden Kolonialwarenläden genannt, weil sie exotische Waren wie Zucker, Kaffee, Tee, Reis, Kakao, Gewürze oder Tabak aus den Kolonien und Übersee anbieten.

Die verkehrliche Infrastruktur wächst und erlaubt es, frische Lebensmittel, Fisch und Getreide per Bahn in die Städte zu bringen. Die ersten Kaufhäuser und Großmärkte entstehen.

Bei Gründung des Kaiserreiches lebten 1871 zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Land. Danach lockt die boomende Industrie die Landbevölkerung in die Städte: Um 1900 sind 38 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, um 2000 noch 2 Prozent. Das Gegenbeispiel: Ein Landwirt in Deutschland erzeugte um 1900 Nahrungsmittel für etwa vier Personen, heute sorgt er dank des Einsatzes von Düngemitteln, technologisierter Methoden der Fütterung und Bodenbearbeitung sowie verbesserter Saatzucht für 150 Personen.

Beginn des 1. Weltkriegs

Der Erste Weltkrieg läßt die Bevölkerung leiden, und Lebensmittel sind nur noch mit Lebensmittelkarten erhältlich. Oft hilft nur noch das "Hamstern auf dem Land", meist im Tausch für andere Waren.

Wegen des Krieges bricht die Getreideproduktion ein. Deshalb darf Brot bis zu einem Anteil von 30 Prozent mit Kartoffeln gestreckt werden. Der Staat will den Preis für Kartoffeln niedrig halten. Weil so mit Schweinefleisch mehr Gewinn zu machen ist, verfüttern die Landwirte die Kartoffeln an ihre Schweine. Also werden auch Kartoffeln knapp. Butter gibt es nicht, dafür aber gefärbten Quark. Salatöl gibt es nicht, dafür aber Pflanzenschleim, mit Wasser vermengt.

Die Seeblockade der Nordsee tut neben schlechter Ernte ihr Übriges und läßt den Versorgungsmangel weiter anwachsen.

Nun greift der Deutsche zum letzten Mittel:

Kohl und Steckrüben müssen herhalten. Es gibt Kohlrübensuppe, Koteletts aus Kohlrüben sowie Marmelade und Kuchen aus Kohlrüben; der Winter 1916/17 wird der "Kohlrübenwinter".

Die Weimarer Republik

Wie schon zu Kriegszeiten fahren die Stadtbewohner wegen chronischen Mangels an Grundnahrungsmitteln aufs Land, um dort Wertgegenstände gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Der Ernährungstrend lautet eindeutig "Sattwerden". Kartoffeln und Rüben stehen weiterhin ganz oben auf dem Speiseplan.

Das Einkommen vieler Menschen läßt ein sorgsames Achten auf eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung nicht zu. Die Jahre nach dem Krieg lassen den Verzehr von Butter, Obst und Südfrüchten gegen Null sinken. Brot wird statt mit Butter mit billigem Schmalz oder Margarine bestrichen.

Die Inflation nimmt den Deutschen 1923 das letzte Geld. Ein Kilo Kartoffeln kostet im November 1923 in Berlin 90 Milliarden Reichsmark. Ein Ei kostet im Juni 800 Reichsmark, im November 320 Milliarden. Die Käufer betreten mit vollen Wäschekörben, randvoll gefüllt mit wertlosem Papiergeld, die Geschäfte.

Die Bohème und besser Betuchte wissen in den "Goldenen 20ern" gut zu leben: Luxus, Partys und Nachtleben, Kunst, Kultur und Wissenschaft sind angesagt. Champagner und Absinth werden zum Lieblingsgetränk.

Die Elektrifizierung nimmt zu, elektrische Geräte wie Staubsauger oder Bügeleisen ebenso wie 1928 der Volksherd suchen ihren Weg in deutsche Haushalte. Die oft fehlende Versorgung mit Strom verhindert aber noch den flächendeckenden Einsatz von elektrischen Geräten.

Suppen und Eintöpfe werden zum Trendgericht, weil Reste gut verwertet und günstige Lebensmittel verwendet werden können. Nach 1930 wird der Begriff "Eintopf" geprägt und ausgewertet. Für die Nationalsozialisten ist der Eintopf Synonym für die einfache Nahrung des Volkes. 1933 führen sie den "Eintopfsonntag" ein, wonach zwischen Oktober und März in allen deutschen Haushalten an jedem zweiten Sonntag im Monat Eintopf gegessen werden soll.

Nationalsozialismus und der 2. Weltkrieg

Fette muss Deutschland importieren. Die Nationalsozialisten wollen deshalb viele Rohstoffe im Lande gewinnen und so die "Fettlücke" zu schließen. Außerdem werden übrige Nahrungsmittelimporte nach Deutschland stark reduziert, denn die Bevölkerung soll lernen, einheimische Produkte zu verzehren

Die Regierung setzt auf Walfang. 1939 hat Deutschland die drittgrößte Fangflotte der Welt. Aber immer noch verbleibt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Abhängigkeit von Fett-Importen bei rund 50 Prozent.

"Eßt mehr Fisch" hiess die nächste Kampagne, weil Fisch aus heimischen Gewässern keine teuren Futtermittel benötigt, die importiert werden müssten. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch steigt in Deutschland zwischen 1932 und 1938 von 8,5 auf rund 12 Kilo, also um 41 Prozent.

Muckefuck ersetzt während des Krieges den Bohnenkaffee. Auch heute noch wird der Trunk aus verschiedenen Getreidesorten oder Eicheln als Landkaffee oder Malzkaffee im Handel angeboten.

Nachkriegszeit

Ab dem Ende des Krieges 1945 bis zur Währungsreform hungert Deutschland.

1947 tritt das European Recovery Program (ERP oder auch "Marshallplan" genannt) und bringt Deutschland Kredite, Rohstoffe, Lebensmittel und Waren. Aber der Mangel an Eiweiß, Fett und Vitaminen macht die Menschen für Krankheiten wie Tuberkulose anfällig.

1945–1948 gibt es Lebensmittel nicht im Laden, sondern im Tausch gegen Lebensmittelmarken oder auf dem Schwarzmarkt. Die Ernährung ist einseitig und besteht meist aus Kartoffeln, die sich entsprechend verteuern. 1947 kosten 50 Kilogramm Kartoffeln bis zu – umgerechnet - 2.500 Euro.Bei Schulspeisungen werden Graupensuppe, Milchsuppe und Kartoffelsuppe aus ausgekochten Kartoffelschalen verteilt. Vorhandene Lebensmittel werden "gestreckt"; in Wurst werden Haferflocken, Schrot, Trockenkartoffeln und Wasser zugegeben.

Kohl wird eingesäuert. Das macht ihn für Monate haltbar. Das Ganze nennt sich Sauerkraut, eines der bis heute bekanntesten deutschen Gerichte. Auch Steckrüben sind wieder "in", wie schon 1916/1917. 100 Gramm Steckrüben bringen ungefähr 22 Kilokalorien.

Neben Kartoffeln ist Brot das Hauptnahrungsmittel. Es wird oft mit dem in den CARE-Paketen aus Amerika enthaltenen Maismehl gestreckt. Amerikanische Wohlfahrtsverbände hatten 1945 die Hilfsorganisation CARE gegründet. Sie brachte fast zehn Millionen Pakete, die CARE-Pakete, mit Lebensmitteln nach Deutschland.Während die USA Lebensmittel nach Deutschland bringen, sperrt die Sowjetunion alle Wege nach Berlin. Die Luftbrücke nach Westberlin entsteht, und amerikanische "Rosinenbomber" bringen Lebensmittel, Brennstoffe und viele andere Hilfsgüter auf dem Luftweg nach West-Berlin eingeflogen.

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