Seelenruhe versus Ruhelosigkeit

Wie Achenbach zeigt, war für die Philosophen der Antike – er bezieht sich hier explizit auf die Stoiker – ein Gemütszustand erstrebenswert, den sie als Seelenruhe, "Meeresstille des Gemüts", Einvernehmen mit sich selbst, zugleich auch Lebensheiterkeit, wenn nicht sogar Frohsinn beschrieben haben. Der Philosoph Seneca – den Achenbach als ersten zu Wort kommen lässt - spricht in diesem Zusammenhang von Unerschütterlichkeit. Und zwar ist das, was dem Menschen Seelenruhe, Unerschütterlichkeit und damit Freude an sich selbst verschafft, eine Selbsteinschätzung, bei der der Mensch sich nicht überschätzt, aber auch nicht unterschätzt. Um weiter zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, beschreibt Seneca mehrere Menschentypen, denen diese Seelenruhe fehlt. Da sind zum einen die "Vergnügungsmenschen", die immer – wie man heute sagen würde – "auf der Suche nach einem neuen Kick sind". Eine zweite Gruppe sind die "Unentschiedenen und Unentschlossenen", also diejenigen, "die sich nie aus eigenem Antrieb zu etwas aufraffen können". Eine dritte Gruppe sind diejenigen, die zwar wissen, was sie wollen, aber dabei "mit dem Kopf durch die Wand gehen" und sich dann wundern, wenn sie scheitern. Wenn sie sich dann resigniert zurückziehen, kommt es für sie noch schlimmer, weil sie mit sich selber nichts anzufangen wissen und ohne Tätigkeit "in ein schwarzes Loch fallen". Das heißt: Sie leben nur, solange sie etwas tun, und nichts zu tun, ist deshalb für sie unerträglich. Letztlich kehren sich – wie Seneca es anschaulich beschreibt - die Lebenskräfte, die nichts finden, woran sie sich zu schaffen machen könnten, gegen sich. "Das Innere wird Kriegsschauplatz. Das Resultat: Man fühlt sich ausgebrannt, man ist erschöpft (die Kräfte haben sich im innerlichen Kampf mit sich tatsächlich aufgezehrt), man steht sich selbst im Weg, alles Selbstvertrauen ist dahin, und die Seele, die früher angesichts des kleinsten Hoffnungsschimmers übermütig wurde, ist jetzt, da ihr die Hoffnung ausging, matt und mutlos." Da auch Muße für sie eine Qual ist, können diese "Wuselmenschen" "nicht entbehren, was sie ruiniert, sie verlangen nach dem Gift, das sie kaputt macht." Eine Variante dieses Typus sind diejenigen, denen es an ihrem jeweiligen Urlaubsort immer schnell langweilig wird. Genau genommen sind sie auf der Flucht vor sich selbst.

Menschenbilder

Die Philosophen der Antike verbanden mit ihrer Vorstellung von Seelenruhe ein Menschenbild, demzufolge sich der Mensch ein gelingendes Leben, und d.h., ein Leben, das ihn mit unerschütterlicher Ruhe belohnt, selbst erarbeiten muss, und zwar durch vernunftgemäße Lebensführung. Und dazu sind ihrer Meinung nach grundsätzlich auch die Ruhelosen in der Lage. Die Ruhelosen müssen nur erst "wachgerüttelt", also "zur Besinnung gebracht werden". Dann kommen auch sie zu sich selbst. Achenbach zufolge ist dieses "stolze" Bild des Menschen von sich selbst im Laufe der geschichtlichen Entwicklung durch zwei andere, weniger schmeichelhafte, Menschenbilder verdrängt worden. Zunächst wäre hier das "demütige Menschenbild" des Christentums zu nennen, bei dem die Menschen ihre Lebensführung Gott anvertrauen. Ihre Ruhelosigkeit resultiert jetzt aus Gottesferne. Das zweite ist das moderne, gegenwärtige Menschenbild, bei dem die Ruhelosigkeit, die "Treibsandexistenz", des Menschen wieder andere Gründe hat. Und zwar trägt nun – der Urheber dieser Vorstellung ist Jean-Jacques Rousseau – die "Gesellschaft" die Verantwortung für all das, was dem Menschen widerfährt. Das heißt: Der Mensch betrachtet sich als Resultat, aber damit auch als Opfer, der "herrschenden Verhältnisse". Hat der Mensch sich negativ entwickelt, ist er gar zum Verbrecher geworden, haben ihn "die Umstände" seiner angeborenen Neigung zum Gutsein entfremdet. Für Achenbach könnte man dieses Menschenbild das "würdelose" nennen.

Die tiefere Ursache der Ruhelosigkeit des modernen Menschen

Die tiefere Ursache der Ruhelosigkeit, an der viele moderne Menschen leiden, ist – wie Achenbach offenlegt – die Herrschaft, oder vielmehr Tyrannei, der Zeit. Das heißt: Die Moderne ist die Zeit der Zeit, die Moderne legt sich als Zeit aus, ja, sie ist geradezu der Zeit verfallen. Das bedeutet aber auch, dass das, woran die Menschen glauben, wofür sie eintreten und kämpfen, in immer kürzeren Abständen "altmodisch" und durch anderes ersetzt wird. Für Achenbach ist dies – vordergründig - darauf zurückzuführen, dass in der Moderne allem Neuen das Vorrecht vor dem Alten eingeräumt wurde, so dass die Gegenwart über das Vergangene triumphiert. Im Hintergrund habe sich aber eine noch viel dramatischere Entwicklung abgespielt, nämlich der Verlust jeden festen Grund und Bodens, von dem aus die Zeit als das Relativierende ihrerseits relativiert werden könnte. Es gibt mit anderen Worten keine festgefügten, "zeitlos gültigen" Weltanschauungen mehr, keine Zielvorstellungen, die der Zeit ihrerseits ihren Stempel aufdrücken würden. Das heißt: Die zur Herrschaft gelangte Zeit duldet nichts, was auf einem festen Fundament stünde. Was die moderne Welt "im Innersten zusammenhält", ist deshalb kein Fundament, auf dem sie ruhen würde, sondern ihr Innerstes ist zu beschreiben als eine Antriebskraft, die alles in Bewegung hält. Das hat für Achenbach das Gesicht der Welt gründlich umgeprägt: "Veränderung in Permanenz ist ihr Gesetz, Ruhelosigkeit ihr Stigma". In der Moderne sind also beide, Langsamkeit und ihre Schwester, die Stille, obsolet geworden, und damit auch die Ruhe, die sowohl Langsamkeit als auch Stille charakterisiert. Das heißt: Die moderne Welt ist ruhelos. Deshalb rast und lärmt sie.

Die Vertreibung der Langsamkeit

Was die Langsamkeit und damit letztlich die Ruhe vertrieben hat, sind für Achenbach genaugenommen zwei Verkennungen der Zeit. Die erste Zeitverkennung beinhaltet, dass wir mit Hilfe von immer mehr "Zeitspar-Apparaten" massenhaft Zeit sparen und dabei immer mehr Zeit verlieren, also immer weniger Zeit haben. Und zwar ist dies für Achenbach darauf zurückzuführen, dass wir die Zeit als Vorrat (miss-)verstehen, sozusagen als Guthaben, das man verbrauchen kann. In Wirklichkeit ist Zeit etwas, so Achenbachs erste These, dass man durch Verbrauch, durch Langsamkeit vermehrt und durch Zeitersparnis, durch Schnelligkeit, verliert. Das heißt: "Wer sich niemals Zeit lässt, hat nie Zeit. Wer es versäumt, sich Zeit zu nehmen, geht leer aus – und am Ende hat er keine Zeit gehabt." Die zweite These lautet: " Die Moderne verwandelt Zeit in Leistungen und Güter, sie spannt die Zeit als "Produktionsfaktor" ein und bringt sie so als "Zeit des Daseins", als Zeit in der Welt zu sein, zum Verschwinden." Gleichzeitig wird, je mehr Leistungen und Güter pro Zeiteinheit produziert werden, die Zeit immer knapper, und die Menge der Produkte immer größer – so Achenbachs dritte These. Diese Erscheinungsformen der Verwechslung der Zeit mit einem Vorrat, einem Guthaben, das man verbrauchen kann, werden durch eine zweite Zeitverkennung nahegelegt, die Achenbach als "Zeitumkehr" bezeichnet, nämlich eine Orientierung an der Zukunft statt an der Vergangenheit, was im Slogan "mit der Zeit gehen" zum Ausdruck kommt. Dabei handelt es sich nämlich um eine Verkehrung des Richtungssinns der Zeit, so dass der Mensch die Zeit auf sich zukommen sieht und sich ihr entgegenstemmen will. Das heißt: Eigentlich ist die Zeit die Bewegung, die, aus der Zukunft kommend, an uns vorübereilt in die Vergangenheit, so dass wir die Vergangenheit vor Augen haben. Und die Vergangenheit zeigt uns die unvergleichliche Fülle all dessen, was im Verlauf der Menschheitsgeschichte geschaffen worden ist und von dem wir sicher sein können, dass es wirklich existiert. Wer in die Zukunft schaut, starrt stattdessen ins Leere, weil niemand weiß, was die Zukunft bringen wird. Damit verbunden ist das Gefühl, dass die Lebenszeit verrinnt. Wenn man umgekehrt auf das schon gelebte Leben blicken würde, würde mit jedem neuen Tag die Lebenszeit zunehmen. Gleichzeitigkeit könnte man sich, je länger man lebt, desto mehr Langsamkeit erlauben, denn mit zunehmendem Alter hätten wir immer mehr Zeit. Dafür wären wir dankbar und kämen zur Ruhe – in uns.( S. dazu auch folgenden Beitrag unseres Autorenkollegen "schreibspass":http://pagewizz.com/mit-der-sanduhr-auf-den-spuren-der-zeit-32031/)

Innere Ruhe

Die Vorstellung, was unter innerer Ruhe zu verstehen ist und was sie herbeiführt, muss, wie Achenbach unter Bezug auf den griechischen Philosophen Plutarch feststellt, als das Mark, das Herzstück, der Philosophie begriffen werden. Und zwar ist hier der Gedanke grundlegend, dass die Seele ihre Ruhe finde, sobald sie lernt anzunehmen, was ihr widerfährt, und im Einverständnis steht mit dem, was geschieht. Das heißt: "Anerkennung, Zustimmung, das Vermögen und die Kraft "ja" zu sagen, Einwilligung und stolze Hinnahme – sie gehören zusammen, sie sind das innerste Geheimnis der Ruhe im Inneren. Und…nicht nur der Ruhe, sondern zugleich sind sie womöglich das eigentliche Geheimnis allen Wirkens und Vollbringens. Nur was wir lieben, ändert sich. Was wir kritisieren…verführen wir dazu, sich zu verteidigen; so bleibt es auf der Stelle". Wer mit anderen Worten einem Menschen klar machen will, dass er sich irrt oder dass er einen falschen Beschluss gefasst hat, darf ihn nicht explizit kritisieren, sondern sollte seine Meinung ernstnehmen und dann dem Gegenüber eine andere Sicht der Dinge darlegen, damit dieser abwägen und gegebenenfalls zu einer anderen Entscheidung kommen kann. Um diese Haltung, die zur inneren Ruhe und damit zur "Heiterkeit der Seele" führt, weiter zu verdeutlichen, lässt Achenbach Plutarch selbst zu Wort kommen. Plutarch zufolge sollte man nicht neidisch auf die Menschen schauen, denen es scheinbar besser geht, und man sollte sich keine Ziele setzen, die man nicht erreichen kann. Sehr wichtig ist es, dass man, wenn man über etwas unglücklich ist, den Blick auf all das Gute richtet, dessen man sich erfreut. Dazu gehört auch, sich immer wieder an glückliche Ereignisse, die man in der Vergangenheit erlebt hat, zu erinnern und sich damit den kostbaren Schatz, den die Vergangenheit darstellt, zu bewahren. Ferner sollte man in der Seele das Heitere und Glänzende in den Vordergrund rücken und das Widerwärtige dahinter verstecken oder auch das Böse in das Gute hüllen. In dieser Mischung von Gutem und Schlechtem werde das Unglück seine Gewalt verlieren. Plutarch empfiehlt auch, sich bewusst zu machen, "dass wir selbst Herren unseres besseren Selbst sind". Am wichtigsten ist aber wohl die Überwindung der Todesfurcht, und zwar durch die Betrachtung des Todes als die Pforte zu einem besseren oder wenigstens nicht schlechteren Sein.

Grundsätze der Stoa

Im Anschluss an Plutarch stellt Achenbach noch einmal explizit die Grundsätze der Stoa dar, da diese seiner Meinung nach das Denken Plutarchs in idealer Weise ergänzen. 1. war das Anliegen der Stoiker, nicht zu philosophieren, sondern philosophisch zu leben. Das heißt: Die Stoiker philosophierten, um Denken und Leben in Einklang zu bringen. 2. komme es darauf an, mit sich selbst im Einverständnis zu leben, sich selbst anzuerkennen und zu lieben. Der Mensch entwirft sich - mit anderen Worten - als Ideal, an dem er sich bei der Suche nach sich selbst orientiert. Daraus erwächst ihm eine Stärke, die ihn am Unglück noch wachsen lässt. 3. gelte: "Du musst vor Dir selbst, nicht vor der Menge bestehen". Man soll sich also bei dem, was man denkt oder tut, nicht nach dem Urteil der Menge richten, sondern man soll selbst über sich richten, sich selbst überlegen, wie man aus Fehlern lernen kann, aber auch einen Weg finden, wie man sich selbst verzeihen kann. Das heißt: Die Stoa wollte gegen das Urteil der Vielen immunisieren. Schon bei ihr und nicht erst bei Immanuel Kant findet man den Grundsatz: "Denke selbst". Denn nur dies schützt vor den Irrtümern der Masse. 4. müsse unterschieden werden zwischen dem, was geschieht, und unserer Vorstellung davon. Und es ist unsere Vorstellung von den Dingen, die uns die Ruhe raubt. 5. sollte man allem gegenüber gleichgültig sein, was man irrtümlicherweise wichtig nimmt. Und das Meiste ist unwichtig. Deshalb regt man sich oft unnötig auf. 6. soll man das wollen, was geschieht. Dies entspricht dem oben beschriebenen "Mark der Philosophie". Dieser Grundsatz widerspricht, wie Achenbach betont, der Devise der modernen Welt, wonach alles so sein soll, wie wir es wünschen, gemäß der Vorstellung, der Mensch sei der Herr der Welt. In der heutigen Zeit werde diese Vorstellung dadurch in Frage gestellt, dass der Mensch wie Goethes Zauberlehrling zum Sklaven der von ihm geschaffenen Verhältnisse geworden ist. Der Stoa zufolge ging der Mensch derartig bedenkenlos zu Werke, weil die Welt für ihn ein Riesenhaufen unsinniger Dinge ohne eigene Ordnung ist. In Wahrheit besitze die Welt, ja der gesamte Kosmos, eine Ordnung, in der alles miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt ist, so dass alles, was geschieht, vorherbestimmt ist und notwendigerweise geschieht. Deshalb sei es ein Gebot der Vernunft, das zu lieben, was einem widerfährt.

Die Weisheiten des Michel de Montaigne

Der stoisch skeptische und skeptisch stoische Michel de Montaigne trägt Achenbach zufolge schon durch den heiteren Ton seiner Schriften dazu bei, dass der Leser ruhiger und gelassener wird. So betont Montaigne, dass die Seele behutsam daran gewöhnt werden müsse, mit Übeln umzugehen, damit dem Menschen die Fröhlichkeit erhalten bleibe. Zeitgenössisch erscheint die Kritik, die Montaigne an der "Selbstvermarktung" der Menschen übt. Er schreibt: "Die Leute vermarkten sich. Sind sie sich losgeworden, befindet der Käufer über das, was sie können. Sie haben sich verkauft, also gehören sie sich nicht mehr. Ich finde diese verbreitete Neigung, sich loszuwerden, ungehörig. Wir sollten mit der Freiheit unserer Seele achtsam umgehen und sie allenfalls ausnahmsweise verpfänden; und wenn wir es recht bedenken, gibt es nur wenige Ausnahmen, die den Handel rechtfertigen." Für Montaigne gibt es eine bestimmte Form der Liebe, die jeder sich selbst schuldet. Und zwar ist dies eine bedachte und heilsame Liebe und Freundschaft, die uns fördert und guttut. Und wer sich selber Freund ist, ist allen Freund. Ferner betreiben wir seiner Meinung nach eine Sache niemals gut, wenn wir von ihr regelrecht besessen sind und deshalb überstürzt handeln. Montaigne rät auch dazu, nicht vorschnell und leichtfertig Streit vom Zaun zu brechen, weil dieser sich leicht verselbständigen kann. Jemandem, der sich von Hass und Groll leiten lasse, gehe es oft auch gar nicht "um die Sache", sondern er verfolge Eigeninteressen. In diesem Zusammenhang wendet sich Montaigne auch gegen religiösen Fanatismus. Er warnt zudem davor, unbedacht auf jeden Reiz zu reagieren.

Gelassenheit

Gelassenheit ist für Achenbach Ausdruck eines souveränen Umgangs mit den Widrigkeiten des Lebens. Für das Thema "innere Ruhe" und im Blick auf die Gelassenheit, in der sie sich entfaltet, ist das Denken Arthur Schopenhauers – so Achenbach – unverzichtbar. Schopenhauers Nähe zu Montaigne sei unübersehbar, und seine Lehre stehe zudem in engstem Zusammenhang mit den Lehren der Stoa. Für Schopenhauer sei jedoch – das unterscheide sein Denken von dem der Stoa – Seelenruhe nicht aus der Bejahung der Welt zu gewinnen, sondern aus deren Negation. Das heißt: Nach Ansicht Schopenhauers verdankt sich die Ruhe der Aufklärung über die Welt und damit der Resignation. Die Seele findet mit anderen Worten Ruhe, wenn sie sich über die Welt keine Illusionen mehr macht. Schopenhauers Weltsicht kann man als Empfehlung deuten, stets mit negativen Ereignissen, Unglücksfällen zu rechnen, und diese als notwendig, unvermeidlich, ja sogar als hilfreich anzusehen.

Meditation über Leid

Achenbach zufolge ist die spontane Reaktion und Empfindung des Gegenwartsmenschen angesichts von Leid, dass etwas dagegen unternommen werden müsse, dass es gelte, die Ursachen des Leids ausfindig zu machen und abzustellen sowie seine Urheber zu ermitteln. Im Mittelpunkt stehe das Leid, weniger der Leidende. Ziel sei es, das Leid abzuschaffen. Für Achenbach ist mit dieser Sichtweise jede Möglichkeit verbaut, Leid als sinnhaft zu begreifen, der Mensch sehe sich nur noch als hilfloses Opfer. Wirklich unerträglich ist folglich Leid dadurch geworden, dass man ihm von vornherein jeden Sinn abspricht. Hilfreich ist hier für Achenbach die Vorstellung vom "Leid als Prüfung" oder "Schule des Leidens". Noch wichtiger ist seiner Meinung nach die philosophische Vorstellung von der Verbesserung und Stärkung des Charakters durch Leiderfahrungen. Entscheidend ist dabei, dass sich der Mensch mit seinen Leiderfahrungen auseinandersetzt, sie als Teil seines Lebens akzeptiert und damit zu "seinem" Schicksal macht. Das heißt: "…das Leid zu tragen, nicht bloß zu erdulden oder hinzunehmen, klärt den Menschen innerlich, in seiner Seele, auf… "bessert das Herz"… "läutert es". Mit solcher Läuterung kehrt Ruhe ein."

Fazit

Die Philosophen der Antike verstanden unter der "Unerschütterlichkeit der Seele" – die man heute als "Resilienz" bezeichnet - "Seelenruhe", d.h., einen Zustand des Einvernehmens mit sich selbst. In der Moderne sind Langsamkeit und Stille obsolet geworden, ist der "in sich ruhende Mensch" durch den ruhelosen Arbeitsmenschen als Ideal ersetzt worden. Für diesen ist folglich ein seelischer Zustand typisch, der ein Höchstmaß an Vulnerabilität, dem Gegenteil von Resilienz, offenbart und damit unweigerlich zum "Burn Out", zum seelischen Zusammenbruch, führt. Unter den Maßnahmen, die die Philosophie empfiehlt, um den Menschen zur "Seelenruhe" zurückzuführen, erscheint mir am wichtigsten eine veränderte Einstellung zu sich selbst und gegenüber dem, was einem im Leben widerfährt. Das heißt: Man muss sich selbst anerkennen und lieben, und es ist sehr hilfreich, wenn man sein Schicksal akzeptiert, dabei das Gute in den Vordergrund rückt und auch das Böse als sinnhaft betrachtet. Denn nur dann erreicht man Veränderungen, die möglich und notwendig sind, und sieht sich nicht mehr als hilfloses Opfer. Sein Schicksal zu akzeptieren, heißt also gerade nicht, vor ihm zu kapitulieren. Ganz zum Schluss möchte ich noch die Lektüre eines weiteren von unserem Autorenkollegen "schreibspass" verfassten Artikels empfehlen, in dem Orte beschrieben werden, an denen man "Seelenruhe" finden kann: http://pagewizz.com/personliche-ruckzugsgebiete-als-mittel-gegen-stress-31349/

Schlusswort: Ein Lob der Philosophie

Indem Achenbach in seinem Buch die Stellungnahmen philosophischer "Klassiker" zu Problemen, die höchst modern erscheinen, darlegt, zeigt er das große Potential an praktischer Lebenshilfe, die die Philosophie beinhaltet. Zudem sind die Texte, die er präsentiert, nicht nur lehrreich, sondern oft auch amüsant. Er widerlegt damit das Vorurteil, dass die Philosophie abgehoben, weltfremd und humorlos sei und regt damit vielleicht auch Menschen an, sich einmal mit Philosophie zu beschäftigen, die bisher mit Philosophie nicht viel im Sinn hatten, und dadurch " eine andere Sicht der Dinge" zu entwickeln.

Bildnachweis

Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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