Geplanter Schöpfungsakt oder Entstehung aus dem Nichts

Zunächst beschäftigt sich Becker eingehend mit der Frage, ob man sich die Entstehung des Universums als einen geplanten Schöpfungsakt, also als das Werk Gottes, vorstellen kann oder nicht. Wissenschaftlicher Konsens ist, dass das Universum durch den Urknall entstanden ist. Das heißt: Dass der Urknall überhaupt stattgefunden hat, ist inzwischen hinlänglich bewiesen. Wichtig bei der Beweisführung ist vor allem der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, demzufolge jedes physikalische System, also auch das Universum, einen Zustand größtmöglicher Unordnung, die sogenannte Entropie, anstrebt. Umgekehrt folgt nämlich daraus, dass das Universum in einem Zustand perfekter Ordnung begonnen hat, und das ist für Becker ein Anzeichen für einen geplanten Schöpfungsakt. Dafür würde auch sprechen, dass beim Urknall etwas mehr Materie/Energie als Antimaterie entstanden ist. Bleibt die Frage, wie die damit in Verbindung stehende Entwicklung der Raumzeit und damit die Ausdehnung des Raums selbst erklärt werden könnte. In diesem Zusammenhang wird von dem renommierten Physiker Stephen Hawking argumentiert, dass die Raumzeit aufgrund von Quantenfluktuationen ohne Ursache aus dem Nichts entstanden sei. Für Becker wirft dies folgende Frage auf: "Wenn es nichts gab, weder Raum noch Zeit, weder Materie noch Energie, wo oder wann waren dann die zur Schöpfung aus dem Nichts erforderlichen physikalischen Gesetze, beziehungsweise wer hat diese geschaffen oder erdacht? Diese Gesetze müssen doch schon transzendent zum Urknall jenseits von Raum und Zeit existiert haben, um einen Kosmos in die Realität zu erheben!" Wir können also – so Becker – die Entstehung des Kosmos physikalisch erklären, aber nicht die Entstehung der physikalischen Gesetze. Dafür sei wieder eine erste Ursache nötig, ein planender Geist jenseits von der geschaffenen Raumzeit. Ferner könnte man, wie Becker betont, da die Entstehung von Leben, wie wir es kennen, sehr unwahrscheinlich ist, allein aufgrund der Entwicklung intelligenten Lebens und der darauf ausgerichteten Gesetze im Kosmos auf einen geplanten Schöpfungsakt schließen. Es ist deshalb nicht verwunderlich – so Becker – dass die Menschen in den unterschiedlichsten Regionen der Erde, zu den unterschiedlichsten Zeiten und in den unterschiedlichsten Kulturen dazu neigen, nach einem allmächtigen Schöpfer zu suchen beziehungsweise einen Gott als notwendig und sinnvoll vorauszusetzen.

Eine holistische Sicht auf die Welt

Wirklich stichhaltige Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung der Schöpfung und der Existenz eines Schöpfers könnten sich für Becker im Rahmen des neuen holistischen - ganzheitlichen - Weltbildes der Wissenschaft ergeben. Ein wichtiger Ansatzpunkt dieser holistischen Weltsicht ist das Drei-Welten-Modell. Diesem Modell zufolge gibt es neben der geistigen Welt des Bewusstseins und der materiellen Welt – die alles umfasst, was in der Raumzeit existiert - noch eine Welt, die aus den mathematischen und physikalischen Gesetzen besteht. An die Stelle eines Dualismus von Geist und Materie tritt also ein Trialismus aus Geist, Materie und Mathematik. "Alle drei Welten durchdringen sich und erschaffen sich jeweils gegenseitig…Es ist eine Art sich durchdringender Kreislauf von drei sich gegenseitig erschaffenden Welten, welche nur zusammen, holistisch, unsere Realität bilden." Ausdruck einer holistischen Betrachtungsweise sind auch die Bemühungen der modernen Physik, die Analyse der vier Grundkräfte der Natur unter das Dach einer umfassenden Theorie zu bringen. Das heißt: Es ist das Bestreben der modernen Physik, die Relativitätstheorie, die die erste dieser Grundkräfte beschreibt, nämlich die Gravitation, und die Quantentheorie, die die anderen drei Kräfte beschreibt, nämlich die Superkraft, bestehend aus Elektromagnetismus und starker und schwacher Kernkraft, zu einer Supertheorie zu verbinden. Entsprechend gäbe es auch eine Vereinigung von Gravitation und Superkraft, deren Resultat die Urkraft wäre, der Ursprung allen kosmischen Daseins. Dabei bietet die Quantentheorie selbst den stärksten Rückhalt für eine ganzheitliche Betrachtung der Realität.

Die Vorgänge in der Quantenwelt

Die Quantentheorie hat gezeigt, dass es in der Quantenwelt, im Mikrokosmos, keine objektive Realität gibt, dass die subnuklearen Teilchen vielmehr lediglich Wahrscheinlichkeiten für mögliche Existenzen sind und erst von einem bewussten komplexen Geist durch Beobachtung, und das heißt: durch Messung, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in die Realität gehoben werden. Jedes Teilchen existiert mit anderen Worten in Form einer Wahrscheinlichkeitswelle an jedem Ort gleichzeitig, bis es durch bewusste Beobachtung irgendwo gemessen wird und die Wahrscheinlichkeitswelle kollabiert. Gleichzeitig bedeutet dies, dass man, da sich die Wellen der Teilchen überlagern, die Teilchen als ein zusammenhängendes System betrachten muss, in dem alles von jedem abhängt und alles mit jedem zusammenhängt. Und zwar sind alle Teilchen heute noch auf geisterhafte Weise miteinander verbunden, da jedes Teilchen mit jedem in der Singularität des Urknalls eins war. Alle Atome im Universum bilden eine einzige Totalität. Und der menschliche Geist ist als Beobachter, der durch seine Anwesenheit eingreift und die Realität schafft sowie die Gesetze, die diese Realität beschreiben, mit diesem System verbunden. Das heißt: Zwischen dem menschlichen Geist und den subnuklearen Quanten gibt es eine Wechselwirkung, da der menschliche Geist selbst auf Quantenprozessen basiert. Der Quantentheorie zufolge sind also Beobachter und Beobachtetes de facto nicht getrennt, sondern bilden auf einer tieferen Ebene eine Einheit. Nimmt man das Drei-Welten-Modell und den Ansatz zu einer Supertheorie hinzu, folgt daraus, dass der Kosmos mit Raum und Zeit, Materie und Energie, Geist und Bewusstsein ein untrennbares Ganzes ist, das den Urgrund allen Seins darstellt.

Gott als kosmisches Bewusstsein

Die Gesamtheit der kosmischen Realität könnte man sich – so Becker - auch als eine Art großes ganzheitliches, alles überspannendes kosmisches Bewusstsein bzw. Informationsmuster vorstellen, das erst durch seine Beobachtung dem Kosmos Realität verliehen und damit den Kosmos geschaffen hat, ebenso wie der menschliche Geist erst die Realität hervorbringt. Das kosmische Bewusstsein könnte also gleichgesetzt werden mit einer Art Weltseele, aus der alles kommt und zu der alles geht. Diese Entität könnte man Becker zufolge als Gott bezeichnen. Der Grund allen Seins könnte also ein kosmisches Informationsmuster sein, das wir Gott nennen. Demnach könnte Gottes Geist, das Komplexeste überhaupt, durch Beobachtung bzw. – wie es der Hinduismus ausdrückt – durch reine Gedanken rückwirkend dem einfacheren menschlichen Geist Realität verleihen, damit diese sich seine Realität erschaffen kann. In dieser Sichtweise geht also der menschliche Geist direkt auf die Gedanken Gottes zurück, der menschliche Geist ist ein Teil von Gott.

Ist der menschliche Geist unsterblich?

Wenn man sich Gott als eine Art ganzheitliches kosmisches Bewusstsein vorstellt, könnte man daraus, wie Becker betont, neue Überlegungen zur Unsterblichkeit der menschlichen Seele ableiten. Und zwar könnte man Becker zufolge das menschliche Bewusstsein, das individuelle ICH oder den Geist als einen abgespaltenen Teil dieses kosmischen Bewusstseins betrachten, sozusagen als einen in einem Körper manifestierten Teil des Ganzen, der nach dem körperlichen Tod wieder in das kosmische Bewusstsein, die Weltseele, eingeht und dort ewig weiterexistiert. Das heißt: Auch der menschliche Geist kann, wie bereits angedeutet wurde, als eine quantenphysikalische Superposition, also als ein transzendenter Zustand der Überlagerung aller Möglichkeiten begriffen werden. Deshalb ist es – so Becker - vorstellbar, dass auch der menschliche Geist nicht lokal agiert, sondern transzendent zur Raumzeit überall gleichzeitig sein kann, also keinen definierten Ort einnimmt, vielmehr holistisch das ganze Sein umspannt und insofern Teil ist eines holistischen kosmischen Geistes. Und aus diesem "Quantengeist" wird durch einen Quantensprung, einen Zusammenbruch der Wellenfunktion, ein reales menschliches Bewusstsein entfaltet. Das Bewusstsein ist also der Zusammenbruch der quantenphysikalischen Wahrscheinlichkeitswellen des Geistes, der Geist schafft das Bewusstsein. Und dieses ICH-Bewusstsein ist abhängig vom Körper und stirbt auch mit dem Körper. Demgegenüber ist der Geist, da er ja transzendent zu unserer physikalischen Welt existiert, unabhängig vom Körper und deshalb unsterblich.

Zum Verhältnis von Leben und Tod

Wie Becker betont, hat der Geist unsere Welt geschaffen und schafft sich auch eine neue Welt jenseits von dieser, wie auch immer unser Bewusstsein dort aussehen mag. Also bestimmt nicht der Körper den Tod, sondern der Geist bestimmt den Zeitpunkt der Verwandlung und spielt dem Bewusstsein nur einen physikalischen Tod vor. Becker wörtlich: "Sowohl Leben als auch Tod sind nur Illusion. Das wahre Sein spielt sich auf einer anderen Ebene ab… Die irdische Daseinsform ist eigentlich nur ein bedeutungsloser Schatten unserer kosmischen Existenz." Mit dieser Vorstellung von Unsterblichkeit, wie sie die Quantentheorie nahelegt, könnte man Becker zufolge den Glauben an Reinkarnation, wie er im Buddhismus und Hinduismus gelehrt wird, verbinden. Danach wird der Geist bzw. die Seele in einem neuen Körper wiedergeboren. Auch die sogenannten Nahtoderlebnisse, die den Beschreibungen zufolge unabhängig von Raum, Zeit und Körper stattfinden, decken sich, wie Becker betont, genau mit der Vorstellung eines transzendenten Quantengeistes. Das heißt: Die unsterbliche geistige Komponente existiert nicht mehr in unserer Raumzeit. Damit einher geht eine Relativierung der Bedeutung des Todes. Becker wörtlich: "Wenn wir unser Ich mehr als Geist und weniger als Körper annehmen, verliert der Tod viel von seinem Schrecken. Wir sollten uns von der Vorstellung frei machen, nach dem Tod hier etwas zu verlieren oder zu verpassen. Man sollte lieber denken, dass man jetzt hier etwas verpasst und sich auf das Neue danach freuen."

Weiteren Geheimnissen auf der Spur

Mit Hilfe der quantenphysikalischen Beschreibung des menschlichen Geistes könnte man, wie Becker betont, auch parapsychologische Prozesse wie Telepathie oder Telekinese erklären. So wirkt bei Telepathie ein Geist auf einen anderen Geist ein. Bei Telekinese wirkt dagegen ein Geist auf ein Stück Materie ein. Mit der Vorstellung eines Quantengeistes vereinbar wäre für Becker auch die Überlegung, dass es nicht nur ein Universum gibt, sondern eine Vielzahl von Welten, in denen Doppelgänger unserer selbst existieren, die uns möglicherweise in unseren Träumen erscheinen. Unser Kosmos wäre dann eingebettet in einen höherdimensionalen Raum, unsere Raumzeit also eingebettet in eine höhere Raumzeit. Man könnte dann wiederum – so Becker – diesen möglichen Parallelwelten einen kollektiven Geist zuordnen und diesen Gott nennen. Für Becker ist auch davon auszugehen, dass die Menschheit nicht alleine im All ist, sondern dass es eine Vielzahl von Zivilisationen im All gibt, darunter auch solche, die die Technik für interstellare Reisen beherrschen. Letztere würden sich jedoch nicht mit uns in Verbindung setzen, weil wir ihnen zu primitiv sind.

Bewertung

Indem Volker J. Becker in seinem Buch Fragen aufgreift, die viele Menschen in ihrem Innersten bewegen, nämlich die Frage, ob es einen Gott gibt, der das Universum geschaffen hat, und die Frage, ob der Mensch eine unsterbliche Seele besitzt, reiht er sich ein in die Riege der Wissenschaftler, die versuchen, das bisherige reduktionistische – auf die Trennung zwischen Teilen gerichtete - wissenschaftliche Weltbild durch ein holistisches – auf das Ganze gerichtetes - Weltbild zu ersetzen und damit auch den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion zu überwinden. Dabei gibt er sich – und das ist für mich ein besonderer Vorzug seiner Argumentation - mit gewonnenen Einsichten bezüglich bestimmter Phänomene nie zufrieden, sondern "bohrt" weiter nach, verfolgt also zielstrebig sein Ziel, auch die letzten Schleier, die das Geheimnis unserer Existenz umgeben, zu lüften. Und auf dieser Suche nach dem "tieferen Grund unseres Seins" kommt er zu wirklich erstaunlichen und faszinierenden Erkenntnissen, und es gelingt ihm, auch Sachverhalte begreifbar zu machen, die bislang unbegreiflich erschienen. Ich wünsche diesem aufschlussreichen, ungewöhnlich interessanten Buch viele neugierige Leser. (Vgl. zu diesem Artikel: http://pagewizz.com/eine-revolution-in-der-wissenschaft-30605/)

 

Bildnachweis

Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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