Im Nebel lauert das Grauen

Antonio Bay: Die kleine, beschauliche Küstenstadt steht kurz vor Ihrem hundertjährigen Gründungsjubiläum. In der Nacht vor den Feierlichkeiten kommt es zu allerlei seltsamen Phänomenen: Ohne ersichtlichen Grund flackern Lichter, Telefone beginnen zu klingeln, Automotoren starten von selbst. Zwar wissen die Einwohner, dass sie die Gründung der Stadt und ihr begütertes Leben einer Katastrophe verdanken – ein mit Gold beladenes Schiff zerschellte an den tückischen Klippen, wobei sämtliche Besatzungsmitglieder ums Leben kamen -, doch ihre Vorfahren hüteten ein schreckliches Geheimnis.

Durch Zufall entdeckt Pater Malone (Hal Holbrook), wie es zum Schiffsunglück kam und weshalb die Bewohner von Antonio Bay einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sind. Seine Warnungen kommen freilich ebenso zu spät, wie jene von Stevie Wayne (Adrienne Barbeau), die im örtlichen Leuchtturm einen Radiosender betreibt und mit Grauen mitansehen muss, wie der Nebel die Stadt förmlich verschlingt. Während sie ihre Zuhörer anfleht, nicht nach draußen zu gehen, da sich im Nebel etwas Böses verbirgt, weiß sie selbst, dass sie ihre eigenen Warnungen missachten muss. Denn ihr kleiner Junge wartet zu Hause auf ihre Rückkehr – und plötzlich verlangt etwas Grauenhaftes energisch Einlass …

Deutscher Trailer - Spoiler: Der Nebel verheißt nichts Gutes ...

John Carpenters Horrorfilm „The Fog – Nebel des Grauens“

Vorbild für Stephen Kings "Der Nebel"

Ein alter Mann erzählt am nächtlichen Lagerfeuer eine Gruselgeschichte. Natürlich Punkt Mitternacht, und natürlich enthält seine Geschichte ein Körnchen Wahrheit, das die mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen lauschenden Kinder verstört … Gleich mit der ersten Sequenz hat John Carpenter den Zuschauer am Haken. Stärker noch als in seinem vorangegangenen Horrorfilm "Halloween" setzt er auf Atmosphäre und geradezu klassischen Grusel. Denn wer hätte sich in nebelverhangenen Herbstnächten nicht schon gefragt, welche Schrecken darin lauern könnten? Carpenter verbindet die Urangst vor dem Nebel mit einem Fluch und einer fürchterlichen Schuld, die eine Gruppe von Menschen auf sich geladen hat und für die ihre Nachkommen büßen müssen. Der Tod steigt aus dem Meer aus, lässt nicht mit sich verhandeln und trägt menschliches Fleisch zerschnetzelnde Haken …

Unübersehbar stand John Carpenters "The Fog – Nebel des Grauens" Pate für Stephen Kings Horrormär "Der Nebel" (der englische Originaltitel trifft es besser: "The Mist"), die später von Frank Darabont gekonnt – wenngleich umstritten – verfilmt wurde. Dabei setzt Carpenters Streifen weniger auf drastische Effekte, denn vielmehr auf Atmosphäre. Spätestens wenn der geheimnisvolle Nebel die kleine Stadt völlig umhüllt, fühlt man sich als Zuschauer mitten hinein ins Geschehen versetzt. Erinnerungen an unheimliche Nebelnächte köcheln hoch und jedes undefinierbare Geräusch verursacht ein mulmiges Gefühl. Schöner lässt es sich kaum gruseln!

 

Analogien zu "Halloween"

Der Nebel in: "The Fog"Der eigentliche Schrecken des Horrorfilms "The Fog – Nebel des Grauens" besteht nicht im Auftauchen der ruhelosen Geister, sondern vielmehr in den Nebelwänden selbst. Diese schotten die Kleinstadt von außen ab und kriechen durch jeden Türspalt. Während Jamie Lee Curtis in "Halloween" vor dem Killer Michael Myers zumindest fliehen konnte, gibt es vor dem Nebel kein Entkommen. Am Effektivsten erweist sich wie so oft jener Horror, der nicht bis ins kleinste Detail hin visuell erforscht und erklärt wird. Alleine die Schemen der ruhelosen Geister mit ihren rotglühenden Augen genügen zum Erzeugen von Unbehagen. Im Gegensatz etwa zu Zombies oder anderen Untoten gieren sie nicht nach Fleisch oder stoßen animalisches Gebrüll aus. Wie unheimliche Richter aus dem Jenseits verhängen sie wortlos ihre Todesurteile und vollstrecken diese sogleich. Bei jedem ihrer Schritte schmatzen die mit Wasser getränkten Stiefel und der Zuschauer vermag nur zu erahnen, aus welchen Untiefen die Rachegeister emporstiegen. Wie bereits in "Assault – Anschlag bei Nacht" und "Halloween" zuvor sowie vielen seiner späteren Werken auch, übt der Schrecken der gesichtslosen Masse offenbar eine ganz besondere Faszination auf John Carpenter aus. Das personifizierte und bis zum Überdruss psychoanalysierte Böse interessiert ihn nicht.

So ganz scheint er seiner Geschichte aber doch nicht über den Weg zu trauen, was zu einigen vorhersehbaren Schockeffekten führt, die zudem das Fundament des Plots untergraben und einfach nicht zum atmosphärisch ungemein dichten Horrorfilm "The Fog – Nebel des Grauens" passen wollen.

 

Mit dabei: Janet "Psycho" Leigh

Gleich vielen anderen John-Carpenter-Filmen überzeugt auch in diesem der gegen den Mainstream gebügelte Soundtrack. An der vorzüglichen Kameraführung mit ausladenden Aufnahmen der langsam im Nebel verschwindenden Landschaft gibt es ohnehin nichts zu bekritteln. Ganz im Gegensatz zu den Figurenzeichnungen, die einmal mehr dürftig bis diffus geraten sind. Einen Protagonisten im klassischen Sinne gibt es nicht. Adrienne Barbeau kommt dem in ihrer Rolle als Stevie Wayne wohl noch am nächsten, verkörpert sie doch eine gleichermaßen um ihren Sohn, wie auch ihre Mitmenschen besorgte Mutter. Überzeugend ist auch der Auftritt von Hal Holbrook als das schreckliche Geheimnis aufdeckende Pater Malone. Wie ein augenzwinkernder Gag erscheint hingegen die Leinwandpräsenz von Janet Leigh: Ihre Rolle als erste Opfer von Norman Bates in "Psycho" verhalf ihr zu Kultstatus im Horror- und Psychothriller-Genre. Ihre Rolle hätte jedoch jede andere Schauspielerin genauso gut gemeistert und hinterlässt ob ihrer Bedeutungslosigkeit und Kürze einen schalen Nachgeschmack. Einen weitaus größeren Auftritt hat ihre Tochter Jamie Lee Curtis als trampende Studentin Elizabeth Solley. Für einen in seiner längsten Fassung gerade einmal 90-minütigen Film verfügt "The Fog – Nebel des Grauens" über zu viele Hauptdarsteller. Dadurch geht der Fokus verloren und der Streifen springt etwas zu oft zwischen den einzelnen Handlungssträngen herum.

 

Genreklassiker "The Fog – Nebel des Grauens"

Trotz kleinerer Mängel bei den Charakterisierungen und einigen wirkungslosen, weil vorhersehbaren Schockeffekten, zählt John Carpenters Horrorfilm "The Fog – Nebel des Grauens" zu den modernen Klassikern des Genres. Rupert Wainwrights gleichnamiges Remake aus dem Jahr 2005 konnte naturgemäß nur scheitern: Schwaches, teils unlogisches Drehbuch, nach optischen Aspekten ausgesuchte Darsteller, CGI-Nebel und hanebüchene Schockeffekte zementierten den guten Ruf des Originals als atmosphärisch dichten Horrorfilm. Selbst mit dem Abstand von Jahrzehnten betrachtet ist "The Fog – Nebel des Grauens" ein Musterbeispiel dafür, wie man mit relativ geringem Budget und ohne nach allen Richtungen spritzendem Blut Gänsehaut erzeugen kann. Eine klassische Gruselmär, Nebelwände, rotglühende Augen und unheimliche Geräusche genügen völlig. Eine tröstende Erkenntnis angesichts zahlreicher fast ausschließlich auf Gemetzel und hübsche Gesichter setzender Horrorfilme der letzten Jahre.

Originaltitel: John Carpenter's The Fog

Regie: John Carpenter

Produktionsland und -jahr: USA, 1980

Filmlänge: ca. 90 Minuten (ungeschnittene Fassung)

Verleih: STUDIOCANAL

Deutscher Kinostart: 28.8.1980

FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

Autor seit 6 Jahren
837 Seiten
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