Der Kampf um die Deutungshoheit über Weihnachten

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich kommunistische Funktionäre daran, das zu vollenden, was ihre Vorgängerdiktatur nicht mehr hatte umsetzen können: Die Ausrottung jeglicher Religion. Im so genannten Kirchenkampf wurden Christen als "Agenten des Westens" verunglimpft, bespitzelt und beruflich wie gesellschaftlich ins Abseits gedrängt. Wer sich vom Christentum lossagte, dem standen hingegen plötzlich viele Türen offen. Tatsächlich gelang es auf diese Weise, den Kirchen einen großen Teil ihrer jungen Leute (und damit ihrer Zukunft) abspenstig zu machen.

Im nächsten Schritt erhielten christliche Feste weltliche "Konkurrenz": Aus Konfirmation oder Firmung wurde die Sozialistische Jugendweihe. Der kirchlichen Taufe stellte man die Sozialistische Namensgebung gegenüber. Die vom Staat großzügig geförderte Sozialistische Hochzeitsfeier wiederum sollte das christliche Zeremoniell überflüssig machen. Der Himmelfahrtstag wurde sogar komplett abgeschafft.

Und Weihnachten? Das bekannteste Fest des Jahres ließ sich (zumindest in der DDR) natürlich nicht so einfach beseitigen. Aber immerhin verweltlichen konnte man das Weihnachtsfest ja. Im offiziellen Verkaufsjargon wurden beispielsweise aus den Weihnachtspyramiden so genannte Figurendrehmühlen. Der Weihnachtsengel wiederum mutierte zur geflügelten Jahresendfigur… Passend dazu wurde eben auch Musik gefördert, die zwar besinnlich, aber keinesfalls christlich wirkte. Es folgt eine kleine Auswahl:

Tausend Sterne sind ein Dom

Tausend Sterne sind ein Dom – das klingt erst einmal ziemlich kirchlich. Tatsächlich ist es jedoch ein weltliches Weihnachtslied. Allerdings wurde es nicht bewusst als sozialistischer Gegenentwurf zu traditionellen Weihnachtsliedern geschrieben.

Der Schöpfer des Liedes hieß Siegfried Köhler. 1946 wurde er nach dem Aufenthalt in mehreren russischen Speziallagern aus der Gefangenschaft entlassen. Der 19jährige war zu diesem Zeitpunkt an TBC erkrankt und ließ sich in Dresden nieder. Beim Blick auf die zerbombte Stadt zur Weihnachtszeit kam ihm die Idee zu diesem Lied. Fünf Jahre später machte er daraus sogar eine komplette Kantate.

Sind die Lichter angezündet

Das Lied "Sind die Lichter angezündet" wird bisweilen als Paradebeispiel für nichtchristliche Weihnachtslieder der DDR angeführt. Der Text stammt von Erika Engel. Jene war von Beruf eigentlich Pressezeichnerin. Sie betätigte sich nebenbei aber auch als Kinderbuchautorin und Dichterin für verschiedene Zeitungen und Illustrierte. Im Alter von 39 Jahren schrieb sie 1950 das Gedicht "Weihnachtsfreude". Der Leiter des Leipziger Rundfunk-Kinderchores vertonte dieses Gedicht später.

Das so entstandene Lied "Sind die Lichter angezündet" gehörte zu den bekanntesten Weihnachtsliedern der DDR. Da es keinen christlichen Bezug enthielt, der Text aber trotzdem recht besinnlich-weihnachtlich gestaltet war, wurde das Lied von Christen wie Nichtchristen entsprechend oft gesungen. 1957 erschien es erstmalig auf Schallplatte.

Vorfreude, schönste Freude

Die gleiche Autorin, Erika Engel-Wojahn, schrieb 1970 den Liedtext zu "Vorfreude, schönste Freude". Der Chorleiter und Musikpädagoge Hans Naumilkat komponierte dazu die Melodie. Interessant ist an diesem Lied, dass es zwar einen weltlichen Text hat und daher in der DDR große Verbreitung fand. Doch das Text-Arrangement der Strophen ist so beschaffen, dass hier an die kirchliche Tradition des Weihnachtskranzes und somit an die Adventssonntage erinnert wird.

Morgen, Kinder, wird's was geben

Die Entstehungsgeschichte dieses Weihnachtsliedes reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Sein rein weltlicher Inhalt, der konsequent alle christlichen Bezüge vermeidet, geht also nicht auf das Konto der kommunistischen Diktatur, sondern entstammt der so genannten Aufklärung. In jener Epoche war man bemüht, sich von jeglicher Religion zu lösen und propagierte stattdessen die Vernunft als höchstes Wesen. Das Ergebnis dieser Denkrichtung lesen Sie hier.

Im Weihnachtslied selbst ist von dieser dunklen Seite der Aufklärung natürlich nichts erkennbar. Der Text pendelt zwischen Vorfreude und schönen Erinnerungen an vergangene Weihnachten. Entsprechend große Verbreitung fand dieses ideologisch unverfängliche Lied daher in der DDR.

В лесу родиласЬ елочка (W lesu rodilas Elotschka)

Obwohl die Melodie von einem Deutschen geschrieben wurde, ist W lesu rodilas Elotschka (andere Transkription: W lesu rodilas Jolotschka) hierzulande eher unbekannt. In Russland ist das Lied hingegen ein beliebter Klassiker. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn im Text geht es um ein Tannenbäumchen. Das Lied war somit frei von religiösem Gedankengut und durfte so während der Sowjetzeit unbefangen gesungen werden.

Der Russlanddeutsche Karl Beckmann trällerte der Überlieferung nach im Jahr 1905 für sein Töchterchen diese Melodie zu einem Gedicht der Russin Raissa Kudascheva. Beckmanns Frau, eine Pianistin, hielt die Tonfolge auf Notenpapier fest und erhielt der Nachwelt so ein traumhaft schönes Lied. Überzeugen Sie sich selbst:

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