Cover "Watchmen - Die Wächter"1985 in New York City: US-Präsident Richard Nixon regiert seit fast 20 Jahren das von Gewalt und militärischer Aufrüstung geprägte Land. Die Zeit der "Watchmen", maskierter Superhelden im Kampf gegen das Verbrechen und Ungerechtigkeit, ist abgelaufen, seit 1977 Nixon deren Treiben per Erlass als gesetzeswidrig erklärte. Seither arbeiten einige "Watchmen", wie der nach einem Laborunfall entmaterialisierte Dr. Manhattan (Billy Crudup), für die Regierung oder haben sich ins Privatleben zurückgezogen.

 

Während die Welt am Rande einer nuklearen Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion taumelt, wird der ehemalige Superheld Comedian (Jeffrey Dean Morgan) in seinem Apartment überfallen, zusammengeschlagen und aus dem Fenster des Wolkenkratzers geworfen. Seine Leiche wird von Rorschach (Jackie Earle Haley) gefunden, einem maskierten Soziopathen, der sich ganz dem Kampf gegen das Verbrechen verschrieben hat, sich dabei aber an keine Gesetze hält und deshalb von der Polizei gejagt wird.

 

Der Mord schockiert zwar die noch lebenden, ehemaligen "Watchmen", es bleibt aber Rorschach überlassen, nach dem Mörder zu fahnden. Allzu viel Hilfe erfährt er von seinen ehemaligen Kollegen Night Owl II (Patrick Wilson), Adrian Veidt (Matthew Goode) und Silk Spectre II (Malin Akerman) nicht. Derweil droht es tatsächlich zum Schlagabtausch der beiden Supermächte zu geraten. Aber Dr. Manhattan, der stets auf Seiten der USA intervenierte, hat sich auf den Mars abgesetzt und zeigt keinerlei Interesse daran, die ihn nur noch langweilende Menschheit zu retten...

Visuelles Gesamtkunstwerk: "Watchmen - Die Wächter"

Bis vor ein paar Jahren galt für klassische Superhelden, dass sie schier unfehlbar und vor allem moralisch integer waren. Von "Superman" bis "Spiderman": Hüter der Gerechtigkeit und Freiheit, die den Bösen zeigten, wo der Hammer hängt, und sich für die Unterdrückten einsetzten. Freilich: Was "gut" und was "böse" ist entschieden eben jene Superhelden. Dass diese Unterscheidung oft auf wackeligen Beinen steht, wird selbst in der Heldenzunft mittlerweile nicht mehr verschwiegen.

 

Nach "300" Zack Snyders zweite Comicadaption

Anflüge von Selbstkritik waren unter anderem in "X-Men" zu vernehmen, später sogar in Christopher Nolans meisterhaftem Batman-Reboot "The Dark Knight". Der Erfolg gab und gibt der Abkehr vom reinen Heldentum recht. Sogar Filmfans, die mit "Superman" & Co normalerweise nichts am Hut haben, gewinnen den zweifelnden Helden Interesse ab. Und wenn Zack Snyder, der bereits mit "300" einen Comic verfilmte, die Leinwandadaption eines der bekanntesten Graphic Novels, wie die Bildergeschichten neuerdings genannt werden, vornimmt, darf man nicht weniger als zumindest einen visuellen Rausch erwarten.

 

Alan Moores "Watchmen"Die Vorlage stammt diesmal nicht von Frank Miller ("Sin City"), sondern von Alan Moore, der mit Verfilmungen seiner Graphic Novels keine allzu positiven Erfahrungen sammeln konnte. Weder der mit Johnny Depp besetzte "From Hell, noch "The League of Extraordinary Gentlemen" - der letzte Filmauftritt von Sean Connery - vermochten die Kritiker und das Publikum zu überzeugen. Auch der ambitionierte "V wie Vendetta" enttäuschte letztendlich. Freilich: Wenn ein Bilderpoet wie Zack Snyder einen der einflussreichsten Comics der letzten Jahre nicht würdig verfilmen könnte, wer dann?

 

Bildgewaltiger "Watchmen - Die Wächter"

Tatsächlich zeigt Snyder von Beginn weg, wo seine Stärken liegen. Gewiss nicht im Geschichten erzählen, wie "Die Legende der Wächter" oder "Sucker Punch" unrühmlich bewiesen, sondern auf der visuellen Ebene. In rückblickenden Episoden legt Snyder den biographischen Hintergrund der ambivalenten Helden dar, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Vom fast gottgleichen Dr. Manhattan über den sadistischen Comedian, der selbst vor Vergewaltigung einer Kollegin nicht zurückschreckt, bis hin zum geheimnisvollen Rorschach, der als formeller Erzähler der Rahmenhandlung dient.

 

Jede der Figuren hat ihre ganz eigene Geschichte und jede davon ist mit dem übergeordneten Ganzen verbunden. Diesem Faden über fast drei Stunden lang zu folgen wäre bei einer weniger bildgewaltigen Sprache schwierig. Aber Snyder schafft es mühelos, das Wesentliche in grandiose, meist äußerst düstere Bilder zu verpacken und somit dem Zuschauer zu vermitteln. Das hat bereits in "300" vorzüglich geklappt und vermag auch in "Watchmen - Die Wächter" zu überzeugen.

First we take Manhattan...

Anders als in den meisten Superheldenfilmen gibt es in diesem Streifen keinen Antagonisten. Dies wäre auch gar nicht nötig, da die gewalttätigen Menschen sowie die Konflikte innerhalb des Superhelden-Teams für genug Katastrophen-Potenzial sorgen. Auf ihre ganz eigene Weise sind alle "Watchmen" faszinierend. Herausragend sind aber Dr. Manhattan und der vom großartigen Jackie Earle Haley (trat unter anderem in zahlreichen Fernsehserien der 1970er-Jahre auf, wie "The Waltons", "Planet der Affen" oder "Love Boat") virtuos verkörperte Rorschach wissen zu fesseln.

 

Dr. Manhattan, einst ein ganz normaler Wissenschaftler namens Jon Osterman, der nach einem Laborunfall förmlich auseinandergerissen wurde, sich selbst auf unerklärliche Weise aber wieder zusammensetzen konnte und seither über Fähigkeiten wie Präkognition oder Teleportation verfügt, ist einem leibhaftigen Gott näher als einem sterblichen Menschen. Mit der enormen Macht, die er erlangte, geht aber Desinteresse an den Belangen der Erdenbewohner einher, das ihn dazu bringt, sogar einen drohenden Atomkrieg als unbedeutend anzusehen. Rorschach hingegen ist ein Soziopath, der bei der Verbrecherjagd sein letztes Fünkchen Mitleid verlor. Sein Gesicht verbirgt er unter einer Stoffmaske, die unablässig Rorschach-Muster formt. Alleine diesen beiden Charakteren könnte man eigene Filme widmen.

 

... then we take Vietnam!

"Watchmen - Die Wächter" vermag bereits mit dem Prolog Akzente zu setzen. Hierbei wird die alternative Zeitlinie des Films erklärt. Jenes 1985 des Streifens weicht marginal, aber entscheidend von den gewohnten geschichtlichen Fakten ab. Beispielsweise wird Richard Nixon immer wieder zum US-Präsidenten gewählt, anstatt über Watergate zu stolpern (in einer Szene wird angedeutet, dass der Comedian, der bereits John F. Kennedy auf dem Gewissen hatte, auch die Journalisten beseitige, die zur Aufdeckung der Watergate-Affäre führten), die USA haben den Vietnamkrieg dank tatkräftiger Unterstützung durch Dr. Manhattan und den Comedian gewonnen und Andy Warhol zeichnete statt Marilyn Monroe Superheld Nite Owl.

 

Gewaltorgien: Gerechtfertigt?

"Watchmen - Die Wächter": Limitierte Steelbook EditionWie bei Snyders Werken üblich, siegt der Stil über die Story. Der nicht besonders dialoglastige Film kommt stylish und unterkühlt daher, überrascht aber mit einigen sehr interessanten Überlegungen und einer unerwarteten Plotwendung. Natürlich kann man die nicht ganz flüssige Erzählweise monieren, die dazu führt, dass der Zuschauer unentwegt aus dem Geschehen des Jahres 1985 herausgerissen und in die Rückblenden transportiert wird. Verständnisprobleme ergeben sich daraus, sofern man über einen wachen Verstand verfügt, aber nicht, weshalb dieser Kritikpunkt nur leicht wiegen sollte.

 

Problematischer könnten für manche Rezipienten die Gewaltszenen sein. Anders als in "300" spritzt das Blut nicht nur, sondern hinterlässt auch hässliche Spuren. Snyder selbst verteidigte seine Gewaltorgien damit aufzeigen zu wollen, dass Gewalt grässliche Folgen hat und nicht, wie in vielen anderen Filmen, unblutig und somit verharmlosend erscheine.

 

Fazit nach fast drei Stunden: "Watchmen - Die Wächter" ist ein visuell berauschendes Kunstwerk mit überraschend kritischen Untertönen und einem erfrischend originellen Plot. Wie von Zack Snyder gewohnt ist der stylishe Film eine Augen- und Ohrenweide, solange man sich nicht an den teils drastischen Gewaltszenen stößt. Neben Christopher Nolans "The Dark Knight" ist Snyders Werk der wohl beste Superheldenfilm überhaupt.

Originaltitel: "Watchmen"

Regie: Zack Snyder

Produktionsland und -jahr: USA, GB, Kanada 2009

Filmlänge: ca. 162 Minuten

Verleih: Paramount Home Entertainment

Deutscher Kinostart: 5. März 2009

FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

 

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