Yes, West Virginia!

1974 in einer isoliert gelegenen Psychiatrie in West Virginia: Psychologin Dr. McQuaid lässt sich durch die Anstalt führen, als sie von einem Geisteskranken an den Haaren gepackt und ihr dabei eine Haarnadel entwendet wird. Ein verhängnisvoller Vorgang, der zum Ausbruch sämtlicher Patienten führt, darunter drei kannibalisch veranlagten Mutanten, die das Personal auf bestialische Weise abschlachten.

Drei Jahrzehnte später: Eine Gruppe Studenten will die Semesterferien nutzen, um auf einer abgelegenen Hütte zu feiern. Doch ein Schneesturm macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Die jungen Leute verirren sich hoffnungslos und müssen fürchten zu erfrieren. Als sie ein riesiges Anwesen entdecken, halten sie dies für einen glücklichen Wink des Schicksals. Rasch machen sie es sich in dem Gebäudekomplex bequem. Was sie nicht ahnen: Sie befinden sich in jener verlassenen Psychiatrie, die dreißig Jahre zuvor Schauplatz eines Blutbades geworden war - und das die Heimstätte grausig entstellter Mutanten mit Appetit auf Menschenfleisch geworden ist...

Deutscher Trailer "Wrong Turn 4"

Turn mich an, "Wrong Turn 4"!

Früher waren es (aus Sicht von US-Amerikanern) ferne Gegenden wie Transsilvanien oder südamerikanische Dschungeln, die voller Gefahren und Monster lauerten. Angenehmerweise befanden sich derlei "unzivilisierte" Erdflecken stets tausende Meilen von zu Hause entfernt. Die Horrorwelle der frühen 1970er-Jahre trugen den Schrecken aber mitten ins Herz von "God's Own Country". Anfangen von Dämonen in "Der Exorzist", blutrünstigen Raubfischen vor der eigenen Küste in "Der weiße Hai" oder Teufelsanbetern in Roman Polanskis "Rosemarys Baby": Das Grauen konnte brave Mitbürger beim Sommerurlaub genauso erfassen, wie es sich hinter der gutbürgerlichen Fassade der Nachbarn verbergen mochte.

Einen weiteren Meilenstein des Horrorkinos erschuf Genre-Ikone Wes Craven 1977 mit seinem Klassiker "The Hills Have Eyes". Basierend auf der schottischen Legende der Kannibalenfamilie des Sawney Bean, verlegte er die kaum zu überbietende Scheußlichkeit dieser Urbanen Legende in die USA der Gegenwart. Fortan sollten mutierte Kannibalen des Öfteren Filmwälder unsicher machen. Die neben "The Hills Have Eyes", der 2006 durch Alexandre Aja ein mustergültiges Remake erfuhr, erfolgreichste Horrorserie dieses Subgenres stellt "Wrong Turn" dar. Freilich: Wie nicht ganz unüblich, nahm die Qualität der einzelnen Werke mit jeder Fortsetzung ab.

"Wrong Turn" aufs Abstellgleis

Der mit Eliza Dushku prominent besetzte erste Streifen überraschte zwar nicht gerade mit einer ausgefeilten Story, setzte aber auf schön-schaurige Effekte und vermochte durchaus für Spannung zu sorgen. Sämtliche Fortsetzungen erschienen hingegen direkt auf DVD, wohin sie auch gehörten. Denn während "Wrong Turn 2: Dead End" noch Reste eines nachvollziehbaren Plots und halbwegs ernstzunehmende Charaktere enthielt, erwies sich "Wrong Turn 3: Left For Dead" als ebenso konfuses, wie grottenschlecht inszeniertes Kasperle-Theater für Allesgucker.

Offenbar konnte selbst Teil 3 noch genug Erlöse lukrieren, um einen vierten Teil zu rechtfertigen, den erneut Declan O'Brien in Szene setzte. Dabei präsentiert sich "Wrong Turn 4: Bloody Beginnings" (der Untertitel wurde lediglich der deutschen Auswertung drangepappt) als Prequel und soll die Vorgeschichte zu "Wrong Turn" erzählen.

Ein mutiges Unterfangen, dem die inhaltliche Leere, die ausschließlich mit Klischees und dümmlichen Dialogen gefüllt wird, entgegensteht. Die sich zu den Klängen von Johann Strauß' Donauwalzer ereignenden Gewaltexzesse in der Psychiatrie stellen den einzigen ansatzweise originellen Ansatz dar. Der Rest des Streifens versinkt hingegen in stupider Blutrünstigkeit, die ab und an zum Lachen, meist hingegen aber zum Gähnen reizt.

 

Lesbensex!!!

Wie in fast jedem anderen Slasher-Movie auch, wird kurz eine Gruppe hemmungslos agierender junger Studenten als Opfer auserkoren, wobei Declan O'Brien einem lesbischen Pärchen besonders viel Raum und Zeit gönnt. Das kann man positiv als Enttabuisierung von Homosexualität auffassen - oder aber als schamlos ausgeschlachteten Exhibitionismus und einziges Verkaufsargument der Marke: Lesbensex! Huh, wie verrucht!

Dass "Wrong Turn 4" in knapp zwei Monaten mit unbekannten Schauspielern runtergekurbelt wurde, ist jederzeit klar erkennbar. Zum einen sind die darstellerischen Leistungen bescheidener Natur, zum anderen besticht die Story durch ihre Vorhersehbarkeit und lachhafte Absurdität.

Da wird etwa eine junge Frau von der Galerie aus mit einer Drahtschnur um den Hals nach oben gezogen, woraufhin ihr Freund sich an ihre Beine hängt und versucht, sie nach unten zu ziehen. Das Resultat dieser "Rettungsaktion" ist entsprechend und darf trotz literweise Kunstblut herzhaft belacht werden.

Für Stacheldraht-Fetischisten: "Wrong Turn 4"

Wie in so vielen ähnliche Genreproduktionen auch entsinnen die Macher absurde Gründe, um die Gruppe zum Aufsplitten zu bewegen. Schließlich sind die jungen Leute den Mutanten anfangs zahlenmäßig weit überlegen. Als sie sich, abzüglich vermeidbarer Verluste, doch noch zusammenschließen und den Mutanten stellen, ergreifen diese die Flucht und lassen sich in die Enge treiben. Anstatt ihnen den Garaus zu machen, bittet eine junge Frau, das Leben der Monster zu verschonen. Wohlgemerkt: Nachdem diese mehrere ihrer Freunde grausam abschlachteten und einen bei lebendigem Leibe quälend langsam zerstückelten!

Wer Spaß an solchen Absurditäten hat, wird von "Wrong Turn 4: Bloody Beginnings" begeistert sein. Auch Menschen mit ausgewiesenem Stacheldraht-Fetisch dürften Gefallen an diesem Horrorfilm haben, denn Regisseur Declan O'Brien wollte offenbar Lobbyismus in Sachen Stacheldraht betreiben.

 

Three Finger, zero Brain

Mit halbwegs ernstzunehmendem Horror hat ein solcher Streifen aber rein gar nichts am Hut. Wies "Wrong Turn" noch eine in sich schlüssige Story und ebenso nachvollziehbare Motive und Handlungen der Charaktere auf, verkommt Teil 4 zum reinen Torture Porn. Das Quälen der Opfer steht im Mittelpunkt, was im Widerspruch zum Originalfilm steht, der das Treiben der Kannibalenfamilie ausschließlich zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung schildert.

Als Prequel taugt "Wrong Turn 4: Bloody Beginnings" freilich ebenso wenig, wie als blanke Fortsetzung. Wie sich die Kannibalenfamilie entwickelte, kann angesichts von drei Brüdern nicht erklärt werden. Hat das berüchtigte Familienoberhaupt "Three Finger" seine spätere Lebensgefährtin über eine Mutanten-Singlebörse kennengelernt? Apropos "Three Finger": Das Geheimnis hinter dem Fehlen zweier Finger wird damit erklärt, dass er sich als Junge zwei Finger abbiss und sie auffraß. Es mag gemein klingen, aber angesichts dessen, dass Regisseur Declan O'Brien auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, würde man ihm ein solches Hobby vergönnen, um ihn vom Schreiben weiterer Drehbücher abzuhalten.

Fazit: "Wrong Turn 4: Bloody Beginnings" ist ähnlich spannend, originell und gewitzt wie ein Fernsehtestbild, weist aber zumindest mehr Lesbensex auf. Wer's braucht...

Originaltitel: Wrong Turn 4

Regie: Declan O'Brien

Produktionsland und -jahr: USA/Kanada, 2011

Filmlänge: ca. 93 Minuten

Verleih: Highlight Film

Deutscher Kinostart: -

DVD-Veröffentlichung: 19. Jänner 2012

FSK: Freigegeben ab 18 Jahren

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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