Auch die Nutzfahrzeugsparte ereilte dieses Schicksal. Kommunalverwaltungen und Unternehmen, welche die Nachwendezeit überlebt hatten, ersetzten nach und nach ihre einfachen, aber robusten und zweckmäßigen Transporter, Traktoren oder Baufahrzeuge durch moderne Typen westlicher Hersteller. Für N(ostalgie) oder den Stolz auf die eigene Industriegeschichte war schlichtweg keine Zeit. In den neuen Bundesländern hatten die Menschen schließlich ganz andere Herausforderungen zu meistern. Realistisch betrachtet, gab es daher keinen Grund, an der veralteten DDR-Technik festzuhalten.

Die Vereinsgründung: Beginn einer Erfolgsgeschichte

25 Technikfreunde in Sachsen taten es dennoch. Im März 1995 gründeten sie den "Verein Historische Nutzfahrzeuge Hartmannsdorf e.V." im gleichnamigen Dorf. Die Enthusiasten investierten zigtausende Stunden in die Sammlung, Restauration und Erhaltung alter Nutzfahrzeuge. Jene stammten nicht ausschließlich, aber vorwiegend aus ostdeutscher Produktion aller Epochen des 20. Jahrhunderts. Denn nicht die Verklärung früherer Systeme, sondern die Bewahrung regionaler Wirtschaftsgeschichte und historischer Technik stand im Vordergrund. Erstes Restaurationsobjekt war ein IFA H6 Kipper. Der Langhauber-LKW mit sechs Tonnen Nutzlast stammt aus den 1950er Jahren.

Die Gemeinde Hartmannsdorf sowie Behörden und Sponsoren begleiteten den jungen Verein, der heute über 90 Mitglieder hat, wohlwollend. So manche Hürde konnte durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanzielle Zuschüsse und unbürokratische Hilfen genommen werden – beispielsweise, als der Verein ein eigenes Museum gründete! 

Das Hartmannsdorfer Nutzfahrzeugmuseum

Nach rund zweijähriger Bauzeit wurde im Jahr 2001 das Hartmannsdorfer Nutzfahrzeugmuseum eröffnet. Auf rund 1400 m² präsentiert sich seitdem eine kontinuierlich gewachsene Ausstellung. LKW aus Vorkriegsproduktion sind hier ebenso vertreten wie alte Feuerwehrwagen, Baufahrzeuge, diverse Oldtimerbusse oder DDR-Transporter in zahlreichen Varianten und Größen. Doch auch westdeutsche Marken wie Ford, Mercedes oder Magirius Deutz sind vertreten. Ein historisches Kranfahrzeug aus DDR-Produktion hingegen steht nicht in der Halle – es ist schlichtweg zu groß dafür und fand seinen Platz deshalb im Freien!

Liebevoll hinzugefügte Details wie eine historische Straßenlampe, eine nachgebaute Bushaltestelle oder eine alte Servicestation sorgen für das richtige Ambiente im Museum. Längst passt jedoch nicht mehr der gesamte Fundus des Vereins auf die Ausstellungsfläche.

In der vielfältigen Landschaft sächsischer Fahrzeugmuseen etablierte sich das kleine Hartmannsdorf auf diese Weise recht schnell. Die solide restaurierte Ansammlung historischer Technik stieß bald nicht nur bei Motorfreunden auf Interesse. Mehrfach wurden Fahrzeuge des Vereins bereits bei Dreharbeiten eingesetzt, unter anderem in "Die Gustloff" (2007) oder in "Das Adlon. Eine Familiensaga " (2013).

Von Hühnerschreck bis Brummi: Das Hartmannsdorfer Veteranentreffen

Endgültigen Kultstatus in der Oldtimerwelt erreichten das kleine Hartmannsdorf und sein umtriebiger Nutzfahrzeugverein, als ein Jahr nach der Museumseröffnung der nächste Coup folgte: Das Oldtimertreffen "Von Hühnerschreck bis Brummi" punktete durch ein recht einfaches Konzept: Keine Anmeldung, keine Teilnehmergebühr, kein Eintritt. Oldtimerfreunde von nah und fern lernten sich auf diese Weise kennen, fachsimpelten oder freuten sich einfach über das Interesse der vielen Besucher. Schon bald hatte das Treffen weit über die Szene hinaus überregionale Bekanntheit erlangt. Jeweils am 1. Mai pilgern seitdem Oldtimerfahrer und Besucher nach Hartmannsdorf. Vom Uralt-Fahrrad über Mopeds und DDR-Cabrios bis hin zum russischen Militärlaster ist alles dabei.

Von Jahr zu Jahr wurde die Veranstaltung umfangreicher und hat mittlerweile Volksfestcharakter angenommen, inklusive Fahrgeschäfte, Teilebörse und Fressbuden. Vorteilhaft ist dabei, dass das Nutzfahrzeugmuseum am Rande eines Gewerbegebietes steht. Viele der dortigen Firmen stellen für die Veranstaltung ihre Betriebsgelände zur Verfügung. Ohne ein durchdachtes Verkehrskonzept, externe Parkplätze und Shuttlebusse geht schon längst nichts mehr.

2019 kamen zu dem Treffen schätzungsweise 5 000 Oldtimerbesitzer und 30 000 Besucher. Zum Vergleich: Zu den in der benachbarten Großstadt Chemnitz am selben Tag stattfindenden Maidemonstrationen rechter, linker und gewerkschaftlicher Gruppen kamen insgesamt weniger als 4000 Menschen. Offenbar begeistert das friedliche Hobby "Oldtimer" immer noch mehr Menschen, als es Klassenkampf und Hetzparolen zu tun vermögen…

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