Superheld Colin Farrell

2084: Nach dem Dritten Weltkrieg – oder nach einer Alleinregierung der "Grünen"  – sind weite Teile der Welt unbewohnbar geworden. Neben den "Kolonien", dem ehemaligen Australien, verblieb nur noch die "Vereinigte Föderation von Britannien" als Lebensraum.

Dort herrscht Kanzler Cohaagen (Brian Cranston) mit eiserner Faust, nachdem angeblich Terroristen unter der Führung von Matthias (Bill Nighy) einen Bombenanschlag nach dem anderen verüben. Auf der anderen Seite der Erde fristet derweil Douglas Quaid (Colin Farrell) ein ereignisloses Leben und haust mit seiner schönen Frau Lori (Kate Beckinsale) wie die meisten anderen "Kolonisten" in einer winzigen, schmuddeligen Wohnung.

Als Douglas eine Werbung der Firma "Rekall" sieht, erwacht in ihm der Wunsch, wenigstens in seiner Phantasie ein Held zu sein. Denn "Rekall" verspricht nicht weniger als eine perfekte Illusion, die von der Realität nicht zu unterscheiden sei. Doch irgendwas läuft schief beim Eingriff in seine Psyche: Offenbar hatte jemand bereits zuvor seine Erinnerungen manipuliert und mit der Illusion überlagert,

lediglich ein ganz gewöhnliches Arbeitsbienchen zu sein. Während das Prozedere abgebrochen wird, stürmt eine Spezialeinheit das Firmengebäude. Ihre Mission: Quaid unschädlich machen! Der harmlose Fabrikarbeiter mutiert plötzlich zum Nahkampf- und Waffenexperten und schaltet den halben Trupp aus, ehe ihm die Flucht nach Hause gelingt.

Dort empfängt ihn eine zunächst ungläubige Lori, die sich als gewissenlose Killerin entpuppt und Douglas um ein Haar umnietet. Wieder muss er fliehen, diesmal sogar vor seiner eigenen Frau, die ihm unerbittlich nachstellt. In letzter Sekunde wird er von Melina (Jessica Biel) gerettet, die ihm eröffnet, dass sie für Cohaagens Feinde arbeite – ebenso wie Douglas, ehe man ihn der Erinnerung an sein früheres Leben beraubte.

Und tatsächlich: Videobotschaften aus der Vergangenheit weisen auf eine ursprüngliche Identität als Rebell hin. Oder handelt es sich letztendlich doch nur um eine implantierte Illusion?

Unnötiges Remake "Total Recall" (2012)?

Regie: Len Wiseman

Über allen Gipfeln ist Ruh … und über allen Remakes schwebt die Frage: Wozu? Die offensichtliche Antwort lautet natürlich: Was einmal Kohle brachte, wird hoffentlich auch ein zweites Mal Millionen in die Studiokassen spülen. Nun ist es beileibe nicht so, als würde sich jedes Remake an einem geheiligten Leinwandwerk versündigen. Einige Neuadaptionen bekannter Verfilmungen erwiesen sich als dem Original ebenbürtig oder sogar überlegen, wie John Carpenters "Das Ding" (1982), Martin Scorseses "Kap der Angst" (1991) oder "Ben Hur" (1951 – ja, auch der bekannteste Monumentalfilm überhaupt war ein Remake!) bewiesen. Diesen positiven Beispielen stehen aber natürlich Myriaden lascher oder gänzlich ungenießbarer Neuverfilmungen gegenüber. Handelt es sich bei "Total Recall" (2012) um einen weiteren Eintrag zur "Hall of Shame" vergurkter Remakes?

Ehe diese Frage beantwortet wird – und um zum Lesen der Rezension bis zum Schluss zu zwingen, so viel Arroganz und Selbstherrlichkeit muss sein -, soll der von Len Wiseman inszenierte Science-Fiction-Thriller eingehend seziert werden. Beginnen wir mit dem Positiven, der Optik. Seine ursprüngliche Profession als Ausstattungsassistent und Set-Designer kann und möchte Wiseman nicht verhehlen. Von Beginn weg setzt er auf durchwegs großartig gestaltete Sets, die mit vielen Details, die man auf den ersten Blick gar nicht erfassen wird können, glänzen. Kurioserweise wurde "Total Recall" (2012) nicht in zeitgemäßem 3D, sondern ganz altmodisch in 2D produziert, obwohl die visuelle Opulenz förmlich nach der dritten Dimension schreit.

Philip K. Dick inside

Anstatt seelenloser Hintergrundwelten der Marke "George Lucas entdeckt CGI-Technik!", geht Wiseman buchstäblich in die Tiefe. Was in "Minority Report" – ebenfalls auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick basierend – noch statisch wirkte, überzeugt im Remake des Schwarzenegger-Klassikers durch ineinander verschachtelte Ebenen, bei denen der Zuschauer aufpassen muss, dem Geschehen visuell folgen zu können.

Zudem erinnern so manche Sets mit dem Dauerregen, den japanischen Lampions und den dunkel gekleideten Menschenmassen an Ridley Scotts "Blade Runner" (ebenfalls nach einer Vorlage von Philip K. Dick) und eine Hetzjagd von einem Aufzugschacht zum nächsten gemahnt sogar an "Tron: Legacy". Bei der Ausstattung der Kostüme und Fahrzeuge bedient sich der Streifen bei "I, Robot", "Star Wars" und "Das Fünfte Element". Dagegen ist nichts einzuwenden, da es mittlerweile wohl unmöglich geworden ist, ein tatsächlich völlig originäres Design zu verwenden.

Fragwürdig sind, wie in einem Science-Fiction-Film kaum anders zu erwarten, einige physikalische Aspekte, allen voran der "Fall" genannte Fahrstuhl, der mitten durch den Erdkern (!) läuft und binnen einer Viertelstunde die Fahrt von Großbritannien nach Australien ermöglich. Das ist natürlich technologisch völlig unmöglich und führt zu einem wahrlich bizarren Showdown, im Verlaufe dessen man das Wort "Glaubwürdigkeit" nicht einmal in den Mund nehmen darf.

Und dass ein solcher Fahrstuhl seine Passagiere nicht in Australien, sondern im Pazifik absetzen würde, geschenkt! Verglichen mit den absurden Szenarien in Paul Verhoevens "Total Recall", das Stephen Hawking im Rollstuhl rotieren ließe, wirkt das Remake geradezu wie eine seriöse Dokumentation. Sogar die offensichtlichen Plotlöcher und Deus-Ex-Machina-Momente (nach einem Polizeieinsatz wartet ein unbewacht in der Gegend herumstehender Hubschrauber offenbar nur darauf, vom Helden benutzt zu werden) halten sich in Grenzen.

Drehbuch Kurt Wimmer - leider!

Das Problem ist indes ein ganz anderes, nämlich das Drehbuch. Verfasst wurde es von Kurt Wimmer, der neben durchaus brauchbarer Arbeit ("Salt", "Equilibrium") für das wirre Script zum Michael-Crichton-Bestseller "Sphere" und insbesondere "Ultraviolet" verantwortlich zeichnete. Bei letzterem Film führte er zusätzlich Regie, um das Leinwanddesaster komplett zu machen. Eigentlich sollte ein Science-Fiction-Streifen wie "Total Recall" (2012) Wimmers Fähigkeiten für ungewöhnliche Actionsequenzen und allerlei Plottwists entgegenkommen.

Aber entweder fraß sein Hund zwei Tage vor Produktionsbeginn das brillante Drehbuch und er musste eilends ein neues aus dem Ärmel schütteln, oder er wusste mit der Vorlage nichts Besseres anzufangen, als einen erschreckend schlappen Neuaufguss abzuliefern. In den wenigen ruhigen Momenten, wenn der Cutter und das Special-Effects-Team auf Mittagpause waren, legt die Story völligen Stillstand ein.

Die aufgesetzte Kritik an Gesellschaft und Politik (Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg sind moralisch verwerflich – welch‘ verblüffende Scharfsicht!) wird dem Zuschauer so elegant wie ein Wal auf Landgang aufs Auge gedrückt. Bei den Versuchen, die coolen One-Liner des Originals zu imitieren ("Consider that a divorce!", oder auf Schwarzeneggerisch: "Konsida dat ey Teewurst!"), stößt Wimmer schmerzhaft an sein Limit: Kein einziger Gag zündet.

Unschlagbares Original "Total Recall"!

"Total Recall" (2012) ist ein anschauliches Beispiel für potenzielle Unzulänglichkeiten eines Remakes. Zwar werden Teile des Originals beibehalten, aber ausgerechnet jene, die der Story jegliche Spannung entziehen, da sie Kennern der Verhoeven-Version bekannt sind. Liebevolle Referenzen an einen Originalfilm sind erlaubt und dürfen ruhig auch augenzwinkernd serviert werden.

Doch mit unheimlicher Präzision haben sich Drehbuchautor Kurt Wimmer und Regisseur Wiseman die unpassenden Szenen herausgepickt. Stellvertretend sei etwa die in die Popkultur eingegangene dreibrüstige Mutantin (Fachausdruck: mutanti tritittis) genannt. Im Bordell der 1990er-Verfilmung überraschte sie den Zuschauer, brachte ihn zum Schmunzeln und verriet gleichzeitig etwas über die Folgen der Mutation (merke. Nicht alle Mutationen sind schlecht!). Im Remake stellt der Auftritt einer Prostituierten mit drei Brüsten lediglich eine Pflichtübung dar, um Kenner des Originals (und vielleicht so manche Perverse) zu befriedigen.

Allzu glattes "Total Recall"-Remake

Zugegeben: Punkto fröhlicher Gewaltdarstellungen spielte Verhoeven bereits vor zwanzig Jahren in einer eigenen Liga. Was "Total Recall" (2012) in dieser Hinsicht bietet, ist ein anusaler Kotau, um eine möglichst niedrige Altersfreigabe zu erreichen. Symptomatisch für die aalglatte "Nur ja nicht anecken!"-Inszenierung ist eine visuelle Hommage an das Original: Dort wurden einem Schurken im Aufzugschacht beide Arme abgerissen.

Wiseman ersetzte den menschlichen Antagonisten mit einem gesichtslosen Roboter, dessen abgetrennter Arm noch ein bisschen herumzuckt, ehe er hoffentlich für einen besseren Film recycelt wird. Es mag pingelig klingen, aber gerade die drastische Gewalt zeichnete Verhoevens Version aus und fügte sich perfekt in die Überlegungen ein, ob Quaids Abenteuer implantiert oder echt seien. In Wisemans Remake werden diese spannenden Gedankenspiele halbherzig aufgeworfen, nur um schlussendlich eindeutige Klärung zu erfahren.

Der andere Collie...Weder die mittlerweile arg strapazierten Anspielungen auf den "War on Terror" und "False Flag"-Anschläge, noch Kate Beckinsales Körpereinsatz vermögen das Ruder herumzureißen. Die Story gibt schlichtweg nichts her und erschöpft sich in einem simplen "Gut gegen Böse"-Plot, dem man die fiese Doppelbödigkeit des Originals genommen hat, wo Quaid selbst nicht so recht wusste, auf wessen Seite er eigentlich stand bzw. stehen sollte.

Immerhin ist Kate Beckinsale ein veritabler Sharon-Stone-Ersatz und vermag ihre aus den "Underworld"-Filmen bekannte Kampfkunst erneut effektiv einzusetzen. Dermaßen ungehemmt mit Colin Farrell herumschlampen wie dereinst Sharon Stone mit Arnie, durfte sie jedoch nicht. Aus unerfindlichen Gründen war Göttergatte und Regisseur in Personalunion Wiseman dagegen. Es ist ja beileibe nicht so, als wäre Colin Farrell einer der attraktivsten Schauspieler Hollywoods …

Kate Beckinsale schlägt alles!

Fazit nach knapp zwei Stunden: Visuell herausragend, inhaltlich und erzählerisch im Erdkern steckengeblieben. Als Fan des Originalfilmes gewinnt man bei "Total Recall" (2012) den Eindruck, das Drehbuch wäre für einen ganz anderen Streifen geschrieben und in letzter Sekunde notdürftig zu einem Remake umgezimmert worden. Von den philosophischen Untertönen des Originals ist so gut wie nichts mehr übriggeblieben, dito von den Plottwists und natürlich dem mitunter schrägen und makabren Humor.

Vielmehr folgt Wisemans Remake des Science-Fiction-Klassikers der leider gewohnten Computerspielästhetik, die sich an ein jüngeres und – man verzeihe diese Polemik – anspruchsloses Publikum wendet. Sicher: Verhoevens Schwarzenegger-Vehikel stellte auch nicht gerade eine cineastische Co-Produktion von Nietzsche und Schopenhauer dar, wusste aber mit einer cleveren Story und irrwitzigen Wendungen zu fesseln. Im Gegensatz hierzu glänzt das Remake lediglich dadurch, dass es glatt poliert wurde, bis alles Raue der Vorlage entfernt wurde.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Stellt "Total Recall" (2012) einen "Total Fall" dar? Nicht ganz. Optisch vermag der Streifen zu überzeugen und Kate Beckinsale schlägt sich und andere mehr als beachtlich. Die Ideen- und Mutlosigkeit des Drehbuchs von Kurt Wimmer samt hektischer Inszenierung von Regisseur Wiseman sorgen dafür, dass einer der teuersten Filme des Jahres 2012 gleichzeitig einer der enttäuschendsten wurde.

Aus Raider wurde zwar Twix, aber aus Wiseman wird kein Verhoeven und aus Colin Farrell schon gar kein Schwarzenegger, dessen musikalische Zusammenfassung seines 1990er-Science-Fiction-Klassikers diese Rezension würdig abschließen soll. Bitte die Lautsprecher auf volle Leistung drehen, um das an Bachs Sonate in C-Dur angelehnte Geigenstück in seiner berührenden Leichtigkeit genießen zu können!

Originaltitel: Total Recall

Regie: Len Wiseman

Produktionsland und -jahr: USA, 2012

Filmlänge: ca. 118 Minuten

Verleih: Sony Pictures Home Entertainment

Deutscher Kinostart: 23.8.2012

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Autor seit 7 Jahren
839 Seiten
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