Was ist die Phänologie?

Laut Lexikon ist die Phänologie die Lehre von den klimatisch bedingten, im jahreszeitlichen Ablauf periodisch auftretenden Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt.

Vereinfacht formuliert: Die Ankunft der Zugvögel, die erste Obstblüte, die Fruchtreife und der Laubfall der Bäume halten sich an einen jahreszeitlichen Verlauf. Alle Jahre wieder. Woran sie sich aber garantiert nicht halten, ist das jeweilige Datum im gregorianischen Kalender.

Die Natur passt sich rasch an die klimatischen Veränderungen an, denn nur so kann man in ihr überleben. Daraus ergibt sich ein "Naturkalender", der aus den Einzelbeobachtungen ein wunderbares Bild über das klimatische Auf und Ab im Lauf von Hunderten von Jahren ergibt.

griech. phaenomenon= Erscheinung, phainein=sichtbar machen

 

Mit der Kirschblüte hat alles begonnen!

Die Anfänge der Phänologie

  • Die erste phänologische Beobachtungsreihe stammt aus Japan und dem Jahr 705. Gelehrte des kaiserlichen Hofes in Japan untersuchten über viele Jahre die Eintrittsdaten der jährlichen Kirschblüte in Kyoto. "Sakura", die Kirschblüte, hat auch heute noch große Bedeutung für die gesamte Nation und wird mit einem mehrtägigen Kirschblütenfest traditionell gefeiert.

Japanische Blütenkirschen (Bild: andreamenge / Pixabay)

 

  • In Schottland wurde eine ganze Familie Vorreiter der Phänologie. Zwischen 1736 und 1925 führten die Mitglieder der Familie Marsham Pflanzenbeobachtungen durch und fertigten detaillierte phänologische Aufzeichnungen an, unter anderem über den Beginn der Blühzeit des Schneeglöckchens.
  • Im 18. Jahrhundert stieg auch die Wissenschaft erstmals mit ein. So richtete der Botaniker Carl von Linné 1750 in Schweden ein Beobachtungsnetz mit 18 Stationen ein.
  • Die "Societas Meteorologica Palatina" in Mannheim startete ein internationales Projekt mit 32 Stationen von Nordamerika bis zum Ural und von Grönland bis zum Mittelmeer.
  • 1882 wurden vom deutschen Forscher Herrmann Hoffmann initiiert, nach einheitlichen Richtlinien in ganz Europa phänologische Beobachtungen durchgeführt. Die Daten wurden systematisch gesammelt und bis 1941 in einer fortlaufenden Reihe veröffentlicht.
  • Seit 1957 gibt es die "Internationalen Phänologischen Gärten" (IPG) in Europa. Jeweils mit identen Pflanzen ausgestattet, erlauben sie eine konsequente vergleichbare Messreihe.
  • Seit der Klimawandel in aller Munde ist, hat die Bedeutung der Phänologie wieder zugenommen.

 

Die Jahreszeiten des phänologischen Kalenders

Die natürlichen Jahreszeiten, zehn an der Zahl, in die der phänologische Kalender/Naturkalender eingeteilt wird, basieren auf dem Erfahrungswissen von Jahrhunderten. Als man auch ohne meteorologische Anstalten und Apps als Bauer wissen musste, ab wann man welche Pflanzen anbauen oder auch ernten musste.

Schon die Jäger und Sammler führten phänologische Beobachtungen durch. Die Aborigines in Australien teilen noch heute das Jahr entsprechend von typischen Witterungserscheinungen, Entwicklungsstadien von Pflanzen und Zeitpunkten von Tierwanderungen ein.

Dieser Naturkalender ist auch heute noch so aktuell, wie eh und je. Und warum? Er richtet sich nämlich nicht nach einem speziellen Datum, sondern nach dem derzeit herrschenden Klima und seinen Auswirkungen auf die Natur. In der Pflanzenphänologie werden die Eintrittstermine (Datum) der so genannten phänologischen Phasen (Phänophasen) wie Blattentfaltung, Blüte, Fruchtreife, Blattverfärbung und Blattfall beobachtet und notiert.

Einfaches Beispiel: Frühlingsbeginn

  • Für den normalen Bürger bekannt, ist Frühlingsbeginn am 20. März.
  • Für die Meteorologen beginnt er am 1. März.

Der Phänologe unterscheidet bereits hier - handelt es sich um den Vorfrühling, den Erstfrühling oder den Vollfrühling? Eigentlich leuchtet das ein, denn wenn das erste Schneeglöckchen blüht ist es noch um einiges kälter als im Vollfrühling, soferne er kommt..

  • Blüht das erste Schneeglöckchen und die Haselnuss, ist Vorfrühling.
  • Die Forsythien blühen? Schön, das ist der Erstfrühling.
  • Apfelblüten, wie himmlisch. Ja, das ist Vollfrühling.

Dass diese Naturbeobachtungen wesentlich besser mit dem realen Leben und regionalen Wetter zusammenpassen, als starre kalendarische Einteilungen, ist einleuchtend.

Rotkehlchen (Bild: a.sansone)

Bauernkalender - Naturkalender - phänologischer Kalender

Im Bauernkalender werden uralt überlieferte Merksprüche über das Wetter und seine Auswirkungen auf die Landwirtschaft festgehalten. Viele Bauernregeln geben an, welche Tätigkeit auf dem Feld, im Obstgarten oder im einfachen Bauergarten, fällig ist. So flossen Weisheiten in diese Sprüche, die vom heutigen verstädterten Menschen belächelt, aber kaum noch verstanden werden.

Am Blühbeginn bestimmter Pflanzen oder dem Austrieb der ersten Blätter bei Bäumen konnte man das Ende der Winterruhe absehen. Und so wie der Spruch "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer" (ebenfalls eine alte Bauernregel) aufzeigt, mussten schon einige Vorkommnisse zusammentreffen, um dann selbst auszusäen oder zu ernten.

Der Übergang zu systematischer Beobachtung dieser Ereignisse und damit der Phänologie ist eindeutig gegeben. Sogenannte Zeigerpflanzen/Kennpflanzen oder auch Charakterarten werden dabei akribisch beobachtet und in Checklisten zusammengefasst. Das Zusammentreffen dieser typischen Vertreter, Pflanzen und Tiere und ihrer besonderen Ereignisse, bedeutet dann den Wechsel von einer in die andere phänologische Jahreszeit und ergibt den jeweiligen phänologischen Kalender.

Der Hundertjährige Kalender hingegen beinhaltet langfristige Wettervorhersagen mit 100jährigem Rhythmus. Er kann an manchen Jahren sehr treffend sein, in anderen wiederum kann man ihn im Nachhinein nur belächeln. Seit 1701 wird er herausgegeben.

Von Kennpflanzen und Charakterarten

Als Kennpflanzen oder Charakterart werden jene Pflanzen bezeichnet, an denen man eindeutig - in diesem Fall eine Vegetationszeit" - erkennen" kann. Oder vermuten Sie beim Anblick eines Schneeglöckchens den Herbst? Hierbei unterscheiden die Phänologen zwischen Wildpflanzen, landwirtschaftlich genutzten Pflanzen und Obstbäumen/-sträuchern.

Bei den Wildpflanzen etwa

Bei den Nutzpflanzen z.B.

  • Raps
  • Sonnenblume
  • Sommerhafer

Bei den Obstarten sind es u.a.

  • Apfel
  • rote Johannisbeere
  • Kirsche

Charakterarten bei den Tieren sind natürlich mit Zugvögeln, wie der Rauchschwalbe oder dem Kuckuck besetzt. Dabei geht der Rahmen vom ersten Erscheinen, über Brut bis zu dem Abflug, etwa bei den typischen Vogelarten. Aber auch Beobachtungen an Bienen oder verschiedenen Schmetterlingen sind kennzeichnend.

Wer sich einmal aufmerksam mit den Veränderungen in der ihn umgebenden Natur - ja, ein Park in der Stadt kann auch hier eine große Rolle spielen - umsieht, wird eine große Bereicherung seines Lebens erfahren.

 

Die zehn phänologischen Jahreszeiten

Schneeglöckchen

Schneeglöckchen (Bild: adele sansone)

Frühling

Vorfrühling

  • Schneeglöckchen und Haselnuss beginnen zu blühen.

Erstfrühling

  • Die Forsythie blüht. Ab jetzt der fleißige Gärtner sinnvoll mit der Gartenarbeit beginnen. Rosenschnitt, Stauden teilen, Kompost ausbringen.

Vollfrühling

  • Der Apfelbaum blüht. Die frühjahrsblühenden Heckensträucher zurückschneiden, einjährige Sommerblumen säen, die ersten Gemüsepflanzen säen oder setzen, sich über den Rasen stürzen. Jetzt beginnt die Hauptarbeitszeit eines Gärtners.

Wer es genauer wissen will: Ist das schon der Frühling? Erkennen der Jahreszeit nach dem phänologischen Kalender.

schwarzer Holunder Blüte (Bild: Hans / Pixabay)

Sommer

Frühsommer

  • Blühbeginn schwarzer Hollunder. Frostempfindliche Pflanzen ausäen.

Hochsommer

  • Sommerlinde blüht, die ersten Johannisbeeren sind reif.

Spätsommer

  • die ersten Frühäpfel sind reif.

schwarzer Holunder Beeren (Bild: Hans / Pixabay)

Herbst

 Frühherbst

  • Die ersten schwarzen Holunderbeeren sind reif. Zwiebeln und Knollen für das nächste Frühjahr pflanzen, Stauden teilen.

Vollherbst

  • Die Stiel-Eiche beginnt sich zu verfärben, die Eicheln sind reif. Dahlienknollen ausgraben, frostempfindliche Kübelpflanzen vor Nachtfrösten schützen. Aussaat von Kaltkeimern.

 Spätherbst

  • Die Rosskastanie verfärbt sich. Die letzten neuen Gehölze pflanzen. Kübelpflanzen einwintern, Winterschutz für Rosen und andere empfindliche Pflanzen anbringen.

Winter

Winter

  • abgeschlossener Blattfall der Stieleiche. Zeit der oberirdischen Vegetationsruhe. Nun heißt es warten. Ach ja, und an die gefiederten Wintergäste denken. Ein gedeckter Vogeltisch bringt den ganzen Winter viel Freude.

Phänologischer Kalender Lese-Tipps - Quellen

Wer gerne in einem Buch blättert, wird seine Freude bei "Gärtnern nach den zehn Jahreszeiten der Natur" haben.

 

 

 

Wer mit Kindern die vielen Phasen beobachten will, dem ist das Buch "Natur erleben Monat für Monat" zu empfehlen.

 

 

Diejenigen, die sich gerne online schlauer machen, finden einen gut strukturierten phänologischen Kalender beim BR Phänologischer Kalender

Phänologie und Klimawandel

Wer immer schon der Verdacht hatte, der Frühling von heute hat sich gegenüber etwa der eigenen Kindheit oder Jugend verändert, der hat nicht unrecht. Bewirkt die klimatische Erwärmung mehr, als nur eine Temperaturerhöhung im Mittel? Hat der Klimawandel auch eine Veränderung der Jahreszeiten zur Folge? Gibt es Trends, die man erkennen kann? Auch mit diesen Fragen beschäftigt sich durch ihre Langzeitbeobachtungen die Phänologie.

Mehr zum Thema Klimawandel

Alpenblumen im (phänologischen) Hochsommer
Hochstaudenflur

Hochstaudenflur (Bild: a.sansone)

Selber mitmachen als Naturbeobachter - kein Problem

Man muss kein Botaniker, Zoologe oder Klimaforscher sein, um bei der Erfassung der phänologischen Daten mitzumachen. Jeder aufmerksame Naturbeobachter ist herzlich erwünscht und eingeladen. Gefragt ist nur Zuverlässigkeit. Ach ja, fast hätte ich das vergessen: Wer das Pech hat, Pollenallergiker zu sein, ist selbst ein überaus empfindlicher Phänoindikator" und ist wahrscheinlich über rechtzeitige Information über Belastungssituationen im Vorfeld dankbar.

Hier einige Stellen und Links, wo man sich informieren und je nach Einsatzbereitschaft, eintragen lassen kann.

Besonders gelungen, das Projekt GLOBE SWISS, das bereits Schüler ins Monitoring einbindet. Es ist enorm wichtig, besonders der Jugend die Natur und unsere Verantwortung dafür wieder nahe zu bringen.

Adele_Sansone, am 12.09.2014
2 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Bildquelle:
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Welche Alpenblumen blühen im Sommer?)
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Hast du eine Meise? Von Kohl-, Blau-, Hauben oder Tannenmeisen)
a.sansone (Was Sie über den Igel wissen sollten - vom Zufüttern im Frühjahr bi...)

Laden ...
Fehler!