Das sind erst einmal alles Stereotype, die so stimmen können oder auch nicht. Um unsere wirklich typischen Eigenschaften zu erkennen, kann es helfen, den Standort des Blickwinkels zu ändern. Reisen in andere Länder ist eine Möglichkeit. Wer viel reist, erkennt, dass viele Dinge in anderen Gegenden der Welt ganz anders laufen. Bereits im Urlaub fällt auf, dass z.B. Pünktlichkeit ein relativer Begriff ist. Für die einen ist pünktlich, wer eine viertel Stunde vor dem verabredeten Termin erscheint, für andere vielleicht, wer genau zur Stunde oder auch Stunden später kommt.

Deutsche Speisekarte im Hofbräuhaus Miami (Bild: Reisefieber)

Kaffee und Kuchen am Nachmittag (Bild: Reisefieber)

Eine andere Herangehensweise sind Schilderungen von Einzelpersonen, die versucht haben, sich in Deutschland zu integrieren.

Der britische Autor Adam Fletcher ist so ein Fall, in seinen Büchern beschäftigt er sich mit den Marotten und Skurrilitäten der Deutschen. Sein erstes Buch "Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten", kletterte schnell auf die Spiegel-Bestsellerliste. Mit Witz und Ironie findet er unsere außergewöhnlichsten Eigenschaften, die uns vom Rest der Welt unterscheiden. Eine Irin schreibt so schön in ihrem Buckkommentar "Adam goes deeper to things that are much more German than Bratwurst."

Warum gibt es nur bei uns Apfelschorle? Allein Sprudelwasser ist z.B. in den USA schon schwer zu bekommen. Ist Besserwisserei etwas typisch Deutsches? Da fallen mir spontan Mitreisende ein, die den Reiseleiter mit den Worten verbesserten: "In meinem Reiseführer steht aber....". Tragen wir wirklich alle zu Hause Hausschuhe, schauen Tatort und bleiben immer brav an der roten Fußgängerampel sehen? In New York, Brasilien oder vielen asiatischen Großstädten tut das niemand! Und ja, wir sind vorbildlich in der Mülltrennung und haben gerne die Fenster auf kipp.

Make me German

"Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden." lautet der Untertitel des neuen amüsanten Buches des englischen Autors Adam Fletcher, der sich auf eine Stelle in Deutschland bewarb und dann in 2007 mit Sack und Pack in dieses unbekannte Land zog. Das klingt so ähnlich wie in den Auswandererserien im Fernsehen, in denen wir Deutsche unser Glück in fremden Ländern suchen, ohne je da gewesen zu sein oder die Landessprache zu können. Da ist erst einmal ein großes Abenteuer mit vielen Fragezeichen!

In seiner Anfangszeit in Leipzig war für ihn alles hier spannend und neu. Er konnte an die Dinge herangehen, wie ein Kind. Sie beobachten, alles auf sich zukommen lassen und lernen. Er war ja fremd. Nach vielen Jahren in Deutschland wollte er es nun genauer wissen. Was muss man tun, um sich wirklich zu integrieren?

Typisch deutsch? Hoffentlich ist es ...

Typisch deutsch? Hoffentlich ist es Apfelsaftschorle! (Bild: stux / Pixabay)

Auf einem Schützenfest erfährt er so wichtige Dinge wie z.B., warum der Schützenkönig nicht unbedingt der beste Schütze im Ort sein muss. Er gewinnt als ersten Preis auch nur die Ehre, den ganzen Ort das restliche Jahr kostenlos mit Bier und Schnaps zu versorgen. Ein Schütze muss auch besonders standhaft sein, um erst am Abend und dann beim morgendlichen Frühschoppen all' die vielen Biere ertragen und dann noch beim Schützenmarsch mitzulaufen zu können. Das ist eine echte Herausforderung!

Schunkeln ist so etwas wie Tanzen im Sitzen, nur dass man nichts verkehrt machen kann, da man von den jeweiligen Nachbarn rechts und links mitgezogen wird. Ja, notiert Adam "Schunkeln ist awesame" auch für Nichttänzer.

Seine Freundin Annett weist ihn in ein typisch deutsches Wochenende ein, so mit Aufräumen, Putzen und Einkaufen am Samstag, Zubereitung eines richtigen Kartoffelsalates, Autowaschen, Gartenarbeit sowie Fernsehen oder Grillen mit Freunden am Abend. Dann Ausschlafen und ausgiebiges Frühstück am Sonntag, Kaffee und Sonntagskuchen, Schnitzel und Kartoffelsalat und Tatort schauen am Abend.

Kartoffelsalat mit Würstchen (Bild: bykst / Pixabay)

Wir erfahren mehr über das deutsche Fernsehen und seine einzigartigen Regionalprogramme, deutschen Schlager, deutsche Bürokratie, unsere eigenartige Idee von Kundenservice (es gibt keinen), Mitfahrgelegenheiten und das Reisen mit der Bahn oder den Pauschalurlaub in Mallorca. Für Fletcher müsste Nordic Walking eigentlich German Walking heißen, so beliebt ist es bei den Deutschen und so eisern wird es ausgeübt.

Beim Lesen merkt man, Adam Fletcher liebt Deutschland. Die Schilderungen seiner Erlebnisse, die er mit dem typisch britischen Humor und Ironie vorträgt, sind mehr als amüsant. Das Buch ist zweisprachig, eine Hälfte ist in deutscher Sprache, die andere in englischer. Es eignet sich daher nicht nur zum Selbstlesen, sondern auch zum Verschenken an Freunde und Bekannte im Ausland.

Ein Test am Ende des Buches "Wie deutsch bin ich wirklich?" rundet dast Thema ab.

Hirschgeweih (Bild: Reisefieber)

Krone bei der Bälzer Kirmes (Bild: Reisefieber)

Lerne Deutsche kennen

Das Goethe-Institut, Schule der deutschen Sprache, weist auf seiner Seite "Meet the Germans" auf einige deutsche Begriffe hin. Da wären:

  • das deutsche Brot,
  • Sauerkraut (wir waren die Krauts für Briten und Amerikaner),
  • das Hirschgeweih (außer bei Jägern in den meisten Wohnzimmern verschwunden, in 2014 in modischer Version wieder aufgetaucht),
  • der Stammtisch (meinungsbildende Institution der Basis),
  • der Strandkorb (ein nordisches Kultobjekt)
  • der Weihnachtsmarkt,
  • das Oktoberfest (ein Exportschlager),
  • die Angst vor der Unordnung,
  • die Modelleisenbahn, Winnetou (urdeutscher, tapferer Indianer der Apatschen, der Amerika nie gesehen hat),
  • die German Angst und
  • unser fehlender Humor. (Man sagt, wir hätten keinen Humor, importieren wir doch die meisten Comedyserien aus den USA oder Großbritannien.)

Die Seite hilft potenziellen Schülern sich schon in die Themen einzulesen, bevor sie ihre Reise nach Deutschland antreten, um hier Deutsch zu lernen. Wir hatten früher ein Goethe-Institut in Boppard, meiner Heimatstadt. Die Studenten waren in Familien untergebracht und konnten so die Sprache üben und das deutsche Familienleben kennenlernen. Wir wiederum lernten Nationalitäten aus aller Welt und ihre Eigenheiten kennen, was uns viel Freude bereitete.

Gemütlichkeit war damals bei uns so ein Wort, dass man nicht übersetzen kann und uns doch so viel bedeutet.

Im zweiten Teil gehe ich der Frage nach, welche Dinge nicht typisch deutsch sind. So manches scheint auf den ersten Blick für Deutschland zu stehen wie Schnitzel, Lederhosen und Brezeln. Ist das wirklich so? Mehr unter:

Sind Dirndl, Lederhosen, Brezel und Sauerkraut typisch deutsch?

Typisch deutsch sind für mich
Reisefieber, am 30.01.2015
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Bildquelle:
Opas Diandl Pressefoto (alpenländische Volksmusik abseits vom Schlager)
Reisefieber / Pfalz (Burg- und Schlosshotels am Rhein)

Autor seit 3 Jahren
164 Seiten
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