Blühendes Island? Gibt es das?

Wer immer in Island gewesen ist, erzählt von der traumhaften (albtraumhaften?) von Vulkanausbrüchen geprägten grandiosen Natur. Von wüstenhaft anmutenden Landstrichen, von schwarzgrau gefärbten Küstenstreifen, den Sandern, von bizarren Vulkangesteinsformen, von gleißenden Gletschern im Hintergrund. Kurz und gut; man erzählt von allem Möglichen, nur nicht von Blumen.

Moose, Farne, ja - gelbgrün gefärbte Hänge, das schon. Aber Blumen? Blühende auch noch dazu? Nicht gesehen.

"Ha, nicht gesehen, oder nicht aufmerksam genug hingeschaut?", ist dann natürlich meine Gegenfrage.

Es ist in Island wie in den Alpen. Wer nur für das großartige Panoramabild empfänglich ist, übersieht die kleinen Wunder am Wegesrand.

Die Lebensumstände für Pflanzen sind nicht gerade berauschend. Umso berauschender ist es, die blühenden pflanzlichen Lebenskünstler zu entdecken. Gehen Sie mit auf Reise ins Land der feuerspuckenden Geister - und wunderhübscher Blüten.

 

Klein, aber großartig!

Island Flora (Bild: Alexander Sansone)

Island: Pflanzenbewuchs allgemein

Die Lebensbedingungen auf Island sind rau - für Menschen und für die belebte Natur. Das arktische Klima und die vulkanischen Aktivitäten fordern ihren Preis. Viele der isländischen Pflanzen stammen ursprünglich aus dem Norden Amerikas. Rund 90 Prozent der Pflanzenarten treten aber auch in Norwegen auf.

Paläobotaniker haben festgestellt, dass mit den Eiszeiten viele Pflanzenarten von der Insel verschwunden sind, darunter auch der Mammutbaum und Ahorn. Was die Eiszeiten alleine nicht schafften, erledigten dann die ersten Siedler. Aber dazu später.

In Stichworten kann man also sagen: Die isländische Pflanzenwelt ist

  • nordeuropäisch-alpin geprägt,
  • nordamerikanisch bereichert und
  • Tundrapflanzen haben ebenso ihren Platz.

Blumen, Gräser, Moose, Kräuter, Flechten, Beeren, Pilze, sie alle müssen extreme Bedingungen und eine kurze Vegetationsperiode (2-4 Monate) aushalten. Die Vegetationsgrenze liegt in der Höhe von 300 - 400 m.

  • nur ein Viertel der Fläche Islands, ca. 25.000 km², sind bewachsen
  • nur 1% davon sind bewaldet
  • insgesamt gibt es nur 483 höhere Pflanzen
  • dafür gibt es bis zu 560 verschiedene Moose.

Mehr zu Island allgemein

Wälder, Bäume und Sträucher

Man nimmt an, dass Island vor der Besiedlung zu etwa 20 Prozent bewaldet war. Durch Rodungen der ersten Siedler und nachfolgender Generationen blieb nur noch ein Prozent mit Wald bedeckt.

Letzte größere Waldflächen gibt es

  • am Lögurinn-See in Ostisland
  • im Thorsmörk/Þórsmörk-Tal; besstehend aus Birken, Ebereschen und Wollweide. In kleineren, windgeschützten Gebieten,
  • wie Vaglaskógur (bei Akureyrí),
  • in der Felsschlucht Ásbýrgi und
  • im Skaftafell-Nationalpark finden sich auch kleine Wälder.

Spärliche Reste der niedrig wachsenden Moorbirkenwälder haben sich gehalten. Heute bemüht man sich um die Wiederaufforstung des Landes. Vor allem im Norden und Osten, aber auch in der Thorsmörk hat man hierbei schon Erfolge erzielt.

An Bäumen gibt es:

  • Moorbirke Betula pubescens
  • Eberesche Sorbus aucuparia
  • Krautweide - Salix herbacea "Der kleinste unter allen Bäumen" so bereits von Carl von Linné bezeichnet, gilt als Eiszeitrelikt. 
  • verschiedene Weidenarten Salix -Arten
  • Zwergbirke Betula nana
  • Erlen Alnus-Arten

Sträucher vor allem in Zwergstrauchheidegebieten:

Lava- und Steinwüsten, Moosteppiche

Rhyolith- und Obsidianlaven sind völlig vegetationslos; also echte Lavawüsten. Basaltlaven sind jedoch bereits ein idealer Platz für dicke Moosteppiche und Flechten.

Asche- und Steinwüsten besiedelt nur das völlig angepasste und unverwüstlche stängellose Leimkraut. Die kurz gestielten Blüten wachsen auf einem gewölbten Polster, das einen Durchmesser von wenigen Zentimeter bis einen halben Meter haben kann. (Auch hier ist es eine Pflanze, die in alpinen Bereichen ab 1.500 Metern ebenfalls anzutreffen ist.)

 

Moose und Flechten über alles

Flechten sind wahre Pionierpflanzen: wurzellos, trockenresistent, fast alle Gesteine/Böden/Substrate können besiedelt werden. Flechten sind zählebig, wachsen nur millimeterweise, dafür werden sie uralt. (Die Landkartenflechte/Geographenflechte (Rhizocarpon geographicum) ist eine Flechte, die direkt auf nacktem Gestein wächst. Sie wird zur Altersbestimmung von Moränen verwendet: für einen Quadratzentimeter braucht sie flotte 60 Jahre. Dafür hat man auf Grönland Flechten mit einem Alter über 4000 Jahre gefunden.

 

Landkartenflechte

Blütenpflanzen - ob polar oder alpin - Widerstandsfähigkeit ist alles

Anpassung an Kälte, Wind und Trockenheit geschehen durch Rosetten- und Polsterwuchs. Verdickte fleischige Blätter, flaumig behaarte Stängel und Blätter wiederum sind Schutz gegen Feuchtigkeitsverlust und dienen als Wärmespeicher. Die Blütenpflanzen sind entweder mehrjährig. (Silberwurz wird 100 Jahre alt) oder lebendgebärend (Pseudoviviparie: Brutknöllchen, in denen junge Pflanzen vorkeimen und dann herabfallen - siehe Bistorta vivipara).

Alpenblumen: Überleben in Geröll, Eis und Schnee

Silene uniflora - Island (Bild: Alexander Sansone)

Lavafelder, Steinwüsten

 

Man findet zahlreiche Steinbrecharten und auch einige Unterarten des Leimkrauts. Das aufgeblasene Leimkraut ist eine der ersten Blütenpflanzen überhaupt, das junge Lavafelder besiedeln kann. Daher zahlreich im Hochland zu finden.

Pionierpflanzen und andere bodenbescheidene Arten:

  • stängelloses Leimkraut Silene acaulis
  • aufgeblasenes Leimkraut Silene uniflora
  • Knöllchen-Knöterich Bistorta vivipara
  • siehe Bild-allerdings aus den Alpen
  • Silberwurz Dryas octopetala
  • Felsen-Ehrenpreis Veronica fruticans
  • Moos-Steinbrech Saxifraga hypnoides
  • Gletscher Hahnenfuß Ranunculus glacialis - er steigt über 600m.

Silberwurz - alpin (Bild: a.sansone)

Trockene Hänge, Gebirge und Grasflächen

Hier ist bereits eine (alpin anmutende) Vielfalt an Blütenpflanzen zu finden.

  • Silberwurz Dryas octopetala
  • Gamsheide/Alpenazalee Loiseleuria procumbens 
  • Alpen-Hornkraut Cerastium alpinum - sind die typischen Pflanzen der Trockengebiete.
  • Glockenblume Campanula-Arten, Stiefmütterchen Viola tricolor, Wald-Ehrenpreis Veronica officinalis
  • Labkraut Galium verum, Galium ulginosum
  • das kleine Wintergrün Pyrola minor
  • Säuerling Oxyria digyna
Grün - üppig (Moose) und zart (Blütenpflanzen)

dicke Moospolster - Island (Bild: Alexander Sansone)

Moore, Schluchten und andere Feuchtgebiete

Als erstes fällt das in dicken Polstern wachsende Quellflurmoos auf. Aber gewässernahe Bereiche zeigen willig auch blühende Pflanzen, wie

  • arktisches Weidenröschen Epilobium latifolium
  • Engelwurz Angelica sylvestris mit den imposanten Dolden
  • Wollgräser Eriophorum angustifolium, Eriophorum scheuchzeri
  • Moor-Labkraut Galium uliginosum
  • Storchschnabel Geranium-Arten
  • Sumpf-Herzblatt Parnassia palustris
  • Rosenwurz Rhodiola rosea

Aber auch so zarte, leicht zu übersehende Pflanzen, wie

  • Fettkraut Pinguicula vulgaris
  • nördliche Waldhyazinthe Platanthera hyperborea
  • Moor-Steinbrech Saxifraga hirculus
  • Fetthenne Sedum villosum
  • Fetthennen-Steinbrech Saxifraga aizoides
  • weißliche Höswurz/Weißzüngel Pseudorchis albida.
Es mag noch so ungastlich sein ... Pflanzen erobern die Welt

Island - schwarz - ocker - grün (Bild: Alexander Sansone)

An den Küstenstrichen, den Sandern

Teilweise wurden sie gezielt angesetzt, um den Boden zu verfestigen.

  • Meersenf Cakile arctica
  • Strand-Grasnelke Armeria maritima

Gamsheide(Alpenazalee) - alpin (Bild: a.sansone)

Heideflächen

Der Bewuchs der Zwergstrauchheide wechselt zwischen Zwergsträuchern, Stauden und Kräutern, aber auch einigen Orchideen ab.

  • Bärentraube  Arctostaphylos uva-ursi
  • Hohlzunge Coeloglossum viride
  • Korallenwurz Corallorhiza trifida
  • Knabenkraut Dactylorhiza maculata
  • Silberwurz Dryas octopetala
  • Krähenbeere Empetrum nigrum
  • Schnee-Enzian Gentiana nivalis
  • Gamsheide/Alpen-Azalee Loiseleuria procumbens
  • Kuckucksblume Platanthera hyperborea
  • Fingerkraut Potentilla-Arten
  • Weißzüngel Pseudorchis albida
  • arkt. Thymian Thymus praecox
  • Simsenlilie Tofielda caligulata
  • Zwergwacholder Juniperus communis
Islandmohn

Islandmohn (Bild: Hans / Pixabay)

Wo bleibt der Isländische Mohn?

Auch wenn der Name vorspiegelt aus Island zu stammen - trotz disses Namens kommt der Islandmohn natürlich in Nordrussland und im nördlichen Nordamerika vor. Deshalb ist auch die neuere Bezeichnung "Altai-Mohn" richtiger.

Islandmohn, Altaischer Mohn, Altaimohn (Papaver croceum) Syn. nacktstängeliger Mohn (Papaver nudicaule) und gehört zu den Mohngewächsen (Papaveraceae).

Nudicaulis – von lat. nudus nackt, caulis Stängel = nacktstängelig;

lat. croceus, croceum - von Krokus, safrangelb.

Er wurde 1753erstmals von Carl von Linnè/Carl Linnaeus beschrieben und benannt. Allerdings ist er im Altai-Gebirge, Ost-Sibirien, Kasachstan, Mongolei, Nordwest-Kanada und Alaska beheimatet. Er wächst auf Geröll, Bergwiesen und Moränen von Gletschern in Höhenlagen zwischen 300 und 2500 Metern. Diese in den subarktischen Gebieten beheimatete Mohn-Art blüht, je nach Unterart, in den Farben hellgelb, weiß und orangengelb bis rot.

In früheren Jahrhunderten wurde der Islandmohn in den nordischen Ländern genutzt.

  • Als Vitamin-C-Quelle genutzt, um Skorbut zu verhindern. Die Vitamin-C-haltigen Blätter wurden früher gekocht und gegessen.
  • Die Blüten wurden zum Färben benutzt.

 

Gartentipp: Den Islandmohn zieht der Hobbygärtner am besten in Töpfen vor, oder sät ihn im August vor Ort aus. Sein Standort sollte nicht zu warm sein, auch wenn er die volle Sonne liebt. Am besten wachsen die Blumen auf kalkhaltigen, durchlässigen und nährstoffreichen Böden.

Im Gegensatz zu anderen Mohnsorten hält sich Islandmohn auch in der Vase. Dazu sollten die Blumen am besten geschnitten werden, kurz bevor sie aufblühen - dann halten sie besser.

Nutzpflanzen

  • Isländisch Moos Cetraria islandica (eine Flechte und kein Moos!). Der Name ist irreführend, weil es kein Moos ist. Es wächst auf Magerrasen und in lichten Wäldern, auf Sandböden und Mooren. Mit seinen bräunlichen verzweigten Lagern bildet die Flechte locker aufliegende Rasen. Isländisch Moos wird in Deutschland gern als Grabschmuck verwendet.

Medizinische Nutzung:

Wirkt appetitanregend, hustenstillend, stärkt die Lunge, hilfreich bei Übelkeit. In der Schweiz wird es zu Hustensaft sowie Husten- und Kräuterbonbons verarbeitet.

  • Die Wurzeln und die Blüten des an trockenen Standorten und an Wegrändern wachsenden Labkrauts wurden früher als Färbemittel genutzt. Noch heute wird das Kraut dem englischen Chesterkäse beigemischt und ist ein wichtiger Bestandteil seines Geschmacks und der Farbe.

 

Heilpflanzen

  • Die Gemeine Schafgarbe wächst auf trockenen Wiesen, an Wegen und Weiden. Verwendet werden die Blütenstände sowie das Kraut. Die Gemeine Schafgarbe wirkt antibakteriell, krampflösend und regt die Gallenabsonderung der Leber an, bei Appetitlosigkeit und bei Magen-Darmbeschwerden wird sie angewendet.
  • Die Echte Bärentraube aus der Familie der Heidekrautgewächse besitzt rote, erbsengroße Beeren. Der Strauch gedeiht in Felsnischen und auf Zwergstrauchheiden. Die Pflanze hilft bei Harnwegsinfektionen.
  • Auf feuchten Böden wie auf Feuchtwiesen und Moorböden gedeiht die Rosenwurz. Studien zufolge soll die Pflanze die Konzentration und das Erinnerungsvermögen fördern.
  • Engelwurz Die mannshohe Angelika ist eine alte Heilpflanze aus dem Norden. Sie ist verdauungsfördernd, allerdings nur mit Bedacht einzusetzen.
Lupinenpracht

Lupine, Einzelblüte (Bild: a.sasnone)

Die üppigen Lupinenfelder - Segen oder Fluch?

Die im Juni in island in großer Menge violett blühenden Lupinen (die Alaska-Lupine Lupinus nootkatensis) sind ein echter Hingucker. Aber echt isländisch sind sie natürlich nicht. Und heute werden sie eher als Plage (Neophyten) gesehen, denn als Segen.

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Alaska-Lupinie liegt im Nordwesten Nordamerikas. Man findet sie dort von den Aleuten im Norden entlang der arktischen Küste bis nach Haida Gwaii und Vancouver Island im Süden. Im 18. Jahrhundert wurde die Alaska-Lupine ursprünglich als Zierpflanze nach Großbritannien und im 19. Jahrhundert nach Island und Skandinavien eingeführt, wo sie verwilderte. Seit den 1970er Jahren gibt es auch Vorkommen im südwestlichen Grönland sowie auf den Färöer-Inseln.

Wie aber kam die Alaska-Lupine nach Island?

Die Lupinen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt. Da Lupinen gute Stickstoffverwerter sind, werden sie gerne allgemein zur Bodenverbesserung angepflanzt. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg dachte man, sie als Bodenverfestiger auszusäen. Praktischerweise mit ausgedienten Bombern.

So wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit Flugzeugen flächendeckend ausgesät und sind daher an vielen unzugänglichen Stellen zu finden. Ihr Plus: Sie fixieren mit ihrem dichten Wurzelwerk den tonarmen und dadurch stark der Windverwehung ausgesetzten Asche- und Steinwüstenboden und dienen damit der Stickstoffanreicherung und dem Kampf gegen die Erosion.

Ihr Minus: Wie alle Neophyten verdrängen sie die heimischen Pflanzen. Lupinen, die schönen Invasoren. Denn diese robuste, kräftige Pflanze bedroht das Wachstum der empfindlichen, überwiegend niedrig wachsenden einheimischen Moose, Flechten und Kräuter. Nicht umsonst bekam sie den Beinamen "Alien Species", siehe the North European and Baltic Network on Invasive Alien Species.

Literaturtipps und Links zu anderen Reisezielen

Wie Sie sehen, es gibt in Island auch außerhalb der Lavafelder und Gletschergebiete, abseits von Geysiren kostbare Schätze zu entdecken. Sollte es Sie also auf diese Insel verschlagen, dann werfen Sie auch - zumindest von Zeit zu Zeit - einen liebevollen Blick zu Boden.

Buchtipp (eine meiner Quellen):

Islands Flora Buchtipp: Rezension

Wer unter den Alpenblumen suchen möchte, hier ist ein nach Farben geordnetes Album.

 

 

Adele_Sansone, am 24.08.2014
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Bildquelle:
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Was ist ein Niedermoor, Hochmoor, Sumpf?)
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Wer sind die ersten blühenden Alpenblumen?)
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Warum haben Rosen keine Dornen?)

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