Fallschirm von Tragopogon dubius (Bild: a.sansone)

Pflanzen sind nur schön, wenn sie blühen?

Wer meint, dass eine abgeblühte Blume oder Pflanze nichts mehr zu bieten hat, der hat sich noch nie Abgeblühtes genau genug angesehen. Oder finden Sie nicht auch, dass eine Mohnkapsel hübsch anzusehen ist? Und dann erst die unterschiedlichen Haarschöpfe der Pflanzen, die sich den Wind zu ihrem Spießgesellen machen. Auch wenn alles nur der Fortpflanzung dient, hübsch ist es zusätzlich auch noch. Aber mal der Reihe nach.

Ausbreitungsbiologie der Pflanzen

Was hat sich die jeweilige Pflanzenfamilie oder Gattung Cleveres ausgedacht, um die Diasporen, jene Pflanzenteile, also etwa Samen, an den Ort der Bestimmung, sprich ins Erdreich zu befördern?

  • Diasporen kommt von gr. diaspeiro= ich werfe herum; wie treffend.

Gehen Sie mit auf Entdeckungsreise.

 

 

Windausbreitung - Anemochorie

Werden die Samen vom Wind verbreitet, unterscheidet man zwischen den Pflanzen, deren Samen aus den Behältern (Kapseln) nur ausgeschüttelt werden; wie etwa beim Mohn. Das bezeichnet man als Windstreuer.

Die andere Gruppe sind die Windflieger, besser bekannt im Volksmund als "Wuschel, Waudeln oder auch Pustekugeln".

 

 

Flieg Samen, flieg!

(Bild: a.sansone)

Wie nennt man die verschiedenen Windflieger richtig?

Bei den echten Fliegern (Meteorochore), wo der Wind die verschieden gestalteten Flugobjekte mitnimmt und verbreiten hilft, gibt es

  • Körnchenflieger (Granometeorochore) mit winzigen Samen.
  • Ballonflieger (Cystometeorochore), sozusagen aufgeblasene Objekte.
  • Haarflieger (Trichometeorochore), von denen hier die Rede in Wort und Bild ist.
  • Flügelflieger (Pterometeorochore), wo Samen samt Flügelchen auf die Reise gehen - siehe Ahorngewächse.

Alles was Haare hat, fliegt! ... ist bei den Haarfliegern die Devise

Schön anzusehen sind vor allem die, welche sich der Samenverbreitung mittels Haarpracht verschrieben haben. Dabei gibt es noch die Unterteilungen, in

  • Samenhaare Baumwollfasern sind die einzelligen Samenhaare der Kapseln der Baumwollpflanze (Gossypium hirsutum).
  • Federschweifflieger
  • Perigonhaare
  • Pappushaare

Und alle brauchen keinen Frisör, wie praktisch. Bei der Baumwolle nutzt der Mensch sogar die Samenhaare. Bei den Federschweiffliegern begegnen wir ihnen, uns oft gar nicht bewusst, auf Bergwanderungen. Da begleiten uns ganze Teppiche aus Silberwurzwuscheln, die Schöpfe von Bergnelkenwurz und natürlich auch Küchenschellen. Bei den Perigonhaaren, wie Wollgras oder Rohrkolben, hält den Schopf der Laie sogar für Blüten. Am bekanntesten sind uns die Pappushaare.

Was nie gehört? Nie gesehen?

Oh doch, jeder - ob Kind oder Erwachsener, kennt die hübschen Fallschirmchen des Löwenzahns. Seine ganze Famillie, die Korbblütler oder Asteraceae, bedient sich großteils der Fallschirmtechnik.

Korrekt heißen die Einzelteile der Pusteblume: Achäne (Frucht) mit Pappus (Haarkranz). Der "Pappus"=Fallschirm dient der Windverbreitung des kleinen Früchtens, das an ihm dranhängt. Hübsch ist es auch noch. Beliebt - naja, bei den Kleinen. Beim Gartennachbarn, der einen lupenreinen Rasen möchte, eher nicht. Pech gehabt.

 

Wuschel, Waudel, Pustekugel

Silberwurz (Bild: a.sansone)

Von Wuscheln, Waudeln, Bart und Pusteblumen

Der Volksmund kennt viele Namen für die verschiedenen Flieger. manche, wie die "Pusteblume" leuchten ein. Kann man die an Fallschirmchen geschweißten Samen doch wunderbar verpusten. Auch der "Wuschel" spricht für sich. So schön wuschelig, wie sich etwa Silberwurz oder Clematis gibt.

Aber Waudel? Die brauchen schon längere sprachliche Erforschungen. Aber fündig wird man doch.

Im Tirolerischen (Süd- und auch Nordtirol) werden größere Staubansammlungen, vulgo auch als "Lurch, Wollmaus, Staubflocken" bekannt, als "Waudl/Waudel" bezeichnet. Na - da klingelt es, nicht wahr? Denn so manches pflanzliche Haarbüschel erinnert wirklich an eine unter dem Bett nach Wochen vorgefischte "Wollmaus". Und ehrlich - mit "Pappus" und ähnlichen Begriffen wird man im Volksmund sicher eher verständnislos angeschaut.

Weiters gibt es noch das Anhängsel "-bart". Auch dieses ist der anschaulichen pflanzlichen Haarpracht gedankt. So manchen Bergwichtel sah man durch diesen Bart verkörpert, deshalb auch der Name "Petersbart" etwa für die samentragende Silberwurz, aber auch den Alpenhahnenfuß.

Weitere volkstümliche Bezeichnungen für die Wuschelköpfe sind noch: Judasbart, Grantiger Jager, Frauenhaar, Pustekugel, Sonnenwirbel, Mönchkopf, Teufelsbart.

Auch so können sie aussehen: Verzauberte Flugobjekte

oder gefrostet

(Bild: Copyright Dietmar Rauner)

mit Perlen versehen

(Bild: https://pagewizz.com/wusche...)

Die Top Five der Flugobjekte

  • Sein Kugelschopf gab allen anderen den Volksnamen: Pusteblume; der Löwenzahn. Bis zu 15 km weit kann er unbeschadet hinter sich legen.
  • Die Federschweife der Kuhschelle können bis 80m weit fliegen. Weiters bohren sie sich bei Feuchtigkeit stramm in die Erde. Wer sich den Spaß macht und einige Federschweife in einen Topf nur ganz leicht mit der Spitze einsetzt, kann dieses Hineinbohren ganz toll selber beobachten. Einfach trocken halten; dann mit einem Zerstäuber etwas Feuchtigkeit aufsprühen - und - schwupp-di-wupp - erwachen die Härchen zum Leben.
  • Sein Haarkranz ist bis 4 cm breit, der Wiesenbocksbart macht -in geschlossenem Zustand- dann seinem Namen alle Ehre.
  • Seine Fruchthaare dienten sogar als Kissenfüllung und Wundauflage - der Rohrkolben.
  • Wollgräser weiß-wollig zur Fruchtzeit, die langen Blütenhüllfäden der Früchte bilden den namensgebenden Wollschopf (Eriphorum). Die "Wolle" der Fruchthaare wurde früher ebenfalls als Wundwatte verwendet, auch zum Füllen von Kissen wurde sie verwendet.

Küchenschellen mit ihren Federschweifen (Bild: a.sansone)

Wer hat die meisten Wuschelköpfe?

Familie Korbblütler (Asteraceae): Sie entwickelten so eine Vielfalt an beschirmten Früchtchen (Achäne mit Pappus), dass man ihnen eigentlich eine eigene Abhandlung widmen könnte. Hier nur einige Gattungen/Arten genannt:

  • Löwenzahn
  • Huflattich
  • Pippau
  • Habichtskraut
  • Distel
  • Bocksbart
  • Pestwurz
  • Wasserdost
  • Berufkraut
  • Greiskraut/Kreuzkraut

 

Löwenzahn: Von der Blüte zur Pusteblume

In kurzer Zeit verwandelt sich der Löwenzahn zur Pusteblume. Der gelbe Blütenstand, das Körbchen, bestehend aus unzähligen Einzelblüten, verblüht. Dabei schließen sich die grünen Hüllblätter am Stielende und die Früchte entwickeln sich im geschützten Inneren. Sind Schirmchen und Früchte fertig ausgebildet, öffnet sich die Pflanze wieder und die Pusteblume wird sichtbar. Bei Regen wird das Blätterdach sogar wieder verschlossen, um die Schirmchen samt Frucht zu behüten.

Löwenzahn

Löwenzahn Pusteblume (Bild: https://pagewizz.com/ist-hi...)

Berg-Nelkenwurz Geum montanum - ein Rosengewächs mit Waudel

Geum montanum Blüte + Fruchtstand (Bild: https://pagewizz.com/wusche...)

Diese Pflanzenfamilien oder Gattungen haben ebenfalls hübsche Haarflieger

Familie Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae): dazu gehören

Diese Gattungen oder Arten zeichnen sich ebenfalls durch ihr mit Samen versehenes Haarkleid aus:

  • Baumwolle
  • Baldrian
  • Weidenröschen
  • Pappeln
  • Federgras
  • Weidenröschen
  • Wollgras
  • Rohrkolben
  • Alpen-Haarbinse
  • Krautweide

Kuhschellen/Küchenschellen: Pulsatilla at it's Best

Pulsatilla alba (Bild: adele sansone)

Kuhschellen - die besonders cleveren Überflieger

Die Pulsatilla-Arten geben sich nicht mit einer Ausbreitungsstrategie zufrieden. "Mehrfach gemoppelt" ist hier die Devise.

Im Fruchtzustand entwickelt sich aus jedem einzelnen Fruchtblatt ein Nüsschen, an dem der Griffel den zottig behaarten Federschweif bildet. Dabei verlängert sich der Blütenstängel fast auf das Doppelte. So werden die Früchte, die als Federschweifflieger bezeichnet werden, damit über die sie umgebende Vegetation erhoben.

  • Bei trockenem Wetter reißt der Wind die einzelnen Federschweife ab und trägt sie fort.
  • Bei nassem Wetter haften die Früchte am Fell vorbeistreifender Tiere an.
  • Die Früchte können sich jedoch auch als Bodenkriecher "selbständig" fortbewegen. Wechselt trockenes mit nassem Wetter, können sich dabei die Früchte eigenständig um etwa 10 bis 20 Zentimeter von der Mutterpflanze fortbewegen.
  • Die Nüsschen besitzen außerdem die Fähigkeit, sich mit ihren scharfen Spitzen tief in den Boden einzugraben, um dort später auszukeimen.

Literaturtipps

  • Angelika Lüttig & Juliane Kasten: Hagebutte & Co - Blüten, Früchte und Ausbreitung europäischer Pflanzen. Fauna Verlag, Nottuln 2003, ISBN 3-93-598090-6
  • Peter Leins: Blüte und Frucht. Morphologie, Entwicklungsgeschichte, Phylogenie, Funktion, Ökologie. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2000.

  • Kleine botanische Experimente Imme Meyer, Gunvor Pohl-Apel

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    Weitere Fotos von Windfliegern & Co

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Adele_Sansone, am 07.08.2014
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Bildquelle:
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