Samen und Saatgut kommt aus der Tüte?

"Milch kommt aus dem Kühlregal!", "Strom kommt aus der Steckdose!" und "Samen kommen aus der Tüte!" BILDUNGSLÜCKEN. Für den gedankenlosen Konsumenten mögen solche Verallgemeinerungen stimmen. Für offene, bewusste Konsumenten sind sie schlichtweg falsch.

Samen aus der Tüte

Also, warum nicht beim eigenen Pflanzenkistchen mit ein wenig Autonomie, oder "Gärtner-Anarchie" unterwegs sein?

 

Die gefürchtete neue EU-Saatgutverordnung, die einmal mehr die großen Agrarchemie-Konzerne bevorzugt und die kleinen Spezialisten, Bio-Gärtnereien und lokalen Gartenbaubetriebe zum Zähneknirschen bringt, zeigt auf: Autonomie ist Gold wert.

Seit Jahren bemühen sich Organisationen und Saatgut-Netzwerke darum, altes Pflanzengut zu schützen, die Vielfalt von Obst- und Gemüsesorten zu bewahren und wieder zu vermehren.

Wer rechtzeitig lernt, aus seinem gepflanzten Gemüse auch wieder Samen zu ziehen, der ist unabhängig von den wenigen im Handel angebotenen 08/15 Sorten.

Denn Pflanzen sind Allgemeingut und gehören nicht einigen Auserwählten. Wer neue Sorten züchtet, kann sie sich gerne gut bezahlen lassen. Wer aber die Fortpflanzung der Pflanzen unterbindet, um sich die Welt untertan zu machen, dem muss man sich entgegen stellen.

Samenraub mal anders!

Wer kennt nicht die Situation: Man geht durch die Gassen spazieren, guckt in fremde Gärten und sieht ein Blümchen, das einen entzückt. Mit ein wenig Glück entdeckt man den Gartenbesitzer, hält ein Pläuschchen und schwupps, wird eine abgeblühte Blüte abgezupft, über den Gartenzaun gereicht und man selbst eilt mit der kostbaren Beute geschwind nach Hause. Das nennt man unter Gärtnern, mit Verlaub, "Samenraub".

Den Samen noch ein paar Tage trocknen lassen, eintüten, beschriften und dann im Frühjahr aussäen und gespannt auf das Ergebnis, das neue Pflänzchen warten. Patentrechte, Zertifizierungen und ähnliches Brimborium (siehe EU-Saatgutverordnung) darf man getrost außer Acht lassen.

Koriandersamen

Die Saatgutverordnung ist abgeschmettert

Update (März 2014) zur umstrittenen EU-Saatgutverordnung

Das EU-Parlament in Straßburg hat am 11. März mit einer Mehrheit von 511 Stimmen gegen 130 Stimmen beschlossen, die EU-Saatgutverordnung zurück zur Kommission zu schicken. Zwei Monate vor der EU-Wahl erteilten die EU-Abgeordneten diesem umstrittenen Regelwerk die Absage.

Bis zum letzten Moment war der Ausgang der Abstimmung offen geblieben. Doch der Apell der BürgerInnen hat gewirkt: in der vergangenen Woche haben rund 50.000 Menschen E-Mails an das Parlament geschrieben und eine Zurückweisung gefordert. Diese Beispiel zeigt: Wir alle können EU-Gesetzgebung mitgestalten, wenn wir uns rechtzeitig einbringen.

Die EU-Kommission muss nun beim nächsten Entwurf die Vielfalt zum anerkannten Standard machen.

 

 

Warum man als Hobby-Gärtner lieber auf alte Sorten greifen soll

Wer als Hobbygärtner im eigenen Garten sein Gemüse oder auch seine Blumen zieht, ist nicht auf Massenertrag angewiesen. Er braucht also auch keineswegs Samen bzw. Pflanzen, die enorme Erträge liefern. Die Gurken müssen auch nicht exakt in die Verpackungsform passen, die Tomaten dürfen unterschiedliche Größe haben.

Das bedeutet aber auch, er braucht keine hochgezüchteten, patentierten Hybridsorten kaufen, die sich selbst nicht mehr vermehren, sondern er kann getrost auf alte Sorten umsteigen.
Meine Tomate, die frisch aus dem Garten gepflückt, auf den Tisch kommt, braucht keine Lagerfähigkeit von 20 Tagen, aber Geschmack soll sie haben. Wenn sie gut gemundet hat, kann ich eine Tomate ausreifen lassen, die reifen Samen trocknen und im nächsten Jahr erneut aussäen.

So, wie es vor mir, mein Vater, sein Vater und unsere Vorfahren getan haben.

 

Samenmärkte

Hier finden Sie aktuelle Samenmärkte, macht Spaß und hilft alte Sorten zu erhalten!

Online-Saatgutliste

Die Vielfalt der Samen

Granatapfelkerne (Bild: adele sansone)

Wie erntet man Samen?

Blumensamen ernten

Nach der Blüte beginnen die Samen zu reifen, auch bei den Blumen bezeichnet man das als Frucht. Es gibt Balgfrüchte, Hülsenfrüchte, Schoten, Kapseln, Nüsse, Spaltfrüchte.

Lässt man seinen Lieblingsblumen nun die Zeit die bestäubten Blüten abreifen zu lassen, kann man die Samen ernten.

Man schneidet oder zupft die abgetrockneten Blüten ab, sobald die Samen dunkel werden, streut die Blüten auf trockenes Papier zum endgültigen Nachtrocknen. Der Ort sollte kühl, trocken und staubfrei sein.

Korbblütler

Sind die Samen ausgefallen, rubbelt man ganz behutsam mit der Hand die Hüllenreste ab. Man kann sie auch noch in ein nicht zu feines Sieb geben, dann fallen die Samen durch. So werden an den Resten haftende mögliche Keime mitentfernt.

Das gewonnene Saatgut füllt man dann in kleine beschriftete Schraubgläser und lagert sie an einem dunklen kühlen Ort. Man kann sie natürlich auch in kleine Papiersäckchen abfüllen, allerdings kann so eher Feuchtigkeit an die Samen geraten.

Gemüsesamen ernten

Gemüsesamen ernten

Einfach erklärt ist es am Beispiel  Chili. Man wählt eine reife Frucht (weicher Fruchtkörper). Dann schneidet man sie auf und löst die Kerne vorsichtig mit einem Löffel heraus. Ganz sauber schafft man das nicht. Also legt man die Kerne in lauwarmes Wasser. Nach ein bis zwei Tagen beginnt die Suppe zu gären.

Die Samenkerne schüttet man nun in ein Sieb und überbraust sie nochmals gründlich. Anschließend legt man die Kerne locker auf eine saubere Küchenrolle oder auch auf ein Baumwolltuch. An der Luft trocknen lassen. Sind sie ganz getrocknet, notfalls nochmals ein wenig wenden, kann man sie verpacken - ich gebe sie gerne in trockene Papiertüten - und beschriften. Dunkel und trocken aufbewahren, dann warten die Samen aufs erneute Aussäen.

So sind bei mir schon ganze Generationen feurigen Chilischoten entstanden.

Auch Koriander habe ich ganz simpel aus den angebotenen Würzsamen gezogen.

Koriandersamen

Korianderpflänzchen

Oft genügt es auch, ganz einfach ein "fauler Gärtner" zu sein, die Pflanzen blühen lassen, ein paar stehen und ausreifen lassen und sie säen sich selber aus. Simpel, aber effektiv.

 

Hülsenfrüchte sind noch problemloser, denn ihre Früchte sind ja die Samen, bei ihnen muss man nur einige Schoten an den Pflanzen hängen lassen. Die Pflanzen dann ausreißen und verkehrt herum zum Trocknen aufhängen. Dann die getrockneten Hülsen öffnen und die steinhart getrockneten Erbsen oder Bohnen aufbewahren.

Auch Gemüseblüten sind etwas Hübsches, denken Sie an Porree, Zwieben oder Schnittlauch. Sogar in der Vase sind sie ein netter Anblick. Genießen Sie einmal bewusst den Werdegang einer Gemüsepflanze, vom Samenkorn zur Frucht - bis zum neuen Samenkorn. Ein Erlebnis im eigenen Garten. Sie werden ihre Nahrungsmittel mit neuen Augen sehen.

Wie wäre es mal mit dem eigenen Kümmel-Anbau im Garten?

 

Kürbissamen? Leider nein. Abzuraten ist es aber leider bei Kürbisgewächsen

Der Bitterstoff Cucurbitacin ist aus Kürbisgewächsen wie Gurken und Zucchini herausgezüchtet worden. In Einzelfällen können sie aber durch Rückmutationen und Rückkreuzungen mit Zierkürbissen etwa aus Nachbars Garten das Gift enthalten. Das Gift löst die Schleimhaut im Magen-Darm-Bereich auf. "Das Hauptrisiko liegt im Kleingärtnerbereich, wenn die Gärtner mit eigenen Samen jedes Jahr wieder Zucchini/Gurken oder Kürbisse hochziehen"

Wie hier ausführlich erklärt, sollte man deshalb vor Samen aus eigener Kürbisernte Abstand nehmen, da es sich um Kreuzungen aus dem giftigen Zierkürbis (Curbitacin) und Speisekürbis oder Zucchinisorten handeln kann. Bittere Kürbisfrüchte bitte nie essen!

Rund um die Samen - Saatgutbörsen

Damit der Garten Spaß macht - Tipps zum Anbau von Blumen, Obst und Gemüse

  • Wählen Sie nur solche Pflanzen aus, die an ihrem Standort auch gut gedeihen.
  • Nehmen Sie Saatgut aus biologischem Anbau.
  • Probieren sie auch vergessenes Gemüse aus; es lohnt sich.

Portulak

  • Säen und pflanzen Sie im Zeichen des Mondes. Oder versuchen Sie sich an dem phänologischen Kalender auszurichten.
  • Haben Sie Geduld und Freude an Ausreißern - auch Pflanzen haben ihren eigenen Kopf.
  • Ernten sie im eigenen Garten wirklich erst, wenn die Frucht reif ist.
  • Ziehen sie aus den besten Pflanzen den Samen selbst.
  • Tauschen Sie mit befreundeten Gärtnern Samen und Pflanzen aus. Sie und ihre Nachbarn haben sicher Freude damit.
Adele_Sansone, am 03.05.2013
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Bildquelle:
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Kräuterernte aus dem eigenen Garten - Vorräte für den Winter schaffen)
https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Was ist Phänologie? Gibt es mehr als nur vier Jahreszeiten?)
https://pagewizz.com/10-geschenk-tipps-f (10 Geschenk-Tipps für Pflanzenfreunde)

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